BlogPolitik

“Nachdem mein Vater 1968 als soge­nannter „Gastarbeiter“ nach Deutschland geholt und ich 1977 hier geboren wurde, darf ich immer noch nicht hier wählen. Ich bin Deutscher, ich werde niemals in “die Heimat” zurück­kehren, denn ich bin schon längst da.” Miman Jasarovski, Aktivist und Protagonist von FROM HERE, Mit-Initiator der Kampagne “Passt(t) uns allen”

Das von der Bundesregierung kürzlich ver­ab­schiedete “Chancenaufenthaltsrecht” und die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes sind zwar Schritte in die richtige Richtung, doch noch weit ent­fernt von einem „modernen Einwanderungsland“ von dem Olaf Scholz spricht. Die Zeit ist mehr als reif, um endlich unsere Kampagne “Passt(t) uns allen” zu starten! Die Umsetzung unserer Forderungen ist über­fällig. Seit Jahrzehnten kämpfen Migrant*innen und soli­da­rische Menschen für die Gleichbehandlung aller, die in Deutschland leben. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird.

In Deutschland leben aktuell mehr als 11 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit1,5 Mio von ihnen haben keinen deut­schen Pass, obwohl sie hier geboren sind. Zugleich liegt die Einbürgerungsquote mit unter 2% im unteren Drittel der EU. Wenn Menschen, die seit Jahren hier leben oder hier geboren sind, nicht vor Abschiebung geschützt sind, nicht wählen dürfen und in ihrem Alltag zahl­reichen Beschränkungen unter­liegen, ist das nicht nur unge­recht, sondern auch ein mas­sives Demokratiedefizit! Auch ange­sichts von rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlägen und Alltagsrassismus ist es zentral, dass vor allem jene, die davon betroffen sind, wählen und selbst poli­tische Ämter wahr­nehmen können. Nur wer wählt, zählt.

Wir sind ein Bündnis von rund 30 migran­ti­schen und ras­sis­mus­kri­ti­schen Interessenvertretungen, Selbstorganisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Wir fordern: 

  1. Die deutsche Staatsangehörigkeit für alle Menschen, die in Deutschland geboren sind. 
  2. Das Recht auf eine unbü­ro­kra­tische und kos­tenlose Einbürgerung für alle Menschen, die seit min­destens drei Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben.
  3. Die Möglichkeit, mehr­fache Staatsangehörigkeiten zu besitzen.
  4. Das aktive und passive Wahlrecht auf Bundes‑, Landes- und kom­mu­naler Ebene für alle Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt seit min­destens drei Jahren in Deutschland haben. 

Unterzeichne unsere Petition, Teile die Petition in deinen Netzwerken, schicke eine E‑mail an Bundestagsabgeordnete und fordere sie auf unsere Forderungen zu unter­stützen oder mache ein Video von dir, warum du die Forderungen unter­stützt und schicke es uns!

Unterzeichne die Petition: https://innn.it/PasstUnsAllen
Kampagnen-Webseite: https://passtunsallen.de

HINTERGRUND

Deutschland hält an dem Abstammungsprinzip fest, wonach ein Kind die Staatsbürgerschaft seiner deut­schen Eltern (oder zumindest eines Elternteils) auto­ma­tisch erhält. Diese Regelung basiert auf dem ras­sis­ti­schen Prinzip der Blutsverwandtschaft (ius san­guinis). Für Kinder aus­län­di­scher Eltern ist die deutsche Staatsangehörigkeit an Voraussetzungen geknüpft. Mindestens ein Elternteil muss seit acht Jahren über ein Aufenthaltsrecht ver­fügen. Diese Praxis ver­hindert, dass tau­sende Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten – und das teil­weise über Generationen hinweg. So sind auch Menschen, die hier geboren wurden, staa­tenlosvon Abschiebung bedroht oder wurden bereits abge­schoben – in Länder, deren Sprache sie oft nicht sprechen, wo sie nie­manden kennen und häufig dis­kri­mi­niert werden. Dass es auch anders möglich ist, zeigen 33 Länder weltweit, in denen ein unein­ge­schränktes Geburtsortprinzip gilt. Das heißt, Kinder, die dort geboren werden, erhalten sofort die Staatsangehörigkeit. Unabhängig von der Staatsangehörigkeit und dem Aufenthaltsstatus der Eltern. 

Wir fordern: Ein uneingeschränktes Geburtsortprinzip – Pass(t) uns allen!

Aktuell sind die Voraussetzungen für eine Einbürgerung unnötig hoch. So können Armut, der Verlust der Wohnung, des Arbeitsplatzes oder das Fahren ohne Fahrschein schon Gründe dafür sein, die Einbürgerung ver­wehrt zu bekommen. Wie schnell die Einbürgerung erfolgt, unter­scheidet sich von Bundesland zu Bundesland – teil­weise von Kommune zu Kommune – und ist von der für den Antrag zustän­digen Person abhängig. Ein häufig lang­wie­riger, demü­ti­gender und intrans­pa­renter Prozess. Doch eine unbü­ro­kra­tische Einbürgerung ist möglich. Das zeigt das Beispiel von Millionen “(Spät) Aussiedler*innen”. Wir sollten von dieser posi­tiven Erfahrung lernen.

Wir fordern die Abschaffung aller Einbürgerungshürden – Pass(t) uns allen!

Die Aufgabe der bis­he­rigen Staatsangehörigkeit/en als Voraussetzung für die Einbürgerung hält derzeit viele Menschen davon ab, sich ein­bürgern zu lassen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es selbst­ver­ständlich ist, dass nicht alle Kinder deutsche Eltern haben, dass Menschen migrieren und bleiben, an meh­reren Orten zu Hause sind und gesell­schaft­liche Prozesse, wo sie sind, mit­ge­stalten. Genauso sollte es selbst­ver­ständlich sein, mehrere Staatsangehörigkeiten zu besitzen. Für viele ist eine dop­pelte Staatsangehörigkeit bereits Alltag und stellt kein grö­ßeres Problem dar. Dass diese Möglichkeit nicht für alle besteht, ist unge­recht und diskriminierend.

Wir fordern Mehrfachstaatsangehörigkeiten – Pass(t) uns allen!

Wer sich ein­bürgern lassen will, muss seit min­destens acht Jahren mit einem unbe­fris­teten Aufenthaltsrecht oder einer auf Dauer ange­legten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben. Die Ampel-Koalition hat ange­kündigt, den Erwerb der Staatsangehörigkeit zu ver­ein­fachen und “bei beson­deren Integrationsleistungen” schon nach drei Jahren zu ermög­lichen. Das reicht nicht aus! Der Erwerb der Staatsangehörigkeit darf weder von ver­meint­lichen “Integrationsleistungen” noch vom Aufenthaltsstatus abhängen. Statt einer Hierarchisierung von gesell­schaft­licher Teilhabe und Sondergesetzen, wie dem Asylverfahrens- oder Asylbewerberleistungsgesetz, müssen alle gleiche Rechte haben: Das Recht, ohne Angst vor Abschiebung zu leben, den Wohnort frei wählen zu können, Zugang zu gesund­heit­licher Versorgung zu haben, zu reisen und das Leben selbst­be­stimmt zu gestalten.

Wir fordern ein Recht auf Einbürgerung nach drei Jahren für alle, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben – Pass(t) uns allen!

Selbst wählen zu können oder sich zur Wahl auf­stellen zu lassen, ist der Grundpfeiler einer Demokratie. Alle, die von poli­ti­schen Entscheidungen betroffen sind, müssen diese beein­flussen können, auch wenn sie sich nicht für eine Einbürgerung ent­scheiden. Das Wahlrecht darf nicht von der deut­schen Staatsangehörigkeit, dem Pass abhängen, sondern davon, wo Menschen leben. Bereits seit den 70er Jahren kämpfen Migrant*innen für ein Wahlrecht für alle. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird. 

Wir fordern Wahlrecht für alle – Pass(t) uns allen!

WER WIR SIND 

Wir sind ein Bündnis aus migran­ti­schen und ras­sis­mus­kri­ti­schen Interessenvertretungen, Selbstorganisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Zum Bündnis gehören: 

  1. Allerweltshaus Köln e.V. 
  2. Allmende e. V.
  3. BBZ- Beratungszentrum und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migrant*innen 
  4. Bundes Roma Verband 
  5. Bundesverband rus­sisch­spra­chiger Eltern e.V. (BVRE) 
  6. Coach e.V. 
  7. DaMOst 
  8. From Here
  9. In-Haus e.V. 
  10. Initiative – Nicht ohne uns-14 Prozent 
  11. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. (ISD)
  12. International Women Space (IWS)
  13. Jugendliche ohne Grenzen 
  14. kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V 
  15. Lateinamerikanische Fraueninitiative in Neukölln e.V.
  16. MigLoom e.V. 
  17. MigraNetz e.V. 
  18. Migrationsrat Berlin e.V. 
  19. Netzwerk WIR WÄHLEN 
  20. neue deutsche orga­ni­sa­tionen – das post­mi­gran­tische netzwerk e.V.. 
  21. Refugees with Attitudes 
  22. Roma Antidiscrimination Network (RAN) 
  23. Roma Center e.V. 
  24. Roma-Trial 
  25. RomaniPhen e.V. 
  26. Romano Sumnal e.V.
  27. Seebrücke
  28. Statefree e.V.
  29. TBB-Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg 
  30. Trixiewiz e.V. 
  31. Türkische Gemeinde in Deutschland e.V.
  32. With Wings and Roots e.V.

