BlogVeranstaltungen

WAS: Booklaunch mit einem Gespräch zwi­schen Kien Nghi Ha, Yumin Li, Linh Müller und Irit Neidhart
Wann: 09.07.2024 um 18:30 h
Wo: Savvy Contemporary, Reinickendorfer Straße 17, 13347 Berlin
Sprache: Deutsche Lautsprache
Zugang: Der Eintritt ist frei und die Räume sind eben­erdig und roll­stuhl­freundlich.
Link: https://savvy-contemporary.com

Das Buch wird während der Veranstaltung erhältlich sein!

Save the Date!
Am 18. September 2024 findet von 14:00–18:00 ein beglei­tender Workshop zum Thema im Rahmen der Reihen WEDDING AFFAIRS and COLONIAL NEIGHBOURS bei SAVVY statt. 

Wir freuen uns auf den Booklaunch des Sammelbands zur gleich­na­migen Filmreihe, die 2023 im Sinema Transtopia statt­ge­funden hat und die Gesprächsrunde mit dem Herausgeber Kien Nghi Ha sowie den Autorinnen Yumin Li, Linh Müller und Irit Neidhart im Savvy Contemporary in Berlin. 

Zum Sammelband

Der Band unter­sucht anhand kolonial-kritischer Filmanalysen die nahezu unbe­kannte Geschichte Asiatischer Repräsentationen in Deutschland. Der Fokus liegt auf ori­en­ta­li­sie­renden deut­schen Kinofilmen der Weimarer Zwischenkriegszeit. Nach dem Ende des Imperial Germany wurden Deutschlands kolonial-rassistische Fantasien und Ambitionen ver­stärkt in eine ima­ginäre Kolonialität über­führt. Ihre fil­mi­schen Inszenierungen begeis­terten ein Massenpublikum. Die Filmkulisse, aber auch ihre Produktion und Konsumtion wurden selbst zum kul­tu­rellen Kolonialraum. Ihre Popularität ist Ausweis ihrer gesell­schaft­lichen und zeit­his­to­ri­schen Bedeutsamkeit.

Im Unterschied zur domi­nanten Wahrnehmung, in der Berlin auf­grund der „Goldenen Zwanziger“ als euro­päische Kultur- und Filmstadt von Weltrang gefeiert wird, setzt das Buch auf deko­lo­nia­li­sie­rende Perspektiven. In euro­zen­tri­schen Diskursen wird sys­te­ma­tisch ver­drängt, dass sich unter der Oberfläche der modernen Urbanität ein „wildes Kulturleben“ ver­birgt, das durch kolo­niale Verstrickungen und Exotisierungen geprägt ist. Die fil­mi­schen Arbeiten etwa von Hito Steyerl und Philip Scheffner machen dagegen ver­gessene (Ge)Schichten und Dimensionen der Kolonialmetropole Berlin sichtbar.

Das Buch erweitert die deko­lo­niale Debatte und stellt anti-Asiatischen Rassismus und Orientalismus in den Fokus. Es leistet Pionierarbeit, indem es die „Weltmetropole Berlin“ als kolo­nialen Kulturraum mit (anti-)Asiatischen Bezügen erforscht.

Angaben
Kien Nghi Ha [Hg.]: Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin
Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung loka­li­sieren
Berlin: Assoziation A, 2024, 200 Seiten.
16 EUR
Link zum Verlag

Zu den anwesenden Autor*innen

Kien Nghi Ha ist pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Postcolonial Asian German Studies an der Universität Tübingen. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien aus­ge­zeichnet. Als Kurator hat er u.a. im Berliner Haus der Kulturen der Welt, im Hebbel am Ufer-Theater und im Sinema Transtopia ver­schiedene Projekte über Asiatische Diaspora rea­li­siert. Er hat mehr als zehn Bücher zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora geschrieben und edi­tiert. Zuletzt ist der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2021) als erwei­terte Neuauflage erschienen. 2025 gibt er den Band Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements (tran­script) heraus.

Yumin Li ist Kulturwissenschaftlerin, Expertin für Antidiskrimierung und diver­si­täts­ori­en­tierte Organisationsentwicklung sowie Performerin. In ihrer Dissertation unter­suchte sie Anna May Wongs mehrere Jahrzehnte umspan­nende Karriere auf vier Kontinenten. Li ver­öf­fent­lichte zahl­reiche Aufsätze zu Anna May Wong. Zusammen mit dem Kollektiv and-company&co erar­beitete sie die Theaterperformance „Shanzai Express“, das sich spie­le­risch mit Anna May Wong befasst und an der Volksbühne 2023 Première feierte. 

Linh Müller hat Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin, am Middlebury College und an der Yale University stu­diert und forscht zur affek­tiven Reproduktion und Repräsentation von natio­naler Zugehörigkeit in Sport und Popkultur. In ihren per­sön­lichen Arbeiten ver­handelt sie die Komplexitäten und Verstrickungen, die sich aus ihrer eigenen viet­na­me­si­schen und deut­schen Familiengeschichte ergeben ins­be­sondere in Hinblick auf Identität, Sprache, Krieg und den Nationalsozialismus. Momentan lebt sie in Berlin und arbeitet in einem Projekt zu migran­ti­scher Erinnerung und der Friedensstatue, die in Berlin-Moabit an die so genannten „Trostfrauen“ im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Irit Neidhardt ist seit 1995 als Kuratorin und Publizistin zum Themengebiet Kino und ara­bische Welt tätig. Zudem betreibt sie seit 2002 den inter­na­tio­nalen Verleih und Vertrieb „mec film“ für Filme ara­bi­scher Regisseur*innen. Als Koproduzentin war sie an meh­reren preis­ge­krönten Dokumentarfilmen beteiligt. 

Eine Publikation des Projekts DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements).

Das Buch und die Filmreihe sind in Kooperation mit bi’bak e.V (Sinema Transtopia), kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. und der Abteilung Koreanistik des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen ent­standen. Es wurde im Programm „Förderung zeit­ge­schicht­licher und erin­ne­rungs­kul­tu­reller Projekte“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa unterstützt.

Projekt RADARVeranstaltungenWorkshop

Barrierenabbau

Hinkommen

die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen (Kalk Post bar­rie­refrei, Trimbornstraße Aufzug vor­handen) sind ca. 7–10 Minuten zu Fuß ent­fernt. Es gibt jeweils einen Behindertenparkplatz in der Sieversstraße 1 und Ottmar-Pohl-Platz 1., beides 150m vom Veranstaltungsort.

Reinkommen

Es gibt eben­erdige Eingänge und Toiletten.

Corona

Corona ist leider nicht vorbei. Testet euch vor der Veranstaltung selbst und handelt selbst­ver­ant­wortlich für euch und das Kollektiv: seht bei Erkältungssymptomen und posi­tivem Testergebnis von einer Teilnahme ab. Wir werden Coronatests zur Verfügung stellen. Falls ihr weitere Hygienemaßnahmen benötigt, schreibt uns gerne über das Anmeldeformular.


Wie könnte eine Welt ohne Psychiatrie aus­sehen? – Wir stecken gesamt­ge­sell­schaftlich in einer Krise, wenn es um das Thema Mental Health geht. Es gibt einen hohen Bedarf nach Unterstützung in psy­chi­schen Krisen und gleich­zeitig ist es immer noch mit Stigma ver­bunden offen über per­sön­liche Struggles mit men­taler Gesundheit zu sprechen und Verhaltensweisen zu zeigen, die gesell­schaftlich mit „verrückt“-sein asso­ziiert werden. Menschen, die in ihrem Verhalten einer gesell­schaft­lichen Norm nicht ent­sprechen können oder wollen, erfahren gesell­schaft­lichen Ausschluss, Gewalt und werden in psych­ia­tri­schen Einrichtungen weg­ge­sperrt. In solchen Einrichtungen finden sich Menschen wieder, die in dieser Gesellschaft extrem viel Gewalt und kaum Unterstützung erfahren haben und dort nur noch mehr trau­ma­ti­siert werden. Mentale Gesundheit wird zu indi­vi­du­ellen Problemen her­un­ter­ge­brochen, anstatt diese im Kontext von Gesellschaft, Ausbeutung, Ableismus, Rassismus inklusive anti-asiatischem Rassismus, Queerfeindlichkeit und Gewalt zu betrachten. In diesem Workshop nutzen wir Kunst in Form von Zine-Making als Mittel für Heilung, Empowerment und kol­lektive Befreiung und träumen gemeinsam davon, wie eine Welt ohne Psychiatrie aus­sehen könnte.

Es gibt die Möglichkeit gemeinsam Mittag zu essen.


Xinan Pandan (keine Pronomen) ist Dichter*in, mul­ti­media Künstler*in und Community Care-Bear. Xinan beschäftigt sich aus einer queeren, dia­spo­ri­schen und neu­ro­di­ver­genten Perspektive mit den Themen Oppression Depression, Chronisches Kranksein, Heilung, Trauma und dem Aufbau von soli­da­ri­schen nach­hal­tigen Support-Systemen. Xinan träumt davon, dass wir es schaffen, Community so auf­zu­bauen, dass alle die Sicherheit, Fürsorge und Liebe bekommen können, die sie brauchen. @xinan.pandan


Anmeldung ⬇️ (klick!)


    Credits
    Illustration: Xinan Pandan


    Gefördert von der Bundeszentrale für poli­tische Bildung

    Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der BpB dar.
    Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.

    Blog

    The report for the Int. Conference „Anti-Asian Racism: History, Theory, Cultural Representations and Antiracist Movements“ at the University of Tübingen from July 7–8, 2023 was first published on the science portal H‑Soz-Kult on September 6th, 2023, Link: www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-138368. We thank the author Sander Diederich and HSozKult for the kind per­mission to repu­blish.

    Initiated by the Tübingen con­fe­rences on Asian German Studies in 2022 and on anti-Asian racism in 2023 the anthology “Anti-Asian Racism in Transatlantic Perspectives: History, Theory, Cultural Representations and Social Movements“ (working title) is in pre­pa­ration for early 2025. Tune in here for updates.

    Soon after the Covid-19 pan­demic began, reports of racism against (East) Asians, Chinese in par­ti­cular, erupted worldwide. The model minority abruptly trans­formed into the scapegoat for the fearful and angry masses seeking a simple expl­anation for their new­found reality. It seemed that Asians were expe­ri­encing unpre­ce­dented racism. They were not only being belittled, glo­rified, or exo­ti­cized, but also threa­tened and assaulted. For many, this ‘actual racism’ repre­sented a new phe­no­menon marking the emer­gence of ‘anti-Asian racism’ in the German main­stream discourse.

    Not sur­pri­singly, anti-Asian racism has a deep history and colonial legacy. The con­fe­rence can be understood as an expression of the necessity and interest of the Asian German com­munity in the subject as well as a con­tri­bution to the decon­s­truction of Whiteness and colonial modernity by desta­bi­lizing and reinter­preting the boun­daries between Whiteness and Asianness. Perspective is crucial to cri­ti­cally under­stand what ‘Asian’ and ‘Asianness’ can or should signify in the face of racial ima­gi­naries and anti-Asian violence.

    ROTEM KOWNER (Haifa) shed light on European Colonialism, race theories, and racism using examples from early modern and modern con­ti­nental Asia. Racism was essential for legi­ti­mizing colo­nization, streng­thening racial hier­ar­chization in Europe and its colonies. According to Kowner, China, the center of global com­merce, had long been more than an equal rival for the ‘most civi­lized’ society. He argued that the opening of the Suez Canal brought Asia closer, and steam­ships gua­ranteed European naval supe­riority in the Opium Wars. This revealed China’s vul­nerability and bols­tered European self-confidence. Thus, the nar­rative of China as the ‘country of wonders’ gra­dually gave way to ima­gi­naries of deceitfulness, dys­func­tion­ality, and ‘the yellow peril’. KIEN NGHI HA (Tübingen) noted that (East) Asians were usually ranked second after Europeans in the racial hier­archy. Kowner sug­gested this resulted from China being the last obs­tacle to European world domi­nation, the color choice yellow reflecting the (East) Asians‘ ‘almost Whiteness’ whereas South Asians were clearly depicted as brown.

    LOK SIU (Berkeley) con­tinued the dis­cussion by tracing 240 years of Asian pre­sence in the United States, focusing on con­tested belonging, exclusion, and recurring waves of anti-Asianism by ana­lyzing dif­ferent phases of immi­gration and rest­riction through eco­nomic impe­ra­tives and poli­tical struc­tures. The Proclamation of Emancipation in 1863 marked the formal end of slavery and the beginning of mass (inden­tured) labor migration from Asia, notably China and India.

    LUCAS POY (Amsterdam) depicted an Era of Mass Migration (1880–1930), high­lighting Chinese exclusion from labor orga­niza­tions and blame for harsh con­di­tions and lowered White working-class stan­dards. Chinese inden­tured labor migrants were blamed for the effects of the eco­nomic impe­ra­tives by which they them­selves were being sub­ju­gated. Their unfree labor status was natu­ra­lized and inscribed as racial cha­rac­te­ristics of pas­sivity. Poy deemed this an important com­ponent for the con­s­truction of Whiteness, as Asians were rele­gated to the second place in the racial taxonomy on the grounds that they posed a threat pre­cisely because they were diligent but lacked the capa­cities of the White subject to organize.

    Siu described how the trinity of ima­gined cul­tural, eco­nomic, and bio­po­li­tical threats posed espe­cially by the Chinese dif­fused regio­nally in North America and the Caribbean, fueling scores of anti-Asian riots. This leads to incre­asingly rest­rictive Exclusion Laws sub­se­quently encom­passing not only Chinese but all Asians, labeling them as ‘per­petual for­eigners’ unable to inte­grate into society. These laws were repealed only in 1960 but by this time had already sparked orga­nized resis­tance and a sense of coll­ective Asian subjectivity.

    Amid the civil rights movement, the nar­rative of the ‘model minority’ was spawned, splitting and pitting racial mino­rities against each other. According to Siu, in this context, debates on Whiteness can be better understood as gen­dered, classed, and racia­lized nego­tia­tions of belonging and citi­zenship. Today, she argued, the waters seem to be murkier, as there is a resur­gence of the ‘deserving model minority’ trope on the one hand, while on the other hand, it is being uti­lized to strengthen Whiteness by dele­gi­ti­mizing affir­mative action.

    QUINNA SHEN (Bryn Mawr) traced the role of early German film in per­pe­tuating a variety of Asian racist ste­reo­types and found a clearly gen­dered notion of Asianness. According to Shen, Asian women were por­trayed as hel­p­lessly attracted to White men, who were ima­gined as sexually superior to Asian men. Asian men, in turn, were framed as tre­acherous, lurking, mur­derous rapists who used immoral means such as opium to attain their lowly revenge against the White heroes. Shen con­cluded that while some films did cri­tique British colonial rule, they simul­ta­neously por­trayed Asian libe­ration struggles as under­handed, cri­minal, and ignoble. Additionally, the films con­veyed the message that colonial romance leads to tragedy if not death, and as such, that ‘the other’ will always remain ‘the other’.

    A second type of dis­cursive media ana­lysis was under­taken by ANNO DEDERICHS (Tübingen), who focused his research on the images of China por­trayed in the German poli­tical arena over the course of several decades. He found that the dif­ferent topoi of threat, rival and partner were repeated over time but were always embedded in their spe­cific his­toric context. Dominant themes for depic­tions seemed to be related to colonial (yellow) or com­munist (red) imagery. Dederichs showed great interest in the ease with which ideo­lo­gical dif­fe­rences were overcome with the pro­spect of eco­nomic prowess, and how the nature of the threat posed by China changed from ideo­lo­gical (com­munist), to moral (auto­cratic), to tech­no­lo­gical, geo­po­li­tical, and bio­po­li­tical threat (Covid-19). He con­cluded that the depic­tions of China tell us more about German needs and fears rather than the actual situation in China.

    Another focus of the con­fe­rence was Asian dia­sporic com­mu­nities and their liveli­hoods, self-organization, and resis­tance. YOU JAE LEE (Tübingen) empha­sized the importance of inter­na­tional exchange on the issue of anti-Asian racism, espe­cially since Asian dia­sporas in Germany have failed to form a coll­ective sense of Asianness. They remain divided as ethnic or national mino­rities in their respective struggles instead of com­bining their efforts or fighting alongside each other. Using families of Korean labor migrants in Germany as an example, he depicted a shift occurring over the course of three gene­ra­tions, in which the expl­anatory value of meri­to­cracy dwindled, and expe­ri­ences of dis­cri­mi­nation are incre­asingly understood as con­se­quences of (anti-Asian) racism.

    In con­trast, the situation in France was regarded as more hopeful by YA-HAN CHUANG (Paris). She depicted three his­toric phases of Asian com­munity orga­nizing, namely, the struggle for (1) ethnic soli­darity, (2) reco­gnition, and (3) ack­now­led­gement. Currently, she sees chances of cross-community soli­darity with Arab and African mino­rities by building coali­tions through nar­ra­tives of deco­lo­nization. Chuang comes to a similar con­clusion as You Jae Lee con­cerning the gene­ra­tional dif­fe­rences within the Asian dia­sporic com­mu­nities but did not regard dif­fering posi­tio­na­lities as a fun­da­mental hurdle for orga­nizing. Instead, she found potential for syn­ergies by uti­lizing these gene­ra­tional dif­fe­rences stra­te­gi­cally to intervene in the dominant discourse.

    By focusing on the insti­tu­tional dimension of anti-Asian racism in Germany, Kien Nghi Ha explained how a dis­re­mem­bering of anti-Asian racism could occur despite the pogrom in Rostock-Lichtenhagen. Ha argued that German state insti­tu­tions coll­ec­tively failed to provide safety for the Vietnamese guest workers due to the ongoing poli­tical project of the state to revise laws on poli­tical asylum. According to Ha, the pogrom could only unfold due to the failure of the police and the judi­ciary and gains texture against the backdrop of natio­nalist revival fol­lowing German uni­fi­cation, as well as the high unem­ployment in East Germany at that time.

    In oppo­sition to this, CUSO EHRICH (Gießen) follows an aboli­tionist per­spective as it enables thinking about necessary societal trans­for­ma­tions in the future. From this per­spective, the police would not be attri­buted failure but instead success according to the racist logic of the nation-state. Finding ori­en­tation in self-organized refugee groups or Women in Exile, Ehrich pro­poses to regard the logic of punishment as neither pre­venting crime nor rein­stating justice, as it does not meet the victims‘ needs. Additionally positing that inc­ar­ce­ration is classed and racia­lized, thus leading to the per­pe­tuation of struc­tural ine­qua­lities. Instead of these des­tructive prac­tices, they plead for life-affirming per­spec­tives and imple­menting aboli­tionism on the ground by bringing people tog­ether to find solu­tions outside of state logics while being aware of attempts of neo­li­beral take­overs. FENG-MEI HEBERER (New York) added that regarding politics of Asian self-representation through German grass­roots orga­niza­tions in limbo should not neces­s­arily be understood as failed. Instead, dis­ruption and slowness should be com­pre­hended as con­ti­nua­tions of self-organization.

    SARA DJAHIM (Berlin) and TAE JUN KIM (Berlin) ques­tioned the utility of the terms ‘Asian’ and ‘anti-Asian racism’ altog­ether. In a similar manner to Rotem Kowner, they posited that racism is the grounds upon which the cate­gories of race, such as ‘Asian’, emerge and become salient, but that ‘Asianness’ itself is not essential to the over­ar­ching issue of racism. As the sub­jec­tivity of ‘Asianness’ is dependent on the con­ti­nuity of ‘anti-Asian racism’, they do not deem ‘Asian’ as a useful coll­ective identity category for a long-term anti-racist struggle. Their idea not being that there are no spe­cific con­se­quences for people marked as ‘Asians’, but rather that ‘anti-Asian’ sen­timent is not necessary for the mani­fes­tation of racist effects against them. If decon­s­tructed con­se­quently, they con­cluded, there are no ‘Asians’, only people per­ceived as ‘Asian’.

    In regard to this issue Jee-Un Kim stressed the rela­tional utility of poli­tical labels such as ‘Asian’ or ‘Asian German’. According to her, it is pivotal to express the societal con­di­tions while decon­s­tructing them at the same time. Depending on who we are pitting our­selves against, certain com­mo­n­a­lities have to be under­lined, whereas some­times it is more pro­ductive to high­light par­ti­cular dif­fe­rences. Thus, the usage of ter­mi­nology such as ‘Asian’, ‘anti-Asian racism’, or ‘dia­sporic Asians’ must be situa­tional, stra­tegic, and always rela­tional. Kien Nghi Ha added that the term ‘Asian German’ is an offer to the com­munity that may be ignored or con­tested, as there is also no sin­gular way of under­standing it. Instead, it poses an oppor­tunity to deal with spe­ci­fi­cally German anti-Asian for­ma­tions in a playful manner.

    In summary, the con­fe­rence encom­passed a diverse array of inquiries, spanning from fun­da­mental dis­course on ter­mi­nology to the exami­nation of theo­re­tical under­pin­nings and his­to­rical origins of the phe­no­menon. The pro­cee­dings also encom­passed empi­rical inves­ti­ga­tions into dis­course dynamics and the poli­tical ori­en­ta­tions of grass­roots move­ments. Moreover, You Jae Lee expressed concern over the absence of a dedi­cated aca­demic disci­pline focusing on Asian German Studies, while Lok Siu empha­sized the scho­larly duty to engender know­ledge that con­fronts societal con­cerns and fosters utopian perspectives.

    Rotem Kowner observed that, con­tingent upon the chosen metrics, Asians con­stitute a demo­graphic per­centage ranging from eight to ten percent of the total German popu­lation, con­se­quently forming the most pro­minent racial minority. Kowner further asserted that mere sen­si­tization to anti-Asian racism is insuf­fi­cient; instead, a resolute and com­pre­hensive effort against racism as an over­ar­ching con­s­truct is imperative.

