Statement korientation „Wir sind traurig. Wir sind wütend“ | Demo am 28.03.2021 „In Gedenken. In Widerstand. Solidarität mit Atlanta und mit Asiatisch Diasporischen Communities

Statement auf der Demo am 28.03.2021 durch das korientation-Team. Foto: Victoria Kure-Wu

Wir sind traurig.

Wir sind wütend.

Acht Menschen, davon sechs Frauen mit asia­ti­scher Einwanderungsgeschichte wurden am 16. März in Atlanta, Georgia, USA, ermordet. Als Frauen, als Migrantinnen, waren sie an einem stig­ma­ti­sierten Arbeitsort beschäftigt, in einer niedrig zuge­ord­neten sozialen Position. Diese sechs ermor­deten asia­ti­schen Frauen in Atlanta waren im Alltagsleben poten­tiell von inter­sek­tio­naler Diskriminierung betroffen.

Ein weißer Pastorensohn sah sich sym­bo­lisch legi­ti­miert, ihnen das Leben zu nehmen. In einem gesell­schaft­lichen und medialen Umfeld, in dem eine Abwertung von asia­ti­schen Frauen als Norm gesehen wird, lautet die Reaktion auf die Ermordung von acht Menschen: – „He just had a bad day“ – .

Wir sagen laut und klar: Dazu hatte er kein Recht.

Weiße ras­sis­tische Terroristen sind Terroristen. Weiße ras­sis­tische Terroristen sind keine bedau­erns­werten Männer mit indi­vi­du­ellen Problemen, die das Ermorden von Migrant*innen recht­fer­tigen. Weiße ras­sis­tische Terroristen sollten mit dem vollen Strafmaß für Mord bedacht werden, ohne Strafmilderung auf­grund von „psy­cho­lo­gi­schen Beeinträchtigungen“.

Wer waren die ermor­deten asia­ti­schen Frauen? Sie waren sechs starke Frauen aus China und Korea. Sie haben zum Teil auch noch in hohem Alter sehr hart gear­beitet, nicht nur für sich, sondern darüber hinaus, um ihre Familie zu unter­stützen. Ihre Geschichte ist in vie­lerlei Hinsicht uni­versal. In vielen Ländern dieser Erde, auch in Deutschland, arbeiten Migrantinnen aus asia­ti­schen Ländern, um ihre Familien zu unter­stützen. Sie arbeiten dabei zum Teil unter sehr pre­kären Bedingungen. Sie ver­dienen unsere Anerkennung und unseren Respekt.

Rest in Power. Wir werden euch nicht vergessen.

Der Jahrestag von Hanau ist noch nicht lange her. Es lassen sich nicht alle Aspekte mit den Ereignissen in Atlanta ver­gleichen. Dennoch sind einige Parallelen im insti­tu­tio­nellen Umgang mit ras­sis­ti­scher Gewalt sichtbar. An beiden Orten wurde viel zu spät, wenn über­haupt, auf Anrufe reagiert. Gegebenenfalls hätten noch mehr Menschen vor dem Tod bewahrt werden können, hätte die Polizei den Täter nach den ersten Schüssen am ersten Tatort fest­ge­setzt. Sind ras­si­fi­zierte Orte, also Orte, an denen sich Migrant*innen auf­halten, den kon­se­quenten Schutz durch den deut­schen Staat nicht wert?

Nicht nur Donald Trump sprach und spricht vom „China-Virus“, wenn er Covid-19 meint. Auch in Deutschland haben wir eine ras­sis­tische Berichterstattung über die Corona-Pandemie. Der Virus wird ras­si­fi­ziert und kul­tu­ra­li­siert. Der Virus wird China und asia­ti­schen Körpern her­kunfts­über­greifend zuge­schrieben. Es werden in den deut­schen Medien immer wieder Meldungen und Artikel mit Bildern von asia­ti­schen Gesichtern mit Masken illus­triert, auch wenn es sich um Infektionsherde in Ischgl handelt. Es wurde ein Sündenbock-Narrativ geschaffen, mit post­ko­lo­nialen Anleihen – wie bei­spiels­weise die Reproduktion des Begriffs „gelbe Gefahr“, ver­mischt mit einer Prise Verschwörungstheorien. Mit diesem Medialen Framing wird eine sym­bo­lische Legitimation für Angriffe auf und Diskriminierung von asia­ti­schen und Asiatisch-Deutschen Menschen geschaffen. Und die Anzahl der Angriffe und Diskriminierungsfälle, ins­be­sondere im öffent­lichen Raum, ist seit dem Beginn dieser Berichterstattung nach­weislich hochgegangen.

Anti-asiatischer Rassismus besteht natürlich nicht erst seit dem Beginn der Corona-Pandemie und seit den Morden von Atlanta. In unserem kol­lek­tiven Gedächtnis befinden sich die deutsche Kolonialpolitik in China, die „Chinesenaktion“ von 1944, die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, um nur einige his­to­ri­schen Ereignisse zu nennen. Es gibt eine unvoll­ständige Liste von indi­vi­du­ellen ras­sis­ti­schen Morden an asia­ti­schen Menschen, dazu gehören Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu (1980 in Hamburg), Phan Văn Toản (1997) oder Lie Yangjie (2016).

Mit Atlanta und Hanau als aktuelle und krasse Höhepunkte ras­sis­ti­scher Gewalt vor Augen müssen wir uns alle dafür ein­setzen, dass diese Morde nicht im nor­ma­tiven Alltagsgeschehen unter­gehen und ver­gessen werden. Wir zeigen Solidarität mit den Opfern dieser Anschläge und ihren Freund*innen und Familien.

Das bedeutet für uns gleich­zeitig, auch für unsere eigene Zukunft, unsere eigene Sicherheit und Gleichberechtigung in diesem Land zu kämpfen!

Die Demokratie in der wir leben, muss struk­turell von Grund auf dis­kri­mi­nie­rungs­ärmer gestaltet werden. Es muss ein gesell­schaft­liches Klima geschaffen werden, in dem Rassist*innen keine Legitimation mehr finden, auf keiner Ebene.

Forderungen:

  • Wir fordern von der deut­schen Regierung und Gesellschaft eine kon­se­quente und trans­pa­rente straf­recht­liche Verfolgung von ras­sis­ti­schen Morden und Straftaten.
  • Wir fordern eine klare und deut­liche Verurteilung von Rassismus und ras­sis­tisch moti­vierten Gewalttaten durch Politiker:innen, Behörden, Schulen, Polizei und Verwaltung sowie Personen des öffent­lichen Lebens aus allen Bereichen der Gesellschaft.
  • Wir fordern Sensibilisierungsmaßnahmen zu anti-asiatischem Rassismus für alle Angestellten im öffent­lichen Dienst, dazu gehört auch die Polizei.
  • Wir fordern die Anerkennung von anti-asiatischem Rassismus im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus.
  • Wir fordern die Einführung einer migran­tische Quote von 30% im öffent­lichen Dienst.
  • Wir fordern die Aufnahme der deut­schen Kolonialgeschichte sowie von Asiatisch-Deutschen Migrationsgeschichte(n) in das reguläre Curriculum von Insitutionen mit Bildungsauftrag.
  • Wir fordern eine soli­da­rische Parteilichkeit mit von Rassismus Betroffenen.