Rassismus in deutschen Medien ist kein Ausrutscher, sondern ein fortbestehendes Phänomen. Und das, obwohl er schon lange von betroffenen Communities und darüber hinaus adressiert, kritisiert und analysiert wurde.
Am 12.07.2026 ist der Moderatorin Andrea Kiewel in der Sendung ZDF Fernsehgarten angesichts einer Pokemon-Karte mit japanischen Schriftzeichen eine rassistische Äußerung („Ch*Ch*Ch*“) „herausgerutscht“. Nach dem Vorfall haben Medienschaffende und Menschen aus den Communities sofort das Thema aufgegriffen und sichtbar gemacht: Sie haben Programmbeschwerden eingereicht, sich gegenseitig informiert und ausgetauscht, eine fundierte, kritische Einordnung der Szene (Timecode ca. bei 1:03:50) vorgenommen, geteilt und verbreitet.
Aufgrund der sichtbaren Kritik in den Sozialen Medien ist auch die Mainstream-Presse auf den Vorfall und den zutage tretenden Anti-Asiatischen Rassismus aufmerksam geworden. Das ZDF hat daraufhin das übliche Standard-Prozedere eingehalten und eine Sorry-not-sorry-Entschuldigung mit den ebenfalls üblichen Floskeln veröffentlicht. Das ZDF stelle sich „explizit gegen jede Form von Rassismus.“ Unklar ist, wie das ZDF das bewerkstelligen möchte, wenn weder der Sender noch die Moderatorin wirkliche Verantwortung für den Vorfall übernehmen: Der Sender teilt mit, dass die Moderatorin den Vorfall „bedauert“. Es „sei der Live Situation geschuldet und keinesfalls rassistisch gemeint“.
Der Verweis auf die Absicht hält an einem Verständnis von Rassismus als individuelles Vorurteil fest und lenkt von den rassistischen Strukturen in Massenmedien und Redaktionen ab. Die Logik: Es ist keine böse Absicht, also auch nicht (so) schlimm, folglich gibt es nichts, was geändert werden muss. Genau solche Ausreden wie die des ZDFs ermöglichen es immer wieder, dass sich rassistische Entgleisungen wiederholen – ob nun live oder aufgezeichnet.
Einzelpersonen, Initiativen und Vereine – auch wir – haben in den letzten Jahren immer wieder auf den weitgehend unbeachteten Anti-Asiatischen Rassismus in Berichterstattungen aufmerksam gemacht, der in der Pandemie besonders offen zutrage trat. Und Organisationen wie u.a. die Neuen deutschen Medienmacher*innen bemühen sich seit Jahren darum, gezielt Redaktionen wie auch journalistischen Kolleg*innen das erforderliche Grundwissen in Sachen diskriminierungssensibler Berichterstattung an die Hand zu geben.
Trotzdem fordern wir Mainstream-Medien auch noch im Jahr 2026 – immer und immer wieder aufs Neue – auf, Verantwortung für rassistische Vorfälle in ihren Sendungen und Berichterstattungen zu übernehmen.
Vor diesem Hintergrund begrüßen wir die Initiative von Asian Voices Europe, der wir uns explizit anschließen.
Asian Voices Europe hat einen Offenen Brief an das ZDF formuliert, in dem sie nicht nur den Vorfall analysieren sowie eine echte Entschuldigung einfordern.
Sie fordern darüber hinaus:
1) die Aufarbeitung des rassistischen Vorfalls durch den Sender
2) Schulungen zu anti-asiatischem Rassismus von Moderation- und Redaktionspersonal sowie Produktionsleitungen
3) konkrete Handlungskonzepte zum Umgang mit rassistischen und diskriminierenden Inhalten im Rahmen von Live-Sendungen
Hier findet ihr den Offenen Brief in verschiedenen Sprachen*:
https://www.asianvoiceseurope.org/openletter-15072026
* Bislang (Stand 17.07.) gibt es die folgenden Sprachversionen: Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Japanisch, Koreanisch, Spanisch. Gern bei AVE melden für Übersetzungen in weitere Sprachen!
Was könnt ihr tun?
- Unterstützt den Offenen Brief von Asian Voices Europe durch eure Unterschrift und leitet ihn weiter an eure Netzwerke. https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSeKtfCI0v1PVrlfzbVquIEy64TE-PAwSpMWG1YBKMAO8G8Hhg/viewform
- Berichtet darüber, teilt es auf Social Media, tagged dabei den ZDF-Account und teilt den Offenen Brief von Asian Voices Europe.
- Reicht viele weitere Prorammbeschwerden ein, so kann der Druck auf den Sender erhöht werden: https://www.zdf.de/unternehmen/organisation/gremien/fernsehrat/formular-foermliche-programmbeschwerde-100.html
Links
Mehr zu Anti-Asiatischem Rassismus in den Medien findet ihr in den folgenden Links (eine kleine Auswahl!):
korientation, Rassismus in der COVID-19-Berichterstattung, Zeitraum 01/2020 – 02-/2021
https://www.korientation.de/projekte/projekte-verein/corona-rassismus-medien/
Victoria, anti-asiatischer Rassismus in den Medien – Wie Medien Rassismus befördern und was sie dagegen unternehmen können, Blogbeitrag vom 23.06.2020
www.korientation.de/anti-asiatischer-rassismus-medien/
Thematisierung der Ausstrahlung des Ch*Ch*Ch*-Slur im ARD
korientation, Rassismus als „Tradition“? Die jährliche Berichterstattung zum „Chinesenfasching“ (2025)
https://www.korientation.de/rassismus-berichterstattung-chinesenfasching/
Kien Nghi Ha, Anti-Asiatischer Rassismus in deutschen Medien, Migazin vom 15.08.2022
https://www.migazin.de/2022/08/15/anti-asiatischer-rassismus-in-deutschen-medien/
Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V., Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch, 2. Aufl. 2022
https://www.oegg.de/leitfaden-fuer-einen-rassismuskritischen-sprachgebrauch-2-aktualisierte-auflage/
Neue deutsche Medienmacher*innen: https://www.neuemedienmacher.de/
Bundesweites Netzwerk von Medienschaffenden, die journalistische Praxis und konstruktive Medienkritik verbinden. Hier finden sich vielfältige Angebote zu diskriminierungssensibler Berichterstattung
Aktuell: Rassismus Report des Kitt Kollektivs (2026)
https://mediummagazin.de/news/beitrag/1297-rassismus-in-den-redaktionen.html
https://taz.de/Sarah-Zaheer-zu-Rassismus-in-Redaktionen/!6191170/
Kitt Kollektiv: 7 Schritte, die Medienschaffende und Betroffene unterstützen (2026)
https://mediummagazin.de/news/beitrag/1295–7‑schritte-gegen-rassismus.html