    While marking the inception of the first-ever con­fe­rence on anti-Asian racism in Germany, the panels effec­tively addressed fun­da­mental ele­ments, thereby situating the phe­no­menon within the German aca­demic dis­course. Regrettably, the exten­si­veness of coverage was cons­trained by prac­tical limi­ta­tions, which led to the omission of deli­be­ration on the Asianness of Arabs, and spe­ci­fi­cally Turks and Kurds in Germany. Nonetheless, the signi­fi­cance of this subject to the Asian com­munity was made visible through the diversity of attendees, including young non-academics from various regions of Germany. This con­fluence faci­li­tated syn­er­gistic dis­cus­sions between scholars and cul­tural pro­ducers, both during and sub­se­quent to the con­fe­rence, paving the way for further exchange and dia­logue. Notably extending from the pre­vious year’s con­fe­rence, cen­tered on the fea­si­bility of a disci­pline in Asian German Studies, the incor­po­ration of an inter­na­tional deli­be­ration added nuance and con­trast to the dis­course. Ultimately, the impli­ca­tions and con­se­quences of anti-Asian racism persist as a con­ten­tious topic both within aca­demic spheres and on the ground.

    Conference overview:

    Introduction

    Kien Nghi Ha (Tübingen) / You Jae Lee (Tübingen)

    Keynote History
    Chair: Bernd-Stefan Grewe (Tübingen)

    Lok Siu (Berkeley): Making Asians Foreign: Methods of Exclusion and Contingent Belonging

    Panel History
    Chair: Jee-Un Kim (Berlin)

    You Jae Lee (Tübingen): Discrimination, Resistance, and Meritocracy. Korean Guest Workers in Germany

    Kien Nghi Ha (Tübingen): The Pogrom in Rostock-Lichtenhagen as Institutional Racism

    Keynote Theory
    Chair: Antony Pattathu (Tübingen)

    Rotem Kowner (Haifa): The Intersections between European Racial Constructions and Modern Colonialism: Theoretical Issues and the Place of Asia

    Panel Theory
    Chair: Bani Gill (Tübingen)

    Lucas Poy (Amsterdam): Socialists and Anti-Asian Sentiment in the Era of Mass Migration (1880–1930)

    Cuso Ehrich (Gießen): Abolitionist Perspectives on Demands of Asian-German Formations

    Keynote Cultural Representations
    Chair: Fei Huang (Tübingen)

    Quinna Shen (Bryn Mawr): Racialized Screen in Early German Cinema: What Asian German Studies Can Address

    Panel Cultural Representations
    Chair: Zach Ramon Fitzpatrick (Madison)

    Feng-Mei Heberer (New York): Anti-Asian Racism and the Politics of Asian Self-Representation in Germany: the Asian Film Festival Berlin

    Anno Dederichs (Tübingen): Opportunity and Threat: Ambivalent Reporting on China in Der Spiegel, 1947–2023

    Panel Antiracist Movements
    Chair: Yewon Lee (Tübingen)

    Sara Djahim (Berlin) / Tae Jun Kim (Berlin): “Take Off Your Masks“: The Invisibility and Visibility of Anti-Asian Racism in Germany

    Ya-Han Chuang (Paris): Yellow is the new Black? Emergence and Development of Asian Antiracist Activism in France

    Round Table: Challenging Anti-Asian Racism in Society and Academia
    Chair: Kien Nghi Ha

    Panelists: Quinna Shen, Lok Siu, Rotem Kowner, You Jae Lee

    Author
    Sander Diederich is a socio­logist enrolled in the master’s program Diversity and Society at the University of Tübingen and is a member of UnKUT (Undisciplined Knowledge at the University of Tübingen). Their work has cen­tered around the moral dimen­sions of (tran­si­tional) justice, anti-Asian racism, and the inter­ac­tional dis­cri­mi­nation of trans­gender persons. Their inte­rests range from feminist epis­te­mo­logies to utopian per­spec­tives and the nor­mative aspects of (aca­demic) scho­larship. Currently, they are exploring notions of ‚the good life‘, with a spe­cific focus on under­standing the con­s­truction and effect of commonalities/differences using lenses such as com­mu­ni­ta­rianism, soli­darity, diversity, and belonging.

    BlogProjekt RADARVeranstaltungenWorkshop

    Ein Angebot für Asians in der politischen Bildungsarbeit

    Sa. 04. & So. 05. November 2023 im aquarium am Südblock Berlin

    Wie sieht poli­tische Bildungsarbeit aus kolo­nia­lis­mus­kri­ti­scher Perspektive aus? Was haben Identität und Selbstzuschreibungen mit Kolonialismus zu tun? Wie können wir Praxen in der poli­ti­schen Bildungsarbeit schaffen und aus­bauen, die auf Solidarität mit anderen ras­si­fi­zierten und mar­gi­na­li­sierten Communities basieren und auf Augenhöhe mit Menschen arbeiten, die nicht ras­si­fi­ziert werden? Welche Werkzeuge und Strategien brauchen wir, um den Mythos der Vorzeigeminderheit auf­zu­decken und aktiv gegen das Teile-und-Herrsche-Prinzip vor­zu­gehen? Auf welche Art und Weise ver­mitteln wir Wissen in den Lernräumen, die wir kre­ieren? Und wie kann ein gemein­samer Austausch aus­sehen, in dem wir uns in Selbstkritik und Verantwortungsübername in unserer Praxis üben?

    Das Projekt RADAR von kori­en­tation lädt Anfang Anfang November Aktive aus der poli­ti­schen Bildungsarbeit zu einer zwei-tägigen Zukunftswerkstatt in Berlin ein. Wir werden gemeinsam diesen Fragen nach­gehen und dabei immer wieder die Verbindung zur Reflektion über Kolonialität bei­be­halten. Wir freuen uns auf euch!

    Ihr könnt euch bis zum 17.09.2023 anmelden.
    Zum Anmeldeformular kommt ihr weiter unten.

    Einen Rückblick auf die Zukunftswerkstatt, die in Köln stattfand, findet ihr hier.

    Ziele

    • Reflexion über Identitätskonstruktionen und eigene Verbindung zu ihnen
    • Selbstkritischer Blick auf die eigene Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit
    • Methodenentwicklung zur Thematisierung vom Mythos Vorzeigeminderheit
    • Erkundung von Notwendigkeiten und Möglichkeiten zur Solidarisierung mit ver­schie­denen Positionierungen 
    • Materialsammlung für eine kri­tische, deko­lo­niale poli­tische Bildungsarbeit mit Schwerpunkten auf ver­schiedene asia­tische Diasporen entwickeln


    Programm

    Samstag 04.11.Sonntag 05.11.
    10.00 – 11.30
    Uhr
    Ankommen, Kennenlernen,
    Thematische Einführung

    Thematischer Input zur Verbindung von kri­ti­schen Perspektiven auf poli­tische Bildung und wieso kolo­ni­al­kri­tische Perspektiven aus­schlag­gebend für das Netzwerktreffen sind.
    Ankommen und Open Space

    Möglichkeit Bedürfnisorientierte Spaces zu gestalten.


    11.45 – 13.30Block 1
    Selbstzuschreibung und Identität

    „Ich fühl mich so zwi­schen zwei Stühlen hin- und her­ge­rissen.“
    Wir wollen wissen, wie diese Stühle gebaut werden und wieso Menschen sich so fühlen, als müssten sie einen guten Stuhl für sich finden.


    Block 3
    Mythos Vorzeigeminderheit

    Gemeinsam Strategien finden, den Mythos zu the­ma­ti­sieren & auf­zu­decken, wie er die realen Gewalterfahrungen unsichtbar macht, aber auch ver­sucht Asians als Schachfiguren weißer Vorherrschaft ein­zu­setzen. Nicht mit Uns.


    Pause
    15.00- 16.45Block 2
    Community-übergreifende Solidarität

    Bildungsräume schaffen, die posi­tio­niert arbeiten und sich gleich­zeitig in Solidarität mit anderen Positionierungen treffen.
    Block 4
    Intervisions- und Reflexionsräume auf­bauen


    Praxisübung zu kol­le­gialer Fallberatung und Aufbau eines regel­mä­ßigen Intervisionstreffens. Austausch zu Räumen der (Selbst-)Kritik und Verantwortungsübernahme.
    Pause
    17.00- 17.30Abschluss und Ausblick Tag 2Abschluss
    Optionales gemein­sames Abendessen


    Ressourcen nach Themenblöcken

    Im Laufe der Zukunftswerkstatt werden wir die Themenblöcke behandeln und die Ressourcen darauf unter­suchen, inwiefern sie mit Theorien, Praktiken und Verständnissen zusam­men­hängen, die gewaltsam durch Kolonialismus eta­bliert wurden.

    Diese Liste wird sich immer weiter mit Ressourcen füllen.

    Allgemein

    Block 1: Selbstzuschreibung und Identität

    Block 2: Community-übergreifende Solidarität

    Block 3: Mythos Vorzeigeminderheit

    Block 4: Feedback, (Selbst-)Kritik und Reflexion


    Für wen ist die Zukunftswerkstatt

    Sie richtet sich an in der poli­ti­schen Bildungsarbeit aktive BIPoC, die Bezüge zu Nord-/Süd-/Ost-/Südost-/Vorder- oder Zentralasien stra­te­gisch für sich wählen (können), um ihre viel­fäl­tigen Lebensrealitäten sichtbar zu machen und Fragen von Rassismus und anderen Ausschlüssen aus einer spe­zi­fi­schen Perspektive soli­da­risch anzu­sprechen.
    > Wenn Du Zweifel hast und nicht weißt, ob diese Selbstbezeichnung für Dich funk­tio­niert oder ob Du dich dar­unter wie­der­findest, melde Dich gerne bei uns und wir sprechen darüber!

    Anmeldungen

    Ihr könnt Euch bis zum 17.09.2023 für die Zukunftswerkstatt in Berlin anmelden.

    Falls mehr Anmeldungen ein­gehen, als wir Plätze ver­geben können, wählen wir nach the­ma­ti­schen Überschneidungen mit der Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit und Wohngebiet aus.

    Die Anmeldungen sind geschlossen.

    Unterkunft und Anfahrt

    Die Anfahrtskosten können über­nommen werden. Schlafplätze können wir leider nicht stellen, und werden daher eine selbst­or­ga­ni­sierte Schlafplatzbörse anbieten.

    Barrierenabbau

    • Hinkommen: Die Zukunftswerkstatt wird im aquarium im Südblock in Berlin-Kreuzberg statt­finden. Die nächsten Bus- & U‑Bahnhaltestellen (Kottbusser Tor, Aufzug vor­handen) sind ca. 5 Minuten zu Fuß ent­fernt. Falls du einen Parkplatz direkt am aquarium benö­tigst, gib das bitte in der Anmeldung an oder schreib uns eine Mail.
    • Reinkommen: Es gibt eben­erdige Eingänge und Toiletten. Die Zukunftswerkstatt ist umsonst.
    • Klarkommen: Wir werden am Anfang eine Accessibility Need Runde (Bedürfnisrunde zu Zugänglichkeit & Barrieren) machen, in der alle ihre Bedürfnisse äußern können, um gut an der Zukunftswerkstatt teil­nehmen zu können.
    • Corona: Wir werden uns alle an beiden Morgen auf Covid selbst­testen. Weitere Hygieneabstimmungen können wir gemeinsam treffen.

    Schreib uns auch gerne im Vorhinein und teil uns mit, was du brauchst, um gut am Treffen teil­nehmen zu können.


    Kontakt
    Falls ihr Fragen oder Unsicherheiten bzgl. der Zukunftswerkstatt habt, kon­tak­tiert uns sehr gerne!
    Team: radar(at)korientation.de 
    Cuso Ehrich: cuso.ehrich(at)korientation.de
    akiko rive: akiko.rive(at)korientation.de



    Credits
    Illustration RADAR Logo: Sophia Brown 


    RADAR ist ein Projekt des kori­en­tation e.V.

    Gefördert von der Bundeszentrale für poli­tische Bildung

    Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der BpB dar.
    Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.

    RAA Berlin Region Nord-Nordwest

    AllgemeinBlogPolitik

    Kien Nghi Ha (Asian German Studies, Universität Tübingen)

    Vom 22. bis 24. August 2023 erschien auf MiGAZIN in einer mehr­tei­ligen Artikelserie diese stark erwei­terte Fassung des Buchkapitels „Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als insti­tu­tio­na­li­sierter Rassismus“. In: Gudrun Heinrich/David Jünger/Oliver Plessow/Cornelia Sylla (Hrsg.): Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992. Berlin: Neofelis, im Erscheinen 2023. Der Text basiert auf einen Vortrag am 21.06.2022 im Rahmen der Reihe „Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992“ an der Universität Rostock. Wir prä­sen­tieren hier die leicht über­ar­beitete finale Fassung vom 25. August 2023 mit erwei­terten visu­ellen Kontextualisierungen.
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    24.08.1992: Das Sonnenblumenhaus brennt nach Tagen der Belagerung mit über 100 ein­ge­schlos­senen viet­na­me­si­schen Bewohner:innen [Foto: MDR]

    Das Pogrom im tiefenhistorischen Kontext: Anti-Asiatische Aspekte des systemischen Rassismus

    Um das Rostocker Pogrom von 1992 in grö­ßeren his­to­ri­schen Zusammenhängen zu ver­stehen und ein­zu­ordnen, ist es nötig, seine Bedeutung in der modernen Geschichte des Rassismus in Deutschland her­aus­zu­ar­beiten. Grundlegend lässt sich zunächst fest­stellen, dass die Geschichte des anti-Asiatischen1 Rassismus in Deutschland nicht mit diesem Pogrom beginnt. Vielmehr ist seine Historie mit der deut­schen Kolonialgeschichte ver­woben, die ihrer­seits in die euro­päische Geschichte der Kolonialisierung der Welt ein­ge­bettet ist. So ver­weist der ‚Fidschi‘-Begriff als abwer­tende Bezeichnung für süd­ost­asia­tische, vor allem viet­na­me­sische, Vertragsarbeiter:innen in Ostdeutschland in Analogie zur ras­sis­ti­schen Bezeichnung ‚Kanake‘ in Westdeutschland auf kolo­niale Kontexte.2 Deutschland war als Kolonialmacht im pazi­fi­schen Raum präsent und die ‚Südsee‘ stellt nach wie vor eine bedeutsame Kulisse des kolonial gefärbten Exotismus in west­lichen Diskursen dar. Selbst wenn direkte Verbindungen zu kolo­nialen Praktiken wie etwa der Inbesitznahme des ‚deut­schen Schutzgebietes Kiautschou‘ (1898–1919) in Nordchina oder zur bru­talen Niederschlagung der chi­ne­si­schen Yìhétuán (1899–1901)3 durch das vom Wilhelm II. ent­sandte Ostasiatische Expeditionskorps nicht nach­weisbar sind, ist davon aus­zu­gehen, dass durch diese Ereignisse wichtige Elemente des kolo­ni­al­ras­sis­ti­schen Wissens in Deutschland über China und Chines:innen geschaffen und repro­du­ziert wurden. Dabei wurde dieses dis­kri­mi­na­to­rische und ras­si­fi­zierte Wissen ver­all­ge­meinert und auf andere Asiatische, spe­ziell Ostasiatische Menschen, Kulturen und Länder über­tragen.4 Die mit diesen kolo­nialen Bildern und Perspektiven ein­her­ge­henden poli­ti­schen, his­to­ri­schen, sozio­kul­tu­rellen und visu­ellen Diskurse wurden zunächst etwa durch Zeitungen5 und später durch andere Massenmedien wie etwa Bücher und Filme popu­la­ri­siert, tra­diert und auch aus­ge­weitet.6 Diese medialen und kul­tu­rellen Reproduktionen setzen letztlich mit anderen Akzentsetzungen und tech­nisch aus­ge­feil­teren Bildern einen ste­reo­typen Diskurs fort, der im ideen­ge­schicht­lichen Zentrum der Weißen Vorstellung von moderner Kolonialität steht: Deutsche Professoren wie Imanuel Kant (1723–1804), Christoph Meiners (1747–1810) und Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) hatten als füh­rende Vertreter einen bedeu­tenden Anteil an der phi­lo­so­phi­schen wie natur­wis­sen­schaft­lichen Etablierung von Rassentheorien als Grundaxiom der Welt. Ihre Tatsachenbehauptungen waren maß­geblich bei der kogni­tiven Erfindung von unter­schied­lichen und bio­lo­gisch unter­scheid­baren ‚Menschenrassen‘ beteiligt, die als ‚Gelbe, Rote, Schwarze und Weiße‘ ima­gi­niert und in Rückkoppelung mit der expan­siven außer­eu­ro­päi­schen Kolonialisierung zunehmend streng gesell­schaftlich wie wis­sen­schaftlich hier­ar­chi­siert wurden.7 Wenn diese his­to­ri­schen Kontexte und epis­te­mo­lo­gische Betrachtungsweise ernst genommen werden, dann wird sichtbar, dass das Pogrom in Rostock sich vor dem Hintergrund eines viel tie­fer­ge­henden sys­te­mi­schen Rassismus abspielt. Aus Raumgründen werde ich mich in meiner Fallanalyse jedoch auf die Ebene des insti­tu­tio­nellen Rassismus beschränken.

    Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im Kontext der rassistischen Gewalt seit den 1980er-Jahren

    Anti-Asiatische Gewalt ist ein bedeut­sames Element des Rassismus in Deutschland, die wichtige Wegmarkierungen in seiner Entwicklung prägen. Dabei fällt die struk­tu­relle Entinnerung des anti-Asiatischen Rassismus als kalte Fälle und ver­gessene Geschichte ins Auge. So wurden am 22. August 1980 die beiden jungen viet­na­me­si­schen Boat People Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu kurz nach ihrer Aufnahme als Geflüchtete in der Halskestraße in Hamburg-Billbrook von orga­ni­sierten Rechtsextremist:innen der „Deutschen Aktionsgruppen“ bei einem Brandanschlag ermordet. Die beiden Vietnamesen gelten in West-Deutschland als die ersten poli­zeilich doku­men­tierten und gerichtlich nach­ge­wie­senen ras­sis­ti­schen Mordopfer seit 1945. Eine weitere Besonderheit dieses Falls ergibt sich zudem aus der erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Umgangsweise der deut­schen Gesellschaft und seiner poli­ti­schen, medialen, kul­tu­rellen und wis­sen­schaft­lichen Institutionen: Im Unterschied zu anderen ras­sis­ti­schen Mordfällen wurde das offi­zielle Gedenken nicht nur mar­gi­na­li­siert, sondern es wurde entinnert.8 Nach ihrer Beerdigung wurde selbst in den lokalen Medien bis 2012 nicht mehr über diese Geschichte berichtet,9 so dass mit der Zeit auch das Wissen in der Zivilgesellschaft kom­plett zum Verschwinden gebracht wurde. Dies ist umso bemer­kens­werter, da die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit den damals 17-jährigen Đỗ Anh Lân als Schutzbefohlenen in einer von ihr gespon­serten Hilfsaktion in die Hafenmetropole gebracht hatte und daher in einer beson­deren Verantwortung steht.10

    Wie die Hamburger Morde ist auch das Rostocker Pogrom gegen die viet­na­me­sische Community und asyl­su­chende Roma-Familien in viel­fäl­tiger Weise mit anderen Geschichten des deut­schen Rassismus und Rechtsextremismus ver­bunden. Als Beispiel möchte ich hier nur auf den bis heute sträflich ver­nach­läs­sigten und auch daher unauf­ge­klärten Brandanschlag vom 26. August 1984 in Duisburg-Wannheimerort ver­weisen, bei dem sieben Mitglieder der Familie Satır starben. Die zeit­liche Koinzidenz der Ereignisse Hamburg, Duisburg and Rostock ver­weisen auf poli­tische Zusammenhänge, die diese Tatorte und Communities mit­ein­ander ver­binden. Obwohl die Angriffe in Rostock-Lichtenhagen als größtes Pogrom seit dem Niedergang des NS-Staates 1945 einen außer­or­dent­lichen Stellenwert in der deut­schen Geschichte hat, lässt sich seine wirk­liche gesamt­ge­sell­schaft­liche und his­to­rische Bedeutung nur im Zusammenhang mit anderen Geschichten des struk­tu­rellen Rassismus und der all­täg­lichen Diskriminierungen begreifen. Bereits beim Fall der Berliner Mauer setzte eine heute nahezu unbe­kannte Gewaltwelle orga­ni­sierter Rechtsextremist:innen ein: In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 griffen vor­sichtig geschätzt etwa 1.500 gewalt­tätige Neo-Nazis in min­destens 14 ost­deut­schen Städten linke Projekte und alles „Undeutsche“ an. Mit diesem Paukenschlag wurden die an einigen Orten bis heute andau­ernden Baseballschlägerjahre (Christian Bangel) ein­ge­läutet. In dieser Nacht wurden auch Migrant:innen und Linke in der Hamburger Hafenstrasse von 300 Rechten ange­griffen. In diesem Kontext gehören nicht nur die vor­an­ge­gan­genen Pogrome in Hoyerswerda (September 1991) oder in Mannheim-Schönau (Mai/Juni 1992), wo wie in Lichtenhagen Wohnheime für ehe­malige Vertragsarbeitende und Geflüchtete ange­griffen wurden,11 sondern auch die nach­fol­genden ras­sis­ti­schen Morde an türkisch-deutschen Familien etwa in Mölln (November 1992) und Solingen (Mai 1993). Auch der nicht wirklich auf­ge­klärte Brandanschlag in der Lübecker Hafenstraße vom 18.01.1996 mit zehn Toten, dar­unter sieben Kinder, und 38 Verletzten gehört in diese Reihe. Neben anderen ras­sis­ti­schen Gewalttaten reicht dieses his­to­rische Kontinuum über die NSU-Morde (2000–2006) gegen die deutsch-türkische Community bis zum jüngsten rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlag in Hanau (Februar 2020).

    Was ist ein Pogrom und was ist institutioneller Rassismus?

