Hinter dem Sonnenblumenhaus

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Die rassistischen Pogrome von Rostock–Lichtenhagen und die Entwicklung eines Theaterstücks

von Dan Thy Nguyen

Zwischen dem 22. und dem 26. August 1992 kam es zu den größten rassistischen Pogromen der deutschen Nachkriegsgeschichte in Rostock-Lichtenhagen. Hunderte von Neonazis und tausende applaudierende Zuschauer belagerten die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen zog sich die Polizei völlig zurück und überließ die Belagerten schutzlos dem brennenden Haus. 22 Jahre später gingen mein Kollege Iraklis Panagiotopoulos und ich auf die Suche nach Zeitzeugen, welche diese Pogrome überlebt hatten, um aus ihren Lebensgeschichten das Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ zu schreiben. Am 26. April 2014 ist es zur Uraufführung in Hamburg im Museum für Völkerkunde gekommen. Diese Produktion ist von der Stadt Hamburg gefördert worden.

Wenn ich hier über diese Arbeit berichte, dann kann ich nur Ausschnitte aus diesem Prozess wiedergeben. Diese Produktion hat mich auf mehreren Ebenen stark beeinflusst. Ich hoffe, ich kann im Folgenden einige meiner Erfahrungen in diesem Prozess einigermaßen wiedergeben. Es gibt in diesem Prozess zu viele in sich verzahnende Gedanken und Erfahrungen, dass ich sie kaum chronologisch auseinanderdröseln kann. Sie werden daher eine, so wie ich es nennen möchte, fragmentarische Beschreibung von Gedankenprozessen lesen. Und selbst die wird nicht vollständig sein.

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Am 14. Mai 2014 bekam ich einen Anruf vom FSK Radio Hamburg. Eine relativ unaufgeregte Stimme berichtete mir, dass in Hamburg-Harburg ein Haus angezündet worden sei, das von einer vietnamesischen Familie bewohnt wurde. Die Polizei ging davon aus, dass kein rassistischer Beweggrund vorliegen würde, wobei angeblich gemalte Hakenkreuze an der Hauswand zu erkennen wären. Niemand war gestorben. Aber bezüglich der Hakenkreuze würde es keine weiteren Untersuchungen geben, so die Informationen des Herrn vom FSK Radio. Diese unaufgeregte Stimme am anderen Ende der Leitung fragte mich also, ob ich Interesse hätte zum Ort des Geschehens zu fahren, um diese Familie zu interviewen. Ich sei der Einzige in Hamburg, den sie kennen würden, der vietnamesisch könnte. Und schließlich müsste man überprüfen, ob die offizielle Erklärung stimmen würde. Das FSK Radio war bei der Premiere meiner Produktion „Sonnenblumenhaus“ und hatte sogar ein Bericht über uns ausgestrahlt.

Dieser Anruf überforderte mich stark. Nach einer kurzen Pause meinte ich, dass ich einige Tage bräuchte, um darüber nachzudenken. Meine Stimme zitterte und ich legte anschließend auf. Daraufhin kehrte ich zum Esstisch zurück, wo ich mit meiner Freundin und einem guten Freund gerade ein vegetarisches Curry gegessen hatte. Ich vergaß diesen Telefonanruf für diesen Abend und tat so, als hätte mich dieser Vorfall nicht berührt.

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Um Einiges vorwegzunehmen: Viele Dinge in meiner Erinnerung sind verschüttet. Ein Großteil meiner Kindheit scheint in meinem Gehirn für mich selbst nicht zugänglich zu sein. Ich weiß, wo ich aufgewachsen bin, kenne im Groben meine Rahmendaten. Aber an mein frühes Leben im rheinischen Langerwehe kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Als ich meiner Schwester berichtete, dass ich für ein Theaterstück über die rassistischen Pogrome in Rostock –Lichtenhagen durch Deutschland reisen würde, meinte meine Schwester: „Kannst du dich nicht erinnern? So etwas Ähnliches ist uns auch passiert! Da haben ein paar Nazis unsere Wohnung angegriffen. Und da ist die Polizei auch nicht gekommen! Du warst wahrscheinlich zu klein!“

Erst mal musste ich schlucken, denn ich hatte das wirklich verdrängt. Meine Schwester und ich hatten ja auch zwanzig Jahre lang nicht darüber gesprochen. Dies ist eine der Geschichten in unserer Familie, über die wir nie offen sprechen. Übrigens genauso wenig, wie über die Flucht unserer Familie aus Vietnam.

Ich hörte also weiter ihren Worten zu und plötzlich hatte ich Bilder in meinem Kopf. Ob es Erinnerungen oder Phantasiegebilde sind, das weiß ich nicht. Ich verstecke mich als Kind unter einem Tisch. Ich höre Schreie. „Ausländer raus“. Ich habe furchtbare Wut und Angst in meinem Bauch, Gefühle, die ich bis heute in mir trage. Ich sehe Feuer und zerbrochenes Glas. Zurück bleibt nur diese unkontrollierbare Wut.

Aber um ehrlich zu sein: Ich erinnere mich nicht daran, was damals passierte. Ich kann den Vorfall in meinem Kopf nicht rekonstruieren. Ich war wohl noch zu klein. Es gibt aber einige Dinge, die ich aber nicht vergessen kann: Mein Vater brachte mir bei, wie man sich mit Eisenstangen wehren kann. Er hatte den Vietnamkrieg erlebt. Und daher wusste er sich zu verteidigen. In jedem Zimmer gab es eine versteckte, aber griffbereite Eisenstange, die wir zu Verteidigungszwecken benutzen sollten. „Wenn die Nazis kommen, wirst du das brauchen!“, sagte er immer. Es ist glücklicherweise nie dazu gekommen.

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Während der Arbeiten zu dem Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ begann ich zu verstehen, dass die Zeit nach der Wiedervereinigung nicht für jeden Menschen in Deutschland gleich war. Ich habe die Neunziger nicht als eine Zeit der Freiheit und des Friedens nach dem Kalten Krieg empfunden. Auch wenn ich mich an den Anschlag in meiner Kindheit nicht erinnern kann, ich war in der deutschen Provinz sehr oft rassistischen Übergriffen ausgesetzt. Von blöden Sprüchen und Hitlergrüßen bis zu Verfolgungsjagden durch das Dorf kann ich wohl alles „vorweisen“.

Wie man Geschichte also empfindet, hat leider Gottes auch etwas mit Hautfarbe und Herkunft zu tun. Wenn ich mit Freunden heutzutage über unsere Kindheitserinnerungen spreche, dann sind unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass ich merke, dass diese unterschiedlichen Vergangenheiten uns trennen. Daher erzähle ich oftmals gar nichts, um nicht aufzufallen.

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Vor zwei Jahren beschäftigten sich also mein guter Kollege und Freund Iraklis Panagiotopoulos und ich mit den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Es brauchte eineinhalb Jahre bis wir eine kleine Förderung für die Entwicklung eines Theaterstücks erhalten hatten. Während dieser Zeit hatte ich mehrfach skurrile Telefongespräche. Ich erinnere mich an Telefonate mit verschiedensten Stiftungen, die in etwa so verliefen: Eine Stimme am anderen Ende des Hörers meinte zu mir, nahezu fast beiläufig, dass er die Produktion „Sonnenblumenhaus“ nicht fördern könne, seine Stiftung würde nur Hochkultur fördern, und keine Interkultur.

Ich musste oftmals schlucken, wenn ich das hörte. Während dieser Zeit begleitet mich eine ziellose Wut auf alles, was mir in der Gesellschaft begegnet. Ich bin in Deutschland geboren, ich produziere seit Jahren als Regisseur und Schauspieler Theaterstücke. Aber ich werde für den Großteil der Bevölkerung der „ewige Asiate“ sein, der angeblich zur sogenannten deutschen Hochkultur keinen Zutritt erlangen kann.

