von Kieu Trinh Phi Van

Jeong-in Mun ist eine koreanische Comiczeichnerin und Illustratorin, die zwischen dem westfranzösischen Angoulême und der südkoreanischen Hauptstadt Seoul lebt.
Als Künstler*in hat mich ihre Graphic Novel „Langer Atem“ auf eine ganz besondere Weise berührt. Gerade in unserer oft sehr akademisch geprägten Anti-(Asiatischer)-Rassismus-Arbeit ist sie eine wohltuende Abwechslung: Es tut gut, komplexe und schwierige Themen auch einmal rein visuell aufzunehmen und dabei die eigene Fantasie ansprechen zu lassen, statt sie ausschließlich über Theorie und Sprache zu verhandeln.
Jeong-in Mun verarbeitet in ihrem Graphic-Novel-Debüt ihre eigene Familiengeschichte über drei Generationen hinweg sowie durch die Augen dreier Frauen. Die Geschichte beginnt mit Jeong-in Muns Großmutter Chunja, die Haenyeo-Taucherin ist. Haenyeo bedeutet wörtlich „Frauen des Meeres“. Als Jeong-in Muns Mutter noch ein Baby war, sah sich Oma Chunja gezwungen, als Haenyeo zu arbeiten, um das Überleben ihrer drei Kinder zu sichern: Sie und viele weitere Haenyeo tauchten ohne Sauerstoffflaschen vor der Küste der größten koreanischen Insel Jeju, um Meeresfrüchte zu ernten.
Der Beruf der Haenyeo hat in Südkorea eine jahrhundertalte Tradition. 1910 besetzte Japan Korea, und auf der Insel Jeju entwickelte sich ein gewinnbringendes Geschäft rund um die Ernte der Meeresfrüchte. Die Besatzer zahlten viel Geld für die Meeresfrüchte, darunter Jeonboks (Seeohren oder Abalonen), denen eine aphrodisierende Wirkung zugeschrieben wird. Das Geschäft ermöglichte es den Haenyeo, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Sie waren jedoch nicht geschützt vor kolonialer Ausbeutung und Unterdrückung durch beispielsweise hohe Besteuerung oder das Verbieten lokaler Kultur und Traditionen. Doch das hinderte die Haenyeo nicht daran, resilient und entschlossen Widerstand zu leisten – indem sie ihr kulturelles Erbe und ihre traditionelle Lebensweise bewahrten, diese Praktiken schützten und über Generationen weitergaben.
Ein weiterer Preis, den die Haenyeo zahlen mussten, war jahrzehntelange harte körperliche Arbeit. Oma Chunja musste sich das Muljil (Tauchen ohne Sauerstoffgerät) selbst beibringen. Sie schickte ihre drei Kinder tagsüber zu deren Großeltern, schloß sich den Haenyeo an, und lernte die Luft minutenlang unter Wasser anzuhalten. Geprägt von Misserfolgen und Mühsal, gab sie dennoch nicht auf, bis sie eines Tages schließlich mit den anderen erfahrenen Haenyeo aufs offene Meer fahren konnte, um dort noch tiefer zu tauchen.
Die Erzählperspektiven wechseln geschickt zwischen Großmutter, Mutter und Enkelin sowie zwischen verschiedenen Zeitebenen: Wir befinden uns nun in der Zukunft, und Jeong-in Mun fragt ihre Großmutter Chunja, ob sie sich nicht manchmal einsam gefühlt hat – ein Gefühl, das der abwesende Großvater hinterlassen haben könnte. Doch Chunja antwortet, für Einsamkeit habe sie schlichtweg keine Zeit gehabt. Das Einzige, was zählte, war, dass sie ihre Kinder auf die Universität schicken wollte.
„Aber Omi … Warst du denn nie einsam? –“
„Ach Kindchen … Ich war viel zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Da blieb kein Platz für Einsamkeit. Meine Kinder, egal ob Jungen oder Mädchen, ich wollte sie alle auf die Uni schicken. Dafür musste ich hart zu mir selbst sein. Verbissen.“
Das Leben von Jeong-in Muns Mutter hingegen war geprägt von großer Einsamkeit – hervorgerufen durch einen Vater, der kurz nach ihrer Geburt verschwand, und eine Mutter, die ständig abwesend war. Der Regen wird zu einem bedeutenden Motiv – sein Fehlen löst Sehnsucht in Jeong-Ins Mutter aus. Denn immer wenn es regnete blieb Chunja zu Hause bei ihren Kindern.