AKTIV WERDEN 

Teile die Petition in deinen Netzwerken, schicke eine E‑mail an Bundestagsabgeordnete und fordere sie auf unsere Forderungen zu unter­stützen oder mache ein kurzes Video von dir, warum du die Forderungen unter­stützt und schicke es uns!

WEITERE INFORMATIONEN

Mehr über uns und die Forderungen auf: https://passtunsallen.de

Zur Petition: https://innn.it/PasstUnsAllen

Kampagenvideo anschauen:

Teil des Bündnisses werden oder Presseanfragen: post@passtunsallen.de 

WEITERE STATEMENTS AUS DEM BÜNDNIS: 

“Das von der Bundesregierung kürzlich ver­ab­schiedete Chancenaufenthaltsrecht und die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes sind zwar Schritte in die richtige Richtung, doch noch weit ent­fernt von einem „modernen Einwanderungsland“ von dem Olaf Scholz spricht. Aus eigener Erfahrung als soge­nannte „Aussiedlerin“, die knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland ein­ge­bürgert wurde, weiß ich, dass eine andere Einbürgerungspraxis möglich ist! Die Umsetzung unserer Forderungen ist über­fällig. Seit Jahrzehnten kämpfen Migrant*innen und soli­da­rische Menschen für die Gleichbehandlung aller, die in Deutschland leben. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird”. Olga Gerstenberger, Politikwissenschaftlerin und Impact Producerin von FROM HERE, Mit-Initiatorin der Kampagne “Pass(t) uns allen”

“Wahlrecht für alle. Demokratie ist das Herz unserer Gesellschaft“. Sanaz Azimipour, Aktivistin, Autorin und Mitgründerin der Kampagne »Nicht ohne Uns 14 Prozent« 

„Seit 25 Jahren sind Bürger*innen mit aus­län­di­schem Pass (EU) kom­munal gleich­be­rech­tigte Wähler*innen und Stadträte. Die Zeit ist überreif für gleiche demo­kra­tische Rechte für Alle.“ Elisa Calzolari, MigraNetz Thüringen & Netzwerk WIR WÄHLEN

„Wir alle werden erst wirklich gesehen und ver­standen, wenn unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt auch akzep­tiert und aner­kannt wird. Dazu gehört selbst­ver­ständlich die Tatsache, dass ein Mensch mehrere Identitäten, mehrere Kulturen und mehrere Sprachen haben kann. Vielfalt zu leben und zu stärken bedeutet darum auch, Zugehörigkeiten Raum zu geben – und das bedeutet damit auch die Anerkennung von Mehrstaatlichkeit.“ Ayşe Demir, Vorstandssprecherin Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg (TBB)

„Menschen ohne staats­bür­ger­liche Rechte leben im per­ma­nenten Ausnahmezustand. Sie werden durch den Staat zu Menschen zweiter Klasse degra­diert. Ohne grund­le­gende Rechte müssen viele Betroffene sich ein Leben lang gegen struk­tu­rellen und insti­tu­tio­nellen Rassismus behaupten. Solange Deutschland ins­be­sondere Migrant*innen und geflüch­teten Menschen aus ehemals kolo­nia­li­sierten Gesellschaften dau­erhaft die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht ver­weigert, ist diese Gesellschaft weder deko­lo­nia­li­siert noch wirklich anti-rassistisch und demo­kra­tisch.” Dr. Kien Nghi Ha, Kulturwissenschaftler und Autor, Mitglied von kori­en­tation – Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V.

„Insbesondere in einer Zeit, in der islam­feind­liche, flücht­lings­feind­liche und ras­sis­tische Aktivitäten zuge­nommen haben und immer mehr Zuspruch und Zulauf aus der soge­nannten Mitte der Gesellschaft erhalten, sollten Menschen, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, die Möglichkeit haben, das Land, in dem sie leben, in dem sie Steuern zahlen, in dem ihre Kinder zur Schule gehen, poli­tisch mit­zu­ge­stalten.“ Ayşe Demir, Vorstandssprecherin Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) 

„Ich sage immer: Andere Leute haben eine Karriereleiter, und bei uns ist das wirklich ein bisschen so eine Aufenthaltsleiter. Man klettert da hoch, und dann gibt es die Duldung, dann gibt es Asyl, Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis. Und irgendwann schafft man es da hoch.“ Christiana Bukalo – Social Change Maker, Speakerin & Co-Gründerin, Statefree e.V.

“Uns ging und geht es nicht darum, „inte­grierte“, gut aus­ge­bildete, brauchbare Jugendliche zu werden, sondern darum, dass alle Menschen, die hier leben, ein Bleiberecht bekommen – egal, ob sie für diese kapi­ta­lis­tische Gesellschaft brauchbar oder ob sie alt oder krank sind oder kein Deutsch können, weil sie jah­relang in Lagern gelebt haben”. Mohammed Jouni, Mit-Gründer von Jugendliche ohne Grenzen

Projekt MEGAVeranstaltungen

TALK #2 in der MEGA Talkreihe Shut Up and Listen! 

In Diskussionen rund um Empowerment und Widerstand gegen Unterdrückungsverhältnisse wird die Bedeutung des Körpers immer öfter her­vor­ge­hoben. Selbstverteidigungskurse wie auch Körper- und Stimmübungen aus den Bereichen Theater, Tanz, Performance und Gesang kommen als Empowermenttools in anti­ras­sis­ti­schen und queer-feministischen Bewegungskontexten im Umgang mit dem Aufgehalten- und Gestopptwerden im Alltag, in Behörden, in der Schule und anderen Bildungskontexten zunehmend zum Einsatz. 

Frei nach dem bra­si­lia­ni­schen Theatermacher Augusto Boal, der einmal sagte 

“It may be that theater in itself is not revo­lu­tionary, but have no doubt: it’s a rehearsal for revolution!” 

“Es mag sein, dass das Theater an sich nicht revo­lu­tionär ist, aber zweifeln Sie nicht daran: Es ist eine Probe für die Revolution!” 

haben wir für die 2. Edition unserer MEGA Talkreihe “Shut Up and Listen!” Gäst*innen ein­ge­laden, die uns erzählen, welches Potenzial sie vor allem in Tanz‑, Perfomance- und soma­ti­scher Körperarbeit für per­sön­liche und kör­per­liche Befreiungsmomente sehen, und welche bio­gra­phi­schen oder beruf­lichen Bezüge sie dazu haben. 

Wir freuen uns auf Sarah Naqvi, Olivia Hyunsin Kim und Thu Hoài Trần im Gespräch mit Shivā Amiri

Ihr könnt Euch ab jetzt für den Talk anmelden !

Termin: 6. Oktober 2022 (Donnerstag)
Einlass ab 19:30 h, Beginn um 20 h

Ort: BIWOC* Rising, die Räume sind sowohl per Aufzug als auch via Treppen erreichbar. Bitte beachtet, dass es leider keine rollstuhlgerechten/barrierefreien Toiletten vor Ort gibt.
Wenn möglich meldet Euch an, damit wir wissen, mit vielen Personen wir rechnen können. Spontane Teilnahme ist aber auch möglich.

Für Wen: Die Talkreihe ist ein Community-Event und richtet sich in erster Linie an BPoC & friends
++++ Corona-Regelung: Tagesaktueller Negativ-(Selbst-)Test und Maske ++++
Dokumentation: Das Panel wird per Video auf­ge­zeichnet und nach dem Event hier auf dieser Seite und auf Youtube zur Verfügung gestellt.

GÄST*INNEN

OLIVIA HYUNSIN KIM

Fotocredits: Christian Cattelan

Olivia Hyunsin Kim (올리비아 Hyunsin 金) geboren in Siegen, arbeitet als Künstlerin, Dozentin und Kuratorin in Berlin, Frankfurt a.M. und Seoul. Sie gewann den ersten Platz des Amadeu Antonio Kunstpreises 2019 für „Miss Yellow and Me – I wanna be a musical“. Sie schloss ihren Master in Choreografie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen und der HfMDK Frankfurt und ihren Bachelor in Germanistik mit Fokus aus Politikwissenschaften an der Seoul National University mit Auszeichnung ab. 2017 war sie danceWEB Stipendiatin beim Impulstanz, 2020–21 Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya und ist 2022 Stipendiatin beim Goethe-Institut Montréal/Choreographisches Zentrum Circuit-Est und Goethe Institut Salvador Bahia.

Unter dem Namen ddan­d­darakim arbeitet sie in wie­der­keh­renden Konstellationen mit Künstler*innen aus unter­schied­lichen Sparten an cho­reo­gra­phi­schen Arbeiten zu den Themen Körper, Identität und Feminismus. Ihre Arbeiten wurden u.a. in den Sophiensælen Berlin, im Art Sonje Center Seoul, am Mousonturm Frankfurt, im Museo Universitario del Chopo Mexiko City, in der Roten Fabrik Zürich, Rubanah Jakarta, zeit­rau­mexit Mannheim gezeigt. Ihre letze Arbeit „History has failed us, but…“ feierte im Februar 2022 in den Sophiensaelen Première. www.ddanddarakim.net

SARAH NAQVI

Sarah Naqvi‘s Arbeit ist situiert an den Intersektionen von Körpern, Wissen(sproduktion) und kol­lek­tiver Befreiung. Sarah biete soma­tische Körperarbeit an, welche sie macht­kri­tisch und trauma-informiert gestaltet. Sie arbeitet bei Zusammenleben Willkommen und ist Teil des Vorstands von kori­en­tation e.V.. Nebenbei ist sie in Form von Workshops und Bildungsarbeit frei­be­ruflich tätig u.a. zu Postkolonialismus, deko­lo­nialer Heilung und Antirassismus.

THU HOÀI TRAN

Thu Hoài Tran ist Theaterregisseur*in und arbeitet an der Schnittstelle von Theater, Wissenschaft & Empowerment. Bisherige Theaterarbeiten liegen im Bereich des partizipatorisch-politischen Theaters. Hoài ent­wi­ckelte mit einem Ensemble von BIPoC-FLINTA die Performance HALT am Berliner Ringtheater. Als Mitbegründer*in des Instituts für Affirmative Sabotage insze­nierte Hoài „Eine Erinnerung, dass wir Viele sind“ am Staatstheater Nürnberg. Wiederkehrendes Element der künst­le­ri­schen Arbeiten ist, welche Bedeutung Emotionen für Empowerment- und Solidaritätsprozesse haben. Darüber hinaus ist Hoài als freie*r Bildungsvermittler*in zu Themen wie Rassismuskritik und inter­sek­tio­naler Feminismus tätig.

MODERATION

Shivā Amiri ist ein*e mul­ti­me­diale Künstler*in, Theatermacher*in, Kurator*in. Shivā arbeitet künst­le­risch zu den Themen nicht-binäre queere Realitäten, Rassismus, Trauer und Healing. Shivā sehnt sich nach Orten & Residenzen, um mehr Theater zu machen. Shivā ist Empowertment- und Antidiskriminierungstrainer*in und arbeitet zu den Themen embodied social justice, Rassismus, kri­ti­sches Weißsein, Klassismus sowie Cis- und Heteronormativiät. Shivā bietet bun­desweit (Theater-)Workshops, Fortbildungen und inter­sek­tionale Prozessbegleitung an.

ANMELDUNG geschlossen.


Kooperationspartner

BIWOC* Rising is an empowerment project for women*, trans­gender and non-binary people, who are facing inter­sec­tional dis­cri­mi­nation. By creating a safe® work and social club, including training pro­grams, we promote social, pro­fes­sional and eco­nomic advancement through an inter­sec­tional community.


Zur MEGA-Talkreihe „shut up and listen!“

„shut up and listen!“ ist eine Talkreihe, in der divers posi­tio­nierte Asiatisch-Deutsche Stimmen aus den Bereichen Medien, Kunst, Wissenschaft, Tanz, Aktivismus und Kultur zusammen-kommen, und über die Themen dis­ku­tieren, die uns bei unserem Projekt MEGA besonders am Herzen liegen: (medialer) Widerstand, Empowerment(-räume) und Selbstrepräsentation(en).

Wir laden dazu ein, einfach mal still zu sein und zuzu­hören, was unsere span­nenden Gäst*innen zu sagen haben, die im deut­schen Mainstream immer noch viel zu selten mit und in ihren viel­fäl­tigen und auch wider­sprüch­lichen Perspektiven ‚gesehen‘, ‚gehört‘ und ‚gefragt‘ werden. Wir laden unsere Gäst*innen dazu ein, für sich selbst zu sprechen statt besprochen zu werden, ihre Analysen zu teilen statt ana­ly­siert zu werden, und sich in ihren unein­deu­tigen, mehr­fach­zu­ge­hö­rigen, brü­chigen, vor­läu­figen, stets in Bewegungen befind­lichen Subjektivitäten und Geschichten zu zeigen, statt in ste­reo­typen Bildern fest­ge­halten zu werden.

Projekt MEGA

„MEGA“ steht für „Media and Empowerment for German Asians“. Das Projekt hat zum Ziel, Asiatische Deutsche darin zu bestärken, ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen auf­zu­ar­beiten, ein­zu­ordnen, zu erzählen und sichtbar zu machen. Das (mediale) Bild von Asiatisch-Deutschen Menschen soll durch selbst­be­stimmte Bilder und Beiträge besetzt und diver­si­fi­ziert werden. Im Rahmen des Projekts MEGA wird eine Kombination von unter­schied­lichen Bildungsformaten ent­wi­ckelt, um unter­schied­liche Bereiche medialer Repräsentation abzudecken.

Diese Veranstaltung wird im Rahmen des Modellprojekts MEGA durch­ge­führt. MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales von Berlin im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.


BlogPolitikVerein

Dr. Kien Nghi Ha (Asian German Studies, Universität Tübingen)

[English version below]

Der am 16.04.2021 ver­öf­fent­lichte Offene Brief wurde zum Zeitpunkt seines Erscheinens von 32 asiatisch-deutschen bzw. asiatisch-diasporischen Organisationen und 235 Personen mit­ge­tragen. Hinzu kommen weitere soli­da­rische 175 Individuen sowie 93 unter­stüt­zende Organisationen, neben der Amadeu Antonio Stiftung, dem Bundesjugendwerk der Arbeiterwohlfahrt, Each One Teach One, der Stiftung Asienhaus und der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt auch die großen bun­desweit agie­renden migran­ti­schen Verbände: Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen, Dachverband der Migrant:innenorganisationen in Ostdeutschland, DaMigra – Dachverband der Migrantinnenorganisationen, neue deutsche orga­ni­sa­tionen und der Verband für inter­kul­tu­relle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity.

Nachdem der Offene Brief ver­öf­fent­licht wurde, folgten viele weitere Mitzeichnungen. Bis zum 16.05.2021 haben zusätzlich 46 Organisationen und 601 weitere Einzelpersonen den Brief mit­ge­zeichnet. Darunter sind Dachorganisationen wie der Antidiskriminierungsverband Deutschland, lokale Verbünde wie der Raum der Kulturen in Neuss oder das bun­desweit tätige Aktionsbündnis mus­li­mi­scher Frauen in Deutschland, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und der Verband bina­tio­naler Familien und Partnerschaften. Ebenso folgten weitere asiatisch-deutsche Initiativen dem Aufruf wie A.Unit / Afro-Asian Art Project (Wien), SrirachaHotNews (Offenbach am Main) und Vielfalt Vietnam e.V. (Frankfurt am Main).