    Wenn nach diesen Annäherungen der Fokus auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen her­an­ge­zoomt wird, stellt sich eine weitere grund­le­gende Frage: Welche Bezeichnung ist für dieses Ereignis sachlich korrekt und ange­messen. Je nach Antwort werden ganz unter­schied­liche poli­tische, juris­tische und wis­sen­schaft­liche Kategorisierungen mobi­li­siert. Obwohl objektive Sachverhalte ent­scheidend sein sollten, spielen gesell­schaftlich wirksame Deutungen und domi­nante Interpretationen eine zen­trale Rolle. Die Frage der Benennung kann daher nicht von Fragen des Framings, also der sozialen und kul­tu­rellen Bedeutungskonstruktion und ‑zuweisung abge­trennt werden. Bei der Bedeutungsgebung stehen sich oftmals gegen­sätz­liche Perspektiven mit ungleichen Durchsetzungsmöglichkeiten gegenüber, wobei die Interessen von ver­schie­dentlich betei­ligten Gruppen und betrof­fenen Individuen unter­schiedlich ein­fluss­reich sind. Wie alle gesell­schaft­lichen Bedeutungsgebungen reflek­tieren und reprä­sen­tieren vor­herr­schende Bezeichnungen gesell­schaftlich rele­vante Machtverhältnisse, die kul­tu­relle Hegemonie pro­du­zieren und durch­setzen kann. Vor diesem Hintergrund ist es bedeutsam, dass die ras­sis­tische Gewalt nicht nur im poli­ti­schen Diskurs, sondern auch in den Medien über Jahrzehnte hinweg meist ver­harm­losend als Krawalle, Randale, Übergriffe oder allen­falls als Ausschreitungen bezeichnet, häufig legi­ti­mierend auch als Protest oder natu­ra­li­sierend als Explosion beschrieben wurden. Der Begriff „Pogrom“, der von Anfang an von anti-rassistischen Gruppen ver­wandt wurde,12 wurde dagegen lange Zeit im Mainstream-Diskurs als „links­extrem“ abge­stempelt und gesell­schaftlich mar­gi­na­li­siert. An der (Be-)Deutung und Aufarbeitung der ras­sis­ti­schen Angriffe von Lichtenhagen als Pogrom hatten – von ver­ein­zelten Ausnahmen abge­sehen – weder Politik und Medien vor Ort noch bun­desweit ein erkenn­bares Interesse.13 Die ton­an­ge­bende Wahrnehmung mit ihrem beschränkten Meinungskorridor hat sich im Zuge der ver­stärkten Kritik an den Blindstellen und Ausschlüssen im öffentlich zele­brierten Gedenken, die zum 20. Jahrestag bun­desweit besonders stark wahr­ge­nommen wurde,14 langsam gewandelt und ist inzwi­schen plu­raler geworden. 

    Am 25. August 2012 sprach Kien Nghi Ha auf der Abschlusskundgebung des anti-rassistischen Kulturfestivals „Beweg dich für Bewegungsfreiheit” vor dem Sonnenblumenhaus zum Gedenken des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen von vor 20 Jahren.

    Wichtige Impulse dafür lie­ferte auch die auf­kom­mende Rassismuskritik seit 2011 am insti­tu­tio­nellen, medialen wie gesell­schaft­lichen Umgang mit der ver­schleppten Aufdeckung des NSU-Skandals.15 Der bun­desweit auf­se­hen­er­re­gende Terroranschlag in Hanau und die globale Black Lives Matter-Bewegung 2020 haben diesen Bewusstwerdungs- und Anerkennungsprozess nochmals ver­stärkt. Diese Entwicklungen haben zur Ausbildung einer kri­ti­schen Masse bei­getragen, sodass in vielen gesell­schaft­lichen Bereichen Rassismus inzwi­schen nicht mehr wie früher als ‚Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit‘ ver­brämt wird. All das hat sicherlich dazu bei­getragen, dass der Pogrombegriff im Fall „Rostock-Lichtenhagen“ heute weniger geächtet ist. Für viele Beobachtende über­ra­schend, hat selbst die Stadt Rostock in offi­zi­ellen Mitteilungen zum 30. Jahrestags die ras­sis­tische Gewalt als Pogrom aner­kannt.16 Damit schloss sich die Stadt dem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags an, der die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen als „die größten ras­sis­tisch und frem­den­feindlich moti­vierten Angriffe gegen Angehörige einer eth­ni­schen Minderheit in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges“17 cha­rak­te­ri­siert. Neben den ras­sis­ti­schen Angriffen in Hoyerswerda (September 1991)18 wird Rostock-Lichtenhagen als zen­trales Fallbeispiel dis­ku­tiert, wobei die Argumente für die Anwendung des Pogrombegriffs breiten Raum erhalten und von den Autor*innen nicht in Zweifel gezogen werden.19

    Dieses Eingeständnis ist über­fällig. Denn wer unvor­ein­ge­nommen das ras­sis­tische Großereignis in Rostock-Lichtenhagen betrachtet, kann augen­blicklich drei cha­rak­te­ris­tische Elemente erkennen: Massive Bedrohung und Gewaltausübung der domi­nanten Gruppe gegen eine ras­si­fi­zierte Minderheit, die durch staat­liche Institutionen und ihre Repräsentant:innen tole­riert oder akzep­tiert wird. Vor allem die insti­tu­tio­nelle Komponente ist ent­scheidend und unter­scheidet das Pogrom von anderen Formen ras­sis­ti­scher Gewalt. Das Pogrom wird über­ein­stimmend in der Encyclopædia Britannica als „mob attack, either approved or con­doned by aut­ho­rities, against the persons and pro­perty of a reli­gious, racial, or national minority“ und in der Encyclopedia of Nationalism (2001) als „mobi­lized crowd vio­lence (usually offi­cially encou­raged) against members of a sub­or­dinate cul­tural group“ defi­niert. Obwohl der Begriff ursprünglich auf die his­to­ri­schen Verfolgungen von jüdi­schen Gemeinschaften in Osteuropa ver­wandt wurde, ist er nach Ansicht von füh­renden Antisemitismusforscher:innen wie Werner Bergmann nicht darauf beschränkt.20 Auch lässt sich m.E. nach argu­men­tieren, dass die Suche nach Parallelen und Analogien zwi­schen Rassismus und Antisemitismus hier pro­duktive Erkenntnisse gene­rieren kann. Im Anschluss an das Phänomen des sekun­dären Antisemitismus und des sekun­dären Kolonialismus können sowohl ver­schlei­ernde Entnennungen also auch unzu­rei­chende erin­ne­rungs­po­li­tische, wis­sen­schaft­liche und kul­tu­relle Aufarbeitungen als Fortsetzung des insti­tu­tio­nellen Rassismus ange­sehen werden. Der sekundäre Rassismus kann als nach­fol­gende insti­tu­tio­nelle Diskriminierung ange­sehen werden, in der staat­liche Akteure sich weigern, das Problem sachlich ange­messen zu benennen, unein­ge­schränkt poli­tische Verantwortung zu über­nehmen, die lang­an­hal­tenden Aus- und Nachwirkungen des Pogroms im vollen Umfang anzu­er­kennen und den tat­säch­lichen Opfern ange­messene Entschädigung und Wiedergutmachung anzubieten.

    Ich folge hier der im anglo­phonen Raum aner­kannten Definition des insti­tu­tio­nellen Rassismus der Macpherson-Kommission (1999) der bri­ti­schen Regierung:

    „The coll­ective failure of an orga­ni­sation to provide an appro­priate and pro­fes­sional service to people because of their colour, culture, or ethnic origin. It can be seen or detected in pro­cesses, atti­tudes and beha­viour which amount to dis­cri­mi­nation through unwitting pre­judice, igno­rance, thought­lessness and racist ste­reo­typing which dis­ad­vantage minority ethnic people. It per­sists because of the failure of the orga­ni­sation openly and ade­quately to reco­gnise and address its exis­tence and causes by policy, example and lea­dership. Without reco­gnition and action to eli­minate such racism it can prevail as part of the ethos or culture of the orga­ni­sation.“21

    Besonders her­vor­zu­heben ist, dass nicht Absicht, sondern das Ergebnis insti­tu­tio­nellen Handelns oder Nicht-Handelns ent­scheidend ist. Für das Vorliegen ras­sis­ti­scher Praktiken und Diskriminierungen im insti­tu­tio­nellen Rahmen ist der Nachweis einer dis­kri­mi­na­to­ri­schen Intention nicht maß­geblich. Vielmehr ist fun­da­mental, dass die unpro­fes­sio­nelle oder ungleiche Funktionsweise einer Institution im Ergebnis zur Benachteiligung von Menschen und Gruppen führt, die gesell­schaftlich auf­grund von stig­ma­ti­sie­renden Rassifizierungsprozessen und kul­tu­rellen Fremdzuschreibungen dis­kri­mi­niert sind.

    Institutioneller Rassismus im Kontext des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen

    Die ver­schie­denen, aber inein­an­der­grei­fenden Ebenen des insti­tu­tio­na­li­sierten Rassismus mit ihren unter­schied­lichen Akteur:innen lassen sich in diesem Fall wie folgt skizzieren.

    1) Deutsche Einheit, ostdeutsche Sozialkrise und Asylabschaffungsdebatte

    Im zeit­his­to­ri­schen Kontext spielte der deutsche Einheitstaumel und die ihm beglei­tende natio­na­lis­tische Welle eine tra­genden Rolle. Statt den ver­spro­chenen „blü­henden Landschaften“ (Bundeskanzler Kohl)22 wurde das nationale Projekt durch gesell­schaft­liche Verwerfungen kon­ter­ka­riert und gleich­zeitig poli­tisch zuge­spitzt.23 So stieg in der zuneh­menden Sozialkrise in der unmit­tel­baren Transformationsphase die Arbeitslosenquote im Westen von 6,2 % (1990) suk­zessiv auf 9,0 % (1994). In Ostdeutschland, wo 1990 mit 10,2 % bereits eine deutlich aus­ge­prägtere Problematik vorlag, wuchs dieser Wert im gleichen Zeitraum rasant auf 15,7 %.24 In Rostock lag diese Quote im Juni 1992 bei 15,0 %.25 Die regie­renden Parteien konnten keine wirk­liche Lösung für die sich aus­brei­tende Massenarbeitslosigkeit und Verarmung anbieten. Um die eigene Hilfslosigkeit zu ver­tu­schen, die zuneh­menden Proteste zu befrieden, Verantwortung von sich zu weisen und somit die eigene poli­tische Machtbasis zu sichern, boten rechte Parteien den Weißen Verlierer:innen der Einheit ras­sis­tisch dis­kri­mi­nierte Migrant:innen und Geflüchtete als Sündenböcke für die Misere an.

    2) Politische Akteure und staatliche Verantwortungsträger:innen

    Die Hyperbolisierung ras­sis­tisch kodierter Kampfbegriffe und Feindbilder („Überfremdung“, „Asylbetrug“, „Scheinasylant“, „mas­sen­hafter Asylmissbrauch“, „Sozialschmarotzer“ etc.) wurde in dieser Umbruchszeit im unge­ahnten Ausmaß inten­si­viert und aus­ge­dehnt. Ulrich Herbert, einer der füh­renden deut­schen Zeithistoriker resü­miert ernüch­ternd: „Daraus ent­wi­ckelte sich zwi­schen 1990 und 1993 eine der schärfsten, pole­mischsten und fol­gen­reichsten innen­po­li­ti­schen Auseinandersetzungen der deut­schen Nachkriegsgeschichte.“26 Gerade die Attacken auf das Grundrecht auf Asyl erwiesen sich als Innovationsquelle ras­sis­ti­scher Diskurse, die trotz der damit zum Ausdruck kom­menden Infragestellung der Menschenwürde gesell­schaftlich weit­gehend akzep­tiert waren. Diese Diskurs- und Politikverschiebung eröffnete neue Spielräume hin zum Extremismus der Mitte.27 Gleichzeitig befeuerte jede tole­rierte Grenzüberschreitung des poli­ti­schen Establishments rechts­extreme Kräfte und verlieh ihren Forderungen demo­kra­tische Legitimität. Die ver­schärfte Ausgrenzung gesell­schaftlich bereits mar­gi­na­li­sierter Minderheiten fun­gierte hier als ideo­lo­gische Verlustkompensation für Weiße Deutsche. Die damit ein­her­ge­hende Anrufung ras­sis­ti­scher Hierarchisierungen dient der gesell­schaft­lichen Stabilisierung, so dass deutsche Einheitsverlierer:innen mit Nationalstolz sym­bo­lisch auf­ge­wertet, einer exklu­siven völ­ki­schen Identität emo­tional ent­schädigt und poli­tisch mit dem natio­nalen Projekt ver­söhnt werden. Zu diesem Zweck wurden die seit Ende der 1970er Jahre geschürte Moralpanik gegen die gestiegene Zahl von Asylsuchenden ver­stärkt. Gerade in Wahlkampfzeiten wurden rechts­po­pu­lis­tische Angriffe auf das Asylgrundrecht massiv ver­schärft sowie ein rigi­deres Ausländerrecht gefordert.28 Nachdem der christ­de­mo­kra­tische Generalsekretär Volker Rühe im September 1991 eine bun­des­weite Kampagne aller CDU-Parteigliederungen zur Skandalisierung des „Asylmissbrauches“ gestartet hatte, warnte Bundeskanzler Kohl im Oktober 1992 auf dem CDU-Sonderparteitag dies­be­züglich vor dem dro­henden „Staatsnotstand“. Der Rechtsruck im poli­ti­schen Mainstream umfasste auch die sozi­al­de­mo­kra­tische Volkspartei29 und führte in der Folgezeit zu großen Wahlerfolgen für Parteien am rechten Rand, da unzu­friedene Wähler:innen zunehmend auf rechts­extreme Originale setzten.30 Der bun­des­po­li­tische Diskurs lud auch die soziale Atmosphäre in Rostock negativ auf31 und schuf gesell­schaft­liche und ideo­lo­gische Rahmenbedingungen, die das Pogrom möglich machten. Sogar während des lau­fenden Pogroms und auch danach nutzten Bundes‑, Landes- und Kommunalpolitiker:innen die ras­sis­tische Gewalt um das Asylgrundrecht aus­zu­hebeln und poli­tische Verantwortung von sich zuweisen.32 Diese Bemühungen wurden durch den am 6. Dezember 1992 ver­ein­barten „Asylkompromiss“ zwi­schen den Volksparteien belohnt, der dieses Grundrecht durch Verfassungsänderung fun­da­mental ein­schränkte. Faktisch lässt sich fest­stellen, dass das Pogrom poli­tisch instru­men­ta­li­siert wurde und ein lang gehegtes Großprojekt der Rechten zum Abbau zivi­li­sa­to­ri­scher Errungenschaften maß­geblich zum gesell­schaft­lichen Durchbruch verhalf.

    3) Rassistische Medienbilder

    Dieser Anti-Asyldiskurs wurde maß­geblich, aber nicht aus­schließlich von Medien des Axel Springer-Konzerns flan­kiert. Konservative Medien-Flaggschiffe wie Die Welt, FAZ und das Massenblatt BILD sprangen für diese Kampagne in die Bresche33 und betrieben poli­ti­sches Agenda Setting. Im Laufe der Zeit zogen andere Massen- und Leitmedien nach, so dass dieser jour­na­lis­ti­scher Trend sich in Kooperation mit ein­fluss­reichen wie inter­es­sierten poli­ti­schen Stichwortgeber:innen in der eigenen Echokammer eigen­dy­na­misch ver­stärkte.34 Das kann nicht wirklich ver­wundern, da die deut­schen Medien als Institution seit Jahrzehnten ein struk­tu­relles Rassismusproblem haben.35 Im Gegensatz zum Selbstbild als vierte Gewalt der Demokratie, die kri­tische Aufklärung und sach­liche Informierung betreibt, ist die Mehrheit der Berichterstattung über Zuwanderung, Flucht und „Ausländer“ in vielen Studien über­ein­stimmend als ste­reo­ty­pi­sierend, ras­si­fi­zierend und negativ fokus­siert ana­ly­siert worden, die bis heute mit gra­du­ellen Änderungen anhält.36 Laut Forschungsgruppe Wahlen domi­nierte das Thema „Asyl/Ausländer“ von Juni 1991 bis Juli 1993 mit Spitzenwerten von ca. 80 % als ver­meintlich wich­tigstes Problem die Bundespolitik – weit vor der deut­schen Einheit und der Arbeitslosigkeit. Die Leserschaft der BILD wollte zu 98 % (09/1991) das Asylrecht ein­schränken; andere Umfragen zu dieser Zeit ergaben eine Mehrheit von 55 % in der Bevölkerung.37 In diesem Zeitraum wurden nicht nur in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, sondern auch im Fernsehen, Radio und elek­tro­ni­schen Medien eine Flut von Berichten, Reportagen, Interviews, Gesprächen, Kommentaren, Bildern, Grafiken, Karikaturen und Filmen ver­schie­denster Art pro­du­ziert, die die Aufnahme von Asylsuchenden regel­mäßig ein­seitig pro­ble­ma­ti­sierten und Migrierte als Unzugehörige ras­si­fi­zierte.38

    Rechtsextreme Bilder pro­pa­giert in einem Leitmedium

    Ein ein­drück­liches Beispiel wie Leitmedien an rechts­extreme Bilder anknüpfen, lie­ferte DER SPIEGEL in der Coverstory „Flüchtlinge – Aussiedler – Asylanten: Ansturm der Armen (09/1991). Dabei greift die Redaktion nicht nur die Begrifflichkeiten und Bildersprache des Wahlplakats „Das Boot ist voll! Schluss mit Asylbetrug“ (06/1991) der rechts­extremen ‚Republikaner‘ auf.39 Vielmehr trans­por­tiert sie nahezu unge­schminkt die damit ver­bundene poli­tische Nachricht und macht sich diese Botschaft durch die feh­lende kri­tische Distanzierung zu eigen. Durch die Metapher der Masseninvasion findet sogar eine Radikalisierung statt, die Menschen wie eine Ameisenplage dar­stellt. Auch das rechts­extreme Motto „Das Boot ist voll!“ wurde als kol­lektive Notmetaphorik mit impli­ziter Täter-Opfer-Umkehrung zu einem geflü­gelten Wort. In der Kontroverse zur Einschränkung des Asylrechts wurde mit diesem Bild die bedrohte ‚nationale Schicksalsgemeinschaft‘ kon­struiert und gleich­zeitig beschworen. Die vor­wiegend negative jour­na­lis­tische Berichterstattung war nicht nur in diesem Fall durch selek­tives Gate Keeping (Einseitigkeit), Agenda Setting (Themenfixierung) und Framing (pro­ble­ma­tische Setzungen, Kontexte, Sprache und Perspektive) geprägt. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) hat die nega­ti­vie­rende, ent­in­di­vi­dua­li­sie­rende und ent­mensch­li­chende Verobjektivierung von Geflüchteten in der bild­ge­wal­tigen Sprache des Asyldiskurses akri­bisch seziert. Indem Asylsuchende in natu­ra­li­sie­renden Katastrophenszenarien als Fluten, Wellen, Ströme, Schwemmen und Massen erscheinen, werden sie anknüpfend an tra­dierte kolo­ni­al­ras­sis­tische Bilder als gefähr­liche Bedrohung kon­struiert. Da Asylbewerber:innen nicht als schüt­zens­werte „Flüchtlinge“,40 sondern in Analogie zum Spekulanten und Simulanten nun als „Asylanten“ oder gar als betrü­ge­rische „Scheinasylanten“ kri­mi­na­li­siert wurden, ver­dienen sie keine Sympathien oder Hilfe, sondern müssen vielmehr „abge­wehrt“, d.h. bekämpft werden. Indem mediale und poli­tische Routinen, Schlagwörter wie „Asylmissbrauch“, „Sozialbetrug“, „Ausländerkriminalität“ durch omni­prä­sente Wiederholung prägten, wurden nicht nur ras­sis­tische, sondern auch anti-ziganistische Klischees reak­ti­viert und ver­stärkt. Auf diese Weise wurden ‚harte Maßnahmen‘ des deut­schen Staates als über­le­bens­not­wendige Abwehr ratio­na­li­siert und legi­ti­miert. Diese Konstruktionen beflü­gelten Überfremdungsängste und unter­mau­erten Polemiken gegen Einwanderung und „Multikulti“.41

    Die lokale Wahrnehmung und ras­sis­ti­schen Auseinandersetzung um die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) in Lichtenhagen wurden im Vorfeld durch über­re­gionale Kontroversen über­lagert und geframt:42 „In der Tat war die Zeit vor den Ausschreitungen von einer ten­den­ziösen und bis­weilen ras­sis­ti­schen Berichterstattung in den lokalen und über­re­gio­nalen Medien begleitet.“43 Auch nach dem Rostocker Pogrom waren die medialen Reaktionen dop­pel­deutig und mehr­heitlich weit von einer kri­ti­schen Selbstreflexion ent­fernt: Neben Abscheu waren vor allem halb­herzige Distanzierungen, mora­lische Relativierungen und Schuldumkehrthesen in vielen Medien wahr­nehmbar, die nun noch ent­schlos­sener im Gleichklang mit kon­ser­va­tiven und rechts­extremen Stimmen das „Einfallstor Asyl“ als Gefahrenquelle und Ursache aus­machten.44

    Normalisierung ras­sis­ti­scher Gewalt als blei­bende Hypothek der 1990er Jahre

    Politik und Medien müssen sich als Institutionen mit der Frage aus­ein­an­der­setzen, inwieweit ihre Kampagnen die ras­sis­ti­schen Gewaltexzesse in den 1990er Jahre begünstigt und mit­ver­ur­sacht haben. Laut der Polizeistatistik „Politisch Motivierte Kriminalität (PMK) – rechts“ wurden 1990 noch 128 rechte Gewalttaten erfasst. Diese Zahl hatte sich 1991 mit 1.483 mehr als ver­zehn­facht und erreichte 1992 mit 2.584 ihren bis­he­rigen Höchststand. Eine ähnlich dra­ma­tische Entwicklung war auch bei rechten Straftaten zwi­schen 1990 mit 1.380 und 1993 mit 10.561 Fällen aus­zu­machen. Im Unterschied zur poli­zeilich erfassten rechten Gewalt stiegen die rechten Straftaten bis 2016 ten­den­ziell immer weiter an, da sie zum großen Teil Propagandadelikte umfassen. Obwohl die Kriterien der Statistik 2001 teil­weise ver­ändert wurden und Vergleiche Einschränkungen unter­liegen, lässt sich zumindest in der Unterkategorie „rechte Gewalttaten“ sagen, dass diese bis 1995 auf etwa 800 Fälle jährlich absanken und sich auf diesem hohen Niveau bis zum nächsten rechten Gewaltexzess 201516 mit kleinen Schwankungen ein­pen­delten. Zwischen 60 bis 80 % der seit 2001 erfassten rechten Hasskriminalität wird von der Polizei als „frem­den­feindlich“ bzw. „ras­sis­tisch“ ein­ge­stuft.45

    Der SPIEGEL berichtet in seiner Titelstory zu den „Krawallen“ in Rostock-Lichtenhagen: „Nach einer Untersuchung des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftliche Studien wollen 85 Prozent der Ostdeutschen keine Türken mehr ins Land lassen. 82 Prozent hegen Aversionen gegen Afrikaner oder Asiaten, rund 60 Prozent lehnen Osteuropäer ab.“46

    Auch hier zeigt sich wieder, dass die unter­schied­lichen Formen des Rassismus mit­ein­ander sind und ver­schiedene Communities trotz aller Unterschiede auch gemeinsame Erfahrungen mit­ein­ander teilen. In Bezug auf Rostock-Lichtenhagen ist wichtig daran zu erinnern, dass sowohl anti-vietnamesische als auch anti-ziganistische Gewalt nicht nur in den 1990er Jahren im ost­deut­schen Alltag etwa in Form von ras­sis­ti­schen Beleidigungen und Überfällen sehr präsent war.47 Unter anderem wurden am 15. März 1992 der 18-jährige Dragomir Christinel aus Rumänen in einem Asylwohnheim in Saal (MV) und am 24. April 1992 Nguyễn Văn Tú in Berlin-Marzahn von Rechtsextremisten ermordet.

