[Rezension] Über die mütterliche Selbstaufgabe: Graphic Novel von Jeong-in Mun „Langer Atem“ (2026)

von Kieu Trinh Phi Van


(Bild Rotopol Press Homepage)

Jeong-in Mun ist eine korea­nische Comiczeichnerin und Illustratorin, die zwi­schen dem west­fran­zö­si­schen Angoulême und der süd­ko­rea­ni­schen Hauptstadt Seoul lebt.

Als Künstler*in hat mich ihre Graphic Novel „Langer Atem“ auf eine ganz besondere Weise berührt. Gerade in unserer oft sehr aka­de­misch geprägten Anti-(Asiatischer)-Rassismus-Arbeit ist sie eine wohl­tuende Abwechslung: Es tut gut, kom­plexe und schwierige Themen auch einmal rein visuell auf­zu­nehmen und dabei die eigene Fantasie ansprechen zu lassen, statt sie aus­schließlich über Theorie und Sprache zu verhandeln.

Jeong-in Mun ver­ar­beitet in ihrem Graphic-Novel-Debüt ihre eigene Familiengeschichte über drei Generationen hinweg sowie durch die Augen dreier Frauen. Die Geschichte beginnt mit Jeong-in Muns Großmutter Chunja, die Haenyeo-Taucherin ist. Haenyeo bedeutet wörtlich „Frauen des Meeres“. Als Jeong-in Muns Mutter noch ein Baby war, sah sich Oma Chunja gezwungen, als Haenyeo zu arbeiten, um das Überleben ihrer drei Kinder zu sichern: Sie und viele weitere Haenyeo tauchten ohne Sauerstoffflaschen vor der Küste der größten korea­ni­schen Insel Jeju, um Meeresfrüchte zu ernten.

Der Beruf der Haenyeo hat in Südkorea eine jahr­hun­der­talte Tradition. 1910 besetzte Japan Korea, und auf der Insel Jeju ent­wi­ckelte sich ein gewinn­brin­gendes Geschäft rund um die Ernte der Meeresfrüchte. Die Besatzer zahlten viel Geld für die Meeresfrüchte, dar­unter Jeonboks (Seeohren oder Abalonen), denen eine aphro­di­sie­rende Wirkung zuge­schrieben wird. Das Geschäft ermög­lichte es den Haenyeo, eine gewisse finan­zielle Unabhängigkeit zu erlangen. Sie waren jedoch nicht geschützt vor kolo­nialer Ausbeutung und Unterdrückung durch bei­spiels­weise hohe Besteuerung oder das Verbieten lokaler Kultur und Traditionen. Doch das hin­derte die Haenyeo nicht daran, resi­lient und ent­schlossen Widerstand zu leisten – indem sie ihr kul­tu­relles Erbe und ihre tra­di­tio­nelle Lebensweise bewahrten, diese Praktiken schützten und über Generationen weitergaben.

Ein wei­terer Preis, den die Haenyeo zahlen mussten, war jahr­zehn­te­lange harte kör­per­liche Arbeit. Oma Chunja musste sich das Muljil (Tauchen ohne Sauerstoffgerät) selbst bei­bringen. Sie schickte ihre drei Kinder tagsüber zu deren Großeltern, schloß sich den Haenyeo an, und lernte die Luft minu­tenlang unter Wasser anzu­halten. Geprägt von Misserfolgen und Mühsal, gab sie dennoch nicht auf, bis sie eines Tages schließlich mit den anderen erfah­renen Haenyeo aufs offene Meer fahren konnte, um dort noch tiefer zu tauchen.

Die Erzählperspektiven wechseln geschickt zwi­schen Großmutter, Mutter und Enkelin sowie zwi­schen ver­schie­denen Zeitebenen: Wir befinden uns nun in der Zukunft, und Jeong-in Mun fragt ihre Großmutter Chunja, ob sie sich nicht manchmal einsam gefühlt hat – ein Gefühl, das der abwe­sende Großvater hin­ter­lassen haben könnte. Doch Chunja ant­wortet, für Einsamkeit habe sie schlichtweg keine Zeit gehabt. Das Einzige, was zählte, war, dass sie ihre Kinder auf die Universität schicken wollte.