Obwohl der Offene Brief vielfach Anklang gefunden hat und empowernd wirkt, möchte ich einen kri­ti­schen Punkt nicht ver­schweigen. Bereits kurz vor der Veröffentlichung des Offenen Briefes war mir die Auslassung der ras­sis­ti­schen Morde gegen deutsch-türkische Familien etwa in Mölln und Solingen in den 1990ern Jahren schmerzhaft auf­ge­fallen. Es tut mir weh, dass diese Auslassung mir nicht schon viel früher auf­ge­fallen ist, nämlich während der Abfassung. Im Brief können sicherlich nicht alle Formen ras­sis­ti­scher Gewalt und Ausgrenzung reprä­sen­tiert werden. Die Erwähnung von „Hanau“ steht als sym­bo­li­sches Zeichen, dass in diesem Brief diese anderen Formen mit­ge­dacht werden, auch wenn sie nicht explizit genannt werden. Trotzdem ist das nicht aus­rei­chend, weil das Ungleichgewicht, aber auch die Fragen nach poli­ti­scher Zentrierung fort­be­stehen. Vielleicht war dieses Übergehen aber auch eine unter­be­wusste, funk­tionale Betriebsblindheit, um diesen Brief über­haupt schreiben zu können und um sich nicht mit der Frage beschäf­tigen zu müssen, ob der Offene Brief Menschen mit etwa ara­bi­schen, indi­schen, ira­ni­schen, kur­di­schen oder tür­ki­schen Vibes poli­tisch als asiatisch-deutsche Betroffene claimen bzw. kon­tex­tua­li­sieren darf. Die diffuse, poröse wie wider­sprüch­liche Grenze zwi­schen unin­ten­dierter Ausgrenzung und unge­wollter Vereinnahmung ist sehr klein, zur Zeit auf der bewe­gungs­po­li­ti­schen Community-Ebene unent­schieden und daher nur indi­vi­duell ver­han­delbar. Aus diesem Grunde war es uns bei den Unterschriften wichtig zu fragen, wie die Betroffenen sich selbst ver­orten und posi­tio­nieren. Auf der Ebene der poli­ti­schen Repräsentation hätte ich zumindest im Möllner Fall İbrahim Arslan fragen können, der 1992 den ras­sis­ti­schen Brandanschlag auf seine Familie über­lebte, ob es für ihn Sinn macht, seine Großmutter Bahide Arslan, seine Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz in diesem Brief namentlich zu erwähnen.

Trotz dieser schwie­rigen Ambiguität kann dieser Offener Brief in asiatisch-deutschen Zusammenhängen als bahn­bre­chend bezeichnet werden: Erstmalig hat sich eine sehr breite und starke Koalition von ver­schie­denen asiatisch-deutschen und asiatisch-diasporischen Organisationen zusam­men­ge­schlossen, um öffentlich gegen­seitige, trans­na­tionale und inter­kom­munale Solidarität gegen anti-asiatischen Rassismus zu demons­trieren. Ebenso ist die wach­sende Unterstützung durch NGOs of Color und andere soli­da­rische Organisationen beein­dru­ckend. Zu guter Letzt hat dieser Offene Brief Asiatische Deutsche, asiatisch-diasporische, asia­tische und asia­tisch iden­ti­fi­zierte Menschen, die in und außerhalb Deutschlands leben, dazu ermutigt, poli­tische Forderungen zu erheben. Außergewöhnlich ist auch die inter­ge­ne­ra­tionale, cross­kul­tu­relle und sozial inklusive Zusammensetzung der Supporter aus sehr unter­schied­lichen asia­ti­schen Communities: Sie reicht vom Koch, Sicherheitsfachmann und Handelstreibenden bis hin zu den üblichen Aktivist*innen, Akademiker*innen und Kulturschaffenden. Neben Zeichnungen von alt­be­kannten Community-Mitgliedern sind auch viele neue Namen von Studierenden und z.T. auch Schüler*innen zu lesen, die sich in diesem Brief wie­der­finden können. Ebenso wesentlich ist die Tatsache, dass in diesem Brief Menschen mit Namen aus dem ara­bi­schen, tür­ki­schen und süd- und west­asia­ti­schen Sprachraum sich selbst als Asiatische Deutsche iden­ti­fi­zieren – für viele wahr­scheinlich zum aller­ersten Mal.

Aus all diesen Gründen, sowohl was die Stärken als auch die Unzulänglichkeiten angeht, ist das gemeinsame und mög­lichst gleich­be­rech­tigte Coming to Voice ungemein wichtig. Es ist davon aus­zu­gehen, dass dieser Offene Brief nicht nur ein Meilenstein bei der Formierung und Öffnung der Bewegung der Asiatischen Deutschen dar­stellt, sondern sich hof­fentlich auch als ein his­to­ri­sches Dokument auf dem Weg in ein post­mi­gran­ti­sches und post­ko­lo­niales Deutschland erweisen wird.

Link zum Offenen Brief: www.korientation.de/atlanta-offener-brief

Groundbreaking in Several Ways: On the Significance of this Open Letter in the Asian-German Context

Dr. Kien Nghi Ha (Asian German Studies, University of Tübingen)

The open letter was co-signed by 32 Asian-German and Asian-Diasporic orga­niza­tions and 235 self-identified Asian indi­vi­duals at the time of its publi­cation. In addition, there are another 175 indi­vi­duals in soli­darity as well as 93 sup­porting orga­niza­tions like Amadeu Antonio Foundation, Federal Workers‘ Welfare Youth Organization, Each One Teach One, Asia House Foundation and the Association of Counseling Centers for Victims of Right-Wing, Racist and Anti-Semitic Violence in Germany (VBRG). Furthermore, the major federal immi­grant asso­cia­tions are first signa­tories of the open letter: BAGIV (Federal Working Group of Immigrant Associations), BKMO (Federal Conference of Migrant Organizations), DAMOST (Umbrella Association of Migrants Organizations in East Germany), DaMigra (Umbrella Association of Migrant Women’s Self Organizations), ndo (New German Organizations) and VIW (Association for Intercultural Welfare, Empowerment and Diversity).

After the open letter was published, many more co-signatories fol­lowed. By May 16, 2021, more than 46 orga­niza­tions and 601 indi­vi­duals have addi­tio­nally signed the letter, including umbrella orga­niza­tions such as the Federal Anti-Discrimination Agency of Germany, local alli­ances such as Space for Cultures in Neuss or the nati­onwide Action Alliance of Muslim Women in Germany (AmF), Association of Binational Families and Partnerships (IAF) and the Initiative of Black People in Germany (ISD). Likewise, other Asian-German initia­tives fol­lowed the call such as A.Unit / Afro-Asian Art Project (Vienna), SrirachaHotNews (Offenbach am Main) and Diverse Vietnam (Frankfurt am Main).

Although the open letter has been well received and has an empowering effect, I do not want to conceal a cri­tical point. Shortly before the publi­cation of the open letter, I was pain­fully aware of the omission of the racist murders against German-Turkish families, for example in Mölln and Solingen in the 1990s. It pains me that this omission did not occur to me much earlier, during the drafting. Certainly not all forms of racist vio­lence and exclusion can be repre­sented in the letter. The mention of “Hanau” stands as a sym­bolic sign that in this letter these other victims are also thought of even if they are not expli­citly men­tioned. Nevertheless, this is not suf­fi­cient because the imba­lance as well as the ques­tions of poli­tical cen­tering and focus persist. Perhaps this omission was also a sub­con­scious, func­tional ope­ra­tional blindness in order to be able to write this letter at all and in order not to have to deal with the dif­ficult question of whether the open letter is poli­ti­cally entitled to claim or con­tex­tualize people with for example Arab, Indian, Iranian, Kurdish, or Turkish vibes as Asian-Germans. The diffuse, porous and con­tra­dictory line between unin­ten­tional exclusion and unin­ten­tional appro­priation is very small, curr­ently unde­cided at the com­munity level, and only indi­vi­dually nego­tiable. Therefore, it was important for us to ask how the people affected position them­selves when co-signing this letter. On the level of poli­tical repre­sen­tation, I could have asked İbrahim Arslan, who sur­vived the racist arson attack on his family in 1992 in Mölln, whether it made sense for him to mention his grand­mother Bahide Arslan, his sister Yeliz Arslan and his cousin Ayşe Yılmaz by name in this letter.

However, the open letter is ground­breaking for the Asian-German context despite this dif­ficult ambi­guity in several ways: For the first time, a very broad and strong coalition of diverse Asian-German and Asian-Diasporic orga­niza­tions has come tog­ether to publicly demons­trate mutual, trans­na­tional, and inter­com­munal soli­darity against anti-Asian racism. Likewise, the growing support from NGOs of Color and other pro­gressive orga­niza­tions has been impressive. Last but not least, this open letter has encou­raged Asian Germans, Asian dia­sporic, Asian and Asian iden­tified people living in and outside of Germany to raise poli­tical demands. The inter­ge­ne­ra­tional, cross-cultural and socially inclusive com­po­sition of sup­porters from very dif­ferent Asian com­mu­nities is also striking: it ranges from cooks, security pro­fes­sionals and tradesmen to the usual suspects including acti­vists, aca­demics and cul­tural workers. There are veteran and well-known com­munity members but also many new names of Asian stu­dents and in some cases even pupils who can be found in this letter. Equally essential is the fact that people with names from the Arabic, Turkish, South and West Asian lan­guages identify them­selves in this open letter as Asian Germans – for many also for the very first time.

For all these reasons, pointing to the strengths as well as the short­co­mings of this open letter, this joint and equality-based coming to voice is immensely important. It can be assumed that this open letter will not only be a mile­stone in the for­mation and diver­si­fi­cation of the Asian German Movement, but will hop­efully also prove to be a his­to­rical document on the way to a post-migrant and post-colonial Germany.

