korientation ist eine (post)migrantische Selbstorganisation und ein Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven mit einem gesellschaftskritischen Blick auf Kultur, Medien und Politik.
🎭 Veranstaltung: „Wenn der Sturm tobt, sollten wir enger beieinander stehen“ – Fachtag zu Asiatischen Perspektiven gegen Krieg und Rassismus 📅 Wann: Freitag 11.07.2025, 12–18 Uhr 📍 Wo: Seminarhaus Inhaus, Neuerburgstraße 2 in 51103 Köln-Kalk 🎫 Teilnahme: alle sind wilkommen, kommt einfach vorbei! 🦠 Infektionsschutz: Bitte seht bei Erkältungs- und Grippesymptomen von einer Teilnahme ab. Falls ihr weitere Hygienemaßnahmen benötigt, schreibt uns gerne.
Hunderte von Milliarden werden in die Aufrüstung Europas gesteckt, um sich auf kommende Kriege vorzubereiten. Das ist in Köln besonders spürbar: In Mülheim setzt sich ein Unternehmen nieder, dass eine neue Generation an Kriegspanzern entwickeln wird. Zugleich wird in Merheim diskutiert, ob das neue Krankenhaus einen unterirdischen Trakt bekommt, um Verwundete auch in Notsituation behandeln zu können. Mal steht es zwischen den Zeilen, mal explizit drin: Die Vorbereitungen für den Kriegsfall in Deutschland laufen auch Hochtouren.
Asiatische Communities haben viel über Krieg zu sagen. Kriege und Genozide sind die Gründe, weshalb viele von uns überhaupt hier sind. Zu Kriegszeiten wird rassistische Propaganda besonders hochgefahren, wie wir auch aus dem deutschen Krieg um die Kolonisierung in China lernen können. Gemeinsam mit unterschiedlichen Diaspora-Gruppen wollen wir über Kriege, die Gegenbewegungen, Solidarität und Widerständigkeit diskutieren. Die von den Nazis inhaftierte chinesische Kommunistin und Widerstandskämpferin Hu Lanqi hat im deutschen Gefängnis geschrieben: „Wenn der Sturm tobt, sollten wir enger beieinander stehen“. Wir halten das für einen sinnvollen Appell der Gegenwart.
Wir Beiträgen von:
Krieg und (anti-asiatischer) Rassimus (korientation)
War on the Poor (ALPAS Pilipinas)
Militarismus und Prostitution in Korea seit dem 20. Jh. bis heute (Han Nataly Jung-Hwa, Koreaverband)
Verstrickungen und Spaltungen: (Post-)koloniale Kriege und Asiatisch diasporische Erinnerungsgemeinschaften (Kien Nghi Ha)
Gewalt und Widerstand. Krieg um Tamil Eelam (Sowmya Maheswaran)
Ablauf
12.00 Ankommen mit Getränken
12.15 Einführung in den Fachtag
12.25 Krieg und (anti-asiatischer) Rassimus (korientation)
13.10War on the Poor (ALPAS Pilipinas)
13.55 - 60 Min Pausemit Essen
15.00 Militarismus und Prostitution in Korea seit dem 20. Jh. bis heute (Han Nataly Jung-Hwa, Koreaverband)
15.55 Verstrickungen und Spaltungen: (Post-)koloniale Kriege und Asiatisch diasporische Erinnerungsgemeinschaften (Kien Nghi Ha)
16.45 Gewalt und Widerstand. Krieg um Tamil Eelam (Sowmya Maheswaran)
17.30 Abschlussworte
Nach jedem Input wird es eine Austauschphase und ein Q&A geben. Zwischen den Inputs wird es außerdem 10-minütige Pausen geben.
Referent*innen
ALPAS Pilipinas. ALPAS bedeutet „sich befreien“. ALPAS steht für „Alternatibong Pangarap para sa Ating Sambayanan“, oder „Alternative Träume für unsere Leute“. ALPAS ist ein Kollektiv von politischen Aktivist*innen mit philippinischen Migrationsgeschichten sowie engagierten Verbündeten, das 2021 in Berlin (Deutschland), gegründet wurde. ALPAS arbeitet daran, die philippinische migrantische Community in Berlin und Umgebung zu unterstützen und zu organisieren, während ihre/unsere verkörperten Erfahrungen mit dem blutigen Erbe des Kolonialismus und den globalen kapitalistischen Strukturen verbunden werden, die weiterhin Leid über die große Mehrheit der Menschen in der Welt bringen, insbesondere im globalen Süden. ALPAS will aufzeigen wie die Ausbeutung von Arbeitskräften, die Zerstörung der Umwelt und die weit verbreitete politische Gewalt auf den Philippinen direkt mit der Anhäufung von Reichtum in Deutschland, der Europäischen Union und anderen imperialistischen Zentren zusammenhängen.
Kien Nghi Ha ist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Postcolonial Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet. Er hat mehr als zehn Bücher zu postkolonialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora veröffentlicht. Zuletzt sind die Sammelbände „Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Assoziation A, 2012⁄2021) und „Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin“ (Assoziation A, 2024) erschienen. Für 2025 ist der Band „Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements“ (transcript) geplant. Uni-Profil: https://uni-tuebingen.de/de/208381
Han Nataly Jung-Hwa ist Vorstandsvorsitzende des Korea-Verband e.V. seit 2012, Initiatorin der AG „Trostfrauen“ und des Museums der Trostfrauen (MuT) im Korea Verband e.V. Im Alter von 16 Jahren kam sie aus Südkorea nach Deutschland, wo ihre Mutter als „Krankenpflegerin“ angeworben wurde. Sie verbrachte ihre Schule- und Studienzeit in Bayern, Baden Württemberg und West-Berlin. In ihrem Magisterarbeit befasste sich mit den sogenannten „Westprinzessinnen“, Sexworker*innen für GIs im Umfeld der US Militärbasen in Südkorea. Ihre Themenschwerpunkte sind Gender, Postkolonialismus und Migration. Seit 2008 setzt sich für die Gerechtigkeit für etwa 200.000 Mädchen und Frauen ein, die im Zweiten Weltkrieg vom japanischen Militär sexuell versklavt wurden und initiierte 2020 maßgeblich die Aufstellung der Friedensstatue Ari. Sie ist Mitherausgeberin „Unbekannte Vielfalt – Einblick in die koreanische Migrationsgeschichte in Deutschland“ (2014).
Sowmya Maheswaran ist als Anthropologin an der Schnittstelle von Forschung, Beratung und politischer Öffentlichkeitsarbeit tätig. Ihre Schwerpunkte sind globale Perspektiven auf Gewalt und Widerstand, insbesondere in Kontexten von Krieg und Vertreibung. Sowmya ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin und beschäftigte sich dort u.a. mit tamilischen Kämpfen in Sri Lanka und im Exil, kapitalistische Gewaltlogiken im Maya-Gebiet Mexikos, Solidarität in der Migrationsgesellschaft und kritischer postkolonialer Theorie.
Hinkommen / Reinkommen / Infektionsschutz
Seminarraum Inhaus: EG in der Neuerburgstraße 2 in 51103 Köln-Kalk
Hinkommen Die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen (Kalk Post, Trimbornstraße S) sind ca. 5–10 Minuten zu Fuß entfernt. Es gibt einen Behindertenparkplatz auf der Kalker Hauptstr. 166 (85m entfernt), zwei in der Sieversstraße 1 (250m entfernt) und fünf am Ottmar-Pohl-Platz 1 (450m entfernt).
Reinkommen Der Seminarraum und das WC sind im Erdgeschoss. Es gibt im Eingang eine Stufe, für die wir eine Rampe bereitstellen.
Infektionsschutz Bitte seht bei Erkältungs- und Grippesymptomen von einer Teilnahme ab oder tragt ggf. eine FFP2-Maske. Falls ihr weitere Hygienemaßnahmen benötigt, schreibt uns gerne.
Bei weiteren Fragen kontaktiert uns sehr gerne über koeln(ät)korientation.de
Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des Kooperationsverbund gegen Rassismus im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Programmbereich „Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur“.
Die Veranstaltung wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend“
Der erste Community Kurs zu strukturellem Rassismus findet 2025 wöchentlich von Juni-Juli und Oktober-November in der HACKE in Köln-Mülheim, statt. Er ist unser erstes regelmäßiges Programm dort.
Um was geht’s?
In unserem ersten korientation Community-Kurs wollen wir uns gemeinsam ein Verständnis von strukturellem Rassismus erarbeiten und beleuchten, wie sich rassifizierte Menschen dagegen organisieren. Wir wollen gemeinsam die Struktur verstehen, die das faschistische Aufbegehren, die Verschlimmerung der Grenzgewalt und stetige Ausweitungen von rassistischen Staatsbürgerschafts-Gesetzen ermöglicht.
Repräsentations- und Diversitätspolitik haben es in den letzten Jahren oft verpasst die strukturelle Ebene zu bearbeiten oder waren gar Teil der Veschlimmerung. Es gibt den Bedarf das gemeinsam zu diskutieren, Community neu zu denken, sich in unserer Stadt zu verankern und eine kontinuierliche, verbindliche Auseinandersetzung in unserer Stadt zu schaffen. Der vielfältige Widerstand rassifizierter und migrantisierter Communities und allen Gruppen, die strukturellen Rassismus bearbeiten, inspiriert uns, es ihnen gleich zu tun. Lasst uns gemeinsam lesen, diskutieren, analysieren, erschaffen, kreativ sein, verstehen, verlernen, streiten und vertragen.
Methode
Wir wollen gemeinsam lernen und so gut es geht versuchen, die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden aufzulösen. Deshalb möchten wir in praxisorientierten, kreativen Formaten zusammenkommen, die sich Texte aneignen und andere Medien sowie den Austausch untereinander als ebenso wichtig wie das geschriebene Wort anerkennen. Dafür treffen wir uns wöchentlich themenbezogen in dreier-Blöcken, die wie folgt aufgebaut sind:
Einführung in das Thema mit vorbereiten Texten und anderen Medien
Beleuchtung antirassistischen Widerstands anhand einer konkreten Gruppe/Initiative o.ä.
Bastel-/ Musik-/ Performance- / Diskussionsabend zum Thema
Abschluss des Kurses wird die Präsentation eines Projekts sein, dass unseren Wissenszuwachs zum Ausdruck bringt.
Teilnahme
Wir ermutigen besonders Mitglieder asiatischer Diasporagruppen (damit meinen wir Süd‑, West‑, Nord‑, Südost‑, Ost- und Zentralasien) teilzunehmen. Darüber hinaus sind alle anderen Interessierten willkommen, die bereit für einen respektvollen, selbstreflektierten und verantwortlichen Austausch sind.
Da wir den Raum gemeinschaftlich gestalten, wollen wir alle Menschen ermutigen Aufgaben zu übernehmen und z.B. eine Lesebesprechung zu moderieren, einen Film zu zeigen, eine Gruppe vorzustellen, sich um Verpflegung zu kümmern etc.
Anmeldung
Bitte meldet euch verbindlich an, sodass ihr an mindestens 6 der Termine könnt. Diese Plätze werden limitiert sein, ein Abschlussprojekt beinhalten und ein Zertifikat erhalten. Es gibt zusätzlich die Option als Außenstehende zu interessanten Sitzungen dazu zu kommen und die Gestaltung/Moderation von Sitzungen mitzugestalten.
1.1_Lesebesprechung: Weißsein der Polizei (Nikil Pal Singh) & Polizei Einführungsteil aus Abolitionismus-Reader (Loick und Thompson)
Donnerstag 19.06., 17:30–19:00h
1.2_Antirassistische Praxis: Copwatch Praktiken
Donnerstag 26.06., 17:30–19:00h
1.3_kreierender Zugang: Zines basteln
BLOCK 2: Grenzen
Donnerstag 03.07., 17:30–19:00h
2.1_Lesebesprechung: Bordering Regimes (Harsha Walia) aus Border and Rule und Koreanische Frauengruppeaus Migrantischer Feminismus
Donnerstag 10.07., 17:30–19:00h
2.2_Filmbesprechung mit dem Regisseur: ein Film über A., einen trans*Mann und politischen Geflüchteten, der in einer Erstaufnahmeeinrcihtung mit Hürden kämpfen muss
Donnerstag 17.07., 17:30–19:00h
2.3_Antirassistische Praxis: No Border Praktiken und Koreanische Gruppe gegen Abschiebungen in den 70ern
BLOCK 3: Urbaner Raum
Donnerstag 24.07., 17:30–19:00h
3.1_Lesebesprechung: Introduction (Mike Davis) aus Planet of Slums und Golden Gulag in Italy? For the abolition of the reception-industrial complex (Francesco Marchi) aus Border Abolition Now
Donnerstag 31.07., 17:30–19:00h
3.2_Community Mapping: politische Entscheidungen & Widerstände im urbanen Raum kartieren
Donnerstag 07.08., 17:30–19:00h
3.3_Solidarische Medizin in der Praxis
- SOMMERPAUSE -
BLOCK 4: Staatsbürgerschaft
Donnerstag 09.10., 17:30h- 19:00h
4.1_Lesebesprechung: „The Origins of National Consciousness“ (Benedict Anderson) aus Imagined Communities und „The necropolitics of statelessness: coloniality, citizenship, and disposable lives“ (Fabio Santos)
Donnerstag 16.10., 17:30h- 19:00h
4.2_Solidarisches Asyl
Donnerstag 23.10., 17:30h- 19:00h
4.3_krieierender Zugang: Solidarity City Map
BLOCK 5: Abschlusspräsentation und Reflexion
Donnerstag 30.10.
Präsentations-Session
Donnerstag 06.11.
Abschlussreflexion und Ausblick
Ort: HACKE
HACKE – House of Asian Community Knowledge and Education (korientation e.V.) Hacketäuerstraße 82, Erdgeschoss vorne 51103 Köln
Hinkommen Die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen (Von-Sparr-Str., Berliner Str., Bürgerpark Mühlheim) sind ca. 5–7 Minuten zu Fuß entfernt. Es gibt jeweils einen Behindertenparkplatz in der Berliner Str.76 und 77, beides 400m vom Veranstaltungsort.
Reinkommen Der Raum liegt im Erdgeschoss und es gibt 3 Treppenstufen im Eingang. Die Toilette liegt ebenfalls im EG im Hausflur, ist allerdings sehr eng und schmal.
Infektionsschutz Bitte seht bei Erkältungs- und Grippesymptomen von einer Teilnahme ab. Falls ihr weitere Hygienemaßnahmen benötigt, schreibt uns gerne über das Anmeldeformular.
bei weiteren Fragen kontaktiert uns sehr gerne über koeln(ät)korientation.de
Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des Kooperationsverbund gegen Rassismus im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ im Programmbereich „Entwicklung einer bundeszentralen Infrastruktur“.
Die Veranstaltung wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend“
Zwei Jahre haben wir Workshops, Vernetzungstreffen, Zukunftswerkstätten, Vorträge und Veranstaltungsreihen organisiert. In unserer zweiten RADAR Broschüre Beyond Asiatische Deutsche. Community-übergreifende Perspektiven auf politische Bildung und anti-asiatischen Rassismus fassen wir zusammen, was wir die letzten zwei Jahre im gemeinsamen Prozess mit Multiplikator*innen der politischen Bildungsarbeit gelernt haben, was Rassismus als Struktur bedeutet und was für Erkenntnisse und Learnings wir gewonnen haben. Wir bedanken uns bei allen, mit denen wir lernen durften; die bei unseren Veranstaltungen waren; die Fragen und in Frage gestellt haben. Wir freuen uns, wenn sich unsere Wege in der Zukunft wieder treffen!
Wir haben einige Stellen der Broschüre multimedial gestaltet, das heisst ihr findet QR-Codes zu Videos und Audios und kommt so direkt zu den Ressourcen. Zu den Audiobeiträgen kommt ihr hier unten auch direkt unter 🎧.