Wie wichtig Jeong-in Muns Arbeit ist, wird deutlich, wenn wir die gelungene Verwebung verschiedener struktureller Problematiken, sowie komplexer Themen betrachten, die unkompliziert aufgegriffen werden. Nicht alle haben einen Zugang zur Academia und gerade deshalb müssen wichtige Themen wie diese auch in zugänglichen Formaten ihren Platz finden.
Krieg, Kolonialismus, Feminismus, kulturelle Identität, südkoreanische Traditionen und Spiritualität, Philosophien des Lebens, aber auch die Klimakrise werden angesprochen: Das „Meer von Oma“, wie Jeong-In zu den Gewässern um die Insel Jeju sagt, wird heute gefährdet durch unregulierte Zersiedelung, steigende Wassertemperaturen und die Einleitung von kontaminiertem Wasser aus Fukushima ins Meer durch die japanische Regierung.
Jeong-in Mun gelingt es, diese politischen Kontexte mit persönlichen Biografien zu verbinden. Trotz all der Schwere fühlte sich das Lesen aber vor allem nach einem an: zutiefst berührend. Denn die tiefe Zuneigung, die die Autorin ihrer Großmutter gegenüber spürt, ist unübersehbar und zieht sich durch die gesamte Graphic Novel.
Auch mir ist beim Lesen etwas Ähnliches widerfahren: Es berührt mich zutiefst, Zeug*in dieser Familiengeschichte werden zu dürfen. Ich muss dabei unweigerlich an meine eigene Familie denken – an meine Mutter, die als vietnamesische Vertragsarbeiterin nach Deutschland kam und hart arbeitete, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihre eigene Mutter habe ich nie kennenlernen dürfen, und gerade deshalb berührt es mich umso mehr, die Großmutter-Enkelin-Beziehung zwischen Jeong-in Mun und ihrer Oma Chunja mitzuverfolgen: Während ihrer Sommeraufenthalte bei Oma Chunja spielte Jeong-in Mun gerne Haenyeo im Meer, ihre Oma als großes Vorbild vor Augen.
Und falls ihr euch fragt, wie es Oma Chunja heute geht: Sie ist immer noch Haenyeo! Ihr hohes Alter hält sie nicht davon ab, in die Tiefen des Meeres zu tauchen, nach Meeresfrüchten zu suchen und diese von Hand zu ernten. Eine Berufung, die mit viel Schmerz verbunden bleibt, aber damals das Leben ihrer Familie über Generationen sicherte und lebenswerter machte.
Bis heute ist die Zahl der Haenyeos drastisch gesunken auf kaum noch 5000 Taucherinnen. Das Alter der Haenyeos steigt dafür zunehmend. Es gibt kaum Haenyeos, die unter dreißig Jahre alt sind. Denn seit den 70er-Jahren können sie es sich leisten, ihre Töchter auf gute Schulen zu schicken – was sie sich hart erkämpft haben.
Die Hingabe und der Wille, hart zu arbeiten, spiegeln sich auch in Jeong-in Muns Werk wider: Die gesamte Geschichte wird wohlbemerkt über zarte schwarze Linien, hunderte feinen Schraffuren und unzählige detailreiche Schwarz-Weiß-Bildern auf insgesamt 220 Seiten transportiert. Ab und an finden sich kleine Sprechblasen und kurze begleitende Sätze. Das Leben, das Leid und die Erschöpfung, aber auch die Verbundenheit dieser drei Frauen mit sich und mit dem Meer lassen sich eben vor allem in Bilder fassen und weniger in Worten.
Die Graphic Novel könnt ihr über den Verlag Rotopol bestellen.
Mehr Informationen zu Jeong-in Mun und weitere Werke findet ihr auf ihrer Website: Jeonginmun.com