Link to the Open Letter: www.korientation.de/atlanta-offener-brief/#englishversion

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, forscht zu Asian German Studies an der Universität Tübingen. Als Publizist und Kurator arbeitet er auch zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus und Migration. Neueste Publikationen sind unter anderem der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (VÖ Juni 2021) als erwei­terte Neuauflage sowie das für die Heinrich Böll Stiftung her­aus­ge­gebene Dossier Geschlossene Gesellschaft? Exklusion und ras­sis­tische Diskriminierung an deut­schen Universitäten.

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Statement kori­en­tation Demo 28.03.2021, Foto Victoria Kure-Wu

Wir sind traurig.

Wir sind wütend.

Acht Menschen, davon sechs Frauen mit asia­ti­scher Einwanderungsgeschichte wurden am 16. März in Atlanta, Georgia, USA, ermordet. Als Frauen, als Migrantinnen, waren sie an einem stig­ma­ti­sierten Arbeitsort beschäftigt, in einer niedrig zuge­ord­neten sozialen Position. Diese sechs ermor­deten asia­ti­schen Frauen in Atlanta waren im Alltagsleben poten­tiell von inter­sek­tio­naler Diskriminierung betroffen.

Ein weißer Pastorensohn sah sich sym­bo­lisch legi­ti­miert, ihnen das Leben zu nehmen. In einem gesell­schaft­lichen und medialen Umfeld, in dem eine Abwertung von asia­ti­schen Frauen als Norm gesehen wird, lautet die Reaktion auf die Ermordung von acht Menschen: – „He just had a bad day“ – .

Wir sagen laut und klar: Dazu hatte er kein Recht.

Weiße ras­sis­tische Terroristen sind Terroristen. Weiße ras­sis­tische Terroristen sind keine bedau­erns­werten Männer mit indi­vi­du­ellen Problemen, die das Ermorden von Migrant*innen recht­fer­tigen. Weiße ras­sis­tische Terroristen sollten mit dem vollen Strafmaß für Mord bedacht werden, ohne Strafmilderung auf­grund von „psy­cho­lo­gi­schen Beeinträchtigungen“.

Wer waren die ermor­deten asia­ti­schen Frauen? Sie waren sechs starke Frauen aus China und Korea. Sie haben zum Teil auch noch in hohem Alter sehr hart gear­beitet, nicht nur für sich, sondern darüber hinaus, um ihre Familie zu unter­stützen. Ihre Geschichte ist in vie­lerlei Hinsicht uni­versal. In vielen Ländern dieser Erde, auch in Deutschland, arbeiten Migrantinnen aus asia­ti­schen Ländern, um ihre Familien zu unter­stützen. Sie arbeiten dabei zum Teil unter sehr pre­kären Bedingungen. Sie ver­dienen unsere Anerkennung und unseren Respekt.

Rest in Power. Wir werden euch nicht vergessen.

Der Jahrestag von Hanau ist noch nicht lange her. Es lassen sich nicht alle Aspekte mit den Ereignissen in Atlanta ver­gleichen. Dennoch sind einige Parallelen im insti­tu­tio­nellen Umgang mit ras­sis­ti­scher Gewalt sichtbar. An beiden Orten wurde viel zu spät, wenn über­haupt, auf Anrufe reagiert. Gegebenenfalls hätten noch mehr Menschen vor dem Tod bewahrt werden können, hätte die Polizei den Täter nach den ersten Schüssen am ersten Tatort fest­ge­setzt. Sind ras­si­fi­zierte Orte, also Orte, an denen sich Migrant*innen auf­halten, den kon­se­quenten Schutz durch den deut­schen Staat nicht wert?

Nicht nur Donald Trump sprach und spricht vom „China-Virus“, wenn er Covid-19 meint. Auch in Deutschland haben wir eine ras­sis­tische Berichterstattung über die Corona-Pandemie. Der Virus wird ras­si­fi­ziert und kul­tu­ra­li­siert. Der Virus wird China und asia­ti­schen Körpern her­kunfts­über­greifend zuge­schrieben. Es werden in den deut­schen Medien immer wieder Meldungen und Artikel mit Bildern von asia­ti­schen Gesichtern mit Masken illus­triert, auch wenn es sich um Infektionsherde in Ischgl handelt. Es wurde ein Sündenbock-Narrativ geschaffen, mit post­ko­lo­nialen Anleihen – wie bei­spiels­weise die Reproduktion des Begriffs „gelbe Gefahr“, ver­mischt mit einer Prise Verschwörungstheorien. Mit diesem Medialen Framing wird eine sym­bo­lische Legitimation für Angriffe auf und Diskriminierung von asia­ti­schen und Asiatisch-Deutschen Menschen geschaffen. Und die Anzahl der Angriffe und Diskriminierungsfälle, ins­be­sondere im öffent­lichen Raum, ist seit dem Beginn dieser Berichterstattung nach­weislich hochgegangen.

Anti-asiatischer Rassismus besteht natürlich nicht erst seit dem Beginn der Corona-Pandemie und seit den Morden von Atlanta. In unserem kol­lek­tiven Gedächtnis befinden sich die deutsche Kolonialpolitik in China, die „Chinesenaktion“ von 1944, die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, um nur einige his­to­ri­schen Ereignisse zu nennen. Es gibt eine unvoll­ständige Liste von indi­vi­du­ellen ras­sis­ti­schen Morden an asia­ti­schen Menschen, dazu gehören Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu (1980 in Hamburg), Phan Văn Toản (1997) oder Lie Yangjie (2016).

Mit Atlanta und Hanau als aktuelle und krasse Höhepunkte ras­sis­ti­scher Gewalt vor Augen müssen wir uns alle dafür ein­setzen, dass diese Morde nicht im nor­ma­tiven Alltagsgeschehen unter­gehen und ver­gessen werden. Wir zeigen Solidarität mit den Opfern dieser Anschläge und ihren Freund*innen und Familien.

Das bedeutet für uns gleich­zeitig, auch für unsere eigene Zukunft, unsere eigene Sicherheit und Gleichberechtigung in diesem Land zu kämpfen!

Die Demokratie in der wir leben, muss struk­turell von Grund auf dis­kri­mi­nie­rungs­ärmer gestaltet werden. Es muss ein gesell­schaft­liches Klima geschaffen werden, in dem Rassist*innen keine Legitimation mehr finden, auf keiner Ebene.

Forderungen:

  • Wir fordern von der deut­schen Regierung und Gesellschaft eine kon­se­quente und trans­pa­rente straf­recht­liche Verfolgung von ras­sis­ti­schen Morden und Straftaten.
  • Wir fordern eine klare und deut­liche Verurteilung von Rassismus und ras­sis­tisch moti­vierten Gewalttaten durch Politiker:innen, Behörden, Schulen, Polizei und Verwaltung sowie Personen des öffent­lichen Lebens aus allen Bereichen der Gesellschaft.
  • Wir fordern Sensibilisierungsmaßnahmen zu anti-asiatischem Rassismus für alle Angestellten im öffent­lichen Dienst, dazu gehört auch die Polizei.
  • Wir fordern die Anerkennung von anti-asiatischem Rassismus im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus.
  • Wir fordern die Einführung einer migran­tische Quote von 30% im öffent­lichen Dienst.
  • Wir fordern die Aufnahme der deut­schen Kolonialgeschichte sowie von Asiatisch-Deutschen Migrationsgeschichte(n) in das reguläre Curriculum von Insitutionen mit Bildungsauftrag.
  • Wir fordern eine soli­da­rische Parteilichkeit mit von Rassismus Betroffenen.
Ein blaues Poster, in dessen Mitte ein Bild in Ovalform zu sehen ist. Das ovale Bild zeigt eine Person, die in einen Lautsprecher spricht. Oben links auf dem Poster steht „In Memory In Resistance“. Rechts daneben steht „Veranstaltet von und in Solidarität mit asiatischen Diaspora Gemeinschaften“. Relativ mittig im Bild steht der Titel, der über das ovale Bild teilweise rübergelegt ist: „Demonstration für die Opfer des rassistischen Anschlags in Atlanta“. Unten links steht die Ortsangabe „US-Botschaft / Brandenburger Tor Mitte, Berlin“. Daneben steht das Datum „Sonntag 28.03.2021, 14 Uhr“. Ganz unten steht unser Hashtag #SolidaritätMitAtlanta.
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[English Version]
[한국어 버전]
[Vietnamesische Version]

Wir, als Teil der Asiatischen Diaspora, ver­an­stalten eine Demonstration in Gedenken und in Widerstand für die 8 Opfer des ras­sis­ti­schen Anschlags in Atlanta am 16. März 2021 – 6 der Opfer waren asia­tische Frauen. Angesichts weißer Vorherrschaft (white supremacy), den kapi­ta­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen und sexis­tisch patri­ar­chalen Strukturen in den USA, Deutschland und global, sprechen wir von einem geplanten Massaker und lehnen es ab, diese auf eine Schießerei zu reduzieren!

Am Sonntag, den 28. März um 14 Uhr, ver­an­stalten wir eine Demonstration vor der US-amerikanischen Botschaft beim Brandenburger Tor gegen white supremacy, Kapitalismus, Rassismus und Sexismus, um unsere Forderungen laut und klar mit­zu­teilen. Wir lehnen die Narrative ab, dass Polizeiintervention eine Lösung ist, und rufen unsere Community auf, zu einer anti­ras­sis­ti­schen, anti­se­xis­ti­schen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Agenda bei­zu­tragen. Wir soli­da­ri­sieren uns mit Schwarzen, Indigenen sowie People of Color Arbeiter*innen und Communities sowie mit allen Betroffenen von Rassismus.

Bitte tragt Masken und haltet die Hygienemaßnahmen ein. 

Die Speaker*innen und Artists werden noch auf unserer Facebook Veranstaltungsseite sowie in unseren Insta Stories bekannt gegeben.

Diese kol­lektive Protestaktion wird von fol­genden Organisationen unterstützt: 

DAMN*, ichbinkeinvirus.org, YEOJA Magazine, kori­en­tation, BAFNET Berlin Asian Film Network, Korea Verband, Diaspor.Asia und Einzelpersonen aus der Community.

Bitte schaut in unserem link.tree für alle Spendenlinks mit GoFundMe-Seiten für die Angehörigen der Opfer, unser Money Pool für die Kosten für die Demo sowie unsere Facebook Veranstaltungsseite:
https://linktr.ee/InMemoryInResistance

Bildbeschreibung: Ein blaues Poster, in dessen Mitte ein Bild in Ovalform zu sehen ist. Das ovale Bild zeigt eine Person, die in einen Lautsprecher spricht. Oben links auf dem Poster steht „In Memory In Resistance“. Rechts daneben steht „Veranstaltet von und in Solidarität mit asia­ti­schen Diaspora Gemeinschaften“. Relativ mittig im Bild steht der Titel, der über das ovale Bild teil­weise rüber­gelegt ist: „Demonstration für die Opfer des ras­sis­ti­schen Anschlags in Atlanta“. Unten links steht die Ortsangabe „US-Botschaft / Brandenburger Tor Mitte, Berlin“. Daneben steht das Datum „Sonntag 28.03.2021, 14 Uhr“. Ganz unten steht unser Hashtag #SolidaritätMitAtlanta.


[English] We, as part of the Asian Diaspora com­munity, are hosting a demons­tration in memory and in resis­tance for the 8 victims of the racist shooting in Atlanta on March 16th, 6 of whom were Asian women. We refuse to name this shooting as any­thing other than a mas­sacre done in light of the white supremacy, misogyny and capi­talism that thrives in both the U.S. and Germany and globally! 

On Sunday, 28 March at 2pm we will hold a rally in front of the U.S. Embassy by Brandenburger Tor against white supremacy, capi­talism, racism and sexism to make sure our demands are made loud and clear! We stand in soli­darity with the Black, Indigenous and People of Color-workers and com­mu­nities as well as all victims of racism!

Please don’t forget your masks and keep social distance. 

The demo program including speakers and artists will be added to our facebook event page and announced in our stories soon.

This coll­ective direct action is sup­ported by the orga­niza­tions
DAMN*, ichbinkeinvirus.org, YEOJA Magazine, kori­en­tation, BAFNET Berlin Asian Film Network, Korea Verband, Diaspor.Asia und other indi­vi­duals from the community.

Please visit our link.tree for links to all GoFundMe’s from the victims‘ families, our money pool to be used for orga­ni­sation expenses, and our facebook event page:
https://linktr.ee/InMemoryInResistance

Image description: A blue poster with an image in the middle of a person holding a mega­phone and speaking. Top left of the poster says, „In Memory In Resistence“. Top right of the poster says „Hosted by and in soli­darity with asian dia­spora com­mu­nities“. Main text of the poster says, „A demons­tration for the Atlanta shooting victims“. Bottom left of the poster says „US Embassy / Brandenburger Tor Mitte, Berlin“ Bottom right says „Sunday 28.03.2021 2PM“ Final text at the very bottom of the poster says „#soli­da­ri­tätmitat­lanta“.



[Korean] 우리, 아시아 디아스포라 공동체는 3월 16일의 애틀랜타 총기난사 사건이 낳은 6명의 아시안 여성을 포함한 희생자 8명을 추모하고 그에 저항하는 시위를 벌입니다. 우리는 이 총격 사건을 미국과 독일 그리고 세계적으로 커져가는 백인 우월주의, 여성 혐오, 자본주의에 비추어 행해진 대학살 그 외의 어떤 것으로도 명명하기를 거부합니다.

3월 28일 일요일 오후 2시, 우리의 요구를 크고 분명하게 전달하기 위해 브란덴부르크 토르 옆 미국 대사관 앞에서 백인 우월주의, 자본주의, 인종주의와 성차별에 반대하는 시위를 열 것입니다! 우리는 경찰의 개입이 해결책이라는 생각을 거부하고 우리 지역사회가 흑인, 원주민, 그리고 유색인종들과 연대하여 폐지론적 의제에 기여할 것을 촉구합니다!

모두 마스크를 지참하고 사회적 거리를 유지하세요.


[Vietnamese] Chúng tôi, một phần của cộng đồng người dân châu Á, đang tổ chức một buổi canh thức để tưởng nhớ 8 nạn nhân bị thảm sát trong vụ nổ súng ở Atlanta vào ngày 16 tháng 3, trong đó có 6 người là phụ nữ châu Á. Chúng tôi tạm gọi vụ thảm sát này là hậu quả của phân biệt giới tính nam nữ và quyền bình đẳng của Phụ Nữ cũng như sự thống trị của chủ nghĩa tư bản và quyền lực của người da trắng tại Hoa Kỳ, Đức và trên toàn thế giới. 

Vào 2 giờ chiều chủ nhật ngày 28 tháng 3 năm 2021, chúng tôi sẽ tổ chức một buổi diễn tập trước toà nhà Lãnh Sự Quán Mỹ tại Đức ở Branden Burger Tor để chống lại sự quyền lực của người da trắng, chủ nghĩa tư bản, sự phân biệt chủng tộc, và chế độ phụ hệ. Chúng tôi muốn tiếng nói và yêu cầu của chúng tôi được ghi nhận.Chúng tôi phản đối sự can thiệp của cảnh sát là giải pháp và kêu gọi cộng đồng đoàn kết và hỗ trợ các cộng đồng người Da Đen, bản địa, và da màu.

Xin đeo khẩu trang khi đến tham dự sự kiện, và nhớ giữ khoảng cách an toàn giữa mọi người.


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„The Bubbly T’s“ teilen heute den Radiobeitrag der Ini Postmigrantisches Radio zum ersten Jahrestag von Hanau. 

„Wir, das ist die Initiative Postmigrantisches Radio, möchten einen Teil dazu bei­tragen, das Gedenken und Erinnern an die Menschen, die beim Terroranschlag in Hanau am 19. Februar ums Leben kamen, für alle Menschen möglich sein kann und nicht ver­gessen wird. Wir möchten auch dazu bei­tragen, dass die Wünsche und die poli­ti­schen Forderungen der Angehörigen und Betroffenen erfüllt werden. Dafür haben wir einen Radio Beitrag zusam­men­ge­stellt, mit dem wir erinnern wollen, dass der 19. Februar kein nor­maler Tag für die meisten Menschen in Deutschland mehr sein wird. Wir bitten euch, wenn möglich diesen 5 minü­tigen Radiobeitrag in euren Radios zu spielen/auf euren Plattformen hochzuladen. 

Ein paar Worte zu unserer Initiative: Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich über das Medium des Radios kri­tisch mit Herrschafts- und Machtstrukturen der weißen Mehrheitsgesellschaft aus­ein­ander setzt. Wir bezeichnen uns als post­mi­gran­tisch, migran­tisch, queer, kana­ckisch, BPOC und reprä­sen­tieren all das, wovor die AFD und Horst Seehofer Angst haben. Wir sind die Gesellschaft der Vielen, die die Differenz zum Ausganspunkt unseres Schaffens macht und diese Unterschiede im Radio über Diskurs, Politik, Musik und Pop-Kultur zum Thema machen will. Der Jingle soll im Rahmen unsere der­zei­tigen Möglichkeiten ein Beitrag dazu leisten das Erinnern an Hanau Bundesweit zum Thema zu machen und daran zu erinnern das wir alle dafür ver­ant­wortlich sind, dass es kein wei­teres Hanau geben wird.“ 

Instagram: @postmigradio
Credit Cover Art: Instagram @parva_zahed

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Eine Nacht im April, knapp drei Monate nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie in Deutschland: Eine Gruppe Mitfahrender belästigt ein süd­ko­rea­ni­sches Paar mit sexis­ti­schen und ras­sis­ti­schen Beleidigungen in der Berliner U‑Bahn. Zwei weitere Mitfahrende beob­achten den Vorfall unter Gelächter. Als eine der betrof­fenen Personen beginnt den Vorfall per Handykamera zu doku­men­tieren, greift ein Teil der Gruppe das Paar kör­perlich an und bespuckt die beiden. Die Polizei wird noch während der U‑Bahnfahrt ein­ge­schaltet. Sie kann die aus der U‑Bahnstation Fehrbelliner Platz flüch­tenden Angreifer nicht stellen, macht aber die beiden Beobachter*innen ausfindig. 