Inhaltsverzeichnis
Glossar
◾️ Einleitung: 2 Jahre RADAR
- Wieso das Ganze? - Unser Prozessverständnis - Was haben wir gemacht? Eine kurze Chronik der RADAR Maßnahmen
◾️ Rassismus – eine Einführung
- Was bedeutet es zu sagen, dass Rassismus strukturell ist? - Für eine Ausrichtung der politischen Bildung als antirassistische Praxis
◾️ Anti-Asiatischer Rassismus
- Wieso sprechen wir von anti-asiatischem Rassismus? - Der koloniale Kontext - Der Mythos Vorzeigeminderheit - Rassistischer Terror – Die Spitze des Eisbergs - Rassismus und Geschlecht - Widerstand überwindet Zeit und Grenzen
◾️ Praxisübung – Auf wen können wir uns (nicht) verlassen? Reflektionsübung zu den Progromen in Rostock-Lichtenhagen 1992
1. Die Rolle der Polizei 2. Verschränkte Rassismen 3. Reaktionen der politischen Entscheidungsträger*innen 4. Die Rolle der Medien
◾️ Die Corona-Pandemie als neuer Höhepunkt
- Koloniale Kontinuitäten - Medien - Die „Gelbe Gefahr“ in Verschwörungsglauben - Widerstand
◾️ Asiatische Deutsche? Gespräche des RADAR-Teams: Bestandsaufnahme, Möglichkeiten und Grenzen
- Das Gespräch Ende 2022 - Gespräch im Frühjahr 2023 🎧 beim korientation Festival
◼️ Kurzinput: Kolonialismuskritische Perspektiven auf (politische) Bildung
- Produktion von verfrühten Toden
◼️ Selbstzuschreibung und Identität
- Die Schwierigkeiten, uns auf Identitäten zu beziehen - Was wollen wir von Identitätspolitik? Radikale Identitätspolitik und Elite Capture - Identität ud Selbstzuschreibung – das Modul der Zukunftswerkstätten
- Autonomie, Selbstbestimmung und Verantwortung - Was wir wollen und wer wir werden müssten - Wohin wollen „wir”? - „Vergiss nie, dass ich Schwarz bin und vergiss, dass ich Schwarz bin“. Solidarität als Utopie-geleitetes Handeln.
1. Audiowalk: „Chinesenveedel“ – Gestern, heute und morgen. Mit Sophia Liu 2. Workshop „Antikoloniale Organisierung in der Stadt Köln – Eine Einführung“ mit Zade Abdullah 3. Film + Q&A „Collective Threads, Collective Rights – Lebensumstände der Textilarbeitenden Sri Lankas“ mit Keerthana Kuperan und Karthika Nadarajah 4. Podium „Deutsche Kolonialität und ‚Chinesenviertel‘ – In was für einer Stadt wollen wir eigentlich leben?“
◼️ 2 Jahre RADAR – was haben wir gelernt?
- „Think globally, act locally” - Die Schwierigkeit anti-asiatischen Rassismus zu thematisieren - Perspektiven auf politische Bildung
WAS: Booklaunch mit einem Gespräch zwischen Kien Nghi Ha, Yumin Li, Linh Müller und Irit Neidhart Wann: 09.07.2024 um 18:30 h Wo: Savvy Contemporary, Reinickendorfer Straße 17, 13347 Berlin Sprache: Deutsche Lautsprache Zugang: Der Eintritt ist frei und die Räume sind ebenerdig und rollstuhlfreundlich. Link: https://savvy-contemporary.com
Das Buch wird während der Veranstaltung erhältlich sein!
Save the Date! Am 18. September 2024 findet von 14:00–18:00 ein begleitender Workshop zum Thema im Rahmen der Reihen WEDDING AFFAIRS and COLONIAL NEIGHBOURS bei SAVVY statt.
Wir freuen uns auf den Booklaunch des Sammelbands zur gleichnamigen Filmreihe, die 2023 im Sinema Transtopia stattgefunden hat und die Gesprächsrunde mit dem Herausgeber Kien Nghi Ha sowie den Autorinnen Yumin Li, Linh Müller und Irit Neidhart im Savvy Contemporary in Berlin.
Zum Sammelband
Der Band untersucht anhand kolonial-kritischer Filmanalysen die nahezu unbekannte Geschichte Asiatischer Repräsentationen in Deutschland. Der Fokus liegt auf orientalisierenden deutschen Kinofilmen der Weimarer Zwischenkriegszeit. Nach dem Ende des Imperial Germany wurden Deutschlands kolonial-rassistische Fantasien und Ambitionen verstärkt in eine imaginäre Kolonialität überführt. Ihre filmischen Inszenierungen begeisterten ein Massenpublikum. Die Filmkulisse, aber auch ihre Produktion und Konsumtion wurden selbst zum kulturellen Kolonialraum. Ihre Popularität ist Ausweis ihrer gesellschaftlichen und zeithistorischen Bedeutsamkeit.
Im Unterschied zur dominanten Wahrnehmung, in der Berlin aufgrund der „Goldenen Zwanziger“ als europäische Kultur- und Filmstadt von Weltrang gefeiert wird, setzt das Buch auf dekolonialisierende Perspektiven. In eurozentrischen Diskursen wird systematisch verdrängt, dass sich unter der Oberfläche der modernen Urbanität ein „wildes Kulturleben“ verbirgt, das durch koloniale Verstrickungen und Exotisierungen geprägt ist. Die filmischen Arbeiten etwa von Hito Steyerl und Philip Scheffner machen dagegen vergessene (Ge)Schichten und Dimensionen der Kolonialmetropole Berlin sichtbar.
Das Buch erweitert die dekoloniale Debatte und stellt anti-Asiatischen Rassismus und Orientalismus in den Fokus. Es leistet Pionierarbeit, indem es die „Weltmetropole Berlin“ als kolonialen Kulturraum mit (anti-)Asiatischen Bezügen erforscht.
Angaben Kien Nghi Ha [Hg.]: Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung lokalisieren Berlin: Assoziation A, 2024, 200 Seiten. 16 EUR Link zum Verlag
Zu den anwesenden Autor*innen
Kien Nghi Ha ist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Postcolonial Asian German Studies an der Universität Tübingen. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet. Als Kurator hat er u.a. im Berliner Haus der Kulturen der Welt, im Hebbel am Ufer-Theater und im Sinema Transtopia verschiedene Projekte über Asiatische Diaspora realisiert. Er hat mehr als zehn Bücher zu postkolonialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora geschrieben und editiert. Zuletzt ist der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2021) als erweiterte Neuauflage erschienen. 2025 gibt er den Band Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements (transcript) heraus.
Yumin Li ist Kulturwissenschaftlerin, Expertin für Antidiskrimierung und diversitätsorientierte Organisationsentwicklung sowie Performerin. In ihrer Dissertation untersuchte sie Anna May Wongs mehrere Jahrzehnte umspannende Karriere auf vier Kontinenten. Li veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu Anna May Wong. Zusammen mit dem Kollektiv and-company&co erarbeitete sie die Theaterperformance „Shanzai Express“, das sich spielerisch mit Anna May Wong befasst und an der Volksbühne 2023 Première feierte.
Linh Müller hat Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin, am Middlebury College und an der Yale University studiert und forscht zur affektiven Reproduktion und Repräsentation von nationaler Zugehörigkeit in Sport und Popkultur. In ihren persönlichen Arbeiten verhandelt sie die Komplexitäten und Verstrickungen, die sich aus ihrer eigenen vietnamesischen und deutschen Familiengeschichte ergeben insbesondere in Hinblick auf Identität, Sprache, Krieg und den Nationalsozialismus. Momentan lebt sie in Berlin und arbeitet in einem Projekt zu migrantischer Erinnerung und der Friedensstatue, die in Berlin-Moabit an die so genannten „Trostfrauen“ im Zweiten Weltkrieg erinnert.
Irit Neidhardtist seit 1995 als Kuratorin und Publizistin zum Themengebiet Kino und arabische Welt tätig. Zudem betreibt sie seit 2002 den internationalen Verleih und Vertrieb „mec film“ für Filme arabischer Regisseur*innen. Als Koproduzentin war sie an mehreren preisgekrönten Dokumentarfilmen beteiligt.
Eine Publikation des Projekts DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements).
🔸 was: Zine-Workshop 🤸 mit: Xinan Pandan 📅 wann: Sonntag, 16. Juni 2024, 12–17 Uhr 📍 wo: Köln Kalk 🫂 für wen: alle, die sich als rassifiziert und/oder als BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) identifizieren mit Priorisierung von denen mit Psychatrieerfahrung. ✍️ mit Anmeldung: bis 07. Juni Priorität für BIPoC mit Psychatrieerfahrung, sonst geöffnet für weitere BIPoC.
Barrierenabbau
Hinkommen
die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen (Kalk Post barrierefrei, Trimbornstraße Aufzug vorhanden) sind ca. 7–10 Minuten zu Fuß entfernt. Es gibt jeweils einen Behindertenparkplatz in der Sieversstraße 1 und Ottmar-Pohl-Platz 1., beides 150m vom Veranstaltungsort.
Reinkommen
Es gibt ebenerdige Eingänge und Toiletten.
Corona
Corona ist leider nicht vorbei. Testet euch vor der Veranstaltung selbst und handelt selbstverantwortlich für euch und das Kollektiv: seht bei Erkältungssymptomen und positivem Testergebnis von einer Teilnahme ab. Wir werden Coronatests zur Verfügung stellen. Falls ihr weitere Hygienemaßnahmen benötigt, schreibt uns gerne über das Anmeldeformular.
Wie könnte eine Welt ohne Psychiatrie aussehen? – Wir stecken gesamtgesellschaftlich in einer Krise, wenn es um das Thema Mental Health geht. Es gibt einen hohen Bedarf nach Unterstützung in psychischen Krisen und gleichzeitig ist es immer noch mit Stigma verbunden offen über persönliche Struggles mit mentaler Gesundheit zu sprechen und Verhaltensweisen zu zeigen, die gesellschaftlich mit „verrückt“-sein assoziiert werden. Menschen, die in ihrem Verhalten einer gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen können oder wollen, erfahren gesellschaftlichen Ausschluss, Gewalt und werden in psychiatrischen Einrichtungen weggesperrt. In solchen Einrichtungen finden sich Menschen wieder, die in dieser Gesellschaft extrem viel Gewalt und kaum Unterstützung erfahren haben und dort nur noch mehr traumatisiert werden. Mentale Gesundheit wird zu individuellen Problemen heruntergebrochen, anstatt diese im Kontext von Gesellschaft, Ausbeutung, Ableismus, Rassismus inklusive anti-asiatischem Rassismus, Queerfeindlichkeit und Gewalt zu betrachten. In diesem Workshop nutzen wir Kunst in Form von Zine-Making als Mittel für Heilung, Empowerment und kollektive Befreiung und träumen gemeinsam davon, wie eine Welt ohne Psychiatrie aussehen könnte.
Es gibt die Möglichkeit gemeinsam Mittag zu essen.
Xinan Pandan (keine Pronomen) ist Dichter*in, multimedia Künstler*in und Community Care-Bear. Xinan beschäftigt sich aus einer queeren, diasporischen und neurodivergenten Perspektive mit den Themen Oppression Depression, Chronisches Kranksein, Heilung, Trauma und dem Aufbau von solidarischen nachhaltigen Support-Systemen. Xinan träumt davon, dass wir es schaffen, Community so aufzubauen, dass alle die Sicherheit, Fürsorge und Liebe bekommen können, die sie brauchen. @xinan.pandan
-ddddadsdaddd
Anmeldung ⬇️ (klick!)
Fehler: Kontaktformular wurde nicht gefunden.
Credits Illustration: Xinan Pandan
Gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung
Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der BpB dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.
Initiated by the Tübingen conferences on Asian German Studies in 2022 and on anti-Asian racism in 2023the anthology “Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements“ (working title) is in preparation for early 2025. Tune in here for updates.
Soon after the Covid-19 pandemic began, reports of racism against (East) Asians, Chinese in particular, erupted worldwide. The model minority abruptly transformed into the scapegoat for the fearful and angry masses seeking a simple explanation for their newfound reality. It seemed that Asians were experiencing unprecedented racism. They were not only being belittled, glorified, or exoticized, but also threatened and assaulted. For many, this ‘actual racism’ represented a new phenomenon marking the emergence of ‘anti-Asian racism’ in the German mainstream discourse.
Not surprisingly, anti-Asian racism has a deep history and colonial legacy. The conference can be understood as an expression of the necessity and interest of the Asian German community in the subject as well as a contribution to the deconstruction of Whiteness and colonial modernity by destabilizing and reinterpreting the boundaries between Whiteness and Asianness. Perspective is crucial to critically understand what ‘Asian’ and ‘Asianness’ can or should signify in the face of racial imaginaries and anti-Asian violence.
ROTEM KOWNER (Haifa) shed light on European Colonialism, race theories, and racism using examples from early modern and modern continental Asia. Racism was essential for legitimizing colonization, strengthening racial hierarchization in Europe and its colonies. According to Kowner, China, the center of global commerce, had long been more than an equal rival for the ‘most civilized’ society. He argued that the opening of the Suez Canal brought Asia closer, and steamships guaranteed European naval superiority in the Opium Wars. This revealed China’s vulnerability and bolstered European self-confidence. Thus, the narrative of China as the ‘country of wonders’ gradually gave way to imaginaries of deceitfulness, dysfunctionality, and ‘the yellow peril’. KIEN NGHI HA (Tübingen) noted that (East) Asians were usually ranked second after Europeans in the racial hierarchy. Kowner suggested this resulted from China being the last obstacle to European world domination, the color choice yellow reflecting the (East) Asians‘ ‘almost Whiteness’ whereas South Asians were clearly depicted as brown.
LOK SIU (Berkeley) continued the discussion by tracing 240 years of Asian presence in the United States, focusing on contested belonging, exclusion, and recurring waves of anti-Asianism by analyzing different phases of immigration and restriction through economic imperatives and political structures. The Proclamation of Emancipation in 1863 marked the formal end of slavery and the beginning of mass (indentured) labor migration from Asia, notably China and India.
LUCAS POY (Amsterdam) depicted an Era of Mass Migration (1880–1930), highlighting Chinese exclusion from labor organizations and blame for harsh conditions and lowered White working-class standards. Chinese indentured labor migrants were blamed for the effects of the economic imperatives by which they themselves were being subjugated. Their unfree labor status was naturalized and inscribed as racial characteristics of passivity. Poy deemed this an important component for the construction of Whiteness, as Asians were relegated to the second place in the racial taxonomy on the grounds that they posed a threat precisely because they were diligent but lacked the capacities of the White subject to organize.
Siu described how the trinity of imagined cultural, economic, and biopolitical threats posed especially by the Chinese diffused regionally in North America and the Caribbean, fueling scores of anti-Asian riots. This leads to increasingly restrictive Exclusion Laws subsequently encompassing not only Chinese but all Asians, labeling them as ‘perpetual foreigners’ unable to integrate into society. These laws were repealed only in 1960 but by this time had already sparked organized resistance and a sense of collective Asian subjectivity.
Amid the civil rights movement, the narrative of the ‘model minority’ was spawned, splitting and pitting racial minorities against each other. According to Siu, in this context, debates on Whiteness can be better understood as gendered, classed, and racialized negotiations of belonging and citizenship. Today, she argued, the waters seem to be murkier, as there is a resurgence of the ‘deserving model minority’ trope on the one hand, while on the other hand, it is being utilized to strengthen Whiteness by delegitimizing affirmative action.
QUINNA SHEN (Bryn Mawr) traced the role of early German film in perpetuating a variety of Asian racist stereotypes and found a clearly gendered notion of Asianness. According to Shen, Asian women were portrayed as helplessly attracted to White men, who were imagined as sexually superior to Asian men. Asian men, in turn, were framed as treacherous, lurking, murderous rapists who used immoral means such as opium to attain their lowly revenge against the White heroes. Shen concluded that while some films did critique British colonial rule, they simultaneously portrayed Asian liberation struggles as underhanded, criminal, and ignoble. Additionally, the films conveyed the message that colonial romance leads to tragedy if not death, and as such, that ‘the other’ will always remain ‘the other’.
A second type of discursive media analysis was undertaken by ANNO DEDERICHS (Tübingen), who focused his research on the images of China portrayed in the German political arena over the course of several decades. He found that the different topoi of threat, rival and partner were repeated over time but were always embedded in their specific historic context. Dominant themes for depictions seemed to be related to colonial (yellow) or communist (red) imagery. Dederichs showed great interest in the ease with which ideological differences were overcome with the prospect of economic prowess, and how the nature of the threat posed by China changed from ideological (communist), to moral (autocratic), to technological, geopolitical, and biopolitical threat (Covid-19). He concluded that the depictions of China tell us more about German needs and fears rather than the actual situation in China.
Another focus of the conference was Asian diasporic communities and their livelihoods, self-organization, and resistance. YOU JAE LEE (Tübingen) emphasized the importance of international exchange on the issue of anti-Asian racism, especially since Asian diasporas in Germany have failed to form a collective sense of Asianness. They remain divided as ethnic or national minorities in their respective struggles instead of combining their efforts or fighting alongside each other. Using families of Korean labor migrants in Germany as an example, he depicted a shift occurring over the course of three generations, in which the explanatory value of meritocracy dwindled, and experiences of discrimination are increasingly understood as consequences of (anti-Asian) racism.
