Die abgeschnitte Ecke

Dan Khanh Duyen Tran - Die abgeschnittene Ecke - Queer & Asiatisch

- queer & asia­tisch -

Ich sitze seit etwa einer Stunde an meinem Laptop und ver­suche Gedanken zu for­mu­lieren. Was heißt eigentlich queer und asia­tisch sein, frage ich mich. Meine Eltern sind heute kurz zu Besuch. Wir reden ein bisschen über dies und das. Ich wohne in einer 3er WG und bin heute alleine zu Hause. An meiner Tür hängt ein Poster von der TransInterTagung in München und über meinem Bett eins vom CutieBPoC Festival und vom TransFormationsFestival in Berlin. Queer sein kann so viel bedeuten und asia­tisch sein ebenso. Ich könnte viel darüber schreiben, was diese Begriffe genau bezeichnen und bedeuten. Viele würden mir dann wohl zustimmen, aber genauso viele auch wider­sprechen. Letztendlich könnte ich kein voll­stän­diges Bild davon zeichnen, was es bedeutet, queer und asia­tisch zu sein. Heute und hier in Deutschland.

Dieses Bild kann ich eigentlich nur für mich selbst zeichnen. Auf einem Blatt habe ich auf­ge­schrieben, was mir alles ein­fällt. Ich habe ver­sucht, eine Mindmap zu erstellen, aber so einfach ist das gar nicht, meinen Gedanken Struktur zu geben. Folgende Begriffe habe ich auf­ge­schrieben: Sexualität, Geschlechtsidentität, Community, Vietnam, Rassismus, PoCs, Geschlechterrollen, Tradition, Identität, Deutschland, Zugehörigkeit, Intersektionalität. Dazu habe ich auch Fragen auf­ge­schrieben: Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Welche Fragen stelle ich mir? Bezüglich Sexualität, Geschlecht, Identität und Erfahrungen. Was bedeuten diese Erfahrungen für mich, meine Familie, Freunde, für die Gesellschaft, Deutschland? Einige Begriffe und Fragen habe ich mit­ein­ander ver­bunden, aber eigentlich müsste ich alles mit­ein­ander ver­binden. Zumindest könnte ich fast alles auf­ein­ander beziehen. Wie ver­binde ich also queer sein mit asia­tisch sein?

Ich bezeichne mich eigentlich selten als queer. Wenn es um meine Sexualität geht, dann bezeichne ich mich als bise­xuell, und mein Geschlecht ist nicht binär. Oft ver­wende ich auch gen­der­queer oder gen­der­fluid dafür. Ich bin asia­tisch und viet­na­me­sisch, aber ich bin auch deutsch. Vietnamesisch-deutsch. Als ich 18 Jahre alt wurde, habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten und die viet­na­me­sische auf­ge­geben. Vielleicht könnte man sogar sagen, ich habe sie ver­loren oder sie wurde mir geraubt. Als ich den Antrag zur Einbürgerung gestellt habe, wurde eine Ecke meines viet­na­me­si­schen Passes abge­schnitten, um ihn ungültig zu machen. Ich habe den Pass aber noch zu Hause liegen und ab und zu schaue ich ihn mir an. Dann ver­misse ich das Grün, die viet­na­me­sische Sprache, meine Familie, mein Quê Hương. Mein frü­heres Ich ver­misse ich aller­dings nicht. Wenn ich mir meinen deut­schen Pass anschaue, dann denke ich, dass ich noch nie mehr Ich war als jetzt. Aber ich denke auch darüber nach, dass da was fehlt und wahr­scheinlich immer was fehlen wird. Das fühlt sich so an wie die Ecke, die von meinem Pass abge­schnitten wurde. Keine Ahnung, wo die ist, wie die aus­sieht. Sie kommt wahr­scheinlich auch nicht zurück. Ob ich mir lieber den deut­schen oder viet­na­me­si­schen Pass aus­suchen würde oder gerne beide hätte, kann ich nicht so genau sagen. In beiden Pässen steht letzt­endlich das gleiche über mich. In beiden Pässen habe ich am selben Tag Geburtstag. Mein Name ist der­selbe. Mein Geburtsort ist der­selbe. In beiden Pässen kann ich ent­weder weiblich oder männlich sein, aber nicht gen­der­fluid oder nicht-binär. Nirgendwo wird erklärt, warum in meinem deut­schen Pass nicht steht, dass ich auch viet­na­me­sisch bin. Nirgendwo wird erklärt warum in meinem deut­schen Pass nicht steht, dass ich auch viet­na­me­sisch bin. Nirgendwo aber steht etwas über meine Erfahrungen oder die Erfahrungen meiner Eltern. Nirgendwo steht etwas darüber, was das eigentlich bedeutet, wenn in meinem viet­na­me­si­schen Pass ein Ort in Deutschland steht. Nirgendwo steht etwas darüber, was das bedeutet, wenn vor dem viet­na­me­si­schen Namen noch ein deut­scher Name steht. Was es bedeutet, wenn diesem nicht das zutref­fende Geschlecht zuge­ordnet werden kann, weil es nur zwei Optionen gibt. Was es bedeutet, ent­weder dies oder das sein zu müssen. Männlich oder weiblich. Vietnamesisch oder deutsch. Was es bedeutet, dass Name und Geschlecht auf­ge­listet sind, aber nicht Sexualität, nicht meine chro­nische Erkrankung, nicht meine Erfahrungen, nicht meine Gedanken. Vielleicht, weil es dafür keinen Platz mehr gibt. Weil kein Platz gemacht wird. Weil kein Platz gemacht werden will.