Das Paar will Anzeige stellen, was die Polizei jedoch mit der Begründung ablehnt, dass es sich seitens der Angreifenden nicht um ras­sis­ti­sches Verhalten handele. Erst nachdem eine der beiden Betroffenen tele­fo­nisch den süd­ko­rea­ni­schen Vizekonsul kon­tak­tiert, lenken die Polizist*innen ein. Sie nehmen nun zwei Anzeigen auf, unter anderem auch eine gegen die beiden Betroffenen: Die beiden Beobachter*innen fühlen sich ras­sis­tisch beleidigt. Das Paar hat sie als Rassist*innen bezeichnet.

Rassismus in Zeiten von Corona

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Zahl und das Ausmaß an ver­baler und kör­per­licher Gewalt gegenüber asia­tisch gele­senen Personen in Deutschland und auch weltweit stark zuge­nommen. Erfahrungen, die Betroffene über Social Media öffentlich machen, decken sich mit den Daten aus dem Infopapier zu Diskriminierungserfahrungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Dieses hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Anfang Mai bereitgestellt.

Von den 100 Beratungsanfragen, die bis Mitte April im Zusammenhang mit dem Coronavirus ein­ge­gangen sind, handelt es sich in 58 Fällen um Diskriminierungserfahrungen aus ras­sis­ti­schen Gründen, besonders von Personen, denen eine asia­tische Herkunft zuge­schrieben wird. Die Erfahrungen reichen von ver­balen und kör­per­lichen Attacken zur Verweigerung von medi­zi­ni­schen Behandlungen oder Dienstleistungen und Bedrohungen durch Hassbotschaften am Arbeitsplatz und am Wohnort. Auch Fälle von insti­tu­tio­nellem Rassismus wurden gemeldet, z.B. durch Racial Profiling, also Polizeikontrollen auf Basis von ste­reo­ty­pi­sie­renden Annahmen und äußer­lichen Merkmalen.

Die Dunkelziffer ras­sis­ti­scher Übergriffe auf asia­tisch gelesene Personen ist auf ein Vielfaches höher ein­zu­schätzen. Darauf lassen die zahl­reichen Erfahrungen und Zeug*innenberichte schließen, die Betroffene bisher in pri­vaten Accounts in den sozialen Netzwerken, der Presse und unter dem Hashtag #IchBinKeinVirus geteilt haben. Dazu kommen die Erlebnisse all der­je­nigen, die sich dazu ent­schieden haben, mit diesen indi­vi­du­ellen und oft scham­vollen Erfahrungen nicht nach außen zu treten oder die keinen Zugang zu Hilfs- und Dokumentationsstrukturen haben.

Rassistische Berichterstattung zu Corona

Ebenfalls mit Beginn der Corona-Pandemie haben kori­en­tation und viele andere Asiatisch-Deutsche Akteur*innen einen Anstieg pro­ble­ma­ti­scher Medienberichterstattung zu COVID-19 fest­ge­stellt und öffentlich darauf hin­ge­wiesen. Bereits am 5. Februar hat das Team von kori­en­tation gemeinsam mit den Neuen deut­schen Medienmacher*innen in der Pressemitteilung „Rassismus ‚Made in Media‘ – Diskriminierende Berichterstattung zum Coronavirus“ darauf auf­merksam gemacht. Die Pressemitteilung weist auf den Zusammenhang von dis­kri­mi­nie­rendem und kul­tu­ra­li­sie­rendem Framing und/oder mehr­deu­tigen, ste­reo­ty­pi­sie­renden, kli­schee­be­la­denen und unsach­lichen Text-Bild-Verknüpfungen in Beiträgen vom Spiegel, der Bild und des FOCUS Magazins und dem wach­senden anti-asiatischem Rassismus hin. Trotz Hinweisen und Handlungsvorschlägen zum dis­kri­mi­nie­rungs­sen­siblen Berichten wird die Liste der Artikel, Cover und Bebilderungen, die anti-asiatischen Rassismus befeuern bis heute stetig länger.

Wir alle wissen, dass ste­reo­ty­pi­sie­rende und sug­gestive Sprache und Bilder beein­flussen, wie Menschen wahr­ge­nommen werden. Dabei geht es nicht allein um Worte einiger weniger aus dem kon­ser­va­tiven und rechten Spektrum. Auch mediale Berichterstattung hat darin eine Verantwortung. Sie ist nicht unschuldig, denn: Bilder wecken Assoziationen, Sprache schafft Wirklichkeit und Worte führen zu Taten. Bebilderungen von Integrationsdebatten mit kopf­tuch­tra­genden Frauen (meist von hinten) oder Generalverdächtigung eines gesamten Berliner Stadtteils als „Clan-Kriminelle“ gehören dazu. Wir wissen his­to­risch durch den Nationalsozialismus und erleben gegen­wärtig mit den NSU Morden und den Morden in Hanau, wie dis­kri­mi­nie­rende Repräsentation von Minderheiten zu töd­lichen Konsequenzen führt.

Wenn der Spiegel schreibt: „CORONA VIRUS – Made in China [in gelber Schrift] – Wenn Globalisierung zur töd­lichen Gefahr wird“, der Schwarzwälder Bote über einen lokalen Karneval mit dem Titel „Chinese mit Atemschutzmaske baumelt über der Stadt“ berichtet und der Cicero seine Mai-Ausgabe mit „Gruß aus Wuhan – China, Corona und der Schaden für die Welt“ betitelt, wissen asia­tische gelesene Menschen und BIPoC, was als nächstes pas­siert – nämlich ange­spuckt, beleidigt, mit Desinfektionsmittel ein­ge­sprüht, vom Fahrrad geschubst werden und mehr.

Vielen ist dies nicht bewusst, andere blenden es aus. Wir bezweifeln jedoch, dass es saubere jour­na­lis­tische Arbeit ist, Bilder wie „die Gelbe Gefahr“, die ihren ras­sis­ti­schen Ursprung in der Kolonialzeit haben, ohne Kontextualisierung auf die Corona-Pandemie zu über­tragen und wieder salon­fähig zu machen. Gleiches gilt für Redaktionen, die mit dem Schüren von Panik und der Emotionalisierung ihrer Leser*innen darauf abzielen, ihre Auflage- und Absatzzahlen zu steigern. Ob unbe­wusst oder ignorant, sie handeln fahr­lässig und nehmen für kapi­ta­lis­ti­schen Gewinn in Kauf, ras­sis­tische Gewalt zu verstärken.

Fremddarstellung von asiatisch gelesenen Menschen und ihre Folgen

Was vielen nicht-asiatischen Menschen ver­mutlich auch nicht bewusst ist: Die Fremddarstellung asia­tisch gele­sener Menschen hat eine lange Kontinuität, deren Auswirkungen asia­tische Menschen heute noch spüren.

Nehmen wir das Beispiel „Yellow Fever“ – oder in anderen Worten: die Fetischisierung asia­ti­scher Frauen*. Yellow Fever gründet auf dem Bild der (sexuell) unter­wür­figen asia­ti­schen Frau*, das – wer hätte es geahnt – ein weißer Schriftsteller namens Pierre Loti im Jahr 1887 als Motiv für seine Novelle „Madame Chrysanthème“ gewählt hat und das seitdem in Opern, Musicals und zahl­reichen Filmen bis heute repro­du­ziert wird. Verstärkt wurde dieses Bild durch sys­te­ma­tische Förderung von Prostitution in süd‑, süd-ost- und ost-asiatischen Ländern zum Zweck der „Rest and Relaxation“ US-amerikanischer Soldaten während der Kriege in Japan, Korea und Vietnam. 85% der US-Soldaten gaben an, bei dieser Gelegenheit sexu­ellen Kontakt zu einer Prostituierten gehabt zu haben. Diese Fetischisierung wie­derum spiegelt sich in den hohen Klickzahlen der ras­si­fi­zierten Pornokategorie „asia­tisch“ und hat nega­tiven Einfluss auf die Lebensrealitäten asia­tisch gele­sener Frauen*. kori­en­tation wurde Anfang April von einer betrof­fenen Person über gehäufte Fälle infor­miert, in denen ein weißer Mann in Berlin-Kreuzberg gezielt asia­tische Frauen* digital ges­talked, sexuell belästigt und emo­tional mani­pu­liert hat.