In contrast, the situation in France was regarded as more hopeful by YA-HAN CHUANG (Paris). She depicted three historic phases of Asian community organizing, namely, the struggle for (1) ethnic solidarity, (2) recognition, and (3) acknowledgement. Currently, she sees chances of cross-community solidarity with Arab and African minorities by building coalitions through narratives of decolonization. Chuang comes to a similar conclusion as You Jae Lee concerning the generational differences within the Asian diasporic communities but did not regard differing positionalities as a fundamental hurdle for organizing. Instead, she found potential for synergies by utilizing these generational differences strategically to intervene in the dominant discourse.
By focusing on the institutional dimension of anti-Asian racism in Germany, Kien Nghi Ha explained how a disremembering of anti-Asian racism could occur despite the pogrom in Rostock-Lichtenhagen. Ha argued that German state institutions collectively failed to provide safety for the Vietnamese guest workers due to the ongoing political project of the state to revise laws on political asylum. According to Ha, the pogrom could only unfold due to the failure of the police and the judiciary and gains texture against the backdrop of nationalist revival following German unification, as well as the high unemployment in East Germany at that time.
In opposition to this, CUSO EHRICH (Gießen) follows an abolitionist perspective as it enables thinking about necessary societal transformations in the future. From this perspective, the police would not be attributed failure but instead success according to the racist logic of the nation-state. Finding orientation in self-organized refugee groups or Women in Exile, Ehrich proposes to regard the logic of punishment as neither preventing crime nor reinstating justice, as it does not meet the victims‘ needs. Additionally positing that incarceration is classed and racialized, thus leading to the perpetuation of structural inequalities. Instead of these destructive practices, they plead for life-affirming perspectives and implementing abolitionism on the ground by bringing people together to find solutions outside of state logics while being aware of attempts of neoliberal takeovers. FENG-MEI HEBERER (New York) added that regarding politics of Asian self-representation through German grassroots organizations in limbo should not necessarily be understood as failed. Instead, disruption and slowness should be comprehended as continuations of self-organization.
SARA DJAHIM (Berlin) and TAE JUN KIM (Berlin) questioned the utility of the terms ‘Asian’ and ‘anti-Asian racism’ altogether. In a similar manner to Rotem Kowner, they posited that racism is the grounds upon which the categories of race, such as ‘Asian’, emerge and become salient, but that ‘Asianness’ itself is not essential to the overarching issue of racism. As the subjectivity of ‘Asianness’ is dependent on the continuity of ‘anti-Asian racism’, they do not deem ‘Asian’ as a useful collective identity category for a long-term anti-racist struggle. Their idea not being that there are no specific consequences for people marked as ‘Asians’, but rather that ‘anti-Asian’ sentiment is not necessary for the manifestation of racist effects against them. If deconstructed consequently, they concluded, there are no ‘Asians’, only people perceived as ‘Asian’.
In regard to this issue Jee-Un Kim stressed the relational utility of political labels such as ‘Asian’ or ‘Asian German’. According to her, it is pivotal to express the societal conditions while deconstructing them at the same time. Depending on who we are pitting ourselves against, certain commonalities have to be underlined, whereas sometimes it is more productive to highlight particular differences. Thus, the usage of terminology such as ‘Asian’, ‘anti-Asian racism’, or ‘diasporic Asians’ must be situational, strategic, and always relational. Kien Nghi Ha added that the term ‘Asian German’ is an offer to the community that may be ignored or contested, as there is also no singular way of understanding it. Instead, it poses an opportunity to deal with specifically German anti-Asian formations in a playful manner.
In summary, the conference encompassed a diverse array of inquiries, spanning from fundamental discourse on terminology to the examination of theoretical underpinnings and historical origins of the phenomenon. The proceedings also encompassed empirical investigations into discourse dynamics and the political orientations of grassroots movements. Moreover, You Jae Lee expressed concern over the absence of a dedicated academic discipline focusing on Asian German Studies, while Lok Siu emphasized the scholarly duty to engender knowledge that confronts societal concerns and fosters utopian perspectives.
Rotem Kowner observed that, contingent upon the chosen metrics, Asians constitute a demographic percentage ranging from eight to ten percent of the total German population, consequently forming the most prominent racial minority. Kowner further asserted that mere sensitization to anti-Asian racism is insufficient; instead, a resolute and comprehensive effort against racism as an overarching construct is imperative.
While marking the inception of the first-ever conference on anti-Asian racism in Germany, the panels effectively addressed fundamental elements, thereby situating the phenomenon within the German academic discourse. Regrettably, the extensiveness of coverage was constrained by practical limitations, which led to the omission of deliberation on the Asianness of Arabs, and specifically Turks and Kurds in Germany. Nonetheless, the significance of this subject to the Asian community was made visible through the diversity of attendees, including young non-academics from various regions of Germany. This confluence facilitated synergistic discussions between scholars and cultural producers, both during and subsequent to the conference, paving the way for further exchange and dialogue. Notably extending from the previous year’s conference, centered on the feasibility of a discipline in Asian German Studies, the incorporation of an international deliberation added nuance and contrast to the discourse. Ultimately, the implications and consequences of anti-Asian racism persist as a contentious topic both within academic spheres and on the ground.
Conference overview:
Introduction
Kien Nghi Ha (Tübingen) / You Jae Lee (Tübingen)
Keynote History Chair: Bernd-Stefan Grewe (Tübingen)
Lok Siu (Berkeley): Making Asians Foreign: Methods of Exclusion and Contingent Belonging
Panel History Chair: Jee-Un Kim (Berlin)
You Jae Lee (Tübingen): Discrimination, Resistance, and Meritocracy. Korean Guest Workers in Germany
Kien Nghi Ha (Tübingen): The Pogrom in Rostock-Lichtenhagen as Institutional Racism
Keynote Theory Chair: Antony Pattathu (Tübingen)
Rotem Kowner (Haifa): The Intersections between European Racial Constructions and Modern Colonialism: Theoretical Issues and the Place of Asia
Panel Theory Chair: Bani Gill (Tübingen)
Lucas Poy (Amsterdam): Socialists and Anti-Asian Sentiment in the Era of Mass Migration (1880–1930)
Cuso Ehrich (Gießen): Abolitionist Perspectives on Demands of Asian-German Formations
Keynote Cultural Representations Chair: Fei Huang (Tübingen)
Quinna Shen (Bryn Mawr): Racialized Screen in Early German Cinema: What Asian German Studies Can Address
Panel Cultural Representations Chair: Zach Ramon Fitzpatrick (Madison)
Feng-Mei Heberer (New York): Anti-Asian Racism and the Politics of Asian Self-Representation in Germany: the Asian Film Festival Berlin
Anno Dederichs (Tübingen): Opportunity and Threat: Ambivalent Reporting on China in Der Spiegel, 1947–2023
Panel Antiracist Movements Chair: Yewon Lee (Tübingen)
Sara Djahim (Berlin) / Tae Jun Kim (Berlin): “Take Off Your Masks“: The Invisibility and Visibility of Anti-Asian Racism in Germany
Ya-Han Chuang (Paris): Yellow is the new Black? Emergence and Development of Asian Antiracist Activism in France
Round Table: Challenging Anti-Asian Racism in Society and Academia Chair: Kien Nghi Ha
Panelists: Quinna Shen, Lok Siu, Rotem Kowner, You Jae Lee
Author Sander Diederich is a sociologist enrolled in the master’s program Diversity and Society at the University of Tübingen and is a member of UnKUT(Undisciplined Knowledge at the University of Tübingen). Their work has centered around the moral dimensions of (transitional) justice, anti-Asian racism, and the interactional discrimination of transgender persons. Their interests range from feminist epistemologies to utopian perspectives and the normative aspects of (academic) scholarship. Currently, they are exploring notions of ‚the good life‘, with a specific focus on understanding the construction and effect of commonalities/differences using lenses such as communitarianism, solidarity, diversity, and belonging.
Ein Angebot für Asians in der politischen Bildungsarbeit
Sa. 04. & So. 05. November 2023 im aquarium am Südblock Berlin
Wie sieht politische Bildungsarbeit aus kolonialismuskritischer Perspektive aus? Was haben Identität und Selbstzuschreibungen mit Kolonialismus zu tun? Wie können wir Praxen in der politischen Bildungsarbeit schaffen und ausbauen, die auf Solidarität mit anderen rassifizierten und marginalisierten Communities basieren und auf Augenhöhe mit Menschen arbeiten, die nicht rassifiziert werden? Welche Werkzeuge und Strategien brauchen wir, um den Mythos der Vorzeigeminderheit aufzudecken und aktiv gegen das Teile-und-Herrsche-Prinzip vorzugehen? Auf welche Art und Weise vermitteln wir Wissen in den Lernräumen, die wir kreieren? Und wie kann ein gemeinsamer Austausch aussehen, in dem wir uns in Selbstkritik und Verantwortungsübername in unserer Praxis üben?
Das Projekt RADAR von korientation lädt Anfang Anfang November Aktive aus der politischen Bildungsarbeit zu einer zwei-tägigen Zukunftswerkstatt in Berlin ein. Wir werden gemeinsam diesen Fragen nachgehen und dabei immer wieder die Verbindung zur Reflektion über Kolonialität beibehalten. Wir freuen uns auf euch!
Einen Rückblick auf die Zukunftswerkstatt, die in Köln stattfand, findet ihr hier.
Ziele
Reflexion über Identitätskonstruktionen und eigene Verbindung zu ihnen
Selbstkritischer Blick auf die eigene Praxis der politischen Bildungsarbeit
Methodenentwicklung zur Thematisierung vom Mythos Vorzeigeminderheit
Erkundung von Notwendigkeiten und Möglichkeiten zur Solidarisierung mit verschiedenen Positionierungen
Materialsammlung für eine kritische, dekoloniale politische Bildungsarbeit mit Schwerpunkten auf verschiedene asiatische Diasporen entwickeln
Programm
Samstag04.11.
Sonntag 05.11.
10.00 – 11.30 Uhr
Ankommen, Kennenlernen, Thematische Einführung
Thematischer Input zur Verbindung von kritischen Perspektiven auf politische Bildung und wieso kolonialkritische Perspektiven ausschlaggebend für das Netzwerktreffen sind.
Ankommen und Open Space
Möglichkeit Bedürfnisorientierte Spaces zu gestalten.
11.45 – 13.30
Block 1 Selbstzuschreibung und Identität „Ich fühl mich so zwischen zwei Stühlen hin- und hergerissen.“ Wir wollen wissen, wie diese Stühle gebaut werden und wieso Menschen sich so fühlen, als müssten sie einen guten Stuhl für sich finden.
Block 3 Mythos Vorzeigeminderheit
Gemeinsam Strategien finden, den Mythos zu thematisieren & aufzudecken, wie er die realen Gewalterfahrungen unsichtbar macht, aber auch versucht Asians als Schachfiguren weißer Vorherrschaft einzusetzen. Nicht mit Uns.
Pause
15.00- 16.45
Block 2 Community-übergreifende Solidarität
Bildungsräume schaffen, die positioniert arbeiten und sich gleichzeitig in Solidarität mit anderen Positionierungen treffen.
Block 4 Intervisions- und Reflexionsräume aufbauen Praxisübung zu kollegialer Fallberatung und Aufbau eines regelmäßigen Intervisionstreffens. Austausch zu Räumen der (Selbst-)Kritik und Verantwortungsübernahme.
Pause
17.00- 17.30
Abschluss und Ausblick Tag 2
Abschluss
Optionales gemeinsames Abendessen
Ressourcen nach Themenblöcken
Im Laufe der Zukunftswerkstatt werden wir die Themenblöcke behandeln und die Ressourcen darauf untersuchen, inwiefern sie mit Theorien, Praktiken und Verständnissen zusammenhängen, die gewaltsam durch Kolonialismus etabliert wurden.
Diese Liste wird sich immer weiter mit Ressourcen füllen.
Sie richtet sich an in der politischen Bildungsarbeit aktive BIPoC, die Bezüge zu Nord-/Süd-/Ost-/Südost-/Vorder- oder Zentralasien strategisch für sich wählen (können), um ihre vielfältigen Lebensrealitäten sichtbar zu machen und Fragen von Rassismus und anderen Ausschlüssen aus einer spezifischen Perspektive solidarisch anzusprechen. > Wenn Du Zweifel hast und nicht weißt, ob diese Selbstbezeichnung für Dich funktioniert oder ob Du dich darunter wiederfindest, melde Dich gerne bei uns und wir sprechen darüber!
Anmeldungen
Ihr könnt Euch bis zum 17.09.2023 für die Zukunftswerkstatt in Berlin anmelden.
Falls mehr Anmeldungen eingehen, als wir Plätze vergeben können, wählen wir nach thematischen Überschneidungen mit der Praxis der politischen Bildungsarbeit und Wohngebiet aus.
Die Anmeldungen sind geschlossen.
Unterkunft und Anfahrt
Die Anfahrtskosten können übernommen werden. Schlafplätze können wir leider nicht stellen, und werden daher eine selbstorganisierte Schlafplatzbörse anbieten.
Barrierenabbau
Hinkommen: Die Zukunftswerkstatt wird im aquarium im Südblock in Berlin-Kreuzberg stattfinden. Die nächsten Bus- & U‑Bahnhaltestellen (Kottbusser Tor, Aufzug vorhanden) sind ca. 5 Minuten zu Fuß entfernt. Falls du einen Parkplatz direkt am aquarium benötigst, gib das bitte in der Anmeldung an oder schreib uns eine Mail.
Reinkommen: Es gibt ebenerdige Eingänge und Toiletten. Die Zukunftswerkstatt ist umsonst.
Klarkommen: Wir werden am Anfang eine Accessibility Need Runde (Bedürfnisrunde zu Zugänglichkeit & Barrieren) machen, in der alle ihre Bedürfnisse äußern können, um gut an der Zukunftswerkstatt teilnehmen zu können.
Corona: Wir werden uns alle an beiden Morgen auf Covid selbsttesten. Weitere Hygieneabstimmungen können wir gemeinsam treffen.
Schreib uns auch gerne im Vorhinein und teil uns mit, was du brauchst, um gut am Treffen teilnehmen zu können.
Vom 22. bis 24. August 2023 erschien auf MiGAZINin einer mehrteiligen Artikelserie diese stark erweiterte Fassung des Buchkapitels „Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als institutionalisierter Rassismus“. In: Gudrun Heinrich/David Jünger/Oliver Plessow/Cornelia Sylla (Hrsg.): Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992. Berlin: Neofelis, im Erscheinen 2023. Der Text basiert auf einen Vortrag am 21.06.2022im Rahmen der Reihe„Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992“ an der Universität Rostock. Wir präsentieren hier die leicht überarbeitete finale Fassung vom 25. August 2023 mit erweiterten visuellen Kontextualisierungen. »> Download des Artikels als PDF «<
24.08.1992: Das Sonnenblumenhaus brennt nach Tagen der Belagerung mit über 100 eingeschlossenen vietnamesischen Bewohner:innen [Foto: MDR]
Das Pogrom im tiefenhistorischen Kontext: Anti-Asiatische Aspekte des systemischen Rassismus
Um das Rostocker Pogrom von 1992 in größeren historischen Zusammenhängen zu verstehen und einzuordnen, ist es nötig, seine Bedeutung in der modernen Geschichte des Rassismus in Deutschland herauszuarbeiten. Grundlegend lässt sich zunächst feststellen, dass die Geschichte des anti-Asiatischen1 Rassismus in Deutschland nicht mit diesem Pogrom beginnt. Vielmehr ist seine Historie mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben, die ihrerseits in die europäische Geschichte der Kolonialisierung der Welt eingebettet ist. So verweist der ‚Fidschi‘-Begriff als abwertende Bezeichnung für südostasiatische, vor allem vietnamesische, Vertragsarbeiter:innen in Ostdeutschland in Analogie zur rassistischen Bezeichnung ‚Kanake‘ in Westdeutschland auf koloniale Kontexte.2 Deutschland war als Kolonialmacht im pazifischen Raum präsent und die ‚Südsee‘ stellt nach wie vor eine bedeutsame Kulisse des kolonial gefärbten Exotismus in westlichen Diskursen dar. Selbst wenn direkte Verbindungen zu kolonialen Praktiken wie etwa der Inbesitznahme des ‚deutschen Schutzgebietes Kiautschou‘ (1898–1919) in Nordchina oder zur brutalen Niederschlagung der chinesischen Yìhétuán (1899–1901)3 durch das vom Wilhelm II. entsandte Ostasiatische Expeditionskorps nicht nachweisbar sind, ist davon auszugehen, dass durch diese Ereignisse wichtige Elemente des kolonialrassistischen Wissens in Deutschland über China und Chines:innen geschaffen und reproduziert wurden. Dabei wurde dieses diskriminatorische und rassifizierte Wissen verallgemeinert und auf andere Asiatische, speziell Ostasiatische Menschen, Kulturen und Länder übertragen.4 Die mit diesen kolonialen Bildern und Perspektiven einhergehenden politischen, historischen, soziokulturellen und visuellen Diskurse wurden zunächst etwa durch Zeitungen5 und später durch andere Massenmedien wie etwa Bücher und Filme popularisiert, tradiert und auch ausgeweitet.6 Diese medialen und kulturellen Reproduktionen setzen letztlich mit anderen Akzentsetzungen und technisch ausgefeilteren Bildern einen stereotypen Diskurs fort, der im ideengeschichtlichen Zentrum der Weißen Vorstellung von moderner Kolonialität steht: Deutsche Professoren wie Imanuel Kant (1723–1804), Christoph Meiners (1747–1810) und Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) hatten als führende Vertreter einen bedeutenden Anteil an der philosophischen wie naturwissenschaftlichen Etablierung von Rassentheorien als Grundaxiom der Welt. Ihre Tatsachenbehauptungen waren maßgeblich bei der kognitiven Erfindung von unterschiedlichen und biologisch unterscheidbaren ‚Menschenrassen‘ beteiligt, die als ‚Gelbe, Rote, Schwarze und Weiße‘ imaginiert und in Rückkoppelung mit der expansiven außereuropäischen Kolonialisierung zunehmend streng gesellschaftlich wie wissenschaftlich hierarchisiert wurden.7 Wenn diese historischen Kontexte und epistemologische Betrachtungsweise ernst genommen werden, dann wird sichtbar, dass das Pogrom in Rostock sich vor dem Hintergrund eines viel tiefergehenden systemischen Rassismus abspielt. Aus Raumgründen werde ich mich in meiner Fallanalyse jedoch auf die Ebene des institutionellen Rassismus beschränken.
Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im Kontext der rassistischen Gewalt seit den 1980er-Jahren
Anti-Asiatische Gewalt ist ein bedeutsames Element des Rassismus in Deutschland, die wichtige Wegmarkierungen in seiner Entwicklung prägen. Dabei fällt die strukturelle Entinnerung des anti-Asiatischen Rassismus als kalte Fälle und vergessene Geschichte ins Auge. So wurden am 22. August 1980 die beiden jungen vietnamesischen Boat People Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu kurz nach ihrer Aufnahme als Geflüchtete in der Halskestraße in Hamburg-Billbrook von organisierten Rechtsextremist:innen der „Deutschen Aktionsgruppen“ bei einem Brandanschlag ermordet. Die beiden Vietnamesen gelten in West-Deutschland als die ersten polizeilich dokumentierten und gerichtlich nachgewiesenen rassistischen Mordopfer seit 1945. Eine weitere Besonderheit dieses Falls ergibt sich zudem aus der erinnerungspolitischen Umgangsweise der deutschen Gesellschaft und seiner politischen, medialen, kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen: Im Unterschied zu anderen rassistischen Mordfällen wurde das offizielle Gedenken nicht nur marginalisiert, sondern es wurde entinnert.8 Nach ihrer Beerdigung wurde selbst in den lokalen Medien bis 2012 nicht mehr über diese Geschichte berichtet,9 so dass mit der Zeit auch das Wissen in der Zivilgesellschaft komplett zum Verschwinden gebracht wurde. Dies ist umso bemerkenswerter, da die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit den damals 17-jährigen Đỗ Anh Lân als Schutzbefohlenen in einer von ihr gesponserten Hilfsaktion in die Hafenmetropole gebracht hatte und daher in einer besonderen Verantwortung steht.10
Wie die Hamburger Morde ist auch das Rostocker Pogrom gegen die vietnamesische Community und asylsuchende Roma-Familien in vielfältiger Weise mit anderen Geschichten des deutschen Rassismus und Rechtsextremismus verbunden. Als Beispiel möchte ich hier nur auf den bis heute sträflich vernachlässigten und auch daher unaufgeklärten Brandanschlag vom 26. August 1984 in Duisburg-Wannheimerort verweisen, bei dem sieben Mitglieder der Familie Satır starben. Die zeitliche Koinzidenz der Ereignisse Hamburg, Duisburg and Rostock verweisen auf politische Zusammenhänge, die diese Tatorte und Communities miteinander verbinden. Obwohl die Angriffe in Rostock-Lichtenhagen als größtes Pogrom seit dem Niedergang des NS-Staates 1945 einen außerordentlichen Stellenwert in der deutschen Geschichte hat, lässt sich seine wirkliche gesamtgesellschaftliche und historische Bedeutung nur im Zusammenhang mit anderen Geschichten des strukturellen Rassismus und der alltäglichen Diskriminierungen begreifen. Bereits beim Fall der Berliner Mauer setzte eine heute nahezu unbekannte Gewaltwelle organisierter Rechtsextremist:innen ein: In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 griffen vorsichtig geschätzt etwa 1.500 gewalttätige Neo-Nazis in mindestens 14 ostdeutschen Städten linke Projekte und alles „Undeutsche“ an. Mit diesem Paukenschlag wurden die an einigen Orten bis heute andauernden Baseballschlägerjahre (Christian Bangel) eingeläutet. In dieser Nacht wurden auch Migrant:innen und Linke in der Hamburger Hafenstrasse von 300 Rechten angegriffen. In diesem Kontext gehören nicht nur die vorangegangenen Pogrome in Hoyerswerda (September 1991) oder in Mannheim-Schönau (Mai/Juni 1992), wo wie in Lichtenhagen Wohnheime für ehemalige Vertragsarbeitende und Geflüchtete angegriffen wurden,11 sondern auch die nachfolgenden rassistischen Morde an türkisch-deutschen Familien etwa in Mölln (November 1992) und Solingen (Mai 1993). Auch der nicht wirklich aufgeklärte Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße vom 18.01.1996 mit zehn Toten, darunter sieben Kinder, und 38 Verletzten gehört in diese Reihe. Neben anderen rassistischen Gewalttaten reicht dieses historische Kontinuum über die NSU-Morde (2000–2006) gegen die deutsch-türkische Community bis zum jüngsten rechtsterroristischen Anschlag in Hanau (Februar 2020).
Was ist ein Pogrom und was ist institutioneller Rassismus?
Wenn nach diesen Annäherungen der Fokus auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen herangezoomt wird, stellt sich eine weitere grundlegende Frage: Welche Bezeichnung ist für dieses Ereignis sachlich korrekt und angemessen. Je nach Antwort werden ganz unterschiedliche politische, juristische und wissenschaftliche Kategorisierungen mobilisiert. Obwohl objektive Sachverhalte entscheidend sein sollten, spielen gesellschaftlich wirksame Deutungen und dominante Interpretationen eine zentrale Rolle. Die Frage der Benennung kann daher nicht von Fragen des Framings, also der sozialen und kulturellen Bedeutungskonstruktion und ‑zuweisung abgetrennt werden. Bei der Bedeutungsgebung stehen sich oftmals gegensätzliche Perspektiven mit ungleichen Durchsetzungsmöglichkeiten gegenüber, wobei die Interessen von verschiedentlich beteiligten Gruppen und betroffenen Individuen unterschiedlich einflussreich sind. Wie alle gesellschaftlichen Bedeutungsgebungen reflektieren und repräsentieren vorherrschende Bezeichnungen gesellschaftlich relevante Machtverhältnisse, die kulturelle Hegemonie produzieren und durchsetzen kann. Vor diesem Hintergrund ist es bedeutsam, dass die rassistische Gewalt nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch in den Medien über Jahrzehnte hinweg meist verharmlosend als Krawalle, Randale, Übergriffe oder allenfalls als Ausschreitungen bezeichnet, häufig legitimierend auch als Protest oder naturalisierend als Explosion beschrieben wurden. Der Begriff „Pogrom“, der von Anfang an von anti-rassistischen Gruppen verwandt wurde,12 wurde dagegen lange Zeit im Mainstream-Diskurs als „linksextrem“ abgestempelt und gesellschaftlich marginalisiert. An der (Be-)Deutung und Aufarbeitung der rassistischen Angriffe von Lichtenhagen als Pogrom hatten – von vereinzelten Ausnahmen abgesehen – weder Politik und Medien vor Ort noch bundesweit ein erkennbares Interesse.13 Die tonangebende Wahrnehmung mit ihrem beschränkten Meinungskorridor hat sich im Zuge der verstärkten Kritik an den Blindstellen und Ausschlüssen im öffentlich zelebrierten Gedenken, die zum 20. Jahrestag bundesweit besonders stark wahrgenommen wurde,14 langsam gewandelt und ist inzwischen pluraler geworden.
Am 25. August 2012 sprach Kien Nghi Ha auf der Abschlusskundgebung des anti-rassistischen Kulturfestivals „Beweg dich für Bewegungsfreiheit” vor dem Sonnenblumenhaus zum Gedenken des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen von vor 20 Jahren.
Wichtige Impulse dafür lieferte auch die aufkommende Rassismuskritik seit 2011 am institutionellen, medialen wie gesellschaftlichen Umgang mit der verschleppten Aufdeckung des NSU-Skandals.15 Der bundesweit aufsehenerregende Terroranschlag in Hanau und die globale Black Lives Matter-Bewegung 2020 haben diesen Bewusstwerdungs- und Anerkennungsprozess nochmals verstärkt. Diese Entwicklungen haben zur Ausbildung einer kritischen Masse beigetragen, sodass in vielen gesellschaftlichen Bereichen Rassismus inzwischen nicht mehr wie früher als ‚Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit‘ verbrämt wird. All das hat sicherlich dazu beigetragen, dass der Pogrombegriff im Fall „Rostock-Lichtenhagen“ heute weniger geächtet ist. Für viele Beobachtende überraschend, hat selbst die Stadt Rostock in offiziellen Mitteilungen zum 30. Jahrestags die rassistische Gewalt als Pogrom anerkannt.16 Damit schloss sich die Stadt dem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags an, der die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen als „die größten rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Angriffe gegen Angehörige einer ethnischen Minderheit in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges“17 charakterisiert. Neben den rassistischen Angriffen in Hoyerswerda (September 1991)18 wird Rostock-Lichtenhagen als zentrales Fallbeispiel diskutiert, wobei die Argumente für die Anwendung des Pogrombegriffs breiten Raum erhalten und von den Autor*innen nicht in Zweifel gezogen werden.19
Dieses Eingeständnis ist überfällig. Denn wer unvoreingenommen das rassistische Großereignis in Rostock-Lichtenhagen betrachtet, kann augenblicklich drei charakteristische Elemente erkennen: Massive Bedrohung und Gewaltausübung der dominanten Gruppe gegen eine rassifizierte Minderheit, die durch staatliche Institutionen und ihre Repräsentant:innen toleriert oder akzeptiert wird. Vor allem die institutionelle Komponente ist entscheidend und unterscheidet das Pogrom von anderen Formen rassistischer Gewalt. Das Pogrom wird übereinstimmend in der Encyclopædia Britannica als „mob attack, either approved or condoned by authorities, against the persons and property of a religious, racial, or national minority“ und in der Encyclopedia of Nationalism (2001) als „mobilized crowd violence (usually officially encouraged) against members of a subordinate cultural group“ definiert. Obwohl der Begriff ursprünglich auf die historischen Verfolgungen von jüdischen Gemeinschaften in Osteuropa verwandt wurde, ist er nach Ansicht von führenden Antisemitismusforscher:innen wie Werner Bergmann nicht darauf beschränkt.20 Auch lässt sich m.E. nach argumentieren, dass die Suche nach Parallelen und Analogien zwischen Rassismus und Antisemitismus hier produktive Erkenntnisse generieren kann. Im Anschluss an das Phänomen des sekundären Antisemitismus und des sekundären Kolonialismus können sowohl verschleiernde Entnennungen also auch unzureichende erinnerungspolitische, wissenschaftliche und kulturelle Aufarbeitungen als Fortsetzung des institutionellen Rassismus angesehen werden. Der sekundäre Rassismus kann als nachfolgende institutionelle Diskriminierung angesehen werden, in der staatliche Akteure sich weigern, das Problem sachlich angemessen zu benennen, uneingeschränkt politische Verantwortung zu übernehmen, die langanhaltenden Aus- und Nachwirkungen des Pogroms im vollen Umfang anzuerkennen und den tatsächlichen Opfern angemessene Entschädigung und Wiedergutmachung anzubieten.
Ich folge hier der im anglophonen Raum anerkannten Definition des institutionellen Rassismus der Macpherson-Kommission (1999) der britischen Regierung:
„The collective failure of an organisation to provide an appropriate and professional service to people because of their colour, culture, or ethnic origin. It can be seen or detected in processes, attitudes and behaviour which amount to discrimination through unwitting prejudice, ignorance, thoughtlessness and racist stereotyping which disadvantage minority ethnic people. It persists because of the failure of the organisation openly and adequately to recognise and address its existence and causes by policy, example and leadership. Without recognition and action to eliminate such racism it can prevail as part of the ethos or culture of the organisation.“21
Besonders hervorzuheben ist, dass nicht Absicht, sondern das Ergebnis institutionellen Handelns oder Nicht-Handelns entscheidend ist. Für das Vorliegen rassistischer Praktiken und Diskriminierungen im institutionellen Rahmen ist der Nachweis einer diskriminatorischen Intention nicht maßgeblich. Vielmehr ist fundamental, dass die unprofessionelle oder ungleiche Funktionsweise einer Institution im Ergebnis zur Benachteiligung von Menschen und Gruppen führt, die gesellschaftlich aufgrund von stigmatisierenden Rassifizierungsprozessen und kulturellen Fremdzuschreibungen diskriminiert sind.
Institutioneller Rassismus im Kontext des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen
Die verschiedenen, aber ineinandergreifenden Ebenen des institutionalisierten Rassismus mit ihren unterschiedlichen Akteur:innen lassen sich in diesem Fall wie folgt skizzieren.
1) Deutsche Einheit, ostdeutsche Sozialkrise und Asylabschaffungsdebatte
Im zeithistorischen Kontext spielte der deutsche Einheitstaumel und die ihm begleitende nationalistische Welle eine tragenden Rolle. Statt den versprochenen „blühenden Landschaften“ (Bundeskanzler Kohl)22 wurde das nationale Projekt durch gesellschaftliche Verwerfungen konterkariert und gleichzeitig politisch zugespitzt.23 So stieg in der zunehmenden Sozialkrise in der unmittelbaren Transformationsphase die Arbeitslosenquote im Westen von 6,2 % (1990) sukzessiv auf 9,0 % (1994). In Ostdeutschland, wo 1990 mit 10,2 % bereits eine deutlich ausgeprägtere Problematik vorlag, wuchs dieser Wert im gleichen Zeitraum rasant auf 15,7 %.24 In Rostock lag diese Quote im Juni 1992 bei 15,0 %.25 Die regierenden Parteien konnten keine wirkliche Lösung für die sich ausbreitende Massenarbeitslosigkeit und Verarmung anbieten. Um die eigene Hilfslosigkeit zu vertuschen, die zunehmenden Proteste zu befrieden, Verantwortung von sich zu weisen und somit die eigene politische Machtbasis zu sichern, boten rechte Parteien den Weißen Verlierer:innen der Einheit rassistisch diskriminierte Migrant:innen und Geflüchtete als Sündenböcke für die Misere an.