Schauen wir doch mal auf meinen Pass. Da steht unter meinem Namen und neben meinem Geburtsdatum DEUTSCH. Darunter mein Geburtsort, das Gültigkeitsdatum, dann in der Ecke rechts oben meine Ausweisnummer, und auf der Rückseite steht meine Augenfarbe, meine Körpergröße, das Ausstellungsdatum meines Personalausweises, die zuständige Behörde und dann noch meine Adresse. Die Stelle, an der ein Ordens- oder Künstlername stehen könnte, ist leer. Ein wenig iro­nisch ist das schon. Künstlername. Ich kann jemand anderes sein, mir einen neuen Namen geben bzw. mir was aus­suchen, aber ich kann nicht Ich sein. Alles, was von meinem asia­tisch sein auf meinem deut­schen Pass erkennbar ist, sind mein viet­na­me­si­scher Name und mein Ausweisfoto. Gültigkeitsdatum. Wahrscheinlich fragt sich das eine weiße deutsche Person selten, wie lange sie als deutsch gilt, wann das eigene deutsch sein legitim ist.

Früher ging ich davon aus, dass mein Pass mein deutsch sein legi­ti­mieren würde, aber dem ist nicht so. Und selbst, wenn es so wäre, was bringt mir das, wenn der Rest meines Ichs keinen Platz findet. Vielleicht fehlt da ja einfach nur diese Ecke, und ich muss sie wie­der­finden. Vielleicht stehen auf dieser Ecke alle feh­lenden Optionen. Optionen, die nie in meinem deut­schen Pass stehen. Vielleicht stehen sie auf meinem viet­na­me­si­schen Pass, der sicher in einer Schublade ruht. Ich weiß nicht viel über die queere Community in Vietnam, folge aber einigen queeren Organisationen auf facebook. Meistens ist mein viet­na­me­sisch jedoch zu schlecht, um alles zu ver­stehen. Ich weiß ja nicht mal, was queer auf viet­na­me­sisch heißt. Mittlerweile kenne ich einige Menschen, die auch asia­tisch und irgendwie queer sind, und der Austausch tut mir gut. Denn obwohl meine Eltern wissen, dass ich bise­xuell bin, ist Sexualität nicht wirklich ein Thema. Über die Gespräche am Küchentisch schreibe ich aber viel­leicht beim nächsten Mal mehr…

Dan Khanh Duyen Tran

Dan thinks and writes a lot. About home and belonging, about places and dis­pla­cement, about lan­guage, com­mu­ni­cation and the meaning of words. They write about sexuality, gender and desire in a world in which being desired is often mistaken for being objec­tified, sexua­lized, racia­lized. They write about what that means in regards to having a home, a family, places to be able to exist at. They write with vul­nera­bility as a weapon and honesty as a shield.

Mail: trandaniela92 [at] gmail [dot] com
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