Video: Trailer Sonnerblumenhaus

 

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Die Suche nach Förderung für Projekte ist natürlich für alle Künstler kompliziert. Nirgendwo ist angeblich Geld zur Förderung von Kunst, Kultur und Bildung da. Ein angeblicher Fakt, der jedoch einen absurden Nebenklang hat, wenn man bedenkt, dass in ganz Deutschland gedankenlos Millionen in Projekte, die scheinbar nie fertig werden, investiert werden.

Was es aber im speziellen Fall für unser Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ so schwierig gestaltete Fördergelder zu erhalten, war, dass sich nahezu keine Kunstförderinstitution wirklich an die größten rassistischen Pogrome der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erinnern schien. „Rostock?“, ich höre noch genau die Stimmen verschiedenster Mitarbeiter_Innen und Praktikant_Inne  in meinem Ohr, „Was soll schon da gewesen sein? Wir haben so viele Projekte! Wir sehen da nicht die soziale Relevanz! Und wir können nicht jedes noch so scheinbar wichtige Projekt unterstützen!“

Erst mit Hilfe von Charlotte Nendza, die für die SPD Eimsbüttel in Hamburg arbeitet, konnten wir die Stadt Hamburg von der Wichtigkeit dieses Projektes überzeugen. Wir verdanken ihr sehr viel. Nachdem wir unsere Förderung erhalten hatten, musste ich mich Wochen lang von dieser Suche nach Unterstützung erholen. Ich konnte keine E-Mails beantworten, kein richtiges Telefongespräch mehr führen. Mehr als ein Jahr hatte diese Suche nach Fördergeldern gedauert. Wie gelähmt musste ich mich daraufhin Wochen lang ausruhen.

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Die Grundidee des „Sonnenblumenhauses“ war Folgende: Wir hatten in den Dokumentarfilmen und in der Presse gesehen, dass zwar viele Menschen interviewt worden waren. Die Sicht der ehemaligen Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen, die Vietnamesen, also die Menschen, die in dem Haus gefangen, belagert und angegriffen worden waren, diese Sicht war, unserer Meinung nach, völlig unterrepräsentiert. Wir suchten also nach Zeitzeugen, um sie zu interviewen und ihre Lebensgeschichte in einem Theaterstück einem Publikum zu präsentieren.

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Während dieser Arbeit wurde uns schnell klar, warum in Rostock – Lichtenhagen kein Mensch gestorben war: Wir hatten zu Beginn unserer Arbeit den Fehler begangen, dass wir dachten, die Zeitzeugen seien bestimmt klassische „Opfer“.

Die Begegnung mit den Menschen hat uns aber eines Besseren gelehrt. Die besondere Lebensgeschichte dieser Menschen, die Erlebnisse im Krieg in Vietnam, die Zeit als Vertragsarbeiter, hatten diese Menschen geformt und hatte sie, unserer Meinung nach, befähigt, Rostock-Lichtenhagen zu überleben. Es waren Menschen, die aktiv für ihr Überleben gekämpft hatten und nicht Menschen, die sich mit ihrer Opferrolle abgefunden hatten.

Ich möchte einige Beispiele nennen. Das Stück ist durchsogen mit Aussagen, wie: „Als ein Journalist gefragt hat: Hatten sie Angst, als das Feuer bis in der siebten Etage vorgedrungen war? Die Jugendlichen, die sie umbringen wollten? Hatten sie nicht Angst?“

Da sagte jemand: „Angst hatte ich nicht. Ich war im Krieg in Vietnam. Ich hab gekämpft. Ich war bei der Armee. Ich stand dem Tod sehr nah. Und wie vielen Gefahren wir ausgesetzt waren. Aber Angst hatte ich nur, wenn ich jetzt den Jugendlichen gegenüberstehen würde. Wir haben zwar die Eingänge gesichert. Aber meine Angst war … Ich muss mein Leben verteidigen. Ich muss Gewalt anwenden gegenüber den jungen nAngreifern  … weil in dem Moment muss ich kämpfen … muss ich mit Schaufel oder Eisenstange zuschlagen.“ Wie verrückt. Er hegt keinen Groll. Das Einzige was er sagt „… dass er Angst hat um dem jungen Mann … Die sind doch so blöd und so jung. Die machen Blödsinn. Aber wenn ich um mein Leben kämpfen muss, dann werde ich das tun. Zum Glück ist das nicht dazu gekommen.“

In dieser Zeit begann ich zu verstehen, dass die Dinge nicht so schwarz und weiß sind, wie sie von der bloßen Oberfläche erscheinen. Dieser Überlebenskampf der Menschen im Sonnenblumenhaus faszinierte mich während dieser Arbeit enorm.

Ein kleiner Einschub: Die Zeitzeugen, die wir interviewt hatten, meinten zu mir, dass sie nur mit mir sprechen wollten, da ich zur sogenannten zweiten Generation von Vietnamesen gehöre, die in Deutschland leben. Sie geben angeblich sonst keinem Menschen mehr Interviews, da sie in den Medien entweder falsch zitiert worden waren, sie als Lügner oder als mediengeil bezeichnet wurden, oder weil sie Angst hatten von Nazis entdeckt zu werden. Mir erzählten sie ihre Geschichte, damit die zweite Generation die Geschehnisse von Lichtenhagen nicht vergisst. Am Ende eines Interviews fragte mich daraufhin einer väterlich, nachdem er mir seine Überlebensgeschichte erzählt hatte, ob ich mit zum FKK-Strand gehen würde. Ich muss heute noch darüber lachen, wenn ich daran denke. Er hatte mehrere Kriege erlebt, in der DDR mehrere Jahre als Vertragsarbeiter gearbeitet und Lichtenhagen überlebt. Aber seinen Humor hatte er nicht verloren.

Es ist wahrscheinlich wichtig, dass die zweite oder dritte Generation beginnt die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern zu sammeln. Wenn wir es nicht tun, dann werden auch wir sie vergessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein Leben in Würde führen kann, ohne zu wissen, woher man kommt oder was seine Familiengeschichte ist.

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Warum weiß nahezu niemand etwas über die rassistischen Anschläge in den Neunzigern? Es ist, als ob ein Teil der Geschichte aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein einfach verschwunden ist.

Die Darsteller_innen des Theaterstücks
Die Darsteller_innen des Theaterstücks

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Das Transkribieren der Interviews hatte uns mehrere Wochen schlechte Laune bereitet. Wir verbrachten täglich mehrere Stunden, um die Interviews auf Papier zu bringen. Mehr als sechs Stunden am Stück zu Transkribieren war emotional nicht möglich. Sich täglich intensiv mit dem Überlebenskampf von rassistischen Pogromen zu beschäftigen, schien körperlich und psychisch nicht gesund zu sein: Ich hatte mehrfach Würgeanfälle und bekam Magenkrämpfe. Wir konnten außerdem nie abschalten. Wenn wir schliefen, dann nur unruhig. Als das Skript fertig gestellt war, mussten wir den gleichen Prozess mit den Schauspielern noch einmal durchgehen, die bis zum ersten Probetag nichts von den Pogromen gehört hatten. Wir hatten intensive Gespräche. Für diese intensive Auseinandersetzung und für die Arbeit mit Claudiu M. Draghic, Djamila Manly-Spain und Jan Katzenberger bin ich außerordentlich dankbar.

Zu Ostern fuhren wir, gemeinsam als künstlerisches Team, nach Rostock zum Sonnenblumenhaus, um „den Ort des Geschehens“ künstlerisch zu entdecken und um die Ausmaße der Pogrome einigermaßen verstehen zu können. Im Treppenhaus des Sonnenblumenhauses probten wir still und leise die Flucht der Überlebenden. Wir waren alle natürlich sehr aufgeregt. Auf dieser Fahrt, eine Woche vor der Premiere, fingen wir dann alle als Ausgleich an, rassistische Witze zu erzählen, die wir kannten. Anders wären wir sonst verrückt geworden.