2) Politische Akteure und staatliche Verantwortungsträger:innen
Die Hyperbolisierung rassistisch kodierter Kampfbegriffe und Feindbilder („Überfremdung“, „Asylbetrug“, „Scheinasylant“, „massenhafter Asylmissbrauch“, „Sozialschmarotzer“ etc.) wurde in dieser Umbruchszeit im ungeahnten Ausmaß intensiviert und ausgedehnt. Ulrich Herbert, einer der führenden deutschen Zeithistoriker resümiert ernüchternd: „Daraus entwickelte sich zwischen 1990 und 1993 eine der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten innenpolitischen Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.“26 Gerade die Attacken auf das Grundrecht auf Asyl erwiesen sich als Innovationsquelle rassistischer Diskurse, die trotz der damit zum Ausdruck kommenden Infragestellung der Menschenwürde gesellschaftlich weitgehend akzeptiert waren. Diese Diskurs- und Politikverschiebung eröffnete neue Spielräume hin zum Extremismus der Mitte.27 Gleichzeitig befeuerte jede tolerierte Grenzüberschreitung des politischen Establishments rechtsextreme Kräfte und verlieh ihren Forderungen demokratische Legitimität. Die verschärfte Ausgrenzung gesellschaftlich bereits marginalisierter Minderheiten fungierte hier als ideologische Verlustkompensation für Weiße Deutsche. Die damit einhergehende Anrufung rassistischer Hierarchisierungen dient der gesellschaftlichen Stabilisierung, so dass deutsche Einheitsverlierer:innen mit Nationalstolz symbolisch aufgewertet, einer exklusiven völkischen Identität emotional entschädigt und politisch mit dem nationalen Projekt versöhnt werden. Zu diesem Zweck wurden die seit Ende der 1970er Jahre geschürte Moralpanik gegen die gestiegene Zahl von Asylsuchenden verstärkt. Gerade in Wahlkampfzeiten wurden rechtspopulistische Angriffe auf das Asylgrundrecht massiv verschärft sowie ein rigideres Ausländerrecht gefordert.28 Nachdem der christdemokratische Generalsekretär Volker Rühe im September 1991 eine bundesweite Kampagne aller CDU-Parteigliederungen zur Skandalisierung des „Asylmissbrauches“ gestartet hatte, warnte Bundeskanzler Kohl im Oktober 1992 auf dem CDU-Sonderparteitag diesbezüglich vor dem drohenden „Staatsnotstand“. Der Rechtsruck im politischen Mainstream umfasste auch die sozialdemokratische Volkspartei29 und führte in der Folgezeit zu großen Wahlerfolgen für Parteien am rechten Rand, da unzufriedene Wähler:innen zunehmend auf rechtsextreme Originale setzten.30 Der bundespolitische Diskurs lud auch die soziale Atmosphäre in Rostock negativ auf31 und schuf gesellschaftliche und ideologische Rahmenbedingungen, die das Pogrom möglich machten. Sogar während des laufenden Pogroms und auch danach nutzten Bundes‑, Landes- und Kommunalpolitiker:innen die rassistische Gewalt um das Asylgrundrecht auszuhebeln und politische Verantwortung von sich zuweisen.32 Diese Bemühungen wurden durch den am 6. Dezember 1992 vereinbarten „Asylkompromiss“ zwischen den Volksparteien belohnt, der dieses Grundrecht durch Verfassungsänderung fundamental einschränkte. Faktisch lässt sich feststellen, dass das Pogrom politisch instrumentalisiert wurde und ein lang gehegtes Großprojekt der Rechten zum Abbau zivilisatorischer Errungenschaften maßgeblich zum gesellschaftlichen Durchbruch verhalf.
3) Rassistische Medienbilder
Dieser Anti-Asyldiskurs wurde maßgeblich, aber nicht ausschließlich von Medien des Axel Springer-Konzerns flankiert. Konservative Medien-Flaggschiffe wie Die Welt, FAZ und das Massenblatt BILD sprangen für diese Kampagne in die Bresche33 und betrieben politisches Agenda Setting. Im Laufe der Zeit zogen andere Massen- und Leitmedien nach, so dass dieser journalistischer Trend sich in Kooperation mit einflussreichen wie interessierten politischen Stichwortgeber:innen in der eigenen Echokammer eigendynamisch verstärkte.34 Das kann nicht wirklich verwundern, da die deutschen Medien als Institution seit Jahrzehnten ein strukturelles Rassismusproblem haben.35 Im Gegensatz zum Selbstbild als vierte Gewalt der Demokratie, die kritische Aufklärung und sachliche Informierung betreibt, ist die Mehrheit der Berichterstattung über Zuwanderung, Flucht und „Ausländer“ in vielen Studien übereinstimmend als stereotypisierend, rassifizierend und negativ fokussiert analysiert worden, die bis heute mit graduellen Änderungen anhält.36 Laut Forschungsgruppe Wahlen dominierte das Thema „Asyl/Ausländer“ von Juni 1991 bis Juli 1993 mit Spitzenwerten von ca. 80 % als vermeintlich wichtigstes Problem die Bundespolitik – weit vor der deutschen Einheit und der Arbeitslosigkeit. Die Leserschaft der BILD wollte zu 98 % (09/1991) das Asylrecht einschränken; andere Umfragen zu dieser Zeit ergaben eine Mehrheit von 55 % in der Bevölkerung.37 In diesem Zeitraum wurden nicht nur in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, sondern auch im Fernsehen, Radio und elektronischen Medien eine Flut von Berichten, Reportagen, Interviews, Gesprächen, Kommentaren, Bildern, Grafiken, Karikaturen und Filmen verschiedenster Art produziert, die die Aufnahme von Asylsuchenden regelmäßig einseitig problematisierten und Migrierte als Unzugehörige rassifizierte.38
Rechtsextreme Bilder propagiert in einem Leitmedium
Ein eindrückliches Beispiel wie Leitmedien an rechtsextreme Bilder anknüpfen, lieferte DER SPIEGEL in der Coverstory „Flüchtlinge – Aussiedler – Asylanten: Ansturm der Armen (09/1991). Dabei greift die Redaktion nicht nur die Begrifflichkeiten und Bildersprache des Wahlplakats „Das Boot ist voll! Schluss mit Asylbetrug“ (06/1991) der rechtsextremen ‚Republikaner‘ auf.39 Vielmehr transportiert sie nahezu ungeschminkt die damit verbundene politische Nachricht und macht sich diese Botschaft durch die fehlende kritische Distanzierung zu eigen. Durch die Metapher der Masseninvasion findet sogar eine Radikalisierung statt, die Menschen wie eine Ameisenplage darstellt. Auch das rechtsextreme Motto „Das Boot ist voll!“ wurde als kollektive Notmetaphorik mit impliziter Täter-Opfer-Umkehrung zu einem geflügelten Wort. In der Kontroverse zur Einschränkung des Asylrechts wurde mit diesem Bild die bedrohte ‚nationale Schicksalsgemeinschaft‘ konstruiert und gleichzeitig beschworen. Die vorwiegend negative journalistische Berichterstattung war nicht nur in diesem Fall durch selektives Gate Keeping (Einseitigkeit), Agenda Setting (Themenfixierung) und Framing (problematische Setzungen, Kontexte, Sprache und Perspektive) geprägt. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) hat die negativierende, entindividualisierende und entmenschlichende Verobjektivierung von Geflüchteten in der bildgewaltigen Sprache des Asyldiskurses akribisch seziert. Indem Asylsuchende in naturalisierenden Katastrophenszenarien als Fluten, Wellen, Ströme, Schwemmen und Massen erscheinen, werden sie anknüpfend an tradierte kolonialrassistische Bilder als gefährliche Bedrohung konstruiert. Da Asylbewerber:innen nicht als schützenswerte „Flüchtlinge“,40 sondern in Analogie zum Spekulanten und Simulanten nun als „Asylanten“ oder gar als betrügerische „Scheinasylanten“ kriminalisiert wurden, verdienen sie keine Sympathien oder Hilfe, sondern müssen vielmehr „abgewehrt“, d.h. bekämpft werden. Indem mediale und politische Routinen, Schlagwörter wie „Asylmissbrauch“, „Sozialbetrug“, „Ausländerkriminalität“ durch omnipräsente Wiederholung prägten, wurden nicht nur rassistische, sondern auch anti-ziganistische Klischees reaktiviert und verstärkt. Auf diese Weise wurden ‚harte Maßnahmen‘ des deutschen Staates als überlebensnotwendige Abwehr rationalisiert und legitimiert. Diese Konstruktionen beflügelten Überfremdungsängste und untermauerten Polemiken gegen Einwanderung und „Multikulti“.41
Die lokale Wahrnehmung und rassistischen Auseinandersetzung um die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) in Lichtenhagen wurden im Vorfeld durch überregionale Kontroversen überlagert und geframt:42 „In der Tat war die Zeit vor den Ausschreitungen von einer tendenziösen und bisweilen rassistischen Berichterstattung in den lokalen und überregionalen Medien begleitet.“43 Auch nach dem Rostocker Pogrom waren die medialen Reaktionen doppeldeutig und mehrheitlich weit von einer kritischen Selbstreflexion entfernt: Neben Abscheu waren vor allem halbherzige Distanzierungen, moralische Relativierungen und Schuldumkehrthesen in vielen Medien wahrnehmbar, die nun noch entschlossener im Gleichklang mit konservativen und rechtsextremen Stimmen das „Einfallstor Asyl“ als Gefahrenquelle und Ursache ausmachten.44
Normalisierung rassistischer Gewalt als bleibende Hypothek der 1990er Jahre
Politik und Medien müssen sich als Institutionen mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit ihre Kampagnen die rassistischen Gewaltexzesse in den 1990er Jahre begünstigt und mitverursacht haben. Laut der Polizeistatistik „Politisch Motivierte Kriminalität (PMK) – rechts“ wurden 1990 noch 128 rechte Gewalttaten erfasst. Diese Zahl hatte sich 1991 mit 1.483 mehr als verzehnfacht und erreichte 1992 mit 2.584 ihren bisherigen Höchststand. Eine ähnlich dramatische Entwicklung war auch bei rechten Straftaten zwischen 1990 mit 1.380 und 1993 mit 10.561 Fällen auszumachen. Im Unterschied zur polizeilich erfassten rechten Gewalt stiegen die rechten Straftaten bis 2016 tendenziell immer weiter an, da sie zum großen Teil Propagandadelikte umfassen. Obwohl die Kriterien der Statistik 2001 teilweise verändert wurden und Vergleiche Einschränkungen unterliegen, lässt sich zumindest in der Unterkategorie „rechte Gewalttaten“ sagen, dass diese bis 1995 auf etwa 800 Fälle jährlich absanken und sich auf diesem hohen Niveau bis zum nächsten rechten Gewaltexzess 2015⁄16 mit kleinen Schwankungen einpendelten. Zwischen 60 bis 80 % der seit 2001 erfassten rechten Hasskriminalität wird von der Polizei als „fremdenfeindlich“ bzw. „rassistisch“ eingestuft.45
Der SPIEGEL berichtet in seiner Titelstory zu den „Krawallen“ in Rostock-Lichtenhagen: „Nach einer Untersuchung des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftliche Studien wollen 85 Prozent der Ostdeutschen keine Türken mehr ins Land lassen. 82 Prozent hegen Aversionen gegen Afrikaner oder Asiaten, rund 60 Prozent lehnen Osteuropäer ab.“46
Auch hier zeigt sich wieder, dass die unterschiedlichen Formen des Rassismus miteinander sind und verschiedene Communities trotz aller Unterschiede auch gemeinsame Erfahrungen miteinander teilen. In Bezug auf Rostock-Lichtenhagen ist wichtig daran zu erinnern, dass sowohl anti-vietnamesische als auch anti-ziganistische Gewalt nicht nur in den 1990er Jahren im ostdeutschen Alltag etwa in Form von rassistischen Beleidigungen und Überfällen sehr präsent war.47 Unter anderem wurden am 15. März 1992 der 18-jährige Dragomir Christinel aus Rumänen in einem Asylwohnheim in Saal (MV) und am 24. April 1992 Nguyễn Văn Tú in Berlin-Marzahn von Rechtsextremisten ermordet.
4) Kommunale Politik, Verwaltung und Sicherheitsbehörden
Die 1990 eröffnete ZAST in Rostock-Lichtenhagen verfügte über eine maximale Aufnahmekapazität für 300 Personen. Schon lange vor dem Pogrom war die dramatische Überbelegung als dauerhaftes Problem den zuständigen Verwaltungen bekannt. Bereits im Sommer 1991 kritisierte ein Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) die Lebensbedingungen in der ZAST als unhaltbar. Auch nach dringenden Warnungen des Gesundheitsamtes im Juni 1992 blieben kommunale Politik und Verwaltung weitgehend untätig, um auf kommunaler Ebene ein Asylstopp durch Überlastung zu erzwingen.48 Dabei war den politisch Verantwortlichen vor Ort schon frühzeitig klar, welche Folgen die weitere Eskalation der unvertretbaren Zustände in der ZAST haben könnte. Rostocks Oberbürgermeister Kilimann (SPD) schrieb am 26.07.1991 an den MV-Innenminister Diederich (CDU): „Schwerste Übergriffe bis hin zu Tötungen sind nicht mehr auszuschließen“.49 Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD) warnte im Juli 1992 davor, „dass es kracht“.50 Trotz konkreter Hinweise auf rechtsextreme Drohungen gegen die ZAST und Informationen über gewaltbereite Mobilisierungen der NPD-nahen Initiative „Rostock bleibt deutsch“ und der DVU gesteuerten „Bürgerinitiative Lichtenhagen“, die in den Tagen vor dem Pogrom von Lokalmedien aufgegriffen wurden, entwickelten die Behörden weder auf Kommunal- noch auf Landesebene Sicherheitskonzepte oder trafen Vorbereitungen. Fast alle polizeilichen Führungskräfte waren am Pogromwochenende im Heimaturlaub im Westen. Diese Sorglosigkeit teilten sie mit Rostocks Oberbürgermeister Kilimann, der seinen Urlaub nur kurz unterbrach, um ihn dann noch während des laufenden Pogroms fortzusetzen. Das Versagen von Politik und Sicherheitsorganen ist offensichtlich und eklatant:51 Die ZAST und das Sonnenblumenhaus waren zu keinem Zeitpunkt während des Pogroms ausreichend geschützt. Besonders schockierend war der Abzug der letzten Polizeikräfte am Abend des 24.08.1992, so dass das Sonnenblumenhaus mit mehr als 100 vietnamesische Bewohner:innen, einem ZDF-Fernsehteam, dem Rostocker Ausländerbeauftragen Wolfgang Richter sowie linken Aktivist:innen etwa 1,5 Std. ungehindert gebrandschatzt werden konnte. Nur mit knapper Not konnten die Eingeschlossenen über eine mühevoll entsperrte Brandschutztür der tödlichen Rauchvergiftung entkommen. Bis heute ist ungeklärt, ob behördliche Überforderung, Unfähigkeit und Inkompetenz bzw. eine fahrlässige, politisch tolerierte oder gar gewollte Zuspitzung der Konflikte um Aufnahmestopp für die ZAST (kommunal) und Asylrechtsänderung (bundespolitisch) für das multiple behördliche Nicht-Handeln mitverantwortlich sind. Denkbar ist auch eine Mischung dieser Faktoren. Auffällig ist, dass die Polizei trotz Personalmangel am 23.08.1992 Zeit, Kapazitäten und Priorität (er-)fand, etwa 60 linke Demonstrierende festzunehmen, die ihre Solidarität mit den angegriffenen Roma und Vietnames:innen zeigten.52 Auch die großräumige Behinderung und Unterdrückung der Solidaritätsdemonstration „Stoppt die Pogrome“ am 29.08.1992 mit kurzfristig mobilisierten 3.000 Polizist:innen zeigt eindrucksvoll, was bei einem entsprechenden politischen Willen alles möglich ist.53 Daher muss die für einen demokratischen Rechtsstaat ungeheuerliche These endlich schonungslos untersucht werden: „Rostock-Lichtenhagen sollte als Fanal fungieren. Geplant war eine kontrollierte Eskalation des Volkszorns mit dem Ziel, die SPD zum Einlenken in der Asylfrage zu zwingen“.54
Roma-Familien retten sich aus der ZAST.
Eingeschlossene Vietnames:innen befreien sich.
5) Unzureichende Aufarbeitungen: politisch, juristisch, wissenschaftlich, kulturell und erinnerungspolitisch
Nicht nur die Vorgeschichte und der konkrete Tatablauf des Pogroms, sondern auch die Aufarbeitung weist einzigartige institutionelle Versäumnisse auf. Auf politischer Ebene sind die Ergebnisse der Untersuchungsausschüsse des Schweriner Landtag und der Stadt Rostock ungewöhnlich dürftig, da es offensichtlich an Aufklärungsinteresse mangelte und die parlamentarische Arbeit im Parteienstreit endete:55 „Bis heute gibt es keinen der dafür die Verantwortung übernommen hätte. Kein Politiker, egal mit wem ich sprach, alle, wirklich alle, duckten sich in dem Moment weg56 […] Beide Untersuchungsausschüsse sind zu dem Ergebnis gekommen, dass man das [gemeint ist die politische Verantwortung] so nicht mehr nachvollziehen kann.“57 Innenminister Lothar Kupfer bestritt jede Verantwortung und wurde erst Februar 1993 entlassen. Rostocks Oberbürgermeister Kilimann trat Dezember 1993 ohne Schuldeingeständnis und unter Protest zurück. Auch unter den polizeilichen Führungskräften übernahm niemand die Verantwortung. Stattdessen herrschten undurchsichtige Schuldzuweisungen und wechselseitiger Kompetenzstreit: Die verschiedenen Polizeibehörden auf Landes- und Kommunalebenen schoben sich gegenseitig die Verantwortung für das öffentliche Debakel zu und warfen einander Inkompetenz und sogar absichtliches Fehlverhalten vor,58 was die These eines tolerierten Pogroms nährte.