    4) Kommunale Politik, Verwaltung und Sicherheitsbehörden

    Die 1990 eröffnete ZAST in Rostock-Lichtenhagen ver­fügte über eine maximale Aufnahmekapazität für 300 Personen. Schon lange vor dem Pogrom war die dra­ma­tische Überbelegung als dau­er­haftes Problem den zustän­digen Verwaltungen bekannt. Bereits im Sommer 1991 kri­ti­sierte ein Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) die Lebensbedingungen in der ZAST als unhaltbar. Auch nach drin­genden Warnungen des Gesundheitsamtes im Juni 1992 blieben kom­munale Politik und Verwaltung weit­gehend untätig, um auf kom­mu­naler Ebene ein Asylstopp durch Überlastung zu erzwingen.48 Dabei war den poli­tisch Verantwortlichen vor Ort schon früh­zeitig klar, welche Folgen die weitere Eskalation der unver­tret­baren Zustände in der ZAST haben könnte. Rostocks Oberbürgermeister Kilimann (SPD) schrieb am 26.07.1991 an den MV-Innenminister Diederich (CDU): „Schwerste Übergriffe bis hin zu Tötungen sind nicht mehr aus­zu­schließen“.49 Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD) warnte im Juli 1992 davor, „dass es kracht“.50 Trotz kon­kreter Hinweise auf rechts­extreme Drohungen gegen die ZAST und Informationen über gewalt­be­reite Mobilisierungen der NPD-nahen Initiative „Rostock bleibt deutsch“ und der DVU gesteu­erten „Bürgerinitiative Lichtenhagen“, die in den Tagen vor dem Pogrom von Lokalmedien auf­ge­griffen wurden, ent­wi­ckelten die Behörden weder auf Kommunal- noch auf Landesebene Sicherheitskonzepte oder trafen Vorbereitungen. Fast alle poli­zei­lichen Führungskräfte waren am Pogromwochenende im Heimaturlaub im Westen. Diese Sorglosigkeit teilten sie mit Rostocks Oberbürgermeister Kilimann, der seinen Urlaub nur kurz unter­brach, um ihn dann noch während des lau­fenden Pogroms fort­zu­setzen. Das Versagen von Politik und Sicherheitsorganen ist offen­sichtlich und eklatant:51 Die ZAST und das Sonnenblumenhaus waren zu keinem Zeitpunkt während des Pogroms aus­rei­chend geschützt. Besonders scho­ckierend war der Abzug der letzten Polizeikräfte am Abend des 24.08.1992, so dass das Sonnenblumenhaus mit mehr als 100 viet­na­me­sische Bewohner:innen, einem ZDF-Fernsehteam, dem Rostocker Ausländerbeauftragen Wolfgang Richter sowie linken Aktivist:innen etwa 1,5 Std. unge­hindert gebrand­schatzt werden konnte. Nur mit knapper Not konnten die Eingeschlossenen über eine mühevoll ent­sperrte Brandschutztür der töd­lichen Rauchvergiftung ent­kommen. Bis heute ist unge­klärt, ob behörd­liche Überforderung, Unfähigkeit und Inkompetenz bzw. eine fahr­lässige, poli­tisch tole­rierte oder gar gewollte Zuspitzung der Konflikte um Aufnahmestopp für die ZAST (kom­munal) und Asylrechtsänderung (bun­des­po­li­tisch) für das mul­tiple behörd­liche Nicht-Handeln mit­ver­ant­wortlich sind. Denkbar ist auch eine Mischung dieser Faktoren. Auffällig ist, dass die Polizei trotz Personalmangel am 23.08.1992 Zeit, Kapazitäten und Priorität (er-)fand, etwa 60 linke Demonstrierende fest­zu­nehmen, die ihre Solidarität mit den ange­grif­fenen Roma und Vietnames:innen zeigten.52 Auch die groß­räumige Behinderung und Unterdrückung der Solidaritätsdemonstration „Stoppt die Pogrome“ am 29.08.1992 mit kurz­fristig mobi­li­sierten 3.000 Polizist:innen zeigt ein­drucksvoll, was bei einem ent­spre­chenden poli­ti­schen Willen alles möglich ist.53 Daher muss die für einen demo­kra­ti­schen Rechtsstaat unge­heu­er­liche These endlich scho­nungslos unter­sucht werden: „Rostock-Lichtenhagen sollte als Fanal fun­gieren. Geplant war eine kon­trol­lierte Eskalation des Volkszorns mit dem Ziel, die SPD zum Einlenken in der Asylfrage zu zwingen“.54

    Roma-Familien retten sich aus der ZAST.
    Eingeschlossene Vietnames:innen befreien sich.

    5) Unzureichende Aufarbeitungen: politisch, juristisch, wissenschaftlich, kulturell und erinnerungspolitisch

    Nicht nur die Vorgeschichte und der kon­krete Tatablauf des Pogroms, sondern auch die Aufarbeitung weist ein­zig­artige insti­tu­tio­nelle Versäumnisse auf. Auf poli­ti­scher Ebene sind die Ergebnisse der Untersuchungsausschüsse des Schweriner Landtag und der Stadt Rostock unge­wöhnlich dürftig, da es offen­sichtlich an Aufklärungsinteresse man­gelte und die par­la­men­ta­rische Arbeit im Parteienstreit endete:55 „Bis heute gibt es keinen der dafür die Verantwortung über­nommen hätte. Kein Politiker, egal mit wem ich sprach, alle, wirklich alle, duckten sich in dem Moment weg56 […] Beide Untersuchungsausschüsse sind zu dem Ergebnis gekommen, dass man das [gemeint ist die poli­tische Verantwortung] so nicht mehr nach­voll­ziehen kann.“57 Innenminister Lothar Kupfer bestritt jede Verantwortung und wurde erst Februar 1993 ent­lassen. Rostocks Oberbürgermeister Kilimann trat Dezember 1993 ohne Schuldeingeständnis und unter Protest zurück. Auch unter den poli­zei­lichen Führungskräften übernahm niemand die Verantwortung. Stattdessen herrschten undurch­sichtige Schuldzuweisungen und wech­sel­sei­tiger Kompetenzstreit: Die ver­schie­denen Polizeibehörden auf Landes- und Kommunalebenen schoben sich gegen­seitig die Verantwortung für das öffent­liche Debakel zu und warfen ein­ander Inkompetenz und sogar absicht­liches Fehlverhalten vor,58 was die These eines tole­rierten Pogroms nährte.

    „Die Rollen von Polizeichef Siegfried Kordus, der auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen nach Hause fuhr und am Montag Verstärkung durch BGS-Einheiten ablehnte, von Landespolizeichef Hans-Heinrich Hansen, der keine Verstärkung nach Rostock schickte, oder Bundesinnenminister Rudolf Seiters, der in Rostock ver­trau­liche Gespräche mit dem Ministerpräsidenten Seite, Innenminister Kupfer und Kordus führte, sind jedoch nicht hin­rei­chend auf­ge­hellt worden.“59

    Noch nicht merk­würdig genug: Der besonders gescholtene Rostocker Polizeidirektor Kordus wurde bereits eine Woche nach dem Pogrom zum Direktor des Landeskriminalamts befördert. Es wirkte wie eine Belohnung für treue Dienste und untergrub die Ernsthaftigkeit der lau­fenden Untersuchungen zum poli­zei­lichen Versagen. Kordus wurde zwei Jahre später trotz glaub­hafter Korruptionsvorwürfe und Berichte über mafiöse Beziehungen nicht ange­klagt, sondern nur in den vor­zei­tigen Ruhestand geschickt – dies ist umso erstaun­licher, da in den letzten 14 Monaten vor Kordus Aufdeckung vier Ermordungen im umkämpften Rostocker Rotlichtmillieu statt­fanden.60 Auch zwei andere Spitzenbeamte, die 1992 beim Pogrom in füh­renden Polizeipositionen waren, wurden durch einen Whistleblower in anderen Fällen des Amtsmissbrauchs beschuldigt.61 Auch der über­for­derte und von seinen Vorgesetzten im Stich gelassene Polizeieinsatzleiter Deckert wurde trotz mas­siver Fehler62 aus­ge­rechnet als Dozent an die Polizeifachhochschule Güstrow ver­setzt. Die Ermittlungsverfahren gegen Kordus und Deckert wurden 1994 und 2000 ohne Konsequenzen ein­ge­stellt, wobei Deckert einigen als „Bauernopfer“ galt.

    Auch die anderen juris­ti­schen Aufarbeitungsversuche waren von Desinteresse, unpro­fes­sio­neller Arbeitsweise und Erfolgslosigkeit geprägt. Während des Pogroms wurden nur 370 vor­läufige Festnahmen vor­ge­nommen sowie 408 Ermittlungsverfahren ein­ge­leitet – nicht zuletzt gegen linke Gegendemonstrierende. In den meisten Fällen war eine straf­recht­liche Verfolgung kaum möglich, da nur wenige qua­li­fi­zierte, d.h. beweis­si­chernde Festnahmen erfolgten.63 Im Ergebnis wurde ein Großteil der 215 gerichtlich ein­ge­lei­teten Verfahren gegen 257 Personen ein­ge­stellt. Am Ende wurden nur 44 Urteile aus­ge­sprochen, dar­unter auch Urteile gegen Linke auf Solidaritätsdemonstrationen: Nur ein Fall bezog sich auf den direkten Angriff auf das Sonnenblumenhaus. Zumeist wurden relativ gering­fügige Geld- und Bewährungsstrafen wegen Landfriedensbruchs und Propagandadelikten aus­ge­sprochen. Von elf ursprünglich ver­hängten Arreststrafen zwi­schen sieben Monaten und drei Jahren wurden sieben zur Bewährung aus­ge­setzt. Nur vier Straftäter mussten zwi­schen zwei und drei Jahren tat­sächlich in den Jugendarrest. Insgesamt wird die juris­tische Aufarbeitung als skan­dalös bewertet: Die zum Teil sehr lang­samen Verfahren mün­deten bes­ten­falls in formale Blitzprozesse ohne sach­liche Aufarbeitung mit sehr milden Urteilen, da Richter:innen und Staatsanwälte wenig Engagement und Interesse zeigten. Ein Richter wurde auf­grund der gro­tesken Amtsführung, die auch zur Verjährung einer Anklage führte, wegen Rechtsbeugung und Strafvereitelung im Amt ange­zeigt. Selbst in Fällen, wo aus­rei­chend Beweise vor­lagen, wurden nur Bewährungsstrafen für vor­be­strafte rechts­extreme Gewalttäter ver­hängt – trotz Verurteilung wegen ver­suchten Mordes. Das letzte nach elf Jahren abge­schlossene Verfahren gilt auf­grund der absurd langen Prozessverschleppung als eines der „größten Justizskandale der Nachkriegszeit“.64

    Die große Diskrepanz zwi­schen der objektiv erkenn­baren gesell­schafts­po­li­ti­schen Bedeutung des Pogroms und der nach­läs­sigen insti­tu­tio­nellen Aufarbeitung trifft auch im wis­sen­schaft­lichen Bereich zu. Bis heute ist kein großes Forschungsinteresse am Pogrom von Lichtenhagen fest­stellbar. Das spiegelt sich auch im bis­he­rigen Bestand der Literatur zum Thema wider: Bisher sind weniger als eine Handvoll Monographien und Anthologien erschienen, die sich zentral mit den Angriffen von Rostock-Lichtenhagen aus­ein­an­der­setzen. Der kon­junk­tu­rellen Aufmerksamkeitsökonomie folgend sind bisher alle zehn Jahre Jubiläumsbänder zum Thema erschienen. Den Anfang machte das DISS mit seinem dis­kurs­ana­ly­ti­schen Ansatz in „SchlagZeilen. Rostock: Rassismus in den Medien“ (1992), der die Ereignisse medi­en­wis­sen­schaftlich zeitnah ein­ordnete. Dann folgte 2002 die jour­na­lis­tische Aufarbeitung von Jochen Schmidt, der als ZDF-Praktikant und Zeitzeuge im Sonnenblumenhaus das Pogrom hautnah erlebte. Obwohl das Buch von den bis­he­rigen Publikationen zum Thema die größte öffent­liche Aufmerksamkeit erfuhr, löste die titel­ge­bende These von der „Politische[n] Brandstiftung“65 trotz der guten jour­na­lis­ti­schen Vernetzung des Autors weder einen medialen Wirbelsturm noch ein poli­ti­sches Erdbeben aus. Die These wurde in der Berichterstattung rela­ti­viert und der the­ma­tische Fokus ver­schoben. Dieses Desinteresse deutet Schmidt als „Totschweigen“66. Die Angst vor Kontroll- und Glaubwürdigkeitsverlust macht diese Frage anscheinend auch noch nach Jahrzehnten höchst explosiv. Zum 20. Jahrestag erschien dann ein kleiner, nur aus drei lesens­werten Beiträgen bestehender Sammelband, den Thomas Prenzel als wis­sen­schaft­licher Mitarbeiter am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Rostock her­ausgab und wesentlich miter­ar­beitete. Dieser Rhythmus wird 2023 mit dem von Gudrun Heinrich, David Jünger, Oliver Plessow und Cornelia Sylla edi­tierten Sammelband „Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992“ leicht ver­spätet fort­ge­setzt. Das Buch doku­men­tiert und fasst die Ergebnisse der Vorlesungsreihe an der Universität Rostock zum 30. Jahrestag des Pogroms zusammen. Wie 2012 kam dieses Projekt aber nicht durch ein insti­tu­tionell geplantes Programm der Universität, sondern durch Eigeninitiativen von Universitätsangehörigen zustande, die alle in unter­schied­lichen Fachbereichen arbeiten und sich Frühjahr 2022 zufällig bei einem Workshop trafen.

    Zweifellos ist die Anzahl von wis­sen­schaft­lichen Aufsätzen und Bezugnahmen höher, ebenso die zahl­reichen jour­na­lis­ti­schen Erzeugnisse, die zu den Jahrestagen regel­mäßig einen Boom erfahren. All das kann aber nicht über die wis­sen­schaft­liche Marginalisierung und das letztlich unzu­rei­chende Interesse an einer kon­ti­nu­ier­lichen Aufarbeitung und ver­tieften Erforschung hin­weg­täu­schen. Die Ursachen dafür sind unklar: Wenn wir die Aufarbeitung des NSU-Komplexes zum Vergleich her­an­ziehen,67 kann die These auf­ge­stellt werden, dass die staats­po­li­tische Brisanz des Falls der wis­sen­schaft­lichen und jour­na­lis­ti­schen Aufarbeitung hier nicht im Wege steht – eher kann das Gegenteil behauptet werden. In den letzten Jahren ist ein ver­stärktes Interesse zu ver­zeichnen: Darunter zählt etwa das Forschungsprojekt „Doing Memory“ von Tanja Thomas, Fabian Virchow und Matthias Lorenz sowie Rostocker Initiativen mit Lokalforschenden wie etwa Gudrun Heinrich und das Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“. Vereinzelt exis­tieren auch Bachelor- und Masterarbeiten von inter­es­sierten Studierenden sowie einige Dissertationsprojekte.

    Auf der Ebene der kul­tu­rellen Verarbeitung fällt eben­falls im Vergleich zur Themensetzung des NSU-Komplexes etwa im Bereich „Theater“ ein deut­licher Unterschied auf,68 obwohl beide Themen mit­ein­ander ver­bunden sind und trotz wich­tiger Unterschiede in ihrer gesell­schaft­lichen und zeit­his­to­ri­schen Bedeutung ver­gleichbar erscheinen. Zum Thema Rostock-Lichtenhagen sind bisher lediglich drei Stücke in kleinen Theaterproduktionen ent­standen: Davon nimmt nur das Stück „Sonnenblumenhaus“ (2014) von Dan Thy Nguyen und Iraklis Panagiotopoulos die Perspektive der ange­grif­fenen viet­na­me­si­schen Community ein.69 Die beiden Stücke „Kein schöner Land“ (2000) der freien Gruppe „Neue Tendenz Theater“ aus NRW und „Bis zum Anschlag“ (2011) von Christof Lange vom Freien Theater Jugend Rostock fokus­sieren sich dagegen auf Weiße Täter.70 Diese Perspektive nimmt auch der bisher einzige Spielfilm zum Thema ein. In Burhan Qurbanis Kinostreifen „Wir sind jung. Wir sind stark“ (2015) stehen erneut eine Weiße Jugendgruppe und die Tätersicht im Zentrum.71 Im Unterschied dazu sind die Dokumentarfilme weniger bekannt, aber the­ma­tisch diverser auf­ge­stellt, da im Laufe der Zeit neue Fragen etwa zur Integrations- und Erinnerungsarbeit dazu kamen. Neben der „Kennzeichen D“-Reportage des ZDF-Teams ist ins­be­sondere der bri­tische Dokumentarfilm „The Truth Lies in Rostock“ (1993) von Mark Saunders und Siobhan Cleary, die bei ihrer Arbeit von der linken Rostocker Initiative JAKO videocoop unter­stützt wurden, als zeit­his­to­ri­sches Dokument und als Archivmaterial von beson­derer Bedeutung. In Interviews mit Roma-Geflüchteten und viet­na­me­si­schen Arbeiter:innen ent­standen Bilder und Narrative, die den Angegriffenen bis heute eine Stimme geben und ihre Sicht der Geschichte ansatz­weise reprä­sen­tieren. Anlässlich des 30. Jahrestags ent­stand in der Reihe „Die Narbe“ die bisher letzte Fernsehproduktion „Der Anschlag in Rostock-Lichtenhagen“ (NDR 2022). Trotz des Postulats Rassismus zu benennen und Betroffenenperspektiven Raum ein­zu­räumen, gelingt das nicht wirklich. So wurde Mai-Phuong Kollaths Plädoyer die ras­sis­tische Gewalt im August 1992 als „Pogrom“ zu bezeichnen aus der doku­men­tierten Diskussion raus­ge­schnitten und statt­dessen am Begriff „Krawalle“ fest­ge­halten.72

    Auch die Stadt Rostock tut sich schwer, diesen Themen und Herausforderungen gerecht zu werden. Zwar wurde von zivil­ge­sell­schaft­licher Seite etwa die Ausstellung „Von Menschen, Ansichten und Gesetzen. Rostock-Lichtenhagen – 10 Jahre danach“ (Bund statt Braun, 2002) erar­beitet. Im Laufe der Jahre fanden auch unzählige Veranstaltungen und unter­schied­lichste Projekte statt. Trotzdem kann gesagt werden, dass bis 2017 die offi­zielle wie zivil­ge­sell­schaft­liche Erinnerungspolitik lediglich ereig­nis­be­zogen, kurz­fristig und tem­porär, z.T. auch ver­klärend und instru­mentell war. Statt die insti­tu­tio­nelle Verantwortung staat­licher Akteure und den all­ge­gen­wär­tigen Rassismus im Alltag bis hin zum behörd­lichen Handeln auf­zu­ar­beiten und in der Bildungsarbeit wei­ter­zu­ver­mitteln, wurde nicht selten der Fokus auf mul­ti­kul­tu­relle Feste, Versöhnung und Integration gelegt73, um unan­ge­nehme und kon­flikt­trächtige Themen zu ver­meiden. Diese Kritik lässt sich auch an einem städ­ti­schen Vorzeigeprojekt zur erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Aufarbeitung des Pogroms verdeutlichen.

    Mahnmale der Künstlergruppe „Schaum“ im Rostocker Stadtraum (Foto: privat)

    In Reaktion auf fort­lau­fende Kritik und Forderungen nach Schaffung von Lern- und Erinnerungsorten in öffent­lichen Raum74 lud die Stadt Juli 2016 zehn Künstler:innen und Projekte zu einem Wettbewerb mit einem Gesamtetat von lediglich 105.000 Euro ein.75

    Die Entscheidung der Rostocker Jury fiel zugunsten der lokalen Künstlergruppe SCHAUM aus, deren Entwurf als Nachrücker ein­ge­bracht wurde. Ihr dezen­trales Konzept „Gestern Heute Morgen“ geht von dem zen­tralen Arbeitsmotto aus: „Die Kunstwerke wollen keine Antworten oder Schuldzuweisungen geben.“76

    Was aber bedeutet das? Aus meiner Sicht stellt dieses Denkmal eine ver­passte Chance dar. Denn die dezen­trale Aufstellung u.a. vor dem Rathaus, dem Redaktionsgebäude der Ostsee-Zeitung und dem Polizeipräsidium ist eigentlich her­vor­ragend geeignet, die Rolle und Verantwortung dieser Institutionen beim Pogrom ganz konkret mit künst­le­ri­schen Mitteln und bil­dungs­po­li­ti­scher Aufarbeitung offen zum Thema zu machen. Stattdessen wurden zum 25. Jahrestag Installationen auf­ge­stellt, die nicht nur sehr unauf­fällig und leicht zu über­sehen sind; ihre abs­trakten Symbole und uni­ver­selle Gesten lenken auch davon ab, sich tat­sächlich mit dem ras­sis­ti­schen Pogrom im lokalen Kontext aus­ein­an­der­zu­setzen. Da diese Skulpturen so unver­ständlich sind, ent­steht immer wieder die absurde Situation, dass Besucher:innen diese Gebilde nicht als Erinnerungsorte erkennen und weiter danach suchen, obwohl sie direkt davor stehen.77 Aufgrund ihrer mini­ma­lis­ti­schen und kos­ten­güns­tigen Gestaltung, die mit einer Grundfläche von meist nur 0,18 qm auch kaum Raum bean­sprucht, wirken dieser Mahnmale wie eine formale Pflichtaufgabe, die im Alltag mög­lichst wenig stören soll und zumindest der Dominanzgesellschaft keine schmerz­haften Erinnerungen oder Lernprozesse zumuten will. In diese Logik passt auch die Benennung der Installation vor dem Sonnenblumenhaus als „Selbstjustiz“, die mit diesem Titel das frag­würdige Risiko der Legitimierung ras­sis­ti­scher Gewalt eingeht.

    Auch bei diesem erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Projekt offen­barte sich erneut ein alt­be­kanntes Strukturproblem: Das Übergehen und die Unsichtbarmachung von Betroffenenperspektiven. Erst im Nachhinein wurde der Stadt bewusst, dass ver­gessen wurde, die Opfer des Pogroms ein­zu­be­ziehen. Daher wurde die sechste Skulptur „Empathie“ von einer NGO finan­ziert und 2018 den betrof­fenen Opfern nach­träglich gewidmet. Obwohl mit Romani Rose sowie dem Vorsitzenden des Migrantenrat Rostock Selbstrepräsentation ermög­licht wurde, standen bei beiden Einweihungen bedau­er­li­cher­weise keine Sprecher:innen der viet­na­me­si­schen Community auf dem Programm. Auch die moder­ni­sierte Erinnerungspolitik ist mit Marginalisierung und Unsichtbarmachung ver­strickt. So lange Arbeits- und Entscheidungsprozesse ohne gleich­be­rech­tigte Mitwirkung aller betrof­fenen Communities statt­finden und ent­spre­chende (auch mate­rielle) Voraussetzungen dafür geschaffen werden, werden zwangs­läufig insti­tu­tio­na­li­sierte Ausschlüsse reproduziert. 

    Abschlussrede „Entschädigung und Rückkehrrecht für die Betroffenen des Pogroms“ von Kien Nghi Ha | Bundesweite Demo„Damals wie heute: Erinnern heißt ver­ändern“ in Rostock-Lichtenhagen, 27.08.2022

    So verhält es sich auch mit der offi­zi­ellen Entschuldigung der Stadt durch Oberbürgermeister Pöker, die schon 2002 aus­ge­sprochen wurde. Aber so lange keine Entschädigungsleistungen und ein Rückkehrrecht für die damals abge­scho­benen Opfer des Pogroms ange­boten werden, beschränkt sich die „Wiedergutmachung“ auf ein sym­bol­po­li­ti­sches Zeichen.

    Zusammenfassend lässt sich fest­stellen, dass anti-Asiatischer Rassismus nicht nur in Rostock, sondern all­gemein in Deutschland bisher his­to­risch ver­kannt, ver­drängt und in allen Bereichen stark unsichtbar gemacht wurde. Ob diese gra­vie­renden Defizite in den nächsten Jahren ein Stück weit abgebaut werden können, ist mit Skepsis zu betrachten, solange der poli­tische Wille in den Institutionen und bei ent­schei­denden Gatekeepern fehlt. Obwohl Deutschland nicht nur post­mi­gran­ti­scher, sondern auf­grund zuneh­mender Migrationsprozesse aus dieser Weltregion auch Asiatisch-diasporischer wird, ist die struk­tu­relle Sensibilität für diese Thematik in der deut­schen Gesellschaft nach wie vor nur gering aus­ge­prägt. Das zeigen nicht zuletzt die Koalitionsvereinbarungen der aktu­ellen Bundesregierung vom Dezember 2021: Trotz Aktualität und Vielzahl der doku­men­tierten Corona-Rassismusfälle gegen Asiatisch Aussehende in Deutschland wird das Thema „anti-Asiatischer Rassismus“ im Unterschied zu anderen Rassismusformen dort nicht einmal erwähnt. Folglich werden die Institutionen des Bundes keine spe­zi­fi­schen Maßnahmenpakete gegen anti-Asiatischen Rassismus kon­zi­pieren oder das Thema sys­te­ma­tisch berück­sich­tigen, da dieses Problem dort nicht explizit aner­kannt ist. Das ist insoweit kon­se­quent, da auch im bis­he­rigen „Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus“ (Bundesministerium des Innern 2017) anti-Asiatischer Rassismus kein Thema ist. Asiatische Deutsche, Asiatisch-diasporische und Asiatische Menschen sind in Deutschland im Unterschied zu anderen Betroffenengruppen immer noch nicht aus­drücklich als vul­nerable und schutz­würdige Gruppe aner­kannt. Das bedeutet, dass aus dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen auch heute noch nicht die rich­tigen Lehren gezogen wurden.

    Kien Nghi Ha ist pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler und leitet den Arbeitsbereich Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen.. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Bremen, Heidelberg und Bayreuth geforscht und wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien aus­ge­zeichnet. Neben zahl­reichen Publikationen zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus, Migration und Asian Diaspora Studies ist zuletzt der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A, 2021) als erwei­terte Neuauflage erschienen. Aktuell edi­tiert er die Anthologie Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A, 2023) und schreibt am Essay Boat People – Vom schutz­wür­digen Flüchtling zur Zielscheibe des Anti-Asiatischen Rassismus für den Ausstellungskatalog „Alfredo Jaar – The Kindness of Strangers“ (2024) des Museums der Moderne Salzburg und den Kunstsammlungen Chemnitz.
    Im Erscheinen: Verwobene Geschichten in Hito Steyerls „Die leere Mitte“ (1998) aus Asiatisch-deutscher Perspektive. In: Ömer Alkin/Alena Strohmaier (Hg.): Rassismus und Film. Marburg: Schüren Verlag, 2023. Zur kolo­nialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und anti­ras­sis­tische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: tran­script 2023.

    Fußnoten

    1Um die geo­gra­phische Bezeichnung „asia­tisch“ von kul­tu­rellen Fremd- wie Selbstkonstruktionen zu unter­scheiden, schlage ich – im Unterschied zur medialen Verwendung und in Anlehnung an die inzwi­schen im anglo­phonen Raum insti­tu­tionell eta­blierte Schreibweise von Asian, Black, Brown und auch White – die Großschreibung von „Asiatisch“ vor, um eine Differenzierung zu ermöglichen.

    2Vgl. Kien Nghi Ha: Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“. Bielefeld: tran­script 2010, S. 259–277.

    3Vgl. zum anti­ko­lo­nialen Aufstand des „Verbands für Gerechtigkeit und Harmonie“ (義和團) Mechthild Leutner / Klaus Mühlhahn (Hrsg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900–1901. Berlin: Links 2007.

    4Dieser Effekt ließ sich in der Corona-Pandemie sowohl in den USA als auch in der BRD gut erkennen als ursprünglich anti-chinesische Ressentiments auch auf andere dia­spo­rische Gruppen mit Ost- und Südostasienbezügen aus­ge­dehnt wurden. Die Betroffenen wurden ange­griffen und vielfach grenz­über­schreitend in Kollektivhaftung genommen, so dass Asiatisch-Sein in diesen Fällen zwangs­weise durch anti-Asiatischen Rassismus fremd defi­niert wurde. Vgl. Kien Nghi Ha: Zur trans­na­tio­nalen Kolonialität des anti-Asiatischen Rassismus: Yellow Peril und anti-chinesische Migrationspolitik im pazi­fi­schen Raum. In: Mechthild Leutner / Pan Lu / Kimiko Suda (Hrsg.): Antichinesischer und anti-asiatischer Rassismus. Historische und gegen­wärtige Diskurse, Erscheinungsformen und Gegenpositionen. Münster: LIT-Verlag 2022, S. 38–58, hier S. 54–56.

    5Vgl. etwa die Karikaturen des deutsch-amerikanischen Zeichners Lyonel Feininger, der zur Jahrhundertwende die deutsche Kolonialpolitik in Afrika und China mit ras­sis­ti­schen Bildern kom­men­tierte. Siehe Mechthild Leutner: Rassismus und deut­scher Kolonialismus in China. Legitimation Weißer Herrschaft und das Feindbild von der „Gelben Gefahr“. In: Dies. / Pan Lu / Kimiko Suda (Hrsg.): Antichinesischer und anti-asiatischer Rassismus. Historische und gegen­wärtige Diskurse, Erscheinungsformen und Gegenpositionen. Münster: LIT-Verlag 2022, S. 11–37, hier S. 28–33.

    6Vgl. Kien Nghi Ha: Zur kolo­nialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus. Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hrsg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und anti­ras­sis­tische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: tran­script 2023, im Erscheinen.

    7Vgl. Walter Demel: How the ‚Mongoloid Race‘ Came into Being: Late Eighteenth-Century Constructions of East Asians in Europe, In: Rotem Kowner / Ders. (Hrsg.): Race and Racism in Modern East Asia Western and Eastern Constructions, Leiden: Brill 2013, S. 59–85; Rotem Kowner: Between Contempt and Fear: Western Racial Constructions of East Asians since 1800. In: Ebd., S. 87–125.

    8Ich habe den Begriff der „Entinnerung“ in Abgrenzung zum pas­siven und unbe­wussten Vergessen als einen aktiven kultur- und erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Prozess defi­niert, der die zu dieser Zeit gesell­schaftlich domi­nanten Werte und Interessen arti­ku­liert. Vgl. Kien Nghi Ha: Macht(t)raum(a) Berlin – Deutschland als Kolonialgesellschaft. In: Maisha Eggers/Grada Kilomba/Peggy Piesche/Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast 2005, S. 105–117, hier S. 105.

    9Der freie Lokaljournalist Frank Keil ent­deckte bei seinen Recherchen zu Süleyman Taşköprü, dem Hamburger Mordopfer des NSU, zufällig diese ihm unbe­kannte Geschichte wieder. Vgl. Frank Keil: Der blanke Hass. In: Die Zeit, 23.02.2012.

    10Vgl. Kien Nghi Ha: Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân († Hamburg 1980): Keine Zweiklassengesellschaft in der Kultur- und Erinnerungspolitik!. In: Ders. (Hrsg.): Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin / Hamburg: Assoziation A 2021, S. 140–149, hier S. 143–144 und Kien Nghi Ha: Die Ankunft der viet­na­me­si­schen Boat People. In: Webmap Hamburg Global, Eine Welt Netzwerk Hamburg e.V. 16.04.2014. https://www.hamburg-global.de/v1.0/placemarks/100 (Zugriff am 21.07.2023).

    11Vgl. Matthias Möller: „Ein recht direktes Völkchen“? Mannheim-Schönau und die Darstellung kol­lek­tiver Gewalt gegen Flüchtlinge. Frankfurt am Main: Trotzdem 2007.

    12So wurde die unmit­telbar nach den Angriffen auf das Sonnenblumenhaus und die Zentrale Aufnahmestelle orga­ni­sierte bun­des­weite Demonstration am 29. August 1992 in Rostock unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ durchgeführt.

    13So ist im Abschlussbericht des 2. Untersuchungsausschusses des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern ver­meintlich neutral von „Ereignissen“ (12 Erwähnungen) die Rede, wobei dieser wert­freie Begriff nicht in der Lage ist die tat­säch­liche Gewalt auch nur annä­hernd zu benennen und daher beschö­nigend wirkt. Im Bericht werden abwechseln auch die Begriffe „Krawalle“ (13), „Auseinandersetzungen“ (5), „Ausschreitungen“ (5), „Randale“ (2), Protest (1) und „Demonstration“ (1) ver­wandt. Dagegen tauchen auf den 51 Seiten des Berichts an keiner Stelle die Begriffe „Pogrom“ und „Rassismus“ bzw. „ras­sis­tisch“ auf. Vgl. Drucksache 13771, 04.11.1993.

    14Vgl. Kien Nghi Ha: Rostock-Lichtenhagen – Die Rückkehr des Verdrängten. In: Ders. (Hrsg.): Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin / Hamburg: Assoziation A 2021, S. 150–166. Erstveröffentlichung: Heinrich Böll Stiftung, September 2012. https://heimatkunde.boell.de/de/2012/09/01/rostock-lichtenhagen-die-rueckkehr-des-verdraengten (Zugriff am 20.02.2023).

    15So haben die Sicherheitsbehörden mit ihren mehr­heitlich bio­deut­schen Mitarbeiter:innen das ras­sis­tische Motiv nicht erkannt und die Opfer ver­dächtigt. Trotz feh­lender Indizien rechnete die „Soko Bosporus“ über Jahre hinweg die „Dönermorde“ auf­grund eigener Vorurteile unbeirrt der „Türken-Mafia“ zu, die Schutzgelder und Wettschulden erpressen wolle oder aus Rache „Ehrenmorde“ beginge. Vgl. Hajo Funke: Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung. Münster / Berlin: Kontur 2015, S. 308–342; Juliane Karakayali/Çagri Kahveci/Doris Liebscher/Carl Melchers (Hrsg.): Den NSU-Komplex ana­ly­sieren. Aktuelle Perspektiven aus der Wissenschaft. Bielefeld: tran­script 2017; Tanjev Schultz: NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. München: Droemer 2018.

    16So wurde in der Pressemitteilung „30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen: ‚Gedenken – Aufklären – Gestalten‘“ vom 22.08.2022 zur zen­tralen Gedenkveranstaltung mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ein­ge­laden. Siehe https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/30_jahre_pogrom_von_rostock_lichtenhagen_gedenken_aufklaeren_gestalten/329398 (Zugriff am 20.02.2023).

    17Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag: Pogrome. Definition und Fallbeispiele. Aktenzeichen WD 1 – 3000 – 02322, 29.07.2022. hier S. 8–9. https://www.bundestag.de/resource/blob/908734/5dea5b3a56c9f5afab0f73bf9e20b7b6/WD‑1–023-22-pdf-data.pdf (Zugriff am 16.07.2023).

    18Ebd. S. 14–15.

    19Ebd. S. 8–10. Bereits die Publikation des Gutachtens drei Wochen vor dem 30. Jahrestags des Pogroms kann als deut­liches gesell­schafts­po­li­ti­sches Statement gelesen werden.

    20Vgl. Thomas Prenzel: Rostock-Lichtenhagen und die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. In: Ders. (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen der ras­sis­ti­schen Gewalt. Universität Rostock. Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften 2012, S. 9–29, hier S. 10. https://doi.org/10.18453/rosdok_id00003587 (Open Access)

    21William Macpherson: The Stephen Lawrence Inquiry. Presented to Parliament by the Secretary of State for the Home Department by Command of Her Majesty. London: 1999, hier Punkt 6.34.

    22Fernsehansprache anlässlich des Inkrafttretens der Währungs‑, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990.

    23Hajo Funke: Brandstifter. Deutschland zwi­schen Demokratie und völ­ki­schem Nationalismus. Göttingen: Lamuv 1993, S. 50–66; 106–108.

    24Bundeszentrale für poli­tische Bildung: Arbeitslose und Arbeitslosenquote. In abso­luten Zahlen und in Prozent aller zivilen Erwerbspersonen, 1980 bis 2013, 2014, hier S. 6. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/01%20Arbeitslose%20und%20Arbeitslosenquote_0.pdf (Zugriff am 25.02.2023).

    25Johann Gerdes, Annett Jackisch, Christoph Schützler: Lagebericht zur sozialen Situation in der Hansestadt Rostock. Universität Rostock: 2005, S. 32. DER SPIEGEL gibt ohne Zeitbezug die Arbeitslosenquote in Rostock mit 13 % und im Stadtteil Lichtenhagen mit 17 % an. Vgl. DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, Nr. 361992. 30.08.1992. https://www.spiegel.de/politik/ernstes-zeichen-an-der-wand-a-eb1b8609-0002–0001-0000–000013689982 (Zugriff am 25.02.2023).

    26Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Bonn: bpb 2003, S. 299.

    27Nur ein Beispiel von vielen, um den unver­hoh­lenen Rassismus im dama­ligen poli­ti­schen Diskurs der demo­kra­ti­schen Volksparteien zu illus­trieren: „Es kann nicht sein, dass ein Teil der Ausländer bet­telnd, betrügend, ja auch mes­ser­ste­chend durch die Straßen ziehen, fest­ge­nommen werden und nur, weil sie das Wort ‚Asyl‘ rufen, dem Steuerzahler auf der Tasche liegen.“ (Klaus Landowsky, CDU-Fraktionsvorsitzender in Berlin, In: Stern, Nr. 43 vom 17.10.1991).

    28Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 263–273; 296–322.

    29Die Eskalationsspirale gegen­sei­tiger rhe­to­ri­scher Übertrumpfungen führte zu einer ent­hemmten Debatte, die ein sehr breites poli­ti­sches Spektrum umfasste. Wie ent­fesselt der poli­tische Extremismus der Mitte war, zeigte etwa Friedhelm Farthmann, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion in NRW und spä­terer Ehrenvorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz des Malteserordens. Er schlug vor „Asylanten“ auf diesem Weg abzu­schieben: „Kurzen Prozess, an Kopf und Kragen packen und raus damit!“ (17.03.1992) Später blies Gerhard Schröder als SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen im Landeswahlkampf ins gleiche Horn. Im Interview mit BILD am Sonntag for­derte er „Wer unser Gastrecht miss­braucht, für den gibt es nur eins: raus und zwar schnell?“ (20.07.1997). Trotz oder gerade wegen solcher Aussagen wurde er SPD-Vorsitzender und Bundeskanzler (1998–2005).

    30In Berlin erzielten die „Republikaner“ 7,5 % (1989) und in Baden-Württemberg sogar 10,9 % (1992). Die rechts­extreme Deutsche Volksunion (DVU) kam in Bremen auf 6,2 % (1991), in Schleswig-Holstein auf 6,3 % (1992) und erreichte in Sachsen-Anhalt mit 12,9 % (1998) ihr bestes Wahlergebnis.

    31Vgl. Prenzel: Rostock-Lichtenhagen und die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, S. 13–15.

    32Vgl. Jochen Schmidt: Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging. Berlin: Edition Ost 2002, S. 154–196.

    33Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 303.

    34Vgl. Margaret Jäger: BrandSätze und SchlagZeilen. Rassismus in den Medien. In: Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Entstehung von Fremdenfeindlichkeit. Die Verantwortung von Politik und Medien. Bonn: 1993, S. 73–92.

    35Vgl. Jesus Manuel Delgado: Die „Gastarbeiter“ in der Presse. Eine inhalts­ana­ly­tische Studie. Opladen: Leske 1972. Siehe auch diese medi­en­wis­sen­schaft­liche Metastudie, die die Ergebnisse von zwölf empi­ri­schen Untersuchungen lokaler und über­re­gio­naler Zeitungen aus den Jahren 1972 bis 2000 zusam­men­fasst: Daniel Müller: Die Darstellung eth­ni­scher Minderheiten in deut­schen Massenmedien. In: Rainer Geißler / Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration eth­ni­scher Minderheiten in Deutschland. Bielefeld: tran­script 2015. S. 83–126.

    36Vgl. Christine Horz: Fluchtmigration in den Medien. Stereotypisierungen, Medienanalyse und Effekte der ras­si­fi­zierten Medienberichterstattung. In: Meltem Kulaçatan / Harry Harun Behr (Hrsg.): Migration, Religion, Gender und Bildung: Beiträge zu einem erwei­terten Verständnis von Intersektionalität. Bielefeld: tran­script 2020, S. 175–210; Marcus Maurer et al.: Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration. Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Institut für Publizistik 2021. https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2021/07/Medienanalyse_Flucht_Migration.pdf (20.02.2023).

    37Vgl. Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 303.

    38Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung: Schlagzeilen. Rostock: Rassismus in den Medien, Duisburg: DISS 1993, zweite durchges. Aufl.

    39Vgl. Cord Pagenstecher: „Das Boot ist voll“. Schreckensvision des ver­einten Deutschland. In: Gerhard Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder, Band II: 1949 bis heute. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S. 606–613.

    40Heutzutage wird der Begriff „Geflüchtete“ bevorzugt, da die Bezeichnung „Flüchtling“ ver­nied­li­chend und die Endung ‑ling häufig mit negativ asso­zi­ierten Wörtern wie Fiesling besetzt sei. Trotzdem ist daran zu erinnern, dass nur der letzt­ge­nannte Begriff laut Genfer Flüchtlingskonvention inter­na­tional aner­kannt ist und einen gesetz­lichen Schutzstatus dar­stellt. Vgl. Andrea Kothen: Sagt man jetzt Flüchtlinge oder Geflüchtete?, In: Pro Asyl, 01.06.2016. https://www.proasyl.de/hintergrund/sagt-man-jetzt-fluechtlinge-oder-gefluechtete/ (Zugriff am 01.07.2023).

    41Vgl. Jäger: BrandSätze und SchlagZeilen, S. 73–92.

    42Vgl. Prenzel: Rostock-Lichtenhagen, S. 13–17.

    43Roman Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen: Aufarbeitung und Perspektiven des Gedenkens. In: Thomas Prenzel (Hrsg.): 20 Jahre Rostock-Lichtenhagen. Universität Rostock. Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften 2012, S. 31–52, hier S. 34.

    44Helmut Kellershohn: „Der Feind steht links!“. In: Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung: Schlagzeilen, S. 55–71.

    45Vgl. Toralf Staud: Straf- und Gewalttaten von rechts: Was sagen die offi­zi­ellen Statistiken?, In: Bundeszentrale für poli­tische Bildung, 13.11.2018. https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/264178/straf-und-gewalttaten-von-rechts-was-sagen-die-offiziellen-statistiken/ (Zugriff am 25.02.2023).

    46DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, o. S.

    47In jün­gerer Zeit wird unter dem Hashtag #base­ball­schlä­ger­jahre an dieser Zeit erinnert. Vgl. Christian Bangel: #base­ball­schlä­ger­jahre. Ein Hashtag und seine Geschichten. In: APuZ, Nr. 49–50/2022, S. 4–9 und Fabian Virchow: Rechte Gewalt in Deutschland nach 1945. Eine Einordnung der 1990er Jahre. In: ebd., S.10–14.

    48Vgl. Schmidt, Politische Brandstiftung, S. 54–68; Prenzel: Rostock-Lichtenhagen, S. 16–17.

    49Vgl. taz: Brief des Oberbürgermeisters belegt. Rostocker Warnung ein Jahr igno­riert. In: taz, 5.9.1992, S. 1.

    50DER SPIEGEL: „Ernstes Zeichen an der Wand“, o. S.

    51Vgl. Otto Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock – Versuch einer ana­ly­ti­schen Würdigung. In: CILIP, Nr. 44, 22.02.1993. https://www.cilip.de/1993/02/22/das-polizeidebakel-von-rostock-versuch-einer-analytischen-wuerdigung/ (Zugriff am 25.02.2023).

    52Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern: Beschlussempfehlung und Zwischenbericht. 16. Juni 1993, S. 48.

    53Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock.

    54Jochen Schmidt bei der Buchvorstellung von „Politische Brandstiftung“ zit. nach Heike Kleffner: Pogrom gewollt?. In: taz, 21.08.2002, S. 8.

    55Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock; Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 32–34.

    56Jochen Schmidt: Das Haus brennt! – Die Asyldebatte und ihre Parallelen 1992 und heute , Vortrag in Synagoge und Kulturzentrum Marburg, 27.09.2016. https://www.youtube.com/watch?v=vRzYbMJ24RE (Zugriff am 25.02.2023), hier 9:00–9:12.

    57Ebd., hier 35:45–35:55.

    58Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen#Unzureichender_Polizeieinsatz (Zugriff am 25.02.2023).

    59Prenzel: Rostock-Lichtenhagen, S. 24.

    60Vgl. Benjamin Unger: Zeitreise. Rostocker Polizeichef im Rotlicht-Strudel. In: NDR, 06.01.2023. https://www.ndr.de/geschichte/Zeitreise-Rostocker-Polizeichef-im-Rotlicht-Strudel,rostockerrotlicht100.html (Zugriff am 25.02.2023).

    61Vgl. DER SPIEGEL: Polizei Tod im Bienenstock. In: DER SPIEGEL, Nr. 491994, 04.12.1994. https://www.spiegel.de/politik/tod-im-bienenstock-a-b43a33e1-0002–0001-0000–000013686169 (Zugriff am 25.02.2023).

    62Hierzu zählt der „Pakt von Rostock“ mit einem selbst­er­nannten Anführer des gewalt­tä­tigen Mobs, um auf dieser Grundlage den Rückzug der letzten Polizeieinheiten vor dem Wohnheim anzu­ordnen. Vgl. Diederichs: Das Polizeidebakel von Rostock.

    63Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen#Juristische_Aufarbeitung (Zugriff am 25.02.2023).

    64Peter Gärtner: Urteile im Lichtenhagen-Prozess. In: Weser-Kurier, 18.06.2002 zit. nach Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 35–38, hier S. 38.

    65Diese These ist nicht neu, sondern wurde bereits unmit­telbar nach dem Pogrom dis­ku­tiert. Vgl. etwa das Kapitel „Rostock-Gate: Das poli­tisch zuge­lassene und geför­derte Pogrom?“ in Funke: Brandstifter, 103–177.

    66Schmidt: Das Haus brennt!, 45:05–46:47; 51:20–54:28, hier 54:02.

    67Beispielsweise listet Amazon im Februar 2023 unter der Buchrubrik „Terrorismus & Extremismus“ 127 Angebote zum Stichwort „NSU“ mit einer relativ hohen Trefferquote und nur drei Angebote zu Lichtenhagen, die sich aber all­gemein mit Rechtsextremismus beschäftigen.

    68Ein her­aus­ra­gendes Beispiel ist das dezen­trale und inter­dis­zi­plinäre Theaterprojekt „Kein Schlussstrich!“ mit einer ange­glie­derten Ausstellung sowie einem umfang­reichen Diskurs- und Rahmenprogramm, welches 2021 zum zehn­jäh­rigen Gedenken der Opfer der NSU-Morde von 18 Trägern in 15 Städten mit mehr als 700 Vorstellungen durch­ge­führt wurde. Eine zusam­men­fas­sende Übersicht findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund#Theater_und_Oper (Zugriff am 25.02.2023).

    69Das Stück erwähnt zwar die anti-ziganistischen Angriffe auf die Roma-Familien in der ZAST, kann aber ihre Erfahrungen auch aus prak­ti­schen Gründen nicht reprä­sen­tieren, da ihr Verbleib durch Abschiebungen unklar war.

    70Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 40–41.

    71Vgl. Figge, Maja: Rassistische Gewalt und ihre Rahmungen. Zur fil­mi­schen Erinnerung in Burhan Qurbanis WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK. In: montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audio­vi­su­eller Kommunikation. 25,2 (2016), S. 37–54.

    72Vgl. Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992“: Kommentar zur NDR Sendung „Die Narbe“, 28.04.2022. https://gedenken-lichtenhagen.de/kommentar-die-narbe-ndr/ (Zugriff am 25.02.2023).

    73Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 43–44.

    74Vgl. Guski: Nach Rostock-Lichtenhagen, S. 50; Tanja Thomas / Fabian Virchow: Hegemoniales Hören und Doing Memory an rechte Gewalt. Leviathan Sonderband 37 (2021), S. 205–226; Gudrun Heinrich: Rostock Lichtenhagen 1992–2017. Aufarbeitung und Erinnerung als Prozess der lokalen poli­ti­schen Kultur. In: Martin Koschkar / Clara Ruvituso (Hrsg.): Politische Führung im Spiegel regio­naler poli­ti­scher Kultur. Wiesbaden: Springer VS 2018, S. 293–309.

    75Hansestadt Rostock: Nichtoffener Kunstwettbewerb „Erinnern und Mahnen an Rostock-Lichtenhagen 1992“. 2016.

    76Projektwebsite: www.rostock-lichtenhagen-1992.de (Zugriff am 25.02.2023).

    77So Claudia Carla (Evangelischen Akademie der Nordkirche) und Lisa Radl (Stadtteilmanagerin Rostock-Lichtenhagen) in Heinrich-Böll-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern: Rostock-Lichtenhagen 1992: Gedenken im öffent­lichen Raum, 0:50–1:03; 5:35–6:00. https://www.youtube.com/watch?v=wzVhWJUKZ74 (Zugriff am 25.02.2023).

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    Bild: Laura Muenker

    Dan Thy Nguyen, der sich bisher vor allem als Theatermacher, Festivalleiter und Schauspieler einen Namen gemacht hat, hat mit dem Band „Über Wasser und Tote“ ein sehr per­sön­liches und poe­ti­sches Buch vor­gelegt. Das Buch ist eine kleine, aber feine und ein­drück­liche Gedichtsammlung, die vier Abschnitte umfasst. Es hat ins­gesamt 67 Seiten und beginnt mit einem berühmten Zitat des bud­dhis­ti­schen Lehrmeisters Thích Nhất Hạnh: „Menschen fällt es schwer, ihr Leiden los­zu­lassen. Aus Angst vor dem Unbekannten bevor­zugen sie das ver­traute Leiden“. Weitere Kapitel werden durch Zitate von Novalis („Wir sind nichts, was wir suchen, ist alles“) und Martin Luther King („Der alte Grundsatz ‚Auge um Auge‘ macht schließlich alle blind“) ein­ge­leitet. Die Kapitel sind nach ihren Themen benannt: 1. „Boat Peoplezyklus“ (6–27), 2. „Über meine Mutter“ (28–37), 3. „Semra Ertan – Ein Gedichtzyklus in neun Bildern“ und 4. „Über die Reform des Theaters“ (54–67). Die ersten beiden Kapitel sind die per­sön­lichsten und behandeln Themen, die vielen Menschen in der viet­na­me­si­schen Diaspora sehr ver­traut sind, dar­unter eine breite Palette von Themen wie Krieg, Tod, Geschichte, Flucht, Erinnerung, Identität, fami­liäre Beziehungen, Exil und die Suche nach einer neuen Heimat, hier in Hamburg.

    Die Kombination aus his­to­ri­schen, per­sön­lichen und kul­tu­rellen Bildern mit vietnamesisch-diasporischem Hintergrund wird mit einem Gefühl für die Lokalität und den poli­ti­schen Kämpfen anderer mar­gi­na­li­sierter Gemeinschaften ver­flochten. So erinnert der Autor an die türkisch-deutsche Arbeitsmigrantin und Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 in Hamburg selbst in Brand setzte, um gegen den zuneh­menden Rassismus in Deutschland zu pro­tes­tieren. Ihr Werk war lange ver­gessen. Eine Sammlung ihrer Gedichte „Mein Name ist Ausländer“ wurde erst 2020 von dem linken Verlag edition ass­sem­blage ver­öf­fent­licht und erhielt dadurch etwas öffent­liche Anerkennung. In diesem Kapitel ver­wendet Dan Thy häufig Parallelen und Analogien, die unter­schied­liche Geschichten mit­ein­ander ver­binden – etwa indem er auf die poli­tische Selbstverbrennung des bud­dhis­ti­schen Mönchs Thích Quảng Đức 1963 in Saigon gegen den neo­ko­lo­nialen US-Krieg in Vietnam verweist.

    Eine andere, sehr nahe lie­gende, wenn auch etwas anders gela­gerte Parallele taucht dagegen im Buch erstaun­li­cher­weise gar nicht auf und ver­dient des­wegen hier eine aus­führ­li­chere Erwähnung. Am 22. August 1980 wurden in der Hamburger Halskestrasse Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân von Rechtsextremisten ver­brannt. Beide wurden kurz zuvor von der Hansestadt aus Lagern in Malaysia aus­ge­flogen und als Boat People auf­ge­nommen. Obwohl Đỗ Anh Lân sogar in einer vom Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ gespon­serten Hilfsaktion her­geholt wurde, inter­es­sierten sich die Medien nach einer kurzen Meldung nicht mehr für diese Geschichte. Dieser Fall geriet auf diese Weise schnell in Vergessenheit und wurde erst 2012 im Zuge der Recherchen zum Hamburger NSU-Opfer Süleyman Taşköprü vom freien Journalisten Frank Keil wieder aus­ge­graben. Zwei Jahre später for­mierte sich vor Ort eine anti-rassistische Gedenkinitiative und lud mich zur ersten öffent­lichen Diskussionsveranstaltung ein, die zur ersten öffent­lichen Gedenkveranstaltung nach der Beerdigung aufrief. Erst 42 Jahre nach den Morden, und nach acht Jahren uner­müd­licher wie müh­se­liger Lobby‑, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit lenkte die Stadtverwaltung endlich ein und ver­kündete 2022, dass der Abschnitt am Tatort in Châu-und-Lân-Straße umbe­nannt werden soll. Die Forderungen nach einer öffent­lichen Lern- und Gedenkstätte wurden dagegen bisher nicht erfüllt.

    Dan Thy, dessen Eltern eben­falls als Boat People in der BRD ankamen, erinnert hier in anderer Weise an diese Hamburger Geschichte. Ein Gedicht, das in unter­schied­lichen Abwandlungen den Anfang und das Ende des Boat People-Zyklus umrahmt und in Handschrift auf dem Backcover auf­ge­druckt ist, fängt so an:

    „An den Hamburger Landungsbrücken
    hat jemand
    ein bron­zenes Buch auf­ge­schlagen.
    Ganz unscheinbar
    steht es da
    und sehnt sich danach
    gesehen zu werden.“

    Foto: privat

    Eine Initiative ehe­ma­liger Boat People hat 2009 anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Aufnahme den „Gedenkstein der Dankbarkeit gegenüber dem deut­schen Volk und den deut­schen Regierungen“ errichtet und im Beisein des dama­ligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble das Denkmal an den Hamburger Landungsbrücken ent­hüllt. Damals spielte weder Rostock-Lichtenhagen noch das Schicksal der ertrin­kenden Boat People im Mittelmeer eine Rolle. Selbst das Schicksal von Châu und Lân wurde aus­ge­blendet. Gegen Verblendung hilft nur die Kraft sich zu erinnern. Wichtig ist nicht nur an was und wie wir uns erinnern. Mindestens genauso wichtig ist, woran wir uns nicht erinnern.

    Ein Gedichtband kann natürlich kein Geschichtsbuch ersetzen, aber als sub­jektive kul­tu­relle Verarbeitung ist „Über Wasser und Tote“ ein span­nendes und kraft­volles Kleinod. Es bleibt zu wün­schen, dass die vom deutsch-arabischen Lyriker Hassan Hasune El-Choly neu gegründete edition neje tieden, was soviel wie „neue Zeiten“ auf Friesisch heißt, nach diesem dop­pelten Debüt vom Autor und Verlag bald weitere Werke mit fri­schen Stimmen auflegt, die uner­hörte Geschichten erzählen. 

    Kiek mol wedder in!

    PS: Bestellt bitte direkt beim Verlag oder unter­stützt Eure lokalen Buchdealer.

    Kien Nghi Ha wurde 1979 als Kind mit seiner Familie als Boat People auf­ge­nommen und wuchs im Märkischen Viertel in West-Berlin auf. Später stu­dierte er Politikwissenschaften und pro­mo­vierte in der Kulturwissenschaft. Er leitet den Arbeitsbereich Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen. Aktuell edi­tiert er den Sammelband Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A, 2023) und schreibt am Essay Boat People – Vom schutz­wür­digen Flüchtling zur Zielscheibe des Anti-Asiatischen Rassismus für den Ausstellungskatalog „Alfredo Jaar – The Kindness of Strangers“ (2024) des Museums der Moderne Salzburg.

    Im Erscheinen: Verwobene Geschichten in Hito Steyerls „Die leere Mitte“ (1998) aus Asiatisch-deutscher Perspektive. In: Ömer Alkin/Alena Strohmaier (Hg.): Rassismus und Film. Marburg: Schüren Verlag, 2023. Zur kolo­nialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und anti­ras­sis­tische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: tran­script 2023. Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als insti­tu­tio­na­li­sierter Rassismus. In: Gudrun Heinrich/David Jünger/Oliver Plessow/Cornelia Sylla (Hg.): Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992. Berlin: Neofelis 2023.

    BlogVeranstaltungenWorkshop

    International Conference
    Anti-Asian Racism: History, Theory, Cultural Representations and Antiracist Movements

    Venue: Fürstenzimmer of Schloss Hohentübingen, Burgsteige 11, 72070 Tübingen, Germany
    Date: Friday, 07.07.2023 − Saturday, 08.07.2023
    Conveners: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee

    Registration required because of limited space via email to: koreanistik@uni-tuebingen.de
    Participation: free of charge

    Website: https://uni-tuebingen.de/de/219396
    Conference Program: Download as PDF (with abs­tracts and short bio­gra­phies of the par­ti­ci­pants)

    Link to OPEN CALL

    The inter­na­tional con­fe­rence, hosted by the Center for Korean Studies at the University of Tübingen, is divided into four sec­tions. It explores how anti-Asian racism is related to modern history, theory, cul­tural repre­sen­ta­tions and anti-racist move­ments. We cor­dially invite inte­rested scholars, cul­tural workers and com­munity acti­vists to join the dis­cus­sions of the first con­fe­rence on anti-Asian racism in German academia.

    P r o g r a m

    Friday, 07.07.2023

    14:30 – 14:45 Arrival, regis­tration and coffee

    14:45 – 15:00 Welcome and Introduction: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee

    15:00 – 16:00 KEYNOTE: HISTORY
    Making Asians Foreign: Methods of Exclusion and Contingent Belonging
    Lok Siu, Professor of Asian American Studies, University of California (Berkeley)

    Chair: Bernd-Stefan Grewe, Professor of History, University of Tübingen

    16:00 – 17:00 PANEL: HISTORY

    Discrimination, Resistance, and Meritocracy. Korean Guest workers in Germany
    You Jae Lee, Professor of Korean Studies, University of Tübingen

    The Pogrom in Rostock-Lichtenhagen as Institutional Racism
    Kien Nghi Ha, Postdoc Cultural Scientist, University of Tübingen

    Chair: Jee-Un Kim, Managing Director of kori­en­tation. Network for Asian German Perspectives e.V.

    17:30 – 18:30 KEYNOTE: THEORY

    The Intersections between European Racial Constructions and Modern Colonialism: Theoretical Issues and the Place of Asia
    Rotem Kowner, Professor of Japanese Studies, University of Haifa

    Chair: Anthony Pattahu, Habilitation Candidate at the Department of Social and Cultural Anthropology, University of Tübingen

    18:30 – 19:30 PANEL: THEORY

    Socialists and Anti-Asian Sentiment in the Era of Mass Migration (1880–1930)
    Lucas Poy, Assistant Professor in Global Economic and Social History, Vrije Universiteit Amsterdam

    Abolitionist Perspectives on Demands of Asian-German Formations
    Cuso Ehrich, Graduate Student, Institute of Sociology, Justus Liebig University Gießen

    Chair: Bani Gill, Junior Professor of Sociology, University of Tübingen

    Saturday, 08.07.2023

    09:00 – 10:00 KEYNOTE: CULTURAL REPRESENTATIONS

    Racialized Screen in Early German Cinema: What Asian German Studies Can Address
    Qinna Shen, Associate Professor of German Studies, Bryn Mawr College

    Chair: Fei Huang, Professor of Chinese Studies, University of Tübingen

    10:00 – 11:00 PANEL: CULTURAL REPRESENTATIONS

    Anti-Asian Racism and the Politics of Asian Self-Representation in Germany: the Asian Film Festival Berlin
    Feng-Mei Heberer, Assistant Professor for Cinema Studies, New York University

    Opportunity and Threat: Ambivalent Reporting on China in Der Spiegel, 1947–2023
    Anno Dederichs, Postdoc Sociologist at China Center, University of Tübingen

    Chair: Zach Ramon Fitzpatrick, Assistant Professor of German Studies at the University of Wisconsin-Madison (from fall 2023)

    11:30 – 12:30 PANEL: ANTIRACIST MOVEMENTS

    “Take Off Your Masks“: The Invisibility and Visibility of Anti-Asian Racism in Germany
    Sara Djahim, Independent Researcher, Asian and International Development Studies,
    Tae Jun Kim, Sociologist at German Center for Integration and Migration Research (DeZIM), Berlin

    Yellow is the new Black? Emergence and Development of Asian Antiracist Activism in France
    Ya-han Chuang, Postdoc Sociologist at the Institut national d’études démo­gra­phiques (Ined), Sciences Po Paris

    Chair: Yewon Lee, Junior Professor of Korean Studies, University of Tübingen

    12:30 – 13:00 Round Table: Challenging Anti-Asian Racism in Society and Academia
    Panelists: Qinna Shen, Lok Siu, Rotem Kowner, You Jae Lee

    Chair: Kien Nghi Ha

    Supported by the Platform Global Encounters of the University of Tübingen.
    Funded by the Federal Ministry of Education and Research (BMBF) and the Ministry of Science Baden-Württemberg within the framework of the Excellence Strategy of the German Federal and State Governments.
    Additional funding pro­vided by the Academy of Korean Studies.

    PHILOSOPHISCHE FAKULTÄT
    Center for Korean Studies

    BlogFilmKulturVeranstaltungen

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    Eine Filmreihe des Projekts DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements)
    in Kooperation mit Sinema Transtopia/bi’bak, sup­ported von korientation

    Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin
    Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung loka­li­sieren
    Filme – Vorträge – Diskussionen
    Kurator und Projektleitung: Dr. Kien Nghi Ha

    WO: SİNEMA TRANSTOPIA vom 11.04. – 20.06.2023
    Lindower Str. 20–22, Haus C, 13347 Berlin, U+S‑Bahn Wedding

    Flyer Download hier

    Zur Filmreihe

    Deutschlands kolonial-rassistischen Fantasien und Ambitionen wurde nach dem Abgang des Imperial
    Germany ver­stärkt in eine ima­ginäre Kolonialität über­führt. Ihre fil­mi­schen Inszenierungen begeis­terten nicht nur ein Massenpublikum, sondern führten auch zu einer mehr­deu­tigen Überlagerung von Fiktion und Realität. Die Filmkulisse, aber auch ihre Produktion und Konsumption wurden selbst zum kul­tu­rellen Kolonialraum. Das Film‑, Vortrags- und Gesprächsprogramm leistet Pionierarbeit, indem wir die „wilde Weltmetropole Berlin der Goldenen Zwanziger“ als kolo­nialen Kulturraum mit (anti-)Asiatischen Bezügen erfor­schen. Gleichzeitig wird die deko­lo­niale Debatte um anti-Asiatischen Rassismus sowie Orientalismus erweitert und dadurch mul­ti­per­spek­ti­vi­scher. Ende 2023 wird ein Sammelband im Verlag Assoziation A erscheinen.

    Filmprogramm mit Einführungsvorträgen und Gesprächen

    11.04.2023 um 19 Uhr: Das indische Grabmal – Die Sendung des Yoghi (1921) von Joe May, OmU, 132 Min.

    „Der Welt größter Film” – die so ange­kün­digte Großproduktion mit Kolonialambiente war ein Publikumsmagnet. Joe May beschwor darin das mys­tische Indien und ver­wan­delte die Filmstadt Berlin-Woltersdorf in einen „indi­schen“ Ort mit präch­tigen Tempeln und Palästen, der von Statist:innen in Fantasiekostümen und Elefanten bevölkert wird. Angereichert mit sexua­li­sierter weib­licher Exotik erzählt er eine ver­wi­ckelte Geschichte, in der der bös­artige Maharadscha Rache an seiner Frau und ihrem bri­ti­schen Geliebten nimmt. Dieses Setting war so fas­zi­nierend, dass nach einem Remake in den 1930ern Jahren Fritz Lang, der bereits an der ersten Produktion beteiligt war, 1959 den Stoff erneut verfilmte.

    Einführung:
    Dr. Subin Nijhawan, British Empire, German Illusion – Über Tiger und Grabmale in der Kolonialzeit

    Moderation: Anujah Fernando / Kien Nghi Ha

    25.04.2023 um 19 Uhr: Die Herrin der Welt – Die Freundin des gelben Mannes (1919) von Joe May,
    OV, 90 Min.
    Live-Musik: Stummfilmpianist Jürgen Kurz

    Unmittelbar nach dem Verlust der außer­eu­ro­päi­schen Kolonien ent­stand 1919 unter der Regie von Joe May in der heute ver­ges­senen Filmstadt Berlin-Woltersdorf ein monu­men­taler Kolonialepos, der acht Teile umfasst. Unter großem Aufwand gedreht, wird die aben­teu­er­liche Geschichte der jungen, schönen wie Weißen Maud Gregaards erzählt. Im ersten Teil ihre welt­um­span­nenden Reise gerät die Erzieherin im süd­chi­ne­si­schen Kanton in die Fänge des bru­talen Bordellbesitzers Hai-Fung. Mit Hilfe von Dr. Kien
    Lung wird sie befreit, der sich aber eben­falls als dubiose Gestalt herausstellt.

    Einführung
    Dr. Tobias Nagl (via Zoom), Entfreundet: Die Freundin des gelben Mannes (1919/20), asia­tische Präsenz und anti­ras­sis­tische Filmproteste in der Weimarer Republik

    Moderation: Joshua Kwesi Aikins / Kien Nghi Ha

    09.05.2023 um 19 Uhr: Sumurun (1920) von Ernst Lubitsch, OmeU, 103 Min.

    Im Unterschied zu Joe May war Ernst Lubitsch nicht nur ein Meister des Weimarer Kinos, sondern avan­cierte auch zu einem Starregisseur in Hollywood. In seinem frühen Filmschaffen nutzte er mehrfach Orient- und Roma-Stereotypen um seine Karriere in der Unterhaltungsindustrie zu befördern. Bereits 1910 von Max Reinhardt für das Theater dra­ma­ti­siert und ver­filmt, wurde der Stoff 1920 mit Starbesetzung monu­mental in den Ufa-Studios in Berlin-Tempelhof erneut insze­niert. Sumurun ist Lubitschs Version von Tausendundeine Nacht – ein Eifersuchtsdrama im vor­mo­dernen Morgenland, dass mit euro­päi­schen Fantasien über das Harem, ver­sklavten Tänzerinnen und ori­en­ta­li­scher Despotie spielt.

    Introduction
    Prof. Dr. Qinna Shen: A Berliner’s One Arabian Night: Lubitsch’s Orientalist Parody

    Moderation: Sun-ju Choi / Kien Nghi Ha

    23.05.2023 um 19 Uhr: Piccadilly – Nachtwelt (1929) von Ewald André Dupont, OmeU, 109 Min.

    „Piccadilly“ ist nicht wie die anderen Filme der Reihe in einem ima­gi­nären Asien ange­siedelt, sondern spielt sich im Herzen des modernen Londons mit exo­ti­schen Ausflügen nach Chinatown ab. Trotz dieses Settings bleiben die ste­reo­typen Rollen nahezu unver­ändert: Der US-Star Anna May Wong ver­körpert in diesem tra­gi­schen Liebes- und Eifersuchtsdrama eine Chinesin, die mit viel ethnic chic zum sexuell begeh­rens­werten Revuegirl im Nachtclub auf­steigt und dann tra­gisch endet. Sie ist eine asia­tische Arbeitsmigrantin, die als ver­füh­re­rische femme fatale den Weißen Mann bedroht, aber auch
    befriedigt und gleich­zeitig Opfer ihrer eigenen kul­tu­rellen Herkunft wird.

    Einführung
    Yumin Li, Anna May Wong – ein chinesisch-amerikanischer Hollywoodstar in Berlin

    Moderation: Kimiko Suda / Kien Nghi Ha

    Dieses Screening findet als Teil des korientation-Festivals zu(sammen)künfte (20.–27.05.2023) statt.

    06.06.2023 um 19 Uhr: Hito Steyerl Special – Babenhausen (1997), 4 Min. / Die leere Mitte (1998), 62 Min. / Normalität 1‑X (1999–2001), 37 Min. Alle Filme OmeU

    Die Trilogie aus dem Frühwerk von Hito Steyerl lässt sich viel­schichtig lesen. Sie ist nicht nur zeit­his­to­ri­sches Dokument und künst­le­rische wie akti­vis­tische Positionierung, sondern stellt auch ein her­aus­ra­gendes Filmessay dar. Entstanden zwi­schen 1990–1998 unter­sucht die ein­drück­liche Langzeitstudie „Die leere Mitte“ die unsichtbar gemachten Zusammenhänge zwi­schen Antisemitismus, Kolonialismus und Rassismus im Berliner Kultur- und Stadtraum. Ein Beispiel ist die Geschichte des „Haus Vaterland“ am heu­tigen Potsdamer Platz. Gleichzeitig nehmen diese Filme auch migran­tische Protestbewegungen und asiatisch-diasporische Stimmen in den Fokus, die sich gegen kolo­niale Kontinuitäten und ras­sis­tische Gewalt zur Wehr setzen.

    Mit anschlie­ßendem Gespräch: Hito Steyerl, Gülşah Stapel, Kien Nghi Ha

    20.06.2023 um 19 Uhr: Halfmoon Files (2006) von Philip Scheffner, OmeU, 87 Min.

    Unweit von Berlin wurde am 11. Dezember 1916 im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf die Stimme des bri­ti­schen Kolonialsoldaten Mall Singh auf­ge­nommen. Die Aufnahmen wurden im Auftrag von Militär, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie erstellt und waren Bestandteil des Tonarchivs „Sämtlicher Völker der Erde“. Heute befinden sie sich im Lautarchiv der Humboldt Universität Berlin und ver­weisen auf den kolo­nialen Charakter des Ersten Weltkrieges und des Lagers: Um sich als für­sorg­liche Kolonialmacht zu insze­nieren, wurde im Halbmondlager für afri­ka­nische, ara­bische und (süd-)asiatische Gefangene die erste Moschee Deutschlands für reli­giöse Praktiken gebaut. Gleichzeitig wurden Lager und Insassen als Filmkulisse für die deutsche Kolonial-propaganda genutzt. Der Film geht diesen ver­wischten kolo­nialen Verbindungen im Berliner Umland nach.

    Mit anschlie­ßendem Gespräch: Philip Scheffner, Merle Kröger, Kien Nghi Ha

    Sprecher:innen

    Joshua Kwesi Aikins ist Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist. Er arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mitarbeiter im Fachgebiet „Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien“ der Universität Kassel und enga­giert sich u.a. im Beirat der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. kul­tu­relle und poli­tische Repräsentation der afri­ka­ni­schen Diaspora, Kolonialität und Erinnerungspolitik. sowie Empowerment und Gleichstellungsdaten. Er ist Co-Autor des „Afrozensus“, einer Befragung Schwarzer, afri­ka­ni­scher und afro­dia­spo­ri­scher Menschen in Deutschland.

    Sun-ju Choi stu­dierte Literatur an der Universität zu Köln und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 2017 erschien ihre Dissertation “Vater Staat und Mutter Partei: Familienkonzepte und Repräsentation von Familie im nord­ko­rea­ni­schen Film”. Sie enga­giert sich ehren­amtlich im Vorstand von ndo e.V. und kori­en­tation e.V..

    Anujah Fernando arbeitet als Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin. In recher­che­ba­sierten Ausstellungen und Texten sowie in doku­men­ta­ri­schen Filmprojekten, arbeitet sie zu erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Themen rund um Migration und Kolonialismus. Sie inter­es­siert sich besonders für die sprach­lichen und kul­tu­rellen Aushandlungsprozesse zwi­schen erster und zweiter Migrationsgeneration. Zuletzt co-kuratierte sie die Ausstellung „Trotz Allem: Migration in die Kolonialmetropole Berlin“ am Museum FHXB.

    Dr. Kien Nghi Ha, Kultur- und Politikwissenschaftler, forscht zu Asian German Studies an der Universität Tübingen. Zahlreiche Publikationen zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus und Migration. Herausgeber von Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (2012/2021). Seine Monografie „Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen ‚Rassenbastarde‘“ (tran­script, 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien aus­ge­zeichnet. https://uni-tuebingen.de/de/208381

    Merle Kröger arbeitet als Autorin, Dramaturgin und Kuratorin in Berlin und ist seit 2001 Teil von pong Film. Auch ist sie als Hochschuldozentin in Halle sowie Mainz tätig. Bisher hat sie fünf Romane ver­öf­fent­licht, dar­unter Grenzfall (2012), Havarie (2015) und Die Experten (2021). Als Kuratorin arbeitet sie seit 2007 mit dem Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V., u.a. an den Projekten Work in Progress, Living Archive und Die fünfte Wand. Navina Sundaram: Innenansichten einer Außenseiterin oder Außenansichten einer Innenseiterin, das eine Nominierung für den Grimme Online Award 2022 erhielt. www.merlekroeger.de

    Jürgen Kurz ist Improvisationskünstler. Ob am prä­pa­rierten Flügel, Elektro-Piano oder am ver­staubten Klavier, er bringt die Saiten zum Klingen und Tasten zum Klirren. Nach dem Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin hat er sich als Komponist, Theatermusiker (u. a. Volksbühne) und Pianist einen Namen gemacht. Insbesondere als Stummfilmpianist – live im Kino, Open-Air und auf Festivals. So zum Beispiel im Freiluftkino Friedrichshain, bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, im Kino Babylon, im Kino Krokodil oder auf dem Fusion Festival. Dabei gleicht keine Vorstellung der anderen, denn die nun um die hun­dert­jäh­rigen Filme, erstrahlen stets in neuen impro­vi­sierten Tongewändern.

    Yumin Li ist Kulturwissenschaftlerin und unter­sucht in ihrer Dissertation Anna May Wongs mehrere Jahrzehnte umspan­nende Karriere auf vier Kontinenten. Zusammen mit dem Kollektiv andcompany&Co. erar­beitet sie die Theaterperformance „Shanzhai Express“, das sich spie­le­risch mit Anna May Wong befasst (Première 10.6.2023 Volksbühne Berlin).

    Dr. Tobias Nagl ist Film- und Musikkritiker, DJ und seit 2007 Associate Professor für Filmwissenschaft an der University of Western Ontario in Kanada. Forschungsschwerpunkte: Filmtheorie, Stummfilm, Avantgardefilm, (Post-)Kolonialismus, afro­deutsche Geschichte vor 1945, kri­tische Theorie. Buchveröffentlichungen: „Die unheim­liche Maschine: Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino“ (2009) und (zusammen mit Janelle Blankenship) „European Vision: Small Cinemas in Transition“ (2015).

    Dr. Subin Nijhawan ist wis­sen­schaft­licher Mitarbeiter am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt. In seinem Postdoc-Projekt arbeitet er zu dem Thema Mehrsprachigkeit und Nachhaltigkeit, was auch lite­ra­rische und künst­le­rische Quellen ein­schließt, um inter­sek­tionale Zugänge zu ermög­lichen. Hierzu gehören auch neue Modelle zur glo­balen Gerechtigkeit und einer kos­mo­po­li­ti­schen Weltbürger:innenschaft, um einer euro­zen­tri­schen Dominanz des Diskurses vorzubeugen.

    Philip Scheffner arbeitet seit 1985 als Visual Artist. Seine abend­fül­lenden künst­le­ri­schen Dokumentarfilme The Halfmoon Files (2007), Der Tag des Spatzen (2010), Revision (2012), And-Ek Ghes… (2016) und Havarie (2016) wurden weltweit gezeigt und mit zahl­reichen Preisen aus­ge­zeichnet. Seit 2021 ist er Professor für Dokumentarische Praxen an der KHM Köln. Sein neuer Film Europe feierte 2022 Première auf der Berlinale. Scheffner ist Teil der Berliner Produktionsplattform / Kollektivs pong (zusammen mit Merle Kröger, Alex Gerbaulet, Caroline Kirberg und Mareike Bernien).

    Qinna Shen ist Associate Professor of German am Bryn Mawr College, Pennsylvania. Nach einem Germanistik-Studium in Beijing und Heidelberg pro­mo­vierte sie 2008 an der Yale Universität in den USA. Sie ist Autorin von „The Politics of Magic: DEFA Fairy-Tale Films“ und Mitherausgeberin von „Beyond Alterity: German Encounters with Modern East Asia.“ Sie hat viel über deutsch-asiatische Themen veröffentlicht.

    Dr. Gülşah Stapel stu­dierte Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin mit einem Schwerpunkt auf Denkmalpflege. Ihre Forschungsexpertise liegt in der Untersuchung von Identitäts- und Erbekonstruktionen im öffent­lichen Raum und Berliner Stadtgeschichte. Seit 2020 arbeitet sie als Kuratorin für Outreach für die Stiftung Berliner Mauer. Soeben ist ihr Buch „Recht auf Erbe in der Migrationsgesellschaft. Eine Studie an Erinnerungsorten tür­kei­stäm­miger Berliner:innen“ (Urbanophil 2023) erschienen.

    Hito Steyerl ist Professorin für Experimentalfilm und Video an der Universität der Künste Berlin. Sie ist Medienkünstlerin, Filmemacherin, Kulturkritikerin und ‑theo­re­ti­kerin. Ihre inter­na­tional bekannten medien‑, technologie- und kul­tur­kri­ti­schen Arbeiten wurden mit zahl­reichen Preisen aus­ge­zeichnet. Die Ausstellung „I Will Survive. Films and Installations“ (gleich­na­miger Katalog von Spector Books) bildet die bisher größte Retrospektive ihres Gesamtwerks und wurde 2020 zunächst im K21 des Düsseldorfer Ständehaus, dann 2021 im Pariser Centre Pompidou gezeigt.

    Dr. Kimiko Suda arbeitet an der Technischen Universität Berlin zu insti­tu­tio­nellem Rassismus in Deutschland. Sie ist ehren­amtlich bei kori­en­tation e.V. zu dekolonialer/antirassistischer Erinnerungskultur aktiv. Von 2011–2017 hat sie mit Dr. Sun-ju Choi das Asian Film Festival Berlin geleitet.

    Impressum

    Kurator und Projektleitung: Dr. Kien Nghi Ha.

    In Kooperation mit bi’bak e.V., kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. und der Abteilung Koreanistik des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen. 

    Mit Filmen aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

    Gefördert im Programm „Förderung zeit­ge­schicht­licher und erin­ne­rungs­kul­tu­reller Projekte“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.


    ENGLISH VERSION

    A Film Program of the Project
    DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements)

    in co-operation with SİNEMA TRANSTOPIA, sup­ported by kori­en­tation

    Asian Presences in the Colonial Metropolis of Berlin
    Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung loka­li­sieren
    Movies – Lectures – Discussions
    Curator and project leader: Dr. Kien Nghi Ha

    At SİNEMA TRANSTOPIA from 11.04. to 20.06.2023
    Lindower Str. 20–22, House C, 13347 Berlin, subway and train station: Wedding
    Info: sinematranstopia.com

    Flyer Download HERE

    About the Film Program

    After the end of Imperial Germany, colonial-racist fan­tasies and ambi­tions were incre­asingly trans­formed into an ima­ginary colo­niality. Their cine­matic sta­gings not only delighted a mass audience, but also led to an ambi­guous over­lapping of fiction and reality. Not only film sets but film pro­duction and con­sumption also became cul­tural colonial spaces. This film, lecture and dis­cussion program is a pio­neering explo­ration of the “wild cos­mo­po­litan metro­polis Berlin in the Golden Twenties” as a colonial cul­tural space with (anti-)Asian refe­rences. At the same time, the deco­lonial debate will be expanded to include anti-Asian racism and ori­en­talism, and thus becoming more multi-perspectival. A book is planned for the end of 2023 (Assoziation A).

    Film Screenings

    11.04.2023 at 19:00: Das indische Grabmal – Die Sendung des Yoghi (1921) by Joe May, OmU, 132 Min.

    “The world’s greatest film” – this large-scale pro­duction with colonial ambience was a crowd puller. In it, Joe May con­jured up mys­tical India, trans­forming the film city of Berlin-Woltersdorf into an “Indian” space with magni­ficent temples and palaces, popu­lated by dummies in fantasy cos­tumes and ele­phants. Enriched with sexua­lized female exo­ticism, it tells an intricate story in which the evil maha­rajah seeks revenge on his native wife and her British lover. This setting was so fasci­nating that after a German remake in the 1930s, Fritz Lang, who was already involved in the first pro­duction, filmed this nar­rative again in 1959.

    Introduction by Dr. Subin Nijhawan:
    British Empire, German Illusion – Über Tiger und Grabmale in der Kolonialzeit

    Moderation: Anujah Fernando / Kien Nghi Ha

    25.04.2023 at 19:00: Die Herrin der Welt – Die Freundin des gelben Mannes (1919) by Joe May, OV, 90 Min. With live music by silent film pianist Jürgen Kurz

    Immediately after the loss of the non-European colonies, a monu­mental colonial epic com­prising eight parts was made in the now for­gotten film city of Berlin-Woltersdorf. Shot at great expense, it tells the adven­turous story of Maud Gregaards, a young woman as beau­tiful as she is white. In the first part
    of her world-spanning journey, the edu­cator falls into the clutches of the brutal brothel owner Hai-Fung in the sou­thern Chinese city of Canton. She is freed with the help of Dr. Kien Lung, who, however, also turns out to be a dubious character.

    Introduction by Dr. Tobias Nagl (via Zoom)
    Entfreundet: Die Freundin des gelben Mannes (1919/20), asia­tische Präsenz und anti­ras­sis­tische Filmproteste in der Weimarer Republik

    Moderation: Joshua Kwesi Aikins / Kien Nghi Ha

    09.05.2023 at 19:00: Sumurun (1920) by Ernst Lubitsch, OmeU, 103 Min.

    Unlike Joe May, Ernst Lubitsch was not only a master of Weimar cinema, but also became a star director in Hollywood. In his early film work, he repea­tedly used Oriental and Roma ste­reo­types to advance his career in the enter­tainment industry. Already filmed and dra­ma­tized by Max Reinhardt for the theater in 1910, just ten years later Lubitsch staged the material again in a monu­mental manner with a star cast at the Ufa studios in Berlin-Tempelhof. Sumurun is Lubitsch’s version of One Thousand and One Nights – a jea­lousy drama set in the pre-modern Orient that plays with European fan­tasies about the harem, ens­laved dancers and ori­ental despotism.

    Introduction by Prof. Dr. Qinna Shen
    A Berliner’s One Arabian Night: Lubitsch Orientalist Parody

    Moderation: Sun-ju Choi / Kien Nghi Ha

    23.05.2023 at 19:00: Piccadilly – Nachtwelt (1929) by Ewald André Dupont, OmeU, 109 Min.

    Unlike the other films in the series, “Piccadilly” is not set in an ima­ginary Asia, but takes place in the heart of modern London with exotic excur­sions to Chinatown. Despite this setting, the ste­reo­ty­pical roles remain vir­tually unch­anged: in this tragic drama of love and jea­lousy, the US star Anna May Wong embodies a Chinese woman who, with ethnic chic, rises to become a sexually desi­rable showgirl in a nightclub but meets a tragic end. She is an Asian migrant worker who, as a seductive femme fatale, threatens but also satisfies the White man whilst at the same time becoming a victim of her own cul­tural origins.

    Introduction by Yumin Li
    Anna May Wong – ein chinesisch-amerikanischer Hollywoodstar in Berlin

    Moderation: Kimiko Suda / Kien Nghi Ha

    This Screening is part of the korientation-Festival zu(sammen)künfte (20.–27.05.2023).

    06.06.2023 at 19:00: Hito Steyerl SPECIAL – Babenhausen (1997), 4 Min., Die leere Mitte (1998), 62 Min. Normalität 1‑X, (1999–2001), 37 Min. With OmeU.

    This trilogy of Hito Steyerl’s early work can be read in many dif­ferent ways. It is not only a document of con­tem­porary history and an artistic and activist posi­tioning, but also an out­standing film essay. Created between 1990–1998, the impressive long-term study “The Empty Center” examines the invi­sible con­nec­tions between anti-Semitism, colo­nialism and racism in Berlin’s cul­tural and urban spaces. One example is the history of the “Haus Vaterland” located at today’s Potsdamer Platz. At the same time, these films also focus on migrant protest move­ments and Asian-diasporic voices resisting colonial con­ti­nuity and racist violence.

    Followed by a Talk with Hito Steyerl, Gülşah Stapel, Kien Nghi Ha

    20.06.2023 at 19:00: Halfmoon Files (2006) by Philip Scheffner, OmeU, 87 Min.

    Not far from Berlin, the voice of the British colonial soldier Mall Singh was recorded on December 11, 1916 in the pri­soner of war camp Wünsdorf. The recor­dings, com­mis­sioned by the military, science and enter­tainment industry, were part of the sound archive “All Peoples of the World”. Today they are housed in the sound archive of the Humboldt University Berlin and refer to the colonial cha­racter of the First World War and the camp: In order to present itself as a caring colonial power, Germany’s first mosque for reli­gious prac­tices was built in the halfmoon camp for African, Arab and (South) Asian pri­soners. At the
    same time, the camp and its inmates were used as film sets for German colonial pro­pa­ganda. Halfmoon Files traces these blurred colonial con­nec­tions in the Berlin area.

    Followed by a talk with Philip Scheffner, Merle Kröger, Kien Nghi Ha

    Speakers

    Joshua Kwesi Aikins is a poli­tical sci­entist and human rights activist. He works as a research assistant in the department of “Development Policy and Postcolonial Studies” at the University of Kassel and is active, among other things, on the advisory board of the Initiative Black People in Germany (ISD). His research inte­rests include cul­tural and poli­tical repre­sen­tation of the African dia­spora, colo­niality and the politics of memory. as well as empowerment and gender equality data. He is co-author of the “Afrozensus”, a survey of Black, African and Afrodiasporic people in Germany.

    Sun-ju Choi studied lite­rature at the University of Cologne and screen­writing at the German Film and Television Academy in Berlin. Her dissertation,„Vater Staat und Mutter Partei: Familienkonzepte und Repräsentation von Familie im nord­ko­rea­ni­schen Film“ was published in 2017. She serves as an honorary member of the board of directors for ndo e.V. and kori­en­tation e.V.

    Anujah Fernando works as a cul­tural scholar and curator based in Berlin. Her work focuses on the politics of coll­ective memory as they relate to migration and colo­nialism. She pro­duces research-based exhi­bi­tions, publi­ca­tions and docu­mentary film pro­jects. Her par­ti­cular interest is on the prac­tices first and second gene­ration of migrants use to nego­tiate lan­guage and culture. Most recently, she co-curated the exhi­bition „Despite All: Migration to the Colonial Metropolis of Berlin“ at the FHXB Museum.