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Die Premiere war dann ein erster Erfolg. Ein Großteil der Zuschauer war sehr berührt und es gab Standing Ovations. Ich zitterte noch während der anschließenden Feier. Bei der dritten Vorstellung luden wir die Lampedusaflüchtlinge, die in Hamburg leben, ein. Eine merkwürdige Vorstellung vor Menschen zu spielen, die gerade versuchen in Deutschland leben zu können.

Im Anschluss reden wir ein wenig. Ich höre einen Mann fragen, ob ihm das Gleiche widerfahren wird. Ich antworte, dass ich es nicht sagen kann. Ich weiß nur, dass Rostock–Lichtenhagen geschehen ist. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht sagen.

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Aus dem Stück:

…Ich weiß nur, dass ich dann in der 7. Etage da rüberlangen musste, denn hier war eine Seitentür, wir waren auf der [einen] Seite, das Schloss war aber auf der anderen Seite. Das heißt wir kommen nicht hin, das Schloss kaputt zu machen. Dann bin ich da hin und da ist so ne Sonne, ein Loch in der Mitte mit vielen Strahlen. Dann hab meine Kopf durchs Loch gesteckt, und oh, passt. Und dann hab ich irgendwo in chinesischen Büchern mal gelesen, wo ein kleiner Junge mal gesagt hat, das Härteste am Körper ist der Kopf, wenn der Kopf durch ist, dann kann auch der Körper durch. Denn den Kopf kannst du nicht verändern, machst kaputt, aber Rücken und was geht, sollte gehen. Und dann hab ich zu meine Jungs gesagt, schiebt mich rüber.

Selbst zwei Monate nach der Premiere bin ich nun fast katatonisch. Ich habe nahezu keine Energie mehr.

Mir gelingen die wenigsten organisatorischen Dinge. Ein Teil von mir möchte sich, wie absurd es auch klingen mag, mit Ponys und anderen schönen Dingen befassen. Ich habe momentan keine Kraft für gar nichts mehr. Die Arbeit für das „Sonnenblumenhaus“ hat einen Teil von mir zerschlissen.

Wenn ich Menschen, welche die Produktion nicht gesehen haben, von Rostock-Lichtenhagen erzähle, dann werden sie zumeist wütend. Oder sagen: „Wenn es wirklich so schlimm gewesen wäre, dann würde ich davon wissen.“ Wie furchtbar doch das Vergessen ist. Und wie viel Kraft man braucht, um dagegen anzugehen. Da habe ich mich wohl selbst überschätzt.

Wir versuchen unsere Produktion nach Berlin zu bringen. Aber schon jetzt wird deutlich, dass es ein langer Prozess sein wird. Aber wir haben schon jetzt von einigen Menschen Unterstützung erhalten.

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Was kann ich also von der Arbeit an dem Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ erzählen? Gibt es ein Fazit? Ich denke nicht. Ein Fazit würde bedeuten, dass ein Gedankenprozess zu Ende gegangen ist. Das ist er nicht. Und auch die gesellschaftliche Verarbeitung von Rostock-Lichtenhagen ist nicht zu Ende.

Es erscheint mir, dass unsere deutsche Gesellschaft sich in Sachen Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung massiv selbst überschätzt. Ohne die langfristige Verarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit, wobei Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln nur einige herausragende Beispiele sind, kann nur jede Form von Intergrations/ Inklusions/etc.- Debatte nur scheitern. Diese Diskussionen werden meiner Meinung nach so geführt, als wäre Rassismus kein Problem unserer Gesellschaft. Dies ist natürlich Wahnwitz, wenn man die gemeinsame Geschichte beachtet.

Ein Fazit wird es also eventuell in einigen Jahrzehnten geben. Vielleicht aber auch nicht.

Dan Thy Nguyen ist freier Künstler in Hamburg. Er arbeitete an diversen Produktionen am Staatstheater Karlsruhe, auf Kampnagel Hamburg und mit dem „Letzten Kleinod“ und veranstaltete mit dem PEN-Zentrum Deutschland diverse Lesungen und Performances.

 

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