„Die Rollen von Polizeichef Siegfried Kordus, der auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen nach Hause fuhr und am Montag Verstärkung durch BGS-Einheiten ablehnte, von Landespolizeichef Hans-Heinrich Hansen, der keine Verstärkung nach Rostock schickte, oder Bundesinnenminister Rudolf Seiters, der in Rostock vertrauliche Gespräche mit dem Ministerpräsidenten Seite, Innenminister Kupfer und Kordus führte, sind jedoch nicht hinreichend aufgehellt worden.“59
Noch nicht merkwürdig genug: Der besonders gescholtene Rostocker Polizeidirektor Kordus wurde bereits eine Woche nach dem Pogrom zum Direktor des Landeskriminalamts befördert. Es wirkte wie eine Belohnung für treue Dienste und untergrub die Ernsthaftigkeit der laufenden Untersuchungen zum polizeilichen Versagen. Kordus wurde zwei Jahre später trotz glaubhafter Korruptionsvorwürfe und Berichte über mafiöse Beziehungen nicht angeklagt, sondern nur in den vorzeitigen Ruhestand geschickt – dies ist umso erstaunlicher, da in den letzten 14 Monaten vor Kordus Aufdeckung vier Ermordungen im umkämpften Rostocker Rotlichtmillieu stattfanden.60 Auch zwei andere Spitzenbeamte, die 1992 beim Pogrom in führenden Polizeipositionen waren, wurden durch einen Whistleblower in anderen Fällen des Amtsmissbrauchs beschuldigt.61 Auch der überforderte und von seinen Vorgesetzten im Stich gelassene Polizeieinsatzleiter Deckert wurde trotz massiver Fehler62 ausgerechnet als Dozent an die Polizeifachhochschule Güstrow versetzt. Die Ermittlungsverfahren gegen Kordus und Deckert wurden 1994 und 2000 ohne Konsequenzen eingestellt, wobei Deckert einigen als „Bauernopfer“ galt.
Auch die anderen juristischen Aufarbeitungsversuche waren von Desinteresse, unprofessioneller Arbeitsweise und Erfolgslosigkeit geprägt. Während des Pogroms wurden nur 370 vorläufige Festnahmen vorgenommen sowie 408 Ermittlungsverfahren eingeleitet – nicht zuletzt gegen linke Gegendemonstrierende. In den meisten Fällen war eine strafrechtliche Verfolgung kaum möglich, da nur wenige qualifizierte, d.h. beweissichernde Festnahmen erfolgten.63 Im Ergebnis wurde ein Großteil der 215 gerichtlich eingeleiteten Verfahren gegen 257 Personen eingestellt. Am Ende wurden nur 44 Urteile ausgesprochen, darunter auch Urteile gegen Linke auf Solidaritätsdemonstrationen: Nur ein Fall bezog sich auf den direkten Angriff auf das Sonnenblumenhaus. Zumeist wurden relativ geringfügige Geld- und Bewährungsstrafen wegen Landfriedensbruchs und Propagandadelikten ausgesprochen. Von elf ursprünglich verhängten Arreststrafen zwischen sieben Monaten und drei Jahren wurden sieben zur Bewährung ausgesetzt. Nur vier Straftäter mussten zwischen zwei und drei Jahren tatsächlich in den Jugendarrest. Insgesamt wird die juristische Aufarbeitung als skandalös bewertet: Die zum Teil sehr langsamen Verfahren mündeten bestenfalls in formale Blitzprozesse ohne sachliche Aufarbeitung mit sehr milden Urteilen, da Richter:innen und Staatsanwälte wenig Engagement und Interesse zeigten. Ein Richter wurde aufgrund der grotesken Amtsführung, die auch zur Verjährung einer Anklage führte, wegen Rechtsbeugung und Strafvereitelung im Amt angezeigt. Selbst in Fällen, wo ausreichend Beweise vorlagen, wurden nur Bewährungsstrafen für vorbestrafte rechtsextreme Gewalttäter verhängt – trotz Verurteilung wegen versuchten Mordes. Das letzte nach elf Jahren abgeschlossene Verfahren gilt aufgrund der absurd langen Prozessverschleppung als eines der „größten Justizskandale der Nachkriegszeit“.64
Die große Diskrepanz zwischen der objektiv erkennbaren gesellschaftspolitischen Bedeutung des Pogroms und der nachlässigen institutionellen Aufarbeitung trifft auch im wissenschaftlichen Bereich zu. Bis heute ist kein großes Forschungsinteresse am Pogrom von Lichtenhagen feststellbar. Das spiegelt sich auch im bisherigen Bestand der Literatur zum Thema wider: Bisher sind weniger als eine Handvoll Monographien und Anthologien erschienen, die sich zentral mit den Angriffen von Rostock-Lichtenhagen auseinandersetzen. Der konjunkturellen Aufmerksamkeitsökonomie folgend sind bisher alle zehn Jahre Jubiläumsbänder zum Thema erschienen. Den Anfang machte das DISS mit seinem diskursanalytischen Ansatz in „SchlagZeilen. Rostock: Rassismus in den Medien“ (1992), der die Ereignisse medienwissenschaftlich zeitnah einordnete. Dann folgte 2002 die journalistische Aufarbeitung von Jochen Schmidt, der als ZDF-Praktikant und Zeitzeuge im Sonnenblumenhaus das Pogrom hautnah erlebte. Obwohl das Buch von den bisherigen Publikationen zum Thema die größte öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr, löste die titelgebende These von der „Politische[n] Brandstiftung“65 trotz der guten journalistischen Vernetzung des Autors weder einen medialen Wirbelsturm noch ein politisches Erdbeben aus. Die These wurde in der Berichterstattung relativiert und der thematische Fokus verschoben. Dieses Desinteresse deutet Schmidt als „Totschweigen“66. Die Angst vor Kontroll- und Glaubwürdigkeitsverlust macht diese Frage anscheinend auch noch nach Jahrzehnten höchst explosiv. Zum 20. Jahrestag erschien dann ein kleiner, nur aus drei lesenswerten Beiträgen bestehender Sammelband, den Thomas Prenzel als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Rostock herausgab und wesentlich miterarbeitete. Dieser Rhythmus wird 2023 mit dem von Gudrun Heinrich, David Jünger, Oliver Plessow und Cornelia Sylla editierten Sammelband „Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992“ leicht verspätet fortgesetzt. Das Buch dokumentiert und fasst die Ergebnisse der Vorlesungsreihe an der Universität Rostock zum 30. Jahrestag des Pogroms zusammen. Wie 2012 kam dieses Projekt aber nicht durch ein institutionell geplantes Programm der Universität, sondern durch Eigeninitiativen von Universitätsangehörigen zustande, die alle in unterschiedlichen Fachbereichen arbeiten und sich Frühjahr 2022 zufällig bei einem Workshop trafen.
Zweifellos ist die Anzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen und Bezugnahmen höher, ebenso die zahlreichen journalistischen Erzeugnisse, die zu den Jahrestagen regelmäßig einen Boom erfahren. All das kann aber nicht über die wissenschaftliche Marginalisierung und das letztlich unzureichende Interesse an einer kontinuierlichen Aufarbeitung und vertieften Erforschung hinwegtäuschen. Die Ursachen dafür sind unklar: Wenn wir die Aufarbeitung des NSU-Komplexes zum Vergleich heranziehen,67 kann die These aufgestellt werden, dass die staatspolitische Brisanz des Falls der wissenschaftlichen und journalistischen Aufarbeitung hier nicht im Wege steht – eher kann das Gegenteil behauptet werden. In den letzten Jahren ist ein verstärktes Interesse zu verzeichnen: Darunter zählt etwa das Forschungsprojekt „Doing Memory“ von Tanja Thomas, Fabian Virchow und Matthias Lorenz sowie Rostocker Initiativen mit Lokalforschenden wie etwa Gudrun Heinrich und das Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“. Vereinzelt existieren auch Bachelor- und Masterarbeiten von interessierten Studierenden sowie einige Dissertationsprojekte.
Auf der Ebene der kulturellen Verarbeitung fällt ebenfalls im Vergleich zur Themensetzung des NSU-Komplexes etwa im Bereich „Theater“ ein deutlicher Unterschied auf,68 obwohl beide Themen miteinander verbunden sind und trotz wichtiger Unterschiede in ihrer gesellschaftlichen und zeithistorischen Bedeutung vergleichbar erscheinen. Zum Thema Rostock-Lichtenhagen sind bisher lediglich drei Stücke in kleinen Theaterproduktionen entstanden: Davon nimmt nur das Stück „Sonnenblumenhaus“ (2014) von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos die Perspektive der angegriffenen vietnamesischen Community ein.69 Die beiden Stücke „Kein schöner Land“ (2000) der freien Gruppe „Neue Tendenz Theater“ aus NRW und „Bis zum Anschlag“ (2011) von Christof Lange vom Freien Theater Jugend Rostock fokussieren sich dagegen auf Weiße Täter.70 Diese Perspektive nimmt auch der bisher einzige Spielfilm zum Thema ein. In Burhan Qurbanis Kinostreifen „Wir sind jung. Wir sind stark“ (2015) stehen erneut eine Weiße Jugendgruppe und die Tätersicht im Zentrum.71 Im Unterschied dazu sind die Dokumentarfilme weniger bekannt, aber thematisch diverser aufgestellt, da im Laufe der Zeit neue Fragen etwa zur Integrations- und Erinnerungsarbeit dazu kamen. Neben der „Kennzeichen D“-Reportage des ZDF-Teams ist insbesondere der britische Dokumentarfilm „The Truth Lies in Rostock“ (1993) von Mark Saunders und Siobhan Cleary, die bei ihrer Arbeit von der linken Rostocker Initiative JAKO videocoop unterstützt wurden, als zeithistorisches Dokument und als Archivmaterial von besonderer Bedeutung. In Interviews mit Roma-Geflüchteten und vietnamesischen Arbeiter:innen entstanden Bilder und Narrative, die den Angegriffenen bis heute eine Stimme geben und ihre Sicht der Geschichte ansatzweise repräsentieren. Anlässlich des 30. Jahrestags entstand in der Reihe „Die Narbe“ die bisher letzte Fernsehproduktion „Der Anschlag in Rostock-Lichtenhagen“ (NDR 2022). Trotz des Postulats Rassismus zu benennen und Betroffenenperspektiven Raum einzuräumen, gelingt das nicht wirklich. So wurde Mai-Phuong Kollaths Plädoyer die rassistische Gewalt im August 1992 als „Pogrom“ zu bezeichnen aus der dokumentierten Diskussion rausgeschnitten und stattdessen am Begriff „Krawalle“ festgehalten.72
Auch die Stadt Rostock tut sich schwer, diesen Themen und Herausforderungen gerecht zu werden. Zwar wurde von zivilgesellschaftlicher Seite etwa die Ausstellung „Von Menschen, Ansichten und Gesetzen. Rostock-Lichtenhagen – 10 Jahre danach“ (Bund statt Braun, 2002) erarbeitet. Im Laufe der Jahre fanden auch unzählige Veranstaltungen und unterschiedlichste Projekte statt. Trotzdem kann gesagt werden, dass bis 2017 die offizielle wie zivilgesellschaftliche Erinnerungspolitik lediglich ereignisbezogen, kurzfristig und temporär, z.T. auch verklärend und instrumentell war. Statt die institutionelle Verantwortung staatlicher Akteure und den allgegenwärtigen Rassismus im Alltag bis hin zum behördlichen Handeln aufzuarbeiten und in der Bildungsarbeit weiterzuvermitteln, wurde nicht selten der Fokus auf multikulturelle Feste, Versöhnung und Integration gelegt73, um unangenehme und konfliktträchtige Themen zu vermeiden. Diese Kritik lässt sich auch an einem städtischen Vorzeigeprojekt zur erinnerungspolitischen Aufarbeitung des Pogroms verdeutlichen.
Mahnmale der Künstlergruppe „Schaum“ im Rostocker Stadtraum (Foto: privat)
In Reaktion auf fortlaufende Kritik und Forderungen nach Schaffung von Lern- und Erinnerungsorten in öffentlichen Raum74 lud die Stadt Juli 2016 zehn Künstler:innen und Projekte zu einem Wettbewerb mit einem Gesamtetat von lediglich 105.000 Euro ein.75
Die Entscheidung der Rostocker Jury fiel zugunsten der lokalen Künstlergruppe SCHAUM aus, deren Entwurf als Nachrücker eingebracht wurde. Ihr dezentrales Konzept „Gestern Heute Morgen“ geht von dem zentralen Arbeitsmotto aus: „Die Kunstwerke wollen keine Antworten oder Schuldzuweisungen geben.“76
Was aber bedeutet das? Aus meiner Sicht stellt dieses Denkmal eine verpasste Chance dar. Denn die dezentrale Aufstellung u.a. vor dem Rathaus, dem Redaktionsgebäude der Ostsee-Zeitung und dem Polizeipräsidium ist eigentlich hervorragend geeignet, die Rolle und Verantwortung dieser Institutionen beim Pogrom ganz konkret mit künstlerischen Mitteln und bildungspolitischer Aufarbeitung offen zum Thema zu machen. Stattdessen wurden zum 25. Jahrestag Installationen aufgestellt, die nicht nur sehr unauffällig und leicht zu übersehen sind; ihre abstrakten Symbole und universelle Gesten lenken auch davon ab, sich tatsächlich mit dem rassistischen Pogrom im lokalen Kontext auseinanderzusetzen. Da diese Skulpturen so unverständlich sind, entsteht immer wieder die absurde Situation, dass Besucher:innen diese Gebilde nicht als Erinnerungsorte erkennen und weiter danach suchen, obwohl sie direkt davor stehen.77 Aufgrund ihrer minimalistischen und kostengünstigen Gestaltung, die mit einer Grundfläche von meist nur 0,18 qm auch kaum Raum beansprucht, wirken dieser Mahnmale wie eine formale Pflichtaufgabe, die im Alltag möglichst wenig stören soll und zumindest der Dominanzgesellschaft keine schmerzhaften Erinnerungen oder Lernprozesse zumuten will. In diese Logik passt auch die Benennung der Installation vor dem Sonnenblumenhaus als „Selbstjustiz“, die mit diesem Titel das fragwürdige Risiko der Legitimierung rassistischer Gewalt eingeht.
Auch bei diesem erinnerungspolitischen Projekt offenbarte sich erneut ein altbekanntes Strukturproblem: Das Übergehen und die Unsichtbarmachung von Betroffenenperspektiven. Erst im Nachhinein wurde der Stadt bewusst, dass vergessen wurde, die Opfer des Pogroms einzubeziehen. Daher wurde die sechste Skulptur „Empathie“ von einer NGO finanziert und 2018 den betroffenen Opfern nachträglich gewidmet. Obwohl mit Romani Rose sowie dem Vorsitzenden des Migrantenrat Rostock Selbstrepräsentation ermöglicht wurde, standen bei beiden Einweihungen bedauerlicherweise keine Sprecher:innen der vietnamesischen Community auf dem Programm. Auch die modernisierte Erinnerungspolitik ist mit Marginalisierung und Unsichtbarmachung verstrickt. So lange Arbeits- und Entscheidungsprozesse ohne gleichberechtigte Mitwirkung aller betroffenen Communities stattfinden und entsprechende (auch materielle) Voraussetzungen dafür geschaffen werden, werden zwangsläufig institutionalisierte Ausschlüsse reproduziert.