    Dr. Kien Nghi Ha, cul­tural and poli­tical sci­entist, is a Postdoc rese­archer of Asian German Studies at the University of Tübingen. Numerous publi­ca­tions on post­co­lonial cri­ticism, racism and migration. Editor of „Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Assoziation A, 2012; 2021). His mono­graph „Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen ‚Rassenbastarde‘“ (tran­script, 2010) was awarded with the Augsburg Science Prize for Intercultural Studies. https://uni-tuebingen.de/en/208381

    Merle Kröger works as an author, dra­ma­turge and curator in Berlin and has been part of pong Film since 2001. She also works as a uni­versity lec­turer in Halle and Mainz. She has published five novels, including Grenzfall (2012), Havarie (2015) and Die Experten (2021). As a curator, she has worked with Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V. since 2007 on pro­jects including Work in Progress, Living Archive, and Die fünfte Wand. Navina Sundaram: Innenansichten einer Außenseiterin oder Außenansichten einer Innenseiterin, which received a nomi­nation for the Grimme Online Award 2022. www.merlekroeger.de

    Jürgen Kurz is an impro­vi­sation artist. Whether on the pre­pared grand piano, electric piano or dusty piano, he makes the strings sound and keys clink. After stu­dying at the Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, he made a name for himself as a com­poser, theater musician (including Volksbühne) and pianist, espe­cially as a silent film pianist – live in the cinema, open-air and at fes­tivals. For example at the Freiluftkino Friedrichshain, the Berlin International Film Festival, in the cinemas Babylon, Krokodil and at the Fusion Festival. No two per­for­mances are the same, because the films, which are now around a hundred years old, always shine dressed with new impro­vised sound.

    Yumin Li is a cul­tural his­torian whose dis­ser­tation examines Anna May Wong’s career spanning several decades on four con­ti­nents. Together with
    the coll­ective andcompany&Co. she is deve­loping the theater per­for­mance Shanzhai Express, which playfully deals with Anna May Wong (pre­mière 10.6.2023 at Volksbühne Berlin).

    Dr. Tobias Nagl is a film and music critic, DJ, and has been Associate Professor of Film Studies at the University of Western Ontario in Canada since 2007. Research inte­rests: Film theory, silent film, avant-garde film, (post-)colonialism, Afro-German history before 1945, cri­tical theory. Book publi­ca­tions: “The Uncanny Machine: Race and Representation in Weimar Cinema” (2009) and (with Janelle Blankenship) “European Vision: Small Cinemas in Transition” (2015).

    Dr. Subin Nijhawan is a research asso­ciate at the Institute of English and American Studies at Goethe University Frankfurt. His postdoc project gra­vi­tates around the nexus of mul­ti­l­in­gualism and sus­taina­bility, incor­po­rating lite­rature and media, in order to faci­litate an inter­sec­tional view. This also includes new models for global justice and a cos­mo­po­litan world citi­zenship, for pre­venting a Eurocentric domi­nance in discourses.

    Philip Scheffner has been working as a visual artist since 1985. His feature-length artistic docu­men­taries The Halfmoon Files (2007), The Day of the Sparrow (2010), Revision (2012), And-Ek Ghes… (2016), and Havarie (2016) have been screened worldwide and won num­erous awards. Since 2021 he is Professor of Documentary Practices at the KHM Cologne. His new film Europe pre­miered at the Berlinale in 2022. Scheffner is part of the Berlin pro­duction platform / coll­ective pong (tog­ether with Merle Kröger, Alex Gerbaulet, Caroline Kirberg and Mareike Bernien).

    Qinna Shen ist Associate Professor of German am Bryn Mawr College, Pennsylvania. Nach einem Germanistik-Studium in Beijing und Heidelberg pro­mo­vierte sie 2008 an der Yale Universität in den USA. Sie ist Autorin von „The Politics of Magic: DEFA Fairy-Tale Films“ und Mitherausgeberin von „Beyond Alterity: German Encounters with Modern East Asia.“ Sie hat viel über deutsch-asiatische Themen veröffentlicht.

    Dr. Gülşah Stapel studied urban and regional planning at the TU Berlin with a focus on his­toric pre­ser­vation. Her research expertise lies in the study of identity and heritage con­s­truction in public space and Berlin urban history. Since 2020, she has worked as an out­reach curator for the Berlin Wall Foundation. She has just published her book „Recht auf Erbe in der Migrationsgesellschaft“ (Urbanophil 2023), a study on places of remem­berance of Berliners with a family back­ground from Turkey.

    Hito Steyerl is pro­fessor of expe­ri­mental film and video at the Berlin University of the Arts. She is a media artist, film­maker, cul­tural critic and theorist. Her inter­na­tio­nally renowned media‑, technology- and culture-critical works have been awarded num­erous prizes. The exhi­bition „I Will Survive. Films and Installations“ (catalog published by Spector Books) is the largest retro­s­pective of her entire oeuvre to date and was first shown at the K21 of the Düsseldorf Ständehaus in 2020, then at the Centre Pompidou in Paris in 2021.

    Dr. Kimiko Suda works at the Technical University of Berlin on insti­tu­tional racism in Germany. She is an active member of kori­en­tation e.V. and inte­rested in decolonial/antiracist memory culture. From 2011-
    2017, she co-directed the Asian Film Festival Berlin with Dr. Sun-ju Choi.

    Imprint

    Curator and project leader: Dr. Kien Nghi Ha.

    In coope­ration with bi’bak e.V., kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. and the
    Department of Korean Studies, Institute of Asian and Oriental Studies at the University of Tübingen.

    With films from the hol­dings of the Friedrich Wilhelm Murnau Foundation (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden.

    Funded by the program Promotion of Contemporary History and Remembrance Culture of the Berlin Senate Department for Culture and Europe.

    AllgemeinProjekt RADARVeranstaltungen

    Ein Angebot für Asians in der politischen Bildungsarbeit

    Sa. 03. & So. 04. Juni 2023 in der Alten Feuerwache Köln

    Wie sieht poli­tische Bildungsarbeit aus kolo­nia­lis­mus­kri­ti­scher Perspektive aus? Was haben Identität und Selbstzuschreibungen mit Kolonialismus zu tun? Wie können wir Praxen in der poli­ti­schen Bildungsarbeit schaffen und aus­bauen, die auf Solidarität mit anderen ras­si­fi­zierten und mar­gi­na­li­sierten Communities basieren? Welche Werkzeuge und Strategien brauchen wir, um den Mythos der Vorzeigeminderheit auf­zu­decken und aktiv gegen das Teile-und-Herrsche-Prinzip vor­zu­gehen? Auf welche Art und Weise ver­mitteln wir Wissen in den Lernräumen, die wir kre­ieren? Und wie kann ein gemein­samer Austausch aus­sehen, in dem wir uns in Selbstkritik und Verantwortungsübername in unserer Praxis üben?

    Das Projekt RADAR von kori­en­tation lädt Anfang Juni Aktive aus der poli­ti­schen Bildungsarbeit zu einer zwei-tägigen Zukunftswerkstatt nach Köln ein. Wir werden gemeinsam diesen Fragen nach­gehen und dabei immer wieder die Verbindung zur Reflektion über Kolonialität bei­be­halten. Wir freuen uns auf euch!

    Ihr könnt euch bis zum 02.04.2023 anmelden.
    Zum Anmeldeformular kommt ihr weiter unten.

    Ziele

    • Reflexion über Identitätskonstruktionen und eigene Verbindung zu ihnen
    • Selbstkritischer Blick auf die eigene Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit
    • Methodenentwicklung zur Thematisierung vom Mythos Vorzeigeminderheit
    • Erkundung von Notwendigkeiten und Möglichkeiten zur Solidarisierung mit ver­schie­denen Positionierungen
    • Materialsammlung für eine kri­tische, deko­lo­niale poli­tische Bildungsarbeit mit Schwerpunkten auf ver­schiedene asia­tische Diasporen entwickeln


    Programm

    Samstag 03.06.Sonntag 04.06.
    10.00- 11.30
    Uhr
    Ankommen, Kennenlernen,
    Thematische Einführung

    Thematischer Input zur Verbindung von kri­ti­schen Perspektiven auf poli­tische Bildung und wieso kolo­ni­al­kri­tische Perspektiven aus­schlag­gebend für das Netzwerktreffen sind.
    Ankommen und Open Space

    Möglichkeit Bedürfnisorientierte Spaces zu gestalten.


    11.45- 13.45Block 1
    Selbstzuschreibung und Identität

    „Ich fühl mich so zwi­schen zwei Stühlen hin- und her­ge­rissen.“
    Wir wollen wissen, wie diese Stühle gebaut werden und wieso Menschen sich so fühlen, als müssten sie einen guten Stuhl für sich finden.
    Block 3
    Interkommunale Solidarität

    Bildungsräume schaffen, die posi­tio­niert arbeiten und sich gleich­zeitig in Solidarität mit anderen Positionierungen treffen.


    Pause
    14.45- 16.45Block 2
    Mythos Vorzeigeminderheit


    Gemeinsam Strategien finden, den Mythos zu the­ma­ti­sieren & auf­zu­decken, wie er die realen Gewalterfahrungen unsichtbar macht, aber auch ver­sucht Asians als Schachfiguren weißer Vorherrschaft ein­zu­setzen. Nicht mit Uns.
    Block 4
    Intervisions- und Reflexionsräume auf­bauen


    Praxisübung zu kol­le­gialer Fallberatung und Aufbau eines regel­mä­ßigen Intervisionstreffens. Austausch zu Räumen der (Selbst-)Kritik und Verantwortungsübernahme.
    Pause
    17.00- 17.30Abschluss und Ausblick Tag 2Abschluss
    Optionales gemein­sames Abendessen


    Ressourcen nach Themenblöcken

    Im Laufe der Zukunftswerkstatt werden wir die Themenblöcke behandeln und die Ressourcen darauf unter­suchen, inwiefern sie mit Theorien, Praktiken und Verständnissen zusam­men­hängen, die gewaltsam durch Kolonialismus eta­bliert wurden.

    Diese Liste wird sich immer weiter mit Ressourcen füllen.

    Allgemein

    Block 1: Selbstzuschreibung und Identität

    Block 2: Mythos Vorzeigeminderheit

    Block 3: Interkommunale Solidarität

    Block 4 Feedback, (Selbst-)Kritik und Reflexion


    Für wen ist die Zukunftswerkstatt

    Sie richtet sich an in der poli­ti­schen Bildungsarbeit aktive BIPoC, die Bezüge zu Nord-/Süd-/Ost-/Südost-/Vorder- oder Zentralasien stra­te­gisch für sich wählen (können), um ihre viel­fäl­tigen Lebensrealitäten sichtbar zu machen und Fragen von Rassismus und anderen Ausschlüssen aus einer spe­zi­fi­schen Perspektive soli­da­risch anzu­sprechen.
    Wenn Du Zweifel hast und nicht weißt, ob diese Selbstbezeichnung für Dich funk­tio­niert oder Du dich dar­unter wie­der­findest, melde Dich gerne bei uns und wir sprechen darüber!

    Anmeldungen

    Ihr könnt Euch bis zum 02.04.2023 für die Zukunftswerkstatt in Köln anmelden.

    Falls mehr Anmeldungen ein­gehen, als wir Plätze ver­geben können, wählen wir nach the­ma­ti­schen Überschneidungen mit der Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit und Wohngebiet aus, da wir eine selbst­or­ga­ni­sierte Schlafplatzbörse anstoßen werden.

    Die Anmeldungen sind geschlossen.

    Unterkunft und Anfahrt

    Die Anfahrtskosten können über­nommen werden. Schlafplätze können wir leider nicht stellen, und werden daher eine selbst­or­ga­ni­sierte Schlafplatzbörse anhand eurer Anmeldungen ein­leiten. Alle Personen, die ange­nommen werden und keine Unterkunft in Köln haben, werden einen Schlafplatz bekommen.
    Für die Leute, die näher an Berlin dran sind: wir werden eine ähn­liche Zukunftswerkstatt im Herbst in Berlin anbieten, stay tuned!

    Barrieren

    • Hinkommen: Die Zukunftswerkstatt wird in der Alten Feuerwache in Köln statt­finden. Die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen sind ca. 5 Minuten zu Fuß ent­fernt. Falls du Parkplätze direkt an der Feuerwache benö­tigst, schreib uns gerne eine Mail.
    • Reinkommen: Wir werden in Räumen sein, die nur durch Treppen zugänglich sind. Die Zukunftswerkstatt ist umsonst.
    • Klarkommen: Wir werden am Anfang eine Accessibility Need Runde (Bedürfnisrunde zu Zugänglichkeit & Barrieren) machen, in der alle ihre Bedürfnisse äußern können, um gut an der Zukunftswerkstatt teil­nehmen zu können.
    • Corona: Wir werden uns alle an beiden Morgen auf Covid selbst­testen. Weitere Hygieneabstimmungen können wir gemeinsam treffen.

    Schreib uns auch gerne im Vorhinein und teil uns mit, was du brauchst, um gut am Treffen teil­nehmen zu können.


    Kontakt
    Falls ihr Fragen oder Unsicherheiten bzgl. der Zukunftswerkstatt habt, kon­tak­tiert uns sehr gerne!
    Team: radar(at)korientation.de 
    Cuso Ehrich: cuso.ehrich(at)korientation.de
    akiko rive: akiko.rive(at)korientation.de



    Credits
    Illustration RADAR Logo: Sophia Brown 


    RADAR ist ein Projekt des kori­en­tation e.V.

    Gefördert von der Bundeszentrale für poli­tische Bildung

    Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der BpB dar.
    Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.

    RAA Berlin Region Nord-Nordwest

    BlogMedienkritikVerein

    Am 16.02.2023 erschien im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Die fal­schen Chinesen zu Dietfurt“ von Lisa Schnell. Für diesen Artikel wurde sehr kurz­fristig der kori­en­tation e.V. um ein Interview ange­fragt und durch unser Mitglied Dr. Kien Nghi Ha beant­wortet. Diese Berichterstattung zeigt lehr­buch­artig auf, wie weite Teile der deut­schen Medien wei­terhin mit ras­sis­ti­schen Phänomenen sowie ras­sis­mus­kri­ti­schen Ansätzen umgehen. – womit sich auch der fol­gende Kommentar unseres Vorstandstandmitglied Su-Ran Sichling beschäftigt, der auch als Offener Brief an die Redaktion der SZ geschickt wird.
    Der SZ-Artikel ver­schwand kurz nach seiner Veröffentlichung hinter einer Paywall. 

    Beobachtungen zu wiederkehrenden Argumentationsmustern in deutschen Medien

    Äußern sich weiße Journalist*innen deut­scher Medien über ras­sis­tische Phänomene – seien es Debatten um ras­sis­tische Sprache in Kinderbüchern oder umstrittene Karnevalspraktiken wie im Artikel „Die fal­schen Chinesen von Dietfurt“ von Lisa Schnell – zeigen sich die immer gleichen Argumentationsmuster. Dass dabei jour­na­lis­tische Genauigkeit auf der Strecke bleiben, ist leider ebenso oft zu beobachten.

    Dieser Kommentar möchte nicht erneut beur­teilen, ob in Dietfurt ras­sis­tische Stereotype repro­du­ziert werden. Vielmehr möchte er die medialen Argumentationsmuster in den Blick nehmen, die bemer­kenswert oft zu beob­achten sind, wenn deutsche (weiße) Medien sich zu Rassismuskritik äußern.

    Zuerst – so der popu­lis­tische Fahrplan der Journalist*innen – müssen gesell­schaft­liche Fronten gezogen werden: Zwischen denen, die lachen und das alles nicht so ernst nehmen (müssen) und all den anderen – die Schreiberin Lisa Schnell weiß anscheinend selbst nicht so genau, wer über­haupt etwas gegen den „Riesenspaß eines Chinesenfaschings“ haben könne: Vielleicht, so ver­mutet die Schreiberin, ließen sie sich unter den größten gemein­samen Nenner des Gendersternchens sub­su­mieren. Gerne werden in Artikeln zu Rassismusvorwürfen alle poli­ti­schen Kämpfe um Feminismus, Gendergerechtigkeit, Antisemitismus und Antirassismus[1] in einen Topf geworfen. Dabei geht es mit­nichten darum, den Kritiker*innen mehr Gewicht oder Stimme zu geben – vielmehr sollen die spe­zi­fi­schen Forderungen der ein­zelnen Kämpfe ent­kräftet werden. So genau will es eine weiße Dominanzgesellschaft aber auch nicht wissen, worum im Einzelnen gekämpft wird. Des Öfteren werden hier auch Begrifflichkeiten ver­wechselt, um dann in Folge, Praktiken der weißen Mehrheitsgesellschaft doch positiv inter­pre­tieren zu können, wie es bei­spiels­weise Ewald Hetrodt in seinem Artikel „Die Angst vor dem schwarzen Mann“[2] vor­nimmt. Hier wird „Blackfacing“ ersetzt durch den Begriff der kul­tu­rellen Aneignung, der – laut Hetrodt – eine stärkere Differenzierung erlaubt, um dann in Folge auch ver­meintlich positive Beispiele von kul­tu­reller Aneignung zu nennen. Was „Blackfacing“ mit kul­tu­reller Aneignung zu tun hat, erschließt sich der Schreiberin dieses Artikels aller­dings nicht.

    Leider kann sich die Schreiberin Schnell nicht einer gewissen Parteilichkeit ver­wehren. Interviewpartner*innen wie der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha werden als größt­mög­liche Krach[-macher] ange­kündigt, denen man aber zu Beginn des Artikels dann lieber doch nicht das Wort geben möchte. „Angemessen“ – so der Artikel – ist es dann eher, zuerst einen Befürworter des Karnevals sprechen zu lassen. Neben der par­tei­ischen Wortwahl hat Schnell aber auch eine grund­le­gende Sache miss­ver­standen: Geht es der weißen Mehrheit bei Rassismusfragen meist darum, die eigene Meinung gelten zu lassen und dass man sich laut Autorin einfach „an einen Tisch setzen sollte“, so stellt sich bei Angehörigen einer dis­kri­mi­nierten Minderheit oft die Frage nach Rassismus als struk­tu­relles Problem. Oft würden sich von Rassismus betroffene Menschen lieber über das Phänomen Rassismus äußern als über per­sön­liche Erfahrungen. Einer weißen Mehrheit ist es anscheinend aber auch nach gedul­digem Erklären (Kien Nghi Ha hat es bewun­derns­werter Weise wieder einmal ver­sucht) nicht möglich nach­zu­voll­ziehen, dass die Benachteiligung in Deutschlands Institutionen, Gesetzen, Schulen und Behördenroutinen pas­siert. Und dass dahinter oft keine indi­vi­duelle, böse Absicht stecken muss, sich also Jede*r immer wieder ver­si­chern kann, dass man ja selbst niemals ras­sis­tisch handeln würde.

    Noah Sow schreibt in diesem Zusammenhang, dass weiße Deutsche von Geburt an u.a. das Privileg haben, jede andere Kultur nach­äffen oder sich in Teilen aneignen zu können. Dass sie auch bestimmen dürfen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen aller Menschen, die nicht weiß sind, zählen.

    Der Artikel von Lisa Schnell offenbart einmal wieder die abwer­tenden medialen Praktiken, die die bestehenden Hierarchien und sozio­kul­tu­rellen Ausschlüsse ver­fes­tigen. Kien Nghi Ha kommt an einer anderen Stelle zu dem Schluss, dass auf­grund dieser weißen medialen Deutungshoheit vielen Menschen mit einer Migrationsbiographie öffent­liche Sichtbarkeit ver­wehrt bleibt. Zwar werden sie mitt­ler­weile gerne von Journalist*innen inter­viewt, aber nur um den humor­losen „Krachmacher*innen“ mit einer Gegenstimme – dem „einzig echten Chinesen von Dietfurt“ – im Nachgang zu beweisen, dass das, was man tut, in keinem Fall ras­sis­tisch ist. Dass sich aller­dings zu allem und jedem immer eine Stimme (die, even­tuell auch sozial, öko­no­misch etc. abhängig ist von der Mehrheitsmeinung) finden lässt, um die Kritik an der Sache zu ent­kräften, dürfte eigentlich klar sein.

    Dass Artikel dieser Art durch die Gegenüberstellung gesell­schaft­licher Fronten oft sehr bewusst einen Aufschrei („…und sie wird wieder los­gehen, die Debatte um den Dietfurter „Chinesenfasching“) pro­vo­zieren wollen, um somit Aufmerksamkeit zu gene­rieren, scheint anscheinend in Krisenzeiten von Printmedien immer wieder das heils­ver­spre­chende Mittel gegen eine schwin­dende Leser*innenschaft. Journalist*innen dieser Medien gehen hier von tra­genden Teilen der Gesellschaft aus, die mehr­heitlich weiß ist. Die, so Hetrodt in oben genanntem Artikel, „regis­trieren, dass das Normale plötzlich skan­da­li­siert und das Vertraute aus dem öffent­lichen Leben gedrängt wird“. Weiter sagt er: „Und sie [die tra­genden Teile der Gesellschaft, Anm.] schauen auf das Bild, das im öffent­lichen Diskurs von dem Staat gezeichnet wird, den sie mit­tragen und mitfinanzieren.“ 

    Hier zeigt sich, dass Medien ein bestimmtes Weltbild kon­stru­ieren und damit auch ver­bundene Normen- und Wertesysteme. Doch: In einer Gesellschaft in der mitt­ler­weile beinahe 30 % der Menschen einen soge­nannten Migrationshintergrund[3] haben (Tendenz steigend) stellt sich die Frage: Welche medial dar­ge­stellte Welt bleibt also heute noch für den Großteil der Menschen nach­voll­ziehbar? Und: Wer sind die tra­genden Teile der Gesellschaft?

    Die Autorin Su-Ran Sichling ist Vorstandsmitglied des kori­en­tation e.V.


    [1] Siehe auch der Artikel „Die kleine Hexenjagd“ von Ulrich Greiner, in: Die ZEIT, 17.01.2013, https://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt?

    [2] Siehe auch der Artikel „Die Angst vor dem schwarzen Mann.“ von Ewald Hetrodt, in: Die FAS, 19.02.2023, https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/blackfacing-an-karneval-mohr-bei-fastnacht-in-hessen-18686690.html

    [3] 2021 lebten in Deutschland rund 22,6 Millionen Menschen mit einem soge­nannten Migrationshintergrund – das ent­spricht 27,5 Prozent der Bevölkerung (2020 lag der Anteil bei 26,7 Prozent), Quelle: Statistisches Bundesamt.