***Der Aufruf wurde am 22.02.2026 in Kooperation von Mitgliedern der Kollektive „In Memory, In Resistance“ und „Cãi Lại Collective“ sowie von Bình An als ehrenamtliche*r Übersetzer*in verfasst. korientation e.V. hat sich diesem Aufruf am 03.03.2026 angeschlossen.***
Hinweis: Die Situation ist dynamisch. Wir teilen diese Informationen und aktualisieren sie bei Bedarf. Falls ihr relevante Updates und Ergänzungen habt, sind wir dankbar über Hinweise.
aktualisiert am 12.03.2026
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Wir alle kennen den Slogan: Deutschland braucht Arbeitskräfte und heißt junge Menschen sowie Fachkräfte aus dem Ausland willkommen. Die Realität vor Ort spricht eine andere Sprache.
Über Monate hinweg wurden 40 vietnamesische Azubis von einem Pflegeunternehmen in Thüringen nicht bezahlt. Eine Auszubildende musste acht Monate ohne Gehalt arbeiten und überleben, andere vier bis sechs Monate. Trotz zahlreicher Beschwerden wurden sie weiter zur Arbeit eingeteilt – selbst nachdem dem Arbeitgeber die Ausbilderlizenz bereits entzogen worden war.
Einschüchterung
Einigen wurde offen gedroht. Wenn sie nicht weiterarbeiteten, würden sie „zurück nach Vietnam geschickt“. In Chatgruppen deutscher Mitarbeitender wurden sie belächelt und erniedrigt. Viele hatten Angst um ihr Visum, ihr Bleiberecht und wegen der Schulden, die sie für Vermittlungsgebühren aufgenommen hatten. Aus Perspektivlosigkeit arbeiteten manche weiter – ohne Lohn.
Eine entwürdigende Wohnsituation
Nach ihrer Ankunft mussten viele in zwei Containern auf dem Parkplatz der Firma leben. Ein Container war in zwei WG-Zimmer unterteilt. Acht Personen in jeweiligem knapp 20 m² WG-Zimmer. Teilweise ohne Küche oder Bad. Im Sommer sind die Container glühend heiß, im Winter kaum beheizt.
Der Streik
Mitte Januar wurden vier Azubis nach einem Streik gegen den Arbeitgeber aus ihrer Unterkunft geworfen. Eine Auszubildende wurde körperlich angegriffen – davon existieren Videoaufnahmen. Die Polizei war vor Ort, ebenso eine telefonische Beratung durch die Caritas. Dennoch mussten die vier jungen Menschen ihre Koffer packen und standen im Januar obdachlos in der Kälte.
Sie fanden den Mut, an dem selben Tag noch mit dem Bürgermeister zu sprechen. Sie wurden in einer Notunterkunft mit Klappbetten besorgt. Auch haben sie aktiv mit der Presse gesprochen. Leider verlief selbst dieser Kontakt oft unter großem Druck. Das letzte Interview fand in dem neuen Arbeitsplatz aufdringlich und ohne vorherige Abstimmung mit den Betroffenen statt. Der Fall wird in der Öffentlichkeit nach wie vor als „Einzelfall“ behandelt.
Ein strukturelles Problem
Seit Jahren beobachten wir ähnliche Situationen in der vietnamesischen Community. Dies ist nur ein Fall von vielen. Diese Fachkräfte werden politisch als „Lösung des Fachkräftemangels“ gefeiert. In der Realität werden viele von ihnen – besonders in ländlichen Räumen ausgebeutet – von eigenen Landleuten und von deutschen Arbeitsgebern. Das deutsche Pflegesystem ist vorallem auf migrantische Arbeitskräfte angewiesen, doch ihre Sicherheit und ihre Grundrechte interessieren die Gesellschaft kaum. Junge Menschen aus Vietnam und anderen Ländern – viele von ihnen Frauen – sind besonders von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, sexualisierter Gewalt und illegalisierten Strukturen betroffen.
Diese jungen Menschen sind keine „billigen Arbeitskräfte“. Sie halten das System am Laufen. Sie sind Menschen mit Träumen und Resilienz. Sie verdienen Würde, Sicherheit und Gerechtigkeit. Dieser Fall ist kein individuelles Versagen – er ist Ausdruck von strukturellem Rassismus auf dem Arbeitsmarkt.
Aktueller Stand: Rechtliche Schritte
Einige von den Azubis nun selbstständig neue Ausbildungsplätze gefunden und sind damit vorerst vor keiner akuten Abschiebung bedroht. Viele gehen nun rechtlich gegen ihren alten Arbeitgeber „Pflegedienst Steffi Hose GmbH“ vor.