„Aber Omi … Warst du denn nie einsam? –“ 

„Ach Kindchen … Ich war viel zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Da blieb kein Platz für Einsamkeit. Meine Kinder, egal ob Jungen oder Mädchen, ich wollte sie alle auf die Uni schicken. Dafür musste ich hart zu mir selbst sein. Verbissen.“ 

Das Leben von Jeong-in Muns Mutter hin­gegen war geprägt von großer Einsamkeit – her­vor­ge­rufen durch einen Vater, der kurz nach ihrer Geburt ver­schwand, und eine Mutter, die ständig abwesend war. Der Regen wird zu einem bedeu­tenden Motiv – sein Fehlen löst Sehnsucht in Jeong-Ins Mutter aus. Denn immer wenn es regnete blieb Chunja zu Hause bei ihren Kindern.

Wie wichtig Jeong-in Muns Arbeit ist, wird deutlich, wenn wir die gelungene Verwebung ver­schie­dener struk­tu­reller Problematiken, sowie kom­plexer Themen betrachten, die unkom­pli­ziert auf­ge­griffen werden. Nicht alle haben einen Zugang zur Academia und gerade deshalb müssen wichtige Themen wie diese auch in zugäng­lichen Formaten ihren Platz finden.

Krieg, Kolonialismus, Feminismus, kul­tu­relle Identität, süd­ko­rea­nische Traditionen und Spiritualität, Philosophien des Lebens, aber auch die Klimakrise werden ange­sprochen: Das „Meer von Oma“, wie Jeong-In zu den Gewässern um die Insel Jeju sagt, wird heute gefährdet durch unre­gu­lierte Zersiedelung, stei­gende Wassertemperaturen und die Einleitung von kon­ta­mi­niertem Wasser aus Fukushima ins Meer durch die japa­nische Regierung.

Jeong-in Mun gelingt es, diese poli­ti­schen Kontexte mit per­sön­lichen Biografien zu ver­binden. Trotz all der Schwere fühlte sich das Lesen aber vor allem nach einem an: zutiefst berührend. Denn die tiefe Zuneigung, die die Autorin ihrer Großmutter gegenüber spürt, ist unüber­sehbar und zieht sich durch die gesamte Graphic Novel. 

Auch mir ist beim Lesen etwas Ähnliches wider­fahren: Es berührt mich zutiefst, Zeug*in dieser Familiengeschichte werden zu dürfen. Ich muss dabei unwei­gerlich an meine eigene Familie denken – an meine Mutter, die als viet­na­me­sische Vertragsarbeiterin nach Deutschland kam und hart arbeitete, um mir ein bes­seres Leben zu ermög­lichen. Ihre eigene Mutter habe ich nie ken­nen­lernen dürfen, und gerade deshalb berührt es mich umso mehr, die Großmutter-Enkelin-Beziehung zwi­schen Jeong-in Mun und ihrer Oma Chunja mit­zu­ver­folgen: Während ihrer Sommeraufenthalte bei Oma Chunja spielte Jeong-in Mun gerne Haenyeo im Meer, ihre Oma als großes Vorbild vor Augen.

Und falls ihr euch fragt, wie es Oma Chunja heute geht: Sie ist immer noch Haenyeo! Ihr hohes Alter hält sie nicht davon ab, in die Tiefen des Meeres zu tauchen, nach Meeresfrüchten zu suchen und diese von Hand zu ernten. Eine Berufung, die mit viel Schmerz ver­bunden bleibt, aber damals das Leben ihrer Familie über Generationen sicherte und lebens­werter machte.

Bis heute ist die Zahl der Haenyeos dras­tisch gesunken auf kaum noch 5000 Taucherinnen. Das Alter der Haenyeos steigt dafür zunehmend. Es gibt kaum Haenyeos, die unter dreißig Jahre alt sind. Denn seit den 70er-Jahren können sie es sich leisten, ihre Töchter auf gute Schulen zu schicken – was sie sich hart erkämpft haben.

Die Hingabe und der Wille, hart zu arbeiten, spiegeln sich auch in Jeong-in Muns Werk wider: Die gesamte Geschichte wird wohl­be­merkt über zarte schwarze Linien, hun­derte feinen Schraffuren und unzählige detail­reiche Schwarz-Weiß-Bildern auf ins­gesamt 220 Seiten trans­por­tiert. Ab und an finden sich kleine Sprechblasen und kurze beglei­tende Sätze. Das Leben, das Leid und die Erschöpfung, aber auch die Verbundenheit dieser drei Frauen mit sich und mit dem Meer lassen sich eben vor allem in Bilder fassen und weniger in Worten.

Die Graphic Novel könnt ihr über den Verlag Rotopol bestellen.

Mehr Informationen zu Jeong-in Mun und weitere Werke findet ihr auf ihrer Website: Jeonginmun.com