Solidarische Zusammenarbeit muss durch
eine selbstreflexive Praxis wachsen, in der die
Auseinandersetzungen über Begrifflichkeiten Teil
dieser Praxis darstellen, jedoch niemals ein Garant
für den Erfolg sein können.
Die Arbeit mit und gegen Differenzen: BIPoC, BPoC und PoC bei korientation
Folgender Text ist 2022 im Rahmen der von xartsplitta herausgegebenen Broschüre 👉📖 Zusammen als People of Color?! #CommunitiesSolidarischDenken – Überlegungen zu nachhaltiger Community-Zusammenarbeit erschienen.
Die Arbeit mit und gegen Differenzen: BIPoC, BPoC und PoC bei korientation (2022)
Dieser kurze Text ist eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Auseinandersetzung bei korientation um Selbstbezeichnungen. Verschiedene Menschen, die bei korientation involviert sind, verwenden aktuell unterschiedliche Versionen von Selbstbezeichnungen im Hinblick auf die Kategorie race. Hierzu gehören u.a. BIPoC, BPoC und PoC. Wir haben keinen Konsens darüber, wer, wie, in welchem Kontext welche Selbstbezeichnung verwenden soll, und reflektieren hier darüber, woran das liegt und was das über unsere Arbeit aussagt.
Wir sind uns in vielen Punkten einig: Zum einen darüber, dass wir eine der genannten Versionen nutzen, um die rassifizierte Dimension der Gesellschaftsordnung sichtbar zu machen. Zum anderen darüber, dass wir sie als politische Selbstbezeichnung verwenden, also als Werkzeug, um uns zusammenzuschließen und gesellschaftliche Zustände zu transformieren.
Diese Zustände beinhalten die systematische Einteilung in Gruppen entlang der Kategorie race und die darauf basierende Herstellung gruppenspezifischer Verletzlichkeit, doch sie lassen sich nicht völlig darauf reduzieren.* Zum anderen sind wir uns auch darüber einig, dass eine Selbstbezeichnung, begleitet von der Verortung in einem Kollektiv von Menschen, die ebenfalls politische Selbstbezeichnungen nutzen, dazu beitragen kann, den Schmerz zu lindern, den Rassismus auch auf individueller Ebene verursacht.
Wir alle finden, dass der nordamerikanische Kontext – aus dem der Begriff stammt – nicht einfach für Deutschland übernommen werden kann und wir uns Gedanken darüber machen müssen, wie spezifische Selbstbezeichnungen für den Kontext vor Ort lauten können.
Damit kommen wir zu den Punkten, wo wir uns unterscheiden: Einige bei korientation verwenden den Begriff PoC, um damit alle rassifiziert-abgewerteten Menschen unter einem Begriff zu vereinen
und Bündnisse zu ermöglichen, ohne bestimmte Gruppen hervorzuheben.
Diese Perspektive ergibt sich aus der Art der Verwendung des Begriffs als politische Strategie der Bündnisbildung rassifizierter Communitys im US-amerikanischen Kontext während und im Nachgang der Civil Rights Movements. Andere wiederum verwenden den Begriff BIPoC, da dieser Begriff Selbstbezeichnungen hervorhebt, die in einem besonderen Zusammenhang mit kapitalistischer Ausbeutung stehen. Personen, die diese Abkürzung verwenden, finden das Hervorheben von Schwarzen Menschen und Indigenen Menschen sinnvoll, zum Teil deshalb, weil diese beiden Gruppen in
besonderem Maße mit wesentlichen Komponenten des Kapitalismus verbunden sind: Entmenschlichung, unfreie Arbeit und Landraub. Zudem wollen wir die geforderte explizite Benennung von Gruppen, denen wir nicht selbst angehören, respektieren.
Wie bleiben wir trotz solcher Differenzen arbeitsfähig? Wir gehen davon aus, dass keiner der Begriffe uns davor schützt, Dominanzverhältnisse in konkreten Bündnissen zu reproduzieren, unabhänig davon, ob oder welche Gruppen spezifisch in einer Abkürzung benannt werden.
Solidarische Zusammenarbeit muss durch eine selbstreflexive Praxis wachsen, in der die Auseinandersetzungen über Begrifflichkeiten Teil dieser Praxis darstellen, jedoch niemals ein Garant für
den Erfolg sein können.
Die Auseinandersetzung von korientation mit Selbstbezeichnungen lässt sich vorläufig so zusammenfassen: Wir verfolgen nicht das Ziel, eine einheitliche Terminologie zu finden.
Wir sind uns bewusst, dass Begriffe nicht statisch verwendet werden, sondern historischen, politischen und gesellschaftlichen Konjunkturen unterliegen. Dabei ist es weniger relevant, welcher Begriff richtig(er) oder falsch ist, sondern, dass wir uns darüber austauschen, was die Auswirkungen verschiedener Perspektiven auf unsere Praxis sind.
*Gilmore, R.W. (2007): What is to be done? In: Ruth Wilson Gilmore: Golden Gulag, Prisons, Surplus, Crisis, and Opposition in Globalizing California. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press.






