Sie sind damit fast auf sich allein gestellt, es mangelt ihnen nicht nur an Geldern, sondern die volle Unterstützung von der Gewerkschaft ver.di kann wegen formaler Voraussetzungen nicht geleistet werden: den Azubis fehlt es dadurch an einem Rechtsbeistand und eine*r Rechtsanwält*in, an Sprachmittlung während der Gerichtstermine und Begleitung in weiteren bürokratischen Prozessen, denn selbstverständlich verfügen sie kaum Kenntnisse über das deutsche Rechtssystem.
Einigen der Azubis, die noch keine neuen Arbeitgeber gefunden haben, droht weiterhin die Abschiebung.
Taktisches Zermürben: Wenn die Gegenseite auf Zeit spielt
Die Gegenseite der Azubis will das Gerichtsverfahren außerdem strategisch in die Länge ziehen. Das zieht an den Nerven und der Energie der Azubis, denn die Teilnahme an mehreren Gerichtsterminen führt im neuen Betrieb und in der Berufsschule häufig zu Fehlzeiten, die nicht immer nachgeholt werden können. Dadurch entstehen indirekte Nachteile, die sich negativ auf die schulischen Leistungen und den Ausbildungsverlauf auswirken können.
Sie müssen sich ständig entscheiden: Stehen wir für unsere Rechte und Würde ein und gefährden damit das neue Ausbildungsverhältnis oder verzichten wir auf rechtliche Schritte und tragen die Ungerechtigkeit und finanziellen Konsequenzen allein?
Nach monatelangen Kämpfen ums Überleben ist der Druck weiterhin groß, die vietnamesischen Azubis sind alle unglaublich erschöpft und müde, der Kampf für Gerechtigkeit und ihre Würde zehrt an ihren Kräften und lange wollen und können sie nicht mehr.
✊🤝 So könnt ihr solidarisch sein
Akut benötigt wird:
– Neue Ausbildungsplätze für die Azubis
– Prozessbeobachter*innen und Sprachmittlung bei Gerichtsterminen
– Finanzielle Unterstützung
Spendet!
🤝 Spendenseite: https://gofund.me/b9d00c9d5 (deutsch und vietnamesisch)
Leitet diese Seite gerne weiter!
Aufgrund des monatelangen Ausbleiben der Gehälter mussten sich viele Azubis erneut bei Familie und Freund*innen Geld leihen, um zu überleben. Vielen von ihnen mangelt es noch immer akut an Geld für alltägliche Dinge, wie z.B. die Bahnfahrt zu ihrer neuen Arbeit.
Zudem besteht großer Bedarf an finanzieller Unterstützung, vor allem für Sprachmittlung und die Beauftragung eines*r Rechtsanwält*in, für den Austausch mit der Gewerkschaft ver.di und Gerichtsterminen.
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👉 Sprecht über die Bedingungen migrantischer Azubis und Arbeiter*innen.
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Bleibt up to date, organisiert mit und teilt Ressourcen
Es gibt einige sich dezentral organisierende solidarische Menschen, die mit den Betroffenen in Kontakt sind. Falls ihr Zugang oder Hinweise zu bestimmten Ressourcen habt und solidarisch unterstützen oder euch diesbezüglich vernetzen möchtet, schreibt uns gerne! Sofern wir mit entsprechenden Personen oder Gruppen in Kontakt sind, können wir die Informationen weitergeben und euch gegebenenfalls vernetzen.
Kontaktaufnahme
🔎 Mehr Informationen
- 🔊 Initiative Postmigrantisches Radio: Die prekäre Situation vietnamesischer Azubis in Altenburg. Interview mit der LVZ Journalistin Christina Gutsmiedl (22.01.2026)
- 📰 LVZ: „Wir wurden aus der Wohnung geworfen“: Vietnamesische Pflege-Azubis verlieren nach dem Job auch die Unterkunft
- 📺 MDR: Hoffnung für Pflege-Azubis aus Vietnam (03.02.2026)
- 📰 Spiegel: Sachen packen, raus! (21.02.2026)
- 📰 ver.di: Umgang eines Altenburger Pflegedienstes mit vietnamesischen Pflege-Azubis ist »unmenschlich, illegal und ausbeuterisch« (05.02.2026)
- 📰Pflege-Azubis ohne Vergütung: Beschwerden bereits Ende 2024 (09.03.2026)
- 📰Junge Welt: Erwerbsmigration. Jung, gepflegt und ausgebeutet (09.03.2026)
- 📰OTZ: Nach Skandal um unbezahlte Azubis im Altenburger Land: Gewerkschaft übernimmt Rechtsschutz (11.03.2026)