Im Coronakontext erleben asia­tisch gelesene Frauen* in einer wei­teren Dimension, wie sich ras­sis­tische und sexua­li­sierter Gewalt in obs­zönen und ent­wür­di­genden Übergriffen ver­quickt: Eine asia­tisch gelesene Frau berichtet, dass ihr ein fremder Mann seinen Finger in den Mund gesteckt und dann lachend behauptet hat, er sei schon mit dem Virus infi­ziert, aber er liebe asia­tische Frauen.

Model Minority Myth und anti-asiatischer Rassismus

Mit der Zuschreibung, eine „Model Minority“, also die „gut Integrierten“ zu sein, erfahren manche asia­tisch gelesene Personen (v.a. die sicht­baren) im Vergleich zu anderen negativ stig­ma­ti­sierten People of Color (u.a. auch weniger sichtbare asia­tische* Gruppen) eine gesell­schaft­liche Besserbehandlung. Der Preis für diese Privilegien ist die Erfüllung und Verinnerlichung der ste­reo­typen Rolle der „stillen Asiat*innen“ und ent­spre­chend dank­bares Verhalten. Doch diese Rechnung geht nicht auf, denn über diese ver­meintlich „positive“ (vor allem aber auch pater­na­lis­tische) Zuschreibung werden die ver­schie­denen von Rassismus negativ betrof­fenen Gruppen hier­ar­chi­siert und gegen­ein­ander aus­ge­spielt. Und der Rassismus gegen asia­tisch gelesene Personen exis­tiert trotzdem, auch wenn Betroffenen ihre Rassismuserfahrungen oft abge­sprochen oder nicht ernst genommen werden.

Besonders pro­ble­ma­tisch wird es, wenn dies durch die­je­nigen Strukturen geschieht, deren Aufgabe es ist, Personen zu schützen, Straftaten zu ver­folgen und Täter*innen zur Verantwortung zu ziehen. Das Verhalten der Polizei, die im Angriff auf das ein­gangs genannte korea­nische Paar weder sexuelle noch ras­sis­tische Belästigung erkennen wollte, findet dabei auf der ver­gleichs­weise noch „harm­lo­seren“ Seite des Spektrums insti­tu­tio­nellen Rassismus statt.

Wir möchten an dieser Stelle aber auch daran erinnern:

Dass beim mehrmals in der Presse ange­kün­digten Pogrom in Rostock-Lichtenhagen von 1992 sowohl die Polizei als auch die Landesregierung von Mecklenburg Vorpommern ras­sis­tische Motive igno­riert, und Hilfeleistung und Strafverfolgung unter­lassen haben.

Dass die Polizei bei einer Festnahme viet­na­me­si­scher Männer 1993 in Bernau und 1994 in Leipzig Racial Profiling, ras­sis­tische und sexua­li­sierte Gewalt ange­wendet hat.

Und dass im Mai 2016 die chi­ne­sische Architekturstudentin Yangjie Li von einem Mann ver­ge­waltigt und ermordet wurde, dessen Mutter zum Zeitpunkt der Tat Polizistin und dessen Stiefvater Polizeichef von Dessau waren. Letzterer half dem Täter und dessen Freundin kurze Zeit nach dem Mord beim Umzug aus der Wohnung in unmit­tel­barer Nähe des Tatorts. In Dessau ist 2005 auch Oury Jalloh, eine Schwarze Person, unter unge­klärten Umständen in Polizeigewahrsam verbrannt.

Was müssen wir also tun?

Rassismus gegen asia­tisch gelesene Personen ist eine von vielen ver­schie­denen Formen des „Othering“, also der Konstruktion eines ras­si­fi­zierten „Anderen“. Er findet auf unter­schied­lichen struk­tu­rellen Ebenen, in unter­schied­lichen Bereichen, mit unter­schied­lichen geschicht­lichen Kontexten und in unter­schied­lichen Funktionen statt. Er ist oftmals geschlechts­spe­zi­fisch und variiert auch entlang anderer Diskriminierungskategorien. Er ist ebenso viel­fältig wie die Positionierungen asia­tisch gele­sener Menschen in Deutschland. Der spe­zi­fisch mit der Corona-Pandemie auf­flam­mende Rassismus richtet sich in unter­schied­lichen Ausprägungen auch gegen Jüdische Menschen, Sint*ezza und Rom*nja, Schwarze Menschen und andere People of Color. Eine feh­lende Positionierung bzw. Schweigen und Abwertung ihrer Rassismuserfahrungen (nicht nur im Corona-Kontext) sind Bestandteile einer Dynamik, mit der Betroffenen gezeigt wird, dass sie in der Gesellschaft keine gleich­wertige Position einnehmen.

Als Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven schließen wir fol­gendes Fazit:

Politiker*innen, Behörden, Schulen, Polizei und Verwaltungen müssen das Thema anti-asiatischer Rassismus auf­greifen und eine klare Stellung dazu beziehen. Außenminister Heiko Maas hatte sich Anfang April zwar kri­tisch zu den im Coronakontext auf­ge­tre­tenen Beleidigungen gegenüber Französ*innen geäußert, anti-asiatischer Rassismus scheint aber bisher kein Thema zu sein. Wenn staat­liche Institutionen dazu schweigen, ver­mittelt dies die Botschaft, dass ras­sis­ti­sches Verhalten akzep­tiert wird und erlaubt ist. Institutionen müssen einen Plan und Regeln ent­wi­ckeln, wie mit ras­sis­ti­schem und dis­kri­mi­nie­rendem Verhalten umge­gangen werden soll.

Alle Polizist*innen müssen verbale und kör­per­liche Angriffe auf asia­tisch gelesene Menschen ernst­nehmen und ihrer Verpflichtung nach­kommen, dagegen Anzeige auf­zu­nehmen. Die Polizei muss sich sowohl intern als auch im Kontakt nach außen ernsthaft mit diesem Thema beschäf­tigen und sich sen­si­bi­li­sieren. Für die Betroffenen ras­sis­ti­scher Übergriffe ist es doppelt trau­ma­ti­sierend, wenn ihnen ver­mittelt wird, dass ihre Erfahrungen eine Strafverfolgung nicht wert sind.

Personen, die nicht negativ von Rassismus betroffen sind, sollen Erfahrungen asia­tisch gele­sener Menschen nicht in Frage stellen oder ver­harm­losen und jede Form von anti-asiatischem Rassismus unter­lassen. Daher der Appell: Wenn Ihr ras­sis­tische Übergriffe beob­achtet, zeigt Euch soli­da­risch und leistet Beistand. Lasst ras­sis­ti­sches Verhalten nicht einfach stehen oder igno­riert es. Jede Person, die sich in so einem Fall kri­tisch äußert, kann Vorbild für andere sein.

Medienschaffende müssen sich und ihre Redaktionen grund­sätzlich und spe­ziell im Kontext der Corona-Pandemie auf kul­tu­ra­li­sie­rendes, ste­reo­ty­pi­sie­rendes, unsach­liches oder ras­sis­ti­sches Framing bzw. Bild-Text-Verknüpfungen über­prüfen und nach­bessern. Als Hilfestellung, wie es besser gemacht werden kann, emp­fehlen wir Glossare und Leitfäden zum dis­kri­mi­nie­rungs­sen­siblen Sprachgebrauch. Auf der Webseite von No Hate Speech https://no-hate-speech.de/de/wissen/ ist eine Sammlung zu finden.

Und zu guter Letzt: Liebe Asiatisch-Deutsche Menschen, scheisst auf den Model Minority Mythos, er bringt Euch nichts außer ein fal­sches Gefühl von Anerkennung. Auch für uns und gerade in Anbetracht der nicht endenden ras­sis­ti­schen (Polizei-)Gewalt in den USA und hier in Deutschland vor allem gegen Schwarze Menschen ist es unum­gänglich, uns selbst zu reflek­tieren. Im Vergleich zu anderen von Rassismus negativ Betroffenen, aber auch innerhalb und zwi­schen unseren Communities sind Privilegien ungleich ver­teilt. Lasst uns darüber sprechen, von­ein­ander lernen, unsere eigenen ver­in­ner­lichten Rassismen ver­lernen, gemeinsam auf­stehen und uns und andere BIPoC in ihren Kämpfen unter­stützen!

Sina Schindler, kori­en­tation e.V.