So verhält es sich auch mit der offiziellen Entschuldigung der Stadt durch Oberbürgermeister Pöker, die schon 2002 ausgesprochen wurde. Aber so lange keine Entschädigungsleistungen und ein Rückkehrrecht für die damals abgeschobenen Opfer des Pogroms angeboten werden, beschränkt sich die „Wiedergutmachung“ auf ein symbolpolitisches Zeichen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass anti-Asiatischer Rassismus nicht nur in Rostock, sondern allgemein in Deutschland bisher historisch verkannt, verdrängt und in allen Bereichen stark unsichtbar gemacht wurde. Ob diese gravierenden Defizite in den nächsten Jahren ein Stück weit abgebaut werden können, ist mit Skepsis zu betrachten, solange der politische Wille in den Institutionen und bei entscheidenden Gatekeepern fehlt. Obwohl Deutschland nicht nur postmigrantischer, sondern aufgrund zunehmender Migrationsprozesse aus dieser Weltregion auch Asiatisch-diasporischer wird, ist die strukturelle Sensibilität für diese Thematik in der deutschen Gesellschaft nach wie vor nur gering ausgeprägt. Das zeigen nicht zuletzt die Koalitionsvereinbarungen der aktuellen Bundesregierung vom Dezember 2021: Trotz Aktualität und Vielzahl der dokumentierten Corona-Rassismusfälle gegen Asiatisch Aussehende in Deutschland wird das Thema „anti-Asiatischer Rassismus“ im Unterschied zu anderen Rassismusformen dort nicht einmal erwähnt. Folglich werden die Institutionen des Bundes keine spezifischen Maßnahmenpakete gegen anti-Asiatischen Rassismus konzipieren oder das Thema systematisch berücksichtigen, da dieses Problem dort nicht explizit anerkannt ist. Das ist insoweit konsequent, da auch im bisherigen „Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus“ (Bundesministerium des Innern 2017) anti-Asiatischer Rassismus kein Thema ist. Asiatische Deutsche, Asiatisch-diasporische und Asiatische Menschen sind in Deutschland im Unterschied zu anderen Betroffenengruppen immer noch nicht ausdrücklich als vulnerable und schutzwürdige Gruppe anerkannt. Das bedeutet, dass aus dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen auch heute noch nicht die richtigen Lehren gezogen wurden.
Kien Nghi Ha ist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen.. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet. Neben zahlreichen Publikationen zu postkolonialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora Studies ist zuletzt der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A, 2021) als erweiterte Neuauflage erschienen. Aktuell editiert er die Anthologie Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A, 2023) und schreibt am Essay Boat People – Vom schutzwürdigen Flüchtling zur Zielscheibe des Anti-Asiatischen Rassismus für den Ausstellungskatalog „Alfredo Jaar – The Kindness of Strangers“ (2024) des Museums der Moderne Salzburg und den Kunstsammlungen Chemnitz. Im Erscheinen: Verwobene Geschichten in Hito Steyerls „Die leere Mitte“ (1998) aus Asiatisch-deutscher Perspektive. In: Ömer Alkin/Alena Strohmaier (Hg.): Rassismus und Film. Marburg: Schüren Verlag, 2023. Zur kolonialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und antirassistische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: transcript 2023.
Fußnoten
1Um die geographische Bezeichnung „asiatisch“ von kulturellen Fremd- wie Selbstkonstruktionen zu unterscheiden, schlage ich – im Unterschied zur medialen Verwendung und in Anlehnung an die inzwischen im anglophonen Raum institutionell etablierte Schreibweise von Asian, Black, Brown und auch White – die Großschreibung von „Asiatisch“ vor, um eine Differenzierung zu ermöglichen.
2Vgl. Kien Nghi Ha: Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen „Rassenbastarde“. Bielefeld: transcript 2010, S. 259–277.
3Vgl. zum antikolonialen Aufstand des „Verbands für Gerechtigkeit und Harmonie“ (義和團) Mechthild Leutner / Klaus Mühlhahn (Hrsg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900–1901. Berlin: Links 2007.
4Dieser Effekt ließ sich in der Corona-Pandemie sowohl in den USA als auch in der BRD gut erkennen als ursprünglich anti-chinesische Ressentiments auch auf andere diasporische Gruppen mit Ost- und Südostasienbezügen ausgedehnt wurden. Die Betroffenen wurden angegriffen und vielfach grenzüberschreitend in Kollektivhaftung genommen, so dass Asiatisch-Sein in diesen Fällen zwangsweise durch anti-Asiatischen Rassismus fremd definiert wurde. Vgl. Kien Nghi Ha: Zur transnationalen Kolonialität des anti-Asiatischen Rassismus: Yellow Peril und anti-chinesische Migrationspolitik im pazifischen Raum. In: Mechthild Leutner / Pan Lu / Kimiko Suda (Hrsg.): Antichinesischer und anti-asiatischer Rassismus. Historische und gegenwärtige Diskurse, Erscheinungsformen und Gegenpositionen. Münster: LIT-Verlag 2022, S. 38–58, hier S. 54–56.
5Vgl. etwa die Karikaturen des deutsch-amerikanischen Zeichners Lyonel Feininger, der zur Jahrhundertwende die deutsche Kolonialpolitik in Afrika und China mit rassistischen Bildern kommentierte. Siehe Mechthild Leutner: Rassismus und deutscher Kolonialismus in China. Legitimation Weißer Herrschaft und das Feindbild von der „Gelben Gefahr“. In: Dies. / Pan Lu / Kimiko Suda (Hrsg.): Antichinesischer und anti-asiatischer Rassismus. Historische und gegenwärtige Diskurse, Erscheinungsformen und Gegenpositionen. Münster: LIT-Verlag 2022, S. 11–37, hier S. 28–33.
6Vgl. Kien Nghi Ha: Zur kolonialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus. Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hrsg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und antirassistische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: transcript 2023, im Erscheinen.
7Vgl. Walter Demel: How the ‚Mongoloid Race‘ Came into Being: Late Eighteenth-Century Constructions of East Asians in Europe, In: Rotem Kowner / Ders. (Hrsg.): Race and Racism in Modern East Asia Western and Eastern Constructions, Leiden: Brill 2013, S. 59–85; Rotem Kowner: Between Contempt and Fear: Western Racial Constructions of East Asians since 1800. In: Ebd., S. 87–125.
8Ich habe den Begriff der „Entinnerung“ in Abgrenzung zum passiven und unbewussten Vergessen als einen aktiven kultur- und erinnerungspolitischen Prozess definiert, der die zu dieser Zeit gesellschaftlich dominanten Werte und Interessen artikuliert. Vgl. Kien Nghi Ha: Macht(t)raum(a) Berlin – Deutschland als Kolonialgesellschaft. In: Maisha Eggers/Grada Kilomba/Peggy Piesche/Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast 2005, S. 105–117, hier S. 105.
9Der freie Lokaljournalist Frank Keil entdeckte bei seinen Recherchen zu Süleyman Taşköprü, dem Hamburger Mordopfer des NSU, zufällig diese ihm unbekannte Geschichte wieder. Vgl. Frank Keil: Der blanke Hass. In: Die Zeit, 23.02.2012.
10Vgl. Kien Nghi Ha: Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân († Hamburg 1980): Keine Zweiklassengesellschaft in der Kultur- und Erinnerungspolitik!. In: Ders. (Hrsg.): Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin / Hamburg: Assoziation A 2021, S. 140–149, hier S. 143–144 und Kien Nghi Ha: Die Ankunft der vietnamesischen Boat People. In: Webmap Hamburg Global, Eine Welt Netzwerk Hamburg e.V. 16.04.2014. https://www.hamburg-global.de/v1.0/placemarks/100 (Zugriff am 21.07.2023).
11Vgl. Matthias Möller: „Ein recht direktes Völkchen“? Mannheim-Schönau und die Darstellung kollektiver Gewalt gegen Flüchtlinge. Frankfurt am Main: Trotzdem 2007.
12So wurde die unmittelbar nach den Angriffen auf das Sonnenblumenhaus und die Zentrale Aufnahmestelle organisierte bundesweite Demonstration am 29. August 1992 in Rostock unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ durchgeführt.
13So ist im Abschlussbericht des 2. Untersuchungsausschusses des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern vermeintlich neutral von „Ereignissen“ (12 Erwähnungen) die Rede, wobei dieser wertfreie Begriff nicht in der Lage ist die tatsächliche Gewalt auch nur annähernd zu benennen und daher beschönigend wirkt. Im Bericht werden abwechseln auch die Begriffe „Krawalle“ (13), „Auseinandersetzungen“ (5), „Ausschreitungen“ (5), „Randale“ (2), Protest (1) und „Demonstration“ (1) verwandt. Dagegen tauchen auf den 51 Seiten des Berichts an keiner Stelle die Begriffe „Pogrom“ und „Rassismus“ bzw. „rassistisch“ auf. Vgl. Drucksache 1⁄3771, 04.11.1993.
14Vgl. Kien Nghi Ha: Rostock-Lichtenhagen – Die Rückkehr des Verdrängten. In: Ders. (Hrsg.): Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin / Hamburg: Assoziation A 2021, S. 150–166. Erstveröffentlichung: Heinrich Böll Stiftung, September 2012. https://heimatkunde.boell.de/de/2012/09/01/rostock-lichtenhagen-die-rueckkehr-des-verdraengten (Zugriff am 20.02.2023).
15So haben die Sicherheitsbehörden mit ihren mehrheitlich biodeutschen Mitarbeiter:innen das rassistische Motiv nicht erkannt und die Opfer verdächtigt. Trotz fehlender Indizien rechnete die „Soko Bosporus“ über Jahre hinweg die „Dönermorde“ aufgrund eigener Vorurteile unbeirrt der „Türken-Mafia“ zu, die Schutzgelder und Wettschulden erpressen wolle oder aus Rache „Ehrenmorde“ beginge. Vgl. Hajo Funke: Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung. Münster / Berlin: Kontur 2015, S. 308–342; Juliane Karakayali/Çagri Kahveci/Doris Liebscher/Carl Melchers (Hrsg.): Den NSU-Komplex analysieren. Aktuelle Perspektiven aus der Wissenschaft. Bielefeld: transcript 2017; Tanjev Schultz: NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. München: Droemer 2018.
19Ebd. S. 8–10. Bereits die Publikation des Gutachtens drei Wochen vor dem 30. Jahrestags des Pogroms kann als deutliches gesellschaftspolitisches Statement gelesen werden.
20Vgl. Thomas Prenzel: Rostock-Lichtenhagen und die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. In: Ders. (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der rassistischen Gewalt. Universität Rostock. Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften 2012, S. 9–29, hier S. 10. https://doi.org/10.18453/rosdok_id00003587 (Open Access)
21William Macpherson: The Stephen Lawrence Inquiry. Presented to Parliament by the Secretary of State for the Home Department by Command of Her Majesty. London: 1999, hier Punkt 6.34.
22Fernsehansprache anlässlich des Inkrafttretens der Währungs‑, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990.
23Hajo Funke: Brandstifter. Deutschland zwischen Demokratie und völkischem Nationalismus. Göttingen: Lamuv 1993, S. 50–66; 106–108.
25Johann Gerdes, Annett Jackisch, Christoph Schützler: Lagebericht zur sozialen Situation in der Hansestadt Rostock. Universität Rostock: 2005, S. 32. DER SPIEGEL gibt ohne Zeitbezug die Arbeitslosenquote in Rostock mit 13 % und im Stadtteil Lichtenhagen mit 17 % an. Vgl. DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, Nr. 36⁄1992. 30.08.1992. https://www.spiegel.de/politik/ernstes-zeichen-an-der-wand-a-eb1b8609-0002–0001-0000–000013689982 (Zugriff am 25.02.2023).
26Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Bonn: bpb 2003, S. 299.
27Nur ein Beispiel von vielen, um den unverhohlenen Rassismus im damaligen politischen Diskurs der demokratischen Volksparteien zu illustrieren: „Es kann nicht sein, dass ein Teil der Ausländer bettelnd, betrügend, ja auch messerstechend durch die Straßen ziehen, festgenommen werden und nur, weil sie das Wort ‚Asyl‘ rufen, dem Steuerzahler auf der Tasche liegen.“ (Klaus Landowsky, CDU-Fraktionsvorsitzender in Berlin, In: Stern, Nr. 43 vom 17.10.1991).
28Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 263–273; 296–322.
29Die Eskalationsspirale gegenseitiger rhetorischer Übertrumpfungen führte zu einer enthemmten Debatte, die ein sehr breites politisches Spektrum umfasste. Wie entfesselt der politische Extremismus der Mitte war, zeigte etwa Friedhelm Farthmann, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion in NRW und späterer Ehrenvorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz des Malteserordens. Er schlug vor „Asylanten“ auf diesem Weg abzuschieben: „Kurzen Prozess, an Kopf und Kragen packen und raus damit!“ (17.03.1992) Später blies Gerhard Schröder als SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen im Landeswahlkampf ins gleiche Horn. Im Interview mit BILD am Sonntag forderte er „Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus und zwar schnell?“ (20.07.1997). Trotz oder gerade wegen solcher Aussagen wurde er SPD-Vorsitzender und Bundeskanzler (1998–2005).
30In Berlin erzielten die „Republikaner“ 7,5 % (1989) und in Baden-Württemberg sogar 10,9 % (1992). Die rechtsextreme Deutsche Volksunion (DVU) kam in Bremen auf 6,2 % (1991), in Schleswig-Holstein auf 6,3 % (1992) und erreichte in Sachsen-Anhalt mit 12,9 % (1998) ihr bestes Wahlergebnis.
31Vgl. Prenzel: Rostock-Lichtenhagen und die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, S. 13–15.
32Vgl. Jochen Schmidt: Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging. Berlin: Edition Ost 2002, S. 154–196.
33Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 303.
34Vgl. Margaret Jäger: BrandSätze und SchlagZeilen. Rassismus in den Medien. In: Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Entstehung von Fremdenfeindlichkeit. Die Verantwortung von Politik und Medien. Bonn: 1993, S. 73–92.
35Vgl. Jesus Manuel Delgado: Die „Gastarbeiter“ in der Presse. Eine inhaltsanalytische Studie. Opladen: Leske 1972. Siehe auch diese medienwissenschaftliche Metastudie, die die Ergebnisse von zwölf empirischen Untersuchungen lokaler und überregionaler Zeitungen aus den Jahren 1972 bis 2000 zusammenfasst: Daniel Müller: Die Darstellung ethnischer Minderheiten in deutschen Massenmedien. In: Rainer Geißler / Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: transcript 2015. S. 83–126.
36Vgl. Christine Horz: Fluchtmigration in den Medien. Stereotypisierungen, Medienanalyse und Effekte der rassifizierten Medienberichterstattung. In: Meltem Kulaçatan / Harry Harun Behr (Hrsg.): Migration, Religion, Gender und Bildung: Beiträge zu einem erweiterten Verständnis von Intersektionalität. Bielefeld: transcript 2020, S. 175–210; Marcus Maurer et al.: Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration. Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Institut für Publizistik 2021. https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2021/07/Medienanalyse_Flucht_Migration.pdf (20.02.2023).
37Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 303.
38Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung: Schlagzeilen. Rostock: Rassismus in den Medien, Duisburg: DISS 1993, zweite durchges. Aufl.
39Vgl. Cord Pagenstecher: „Das Boot ist voll“. Schreckensvision des vereinten Deutschland. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder, Band II: 1949 bis heute. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S. 606–613.
40Heutzutage wird der Begriff „Geflüchtete“ bevorzugt, da die Bezeichnung „Flüchtling“ verniedlichend und die Endung ‑ling häufig mit negativ assoziierten Wörtern wie Fiesling besetzt sei. Trotzdem ist daran zu erinnern, dass nur der letztgenannte Begriff laut Genfer Flüchtlingskonvention international anerkannt ist und einen gesetzlichen Schutzstatus darstellt. Vgl. Andrea Kothen: Sagt man jetzt Flüchtlinge oder Geflüchtete?, In: Pro Asyl, 01.06.2016. https://www.proasyl.de/hintergrund/sagt-man-jetzt-fluechtlinge-oder-gefluechtete/ (Zugriff am 01.07.2023).
41Vgl. Jäger: BrandSätze und SchlagZeilen, S. 73–92.
43Roman Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen: Aufarbeitung und Perspektiven des Gedenkens. In: Thomas Prenzel (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Universität Rostock. Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften 2012, S. 31–52, hier S. 34.
44Helmut Kellershohn: „Der Feind steht links!“. In: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung: Schlagzeilen, S. 55–71.
46DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, o. S.
47In jüngerer Zeit wird unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre an dieser Zeit erinnert. Vgl. Christian Bangel: #baseballschlägerjahre. Ein Hashtag und seine Geschichten. In: APuZ, Nr. 49–50/2022, S. 4–9 und Fabian Virchow: Rechte Gewalt in Deutschland nach 1945. Eine Einordnung der 1990er Jahre. In: ebd., S.10–14.
48Vgl. Schmidt, Politische Brandstiftung, S. 54–68; Prenzel: Rostock-Lichtenhagen, S. 16–17.
49Vgl. taz: Brief des Oberbürgermeisters belegt. Rostocker Warnung ein Jahr ignoriert. In: taz, 5.9.1992, S. 1.
50DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, o. S.
52Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern: Beschlussempfehlung und Zwischenbericht. 16. Juni 1993, S. 48.
53Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock.
54Jochen Schmidt bei der Buchvorstellung von „Politische Brandstiftung“ zit. nach Heike Kleffner: Pogrom gewollt?. In: taz, 21.08.2002, S. 8.
55Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock; Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 32–34.
56Jochen Schmidt: Das Haus brennt! – Die Asyldebatte und ihre Parallelen 1992 und heute , Vortrag in Synagoge und Kulturzentrum Marburg, 27.09.2016. https://www.youtube.com/watch?v=vRzYbMJ24RE (Zugriff am 25.02.2023), hier 9:00–9:12.
62Hierzu zählt der „Pakt von Rostock“ mit einem selbsternannten Anführer des gewalttätigen Mobs, um auf dieser Grundlage den Rückzug der letzten Polizeieinheiten vor dem Wohnheim anzuordnen. Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock.
64Peter Gärtner: Urteile im Lichtenhagen-Prozess. In: Weser-Kurier, 18.06.2002 zit. nach Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 35–38, hier S. 38.
65Diese These ist nicht neu, sondern wurde bereits unmittelbar nach dem Pogrom diskutiert. Vgl. etwa das Kapitel „Rostock-Gate: Das politisch zugelassene und geförderte Pogrom?“ in Funke: Brandstifter, 103–177.
66Schmidt: Das Haus brennt!, 45:05–46:47; 51:20–54:28, hier 54:02.
67Beispielsweise listet Amazon im Februar 2023 unter der Buchrubrik „Terrorismus & Extremismus“ 127 Angebote zum Stichwort „NSU“ mit einer relativ hohen Trefferquote und nur drei Angebote zu Lichtenhagen, die sich aber allgemein mit Rechtsextremismus beschäftigen.
68Ein herausragendes Beispiel ist das dezentrale und interdisziplinäre Theaterprojekt „Kein Schlussstrich!“ mit einer angegliederten Ausstellung sowie einem umfangreichen Diskurs- und Rahmenprogramm, welches 2021 zum zehnjährigen Gedenken der Opfer der NSU-Morde von 18 Trägern in 15 Städten mit mehr als 700 Vorstellungen durchgeführt wurde. Eine zusammenfassende Übersicht findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund#Theater_und_Oper (Zugriff am 25.02.2023).
69Das Stück erwähnt zwar die anti-ziganistischen Angriffe auf die Roma-Familien in der ZAST, kann aber ihre Erfahrungen auch aus praktischen Gründen nicht repräsentieren, da ihr Verbleib durch Abschiebungen unklar war.
70Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 40–41.
71Vgl. Figge, Maja: Rassistische Gewalt und ihre Rahmungen. Zur filmischen Erinnerung in Burhan Qurbanis WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. In: montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation. 25,2 (2016), S. 37–54.
73Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 43–44.
74Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 50; Tanja Thomas / Fabian Virchow: Hegemoniales Hören und Doing Memory an rechte Gewalt. Leviathan Sonderband 37 (2021), S. 205–226; Gudrun Heinrich: Rostock Lichtenhagen 1992–2017. Aufarbeitung und Erinnerung als Prozess der lokalen politischen Kultur. In: Martin Koschkar / Clara Ruvituso (Hrsg.): Politische Führung im Spiegel regionaler politischer Kultur. Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 293–309.
75Hansestadt Rostock: Nichtoffener Kunstwettbewerb „Erinnern und Mahnen an Rostock-Lichtenhagen 1992“. 2016.
77So Claudia Carla (Evangelischen Akademie der Nordkirche) und Lisa Radl (Stadtteilmanagerin Rostock-Lichtenhagen) in Heinrich-Böll-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern: Rostock-Lichtenhagen 1992: Gedenken im öffentlichen Raum, 0:50–1:03; 5:35–6:00. https://www.youtube.com/watch?v=wzVhWJUKZ74 (Zugriff am 25.02.2023).
Dan Thy Nguyen, der sich bisher vor allem als Theatermacher, Festivalleiter und Schauspieler einen Namen gemacht hat, hat mit dem Band „Über Wasser und Tote“ ein sehr persönliches und poetisches Buch vorgelegt. Das Buch ist eine kleine, aber feine und eindrückliche Gedichtsammlung, die vier Abschnitte umfasst. Es hat insgesamt 67 Seiten und beginnt mit einem berühmten Zitat des buddhistischen Lehrmeisters Thích Nhất Hạnh: „Menschen fällt es schwer, ihr Leiden loszulassen. Aus Angst vor dem Unbekannten bevorzugen sie das vertraute Leiden“. Weitere Kapitel werden durch Zitate von Novalis („Wir sind nichts, was wir suchen, ist alles“) und Martin Luther King („Der alte Grundsatz ‚Auge um Auge‘ macht schließlich alle blind“) eingeleitet. Die Kapitel sind nach ihren Themen benannt: 1. „Boat Peoplezyklus“ (6–27), 2. „Über meine Mutter“ (28–37), 3. „Semra Ertan – Ein Gedichtzyklus in neun Bildern“ und 4. „Über die Reform des Theaters“ (54–67). Die ersten beiden Kapitel sind die persönlichsten und behandeln Themen, die vielen Menschen in der vietnamesischen Diaspora sehr vertraut sind, darunter eine breite Palette von Themen wie Krieg, Tod, Geschichte, Flucht, Erinnerung, Identität, familiäre Beziehungen, Exil und die Suche nach einer neuen Heimat, hier in Hamburg.
Die Kombination aus historischen, persönlichen und kulturellen Bildern mit vietnamesisch-diasporischem Hintergrund wird mit einem Gefühl für die Lokalität und den politischen Kämpfen anderer marginalisierter Gemeinschaften verflochten. So erinnert der Autor an die türkisch-deutsche Arbeitsmigrantin und Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 in Hamburg selbst in Brand setzte, um gegen den zunehmenden Rassismus in Deutschland zu protestieren. Ihr Werk war lange vergessen. Eine Sammlung ihrer Gedichte „Mein Name ist Ausländer“ wurde erst 2020 von dem linken Verlag edition asssemblage veröffentlicht und erhielt dadurch etwas öffentliche Anerkennung. In diesem Kapitel verwendet Dan Thy häufig Parallelen und Analogien, die unterschiedliche Geschichten miteinander verbinden – etwa indem er auf die politische Selbstverbrennung des buddhistischen Mönchs Thích Quảng Đức 1963 in Saigon gegen den neokolonialen US-Krieg in Vietnam verweist.
Eine andere, sehr nahe liegende, wenn auch etwas anders gelagerte Parallele taucht dagegen im Buch erstaunlicherweise gar nicht auf und verdient deswegen hier eine ausführlichere Erwähnung. Am 22. August 1980 wurden in der Hamburger Halskestrasse Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân von Rechtsextremisten verbrannt. Beide wurden kurz zuvor von der Hansestadt aus Lagern in Malaysia ausgeflogen und als Boat People aufgenommen. Obwohl Đỗ Anh Lân sogar in einer vom Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ gesponserten Hilfsaktion hergeholt wurde, interessierten sich die Medien nach einer kurzen Meldung nicht mehr für diese Geschichte. Dieser Fall geriet auf diese Weise schnell in Vergessenheit und wurde erst 2012 im Zuge der Recherchen zum Hamburger NSU-Opfer Süleyman Taşköprü vom freien Journalisten Frank Keil wieder ausgegraben. Zwei Jahre später formierte sich vor Ort eine anti-rassistische Gedenkinitiative und lud mich zur ersten öffentlichen Diskussionsveranstaltung ein, die zur ersten öffentlichen Gedenkveranstaltung nach der Beerdigung aufrief. Erst 42 Jahre nach den Morden, und nach acht Jahren unermüdlicher wie mühseliger Lobby‑, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit lenkte die Stadtverwaltung endlich ein und verkündete 2022, dass der Abschnitt am Tatort in Châu-und-Lân-Straße umbenannt werden soll. Die Forderungen nach einer öffentlichen Lern- und Gedenkstätte wurden dagegen bisher nicht erfüllt.
Dan Thy, dessen Eltern ebenfalls als Boat People in der BRD ankamen, erinnert hier in anderer Weise an diese Hamburger Geschichte. Ein Gedicht, das in unterschiedlichen Abwandlungen den Anfang und das Ende des Boat People-Zyklus umrahmt und in Handschrift auf dem Backcover aufgedruckt ist, fängt so an:
„An den Hamburger Landungsbrücken hat jemand ein bronzenes Buch aufgeschlagen. Ganz unscheinbar steht es da und sehnt sich danach gesehen zu werden.“
Foto: privat
Eine Initiative ehemaliger Boat People hat 2009 anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Aufnahme den „Gedenkstein der Dankbarkeit gegenüber dem deutschen Volk und den deutschen Regierungen“ errichtet und im Beisein des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble das Denkmal an den Hamburger Landungsbrücken enthüllt. Damals spielte weder Rostock-Lichtenhagen noch das Schicksal der ertrinkenden Boat People im Mittelmeer eine Rolle. Selbst das Schicksal von Châu und Lân wurde ausgeblendet. Gegen Verblendung hilft nur die Kraft sich zu erinnern. Wichtig ist nicht nur an was und wie wir uns erinnern. Mindestens genauso wichtig ist, woran wir uns nicht erinnern.
Ein Gedichtband kann natürlich kein Geschichtsbuch ersetzen, aber als subjektive kulturelle Verarbeitung ist „Über Wasser und Tote“ ein spannendes und kraftvolles Kleinod. Es bleibt zu wünschen, dass die vom deutsch-arabischen Lyriker Hassan Hasune El-Choly neu gegründete edition neje tieden, was soviel wie „neue Zeiten“ auf Friesisch heißt, nach diesem doppelten Debüt vom Autor und Verlag bald weitere Werke mit frischen Stimmen auflegt, die unerhörte Geschichten erzählen.
Kiek mol wedder in!
PS: Bestellt bitte direkt beim Verlag oder unterstützt Eure lokalen Buchdealer.
Kien Nghi Ha wurde 1979 als Kind mit seiner Familie als Boat People aufgenommen und wuchs im Märkischen Viertel in West-Berlin auf. Später studierte er Politikwissenschaften und promovierte in der Kulturwissenschaft. Er leitet den Arbeitsbereich Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen. Aktuell editiert er den Sammelband Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A, 2023) und schreibt am Essay Boat People – Vom schutzwürdigen Flüchtling zur Zielscheibe des Anti-Asiatischen Rassismus für den Ausstellungskatalog „Alfredo Jaar – The Kindness of Strangers“ (2024) des Museums der Moderne Salzburg.
Im Erscheinen: Verwobene Geschichten in Hito Steyerls „Die leere Mitte“ (1998) aus Asiatisch-deutscher Perspektive. In: Ömer Alkin/Alena Strohmaier (Hg.): Rassismus und Film. Marburg: Schüren Verlag, 2023. Zur kolonialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und antirassistische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: transcript 2023. Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als institutionalisierter Rassismus. In: Gudrun Heinrich/David Jünger/Oliver Plessow/Cornelia Sylla (Hg.): Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992. Berlin: Neofelis 2023.
International Conference Anti-Asian Racism: History, Theory, Cultural Representations and Antiracist Movements
Venue: Fürstenzimmer of Schloss Hohentübingen, Burgsteige 11, 72070 Tübingen, Germany Date: Friday, 07.07.2023 − Saturday, 08.07.2023 Conveners: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee
Registration required because of limited space via email to: koreanistik@uni-tuebingen.de Participation: free of charge
The international conference, hosted by the Center for Korean Studies at the University of Tübingen, is divided into four sections. It explores how anti-Asian racism is related to modern history, theory, cultural representations and anti-racist movements. We cordially invite interested scholars, cultural workers and community activists to join the discussions of the first conference on anti-Asian racism in German academia.
P r o g r a m
Friday, 07.07.2023
14:30 – 14:45 Arrival, registration and coffee
14:45 – 15:00 Welcome and Introduction: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee
15:00 – 16:00KEYNOTE: HISTORY Making Asians Foreign: Methods of Exclusion and Contingent Belonging Lok Siu, Professor of Asian American Studies, University of California (Berkeley)
Chair: Bernd-Stefan Grewe, Professor of History, University of Tübingen
16:00 – 17:00 PANEL: HISTORY
Discrimination, Resistance, and Meritocracy. Korean Guest workers in Germany You Jae Lee, Professor of Korean Studies, University of Tübingen
The Pogrom in Rostock-Lichtenhagen as Institutional Racism Kien Nghi Ha, Postdoc Cultural Scientist, University of Tübingen
Chair: Jee-Un Kim, Managing Director of korientation. Network for Asian German Perspectives e.V.
17:30 – 18:30KEYNOTE: THEORY
The Intersections between European Racial Constructions and Modern Colonialism:Theoretical Issues and the Place of Asia Rotem Kowner, Professor of Japanese Studies, University of Haifa
Chair: Anthony Pattahu, Habilitation Candidate at the Department of Social and Cultural Anthropology, University of Tübingen
18:30 – 19:30 PANEL: THEORY
Socialists and Anti-Asian Sentiment in the Era of Mass Migration (1880–1930) Lucas Poy, Assistant Professor in Global Economic and Social History, Vrije Universiteit Amsterdam
Abolitionist Perspectives on Demands of Asian-German Formations Cuso Ehrich, Graduate Student, Institute of Sociology, Justus Liebig University Gießen
Chair: Bani Gill, Junior Professor of Sociology, University of Tübingen
Saturday, 08.07.2023
09:00 – 10:00KEYNOTE: CULTURAL REPRESENTATIONS
Racialized Screen in Early German Cinema: What Asian German Studies Can Address Qinna Shen, Associate Professor of German Studies, Bryn Mawr College
Chair: Fei Huang, Professor of Chinese Studies, University of Tübingen
10:00 – 11:00PANEL: CULTURAL REPRESENTATIONS
Anti-Asian Racism and the Politics of Asian Self-Representation in Germany: the Asian Film Festival Berlin Feng-Mei Heberer, Assistant Professor for Cinema Studies, New York University
Opportunity and Threat: Ambivalent Reporting on China in Der Spiegel, 1947–2023 Anno Dederichs, Postdoc Sociologist at China Center, University of Tübingen
Chair: Zach Ramon Fitzpatrick, Assistant Professor of German Studies at the University of Wisconsin-Madison (from fall 2023)
11:30 – 12:30 PANEL: ANTIRACIST MOVEMENTS
“Take Off Your Masks“: The Invisibility and Visibility of Anti-Asian Racism in Germany Sara Djahim, Independent Researcher, Asian and International Development Studies, Tae Jun Kim, Sociologist at German Center for Integration and Migration Research (DeZIM), Berlin
Yellow is the new Black? Emergence and Development of Asian Antiracist Activism in France Ya-han Chuang, Postdoc Sociologist at the Institut national d’études démographiques (Ined), Sciences Po Paris
Chair: Yewon Lee, Junior Professor of Korean Studies, University of Tübingen
12:30 – 13:00 Round Table: Challenging Anti-Asian Racism in Society and Academia Panelists: Qinna Shen, Lok Siu, Rotem Kowner, You Jae Lee
Chair: Kien Nghi Ha
Supported by the Platform Global Encounters of the University of Tübingen. Funded by the Federal Ministry of Education and Research (BMBF) and the Ministry of Science Baden-Württemberg within the framework of the Excellence Strategy of the German Federal and State Governments. Additional funding provided by the Academy of Korean Studies.
PHILOSOPHISCHE FAKULTÄT Center for Korean Studies
Anjuli Aggarwal
Anjuli Aggarwal, 33, M.A. South Asian Studies an der Universität Heidelberg.
Studienfokus: Medical Anthropology (Erleben und Praktizieren von Gesundheit, Krankheit und Heilung in unterschiedlichen soziokulturellen Lebensrealitäten) und Hindi (Muttersprache meines Vaters).
Mein wissenschaftlicher Fokus liegt in den Erfahrungen und Praktiken von Südasiat*innen (in der Diaspora) rund um die Themen Tod und Sterben. Die Einblicke in die vielfältigen und komplexen Lebensrealitäten und Bedürfnisse von in Deutschland lebenden (und sterbenden) Südasiat*innen, sollen deren Sichtbarkeit erhöhen und zur Verbesserung des End-of-life und Death Care in Deutschland beitragen. Dabei fließen meine persönlichen Erfahrungen um den Tod meiner in Deutschland und Indien verstorbenen Großeltern, als auch meine ehrenamtliche Tätigkeit als Sterbebegleiterin, in meine Arbeit mit ein.
Anthropolog*innen erzählen Geschichten aus dem Leben von Menschen, die darüber in ihren eigenen Worten berichten. Dafür möchte ich einen Raum eröffnen und alle, die sich zu diesen Themen angesprochen fühlen, einladen, sich auszutauschen.