Rostock-Lichtenhagen war für mich ein erneuter Zivilisationsbruch!

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 griffen bis zu Tausend Rechtsextremist*innen zunächst die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) für Asylsuchende an, in der sich vor allem geflüchtete Rom*nja-Familien auf­hielten. Nach der Räumung der ZAST ver­la­gerte sich das Pogrom auf ein Wohnheim für ehe­malige viet­na­me­sische Vertragsarbeiter*innen, das am Abend des 24. August in Brand gesetzt wurde. Die etwa 115 Vietnames*innen, dar­unter Kleinkinder und Hochschwangere, konnten sich zusammen mit einem ZDF-Fernsehteam und dem Rostocker Ausländerbeauftragen mit knapper Not vor dem Tod durch Rauchvergiftung in ein Nachbargebäude retten. Zum Höhepunkt des Pogroms herrschte eine volks­fest­artige Stimmung mit rasch auf­ge­bauten Bier- und Imbissbuden. Bis zu 3.000 Schaulustige beju­belten die ras­sis­tische Gewalt und feu­erten die bun­desweit ange­reisten Täter*innen an. Während die Angegriffenen in der Folgezeit fast alle abge­schoben wurden und die ZAST dau­erhaft geschlossen blieb, verlief die poli­tische Aufarbeitung und straf­recht­liche Verfolgung sehr schleppend. Da während des Pogroms nur wenige beweis­si­chernde Festnahmen erfolgten, wurden am Ende nur 40 Täter*innen meist zu geringen Geld- und Bewährungsstrafen ver­ur­teilt. Am 6. Dezember 1992 beschloss der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU, FDP und SPD das Grundrecht auf Asyl stark einzuschränken.

Anlässlich der Jährung des ras­sis­ti­schen Pogroms von Rostock-Lichtenhagen ver­öf­fent­lichen wir ein Interview mit unserem Mitglied Kien Nghi Ha, das Katharina Dehn von den neuen deut­schen orga­ni­sa­tionen geführt hat. Siehe Originalbeitrag unter: https://neuedeutsche.org/de/artikel/rostock-lichtenhagen-war-fuer-mich-ein-erneuter-zivilisationsbruch

Kien Nghi Ha im Interview am 24.08.2020 mit Katharina Dehn (ndo)

Was sind deine Erinnerungen an Rostock-Lichtenhagen und die Zeit davor und danach?

Ich lebte damals als junger Student der Politikwissenschaft in Berlin und mit der Zeit machte ich mir immer weniger Illusionen über die deutsche Gesellschaft. Ich wuchs eigentlich mit dem Wunsch auf, aner­kannter Teil der deut­schen Gesellschaft zu sein und wollte wie viele Menschen of Color einfach wie selbst­ver­ständlich dazu gehören. Ich wollte Deutschland gerne haben und hier ent­spannt leben.

Aber das Pogrom gegen die viet­na­me­sische Community in Rostock-Lichtenhagen geschah ja nicht im gesell­schaft­lichem und poli­ti­schem Vakuum. Je natio­na­lis­ti­scher der deutsche Wiedervereinigungsprozess eska­lierte und je stärker die ras­sis­ti­schen Exzesse in den Parlamentsdebatten und die auf­het­zende Medienberichterstattung über die angeb­liche „Asylantenflut“ wurden, desto wach­samer und poli­ti­scher wurde ich. Ich habe in dieser Zeit so viel über die Weiße deutsche Gesellschaft gelernt und hatte das Gefühl, erstmals hinter die Maske der liberal-bürgerlichen Idylle zu blicken. Was ich dann in Rostock-Lichtenhagen unge­schminkt sah, war ein ras­sis­ti­scher Abgrund, der blanke Horror. So viel mas­sen­hafter dumpfer Hass gepaart mit dem selbst­ver­liebten Selbstbild als auf­ge­klärte Nation der Dichter, Denker und Biertrinker. Die live im Fernsehen über­tra­genen Bilder von dem bren­nenden Sonnenblumenhaus, das tagelang wie bei einer mit­tel­al­ter­lichen Belagerung sturmreif ange­griffen wurde, waren einfach unfassbar: Es sprengte alles, was ich mir bis dahin vor­stellen konnte im modernen, angeblich so zivi­li­sierten und demokratisch-rechtsstaatlichen Deutschland. Rostock-Lichtenhagen war für mich ein erneuter Zivilisationsbruch! Meine Gefühle waren eine bizarre und wider­sprüch­liche Mischung aus abso­luten Unglauben, Entsetzen, Abscheu, Wut, Trauer, Hilfslosigkeit und Trotz. In der unmit­tel­baren Situation wusste ich mir nicht besser zu helfen als einen Leserbrief an die taz zu schreiben.

Was ich in diesen Jahren eben­falls erlebte und was mich bis heute prägt, war aber auch die Erfahrung in migran­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen Zirkeln von People of Color, dass selbst­or­ga­ni­sierter Widerstand möglich ist, dass wir soli­da­rische Strukturen auf­bauen können und trotz unserer beschränkten Mittel nicht wehrlos sind.

Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee 19 ©KNH 2012
Haben die rassistischen Angriffe von Rostock-Lichtenhagen dich geprägt? Wenn ja, wie?

Die Bilder des Pogroms, das Wissen, wie der Staat und seine Institutionen darauf reagierten bzw. eher nicht reagierten, haben mein Deutschlandbild grund­sätzlich in Frage gestellt. Bereits zu wissen, dass Rostock-Lichtenhagen möglich war und ein neues ras­sis­ti­sches Pogrom jederzeit und überall in Deutschland möglich ist, ver­än­derte die Art und Weise, wie ich mich in Deutschland bewege, fühle und lebe. Ich stellte mir Fragen und schlug mich mit Unsicherheiten und Zweifeln herum, die ich früher nicht hatte. Wo war es noch sicher, wohin konnte ich gehen und wenn ja, wann? Ich machte mir natürlich auch Sorgen um meine Familie und Freund*innen, weil es ja offen­sichtlich war, dass die ras­sis­tische Gewalt all­ge­gen­wärtig ist und wir jederzeit damit rechnen müssen.

Welches Bild von der Polizei hat sich damals für dich ergeben?

Rostock-Lichtenhagen war möglich, weil die regie­rende poli­tische Elite und eine Vielzahl der demo­kra­tisch gewählten Volksvertreter*innen nicht nur kom­plett ver­sagten, sondern ihre dis­kri­mi­nie­renden und unbarm­her­zigen Attacken gegen das Grundrecht auf Asyl einen ras­sis­ti­schen Flächenbrand ent­zün­deten. Die Polizei – wie viele andere staat­liche Institutionen – gaben während des Pogroms ein jäm­mer­liches Bild ab, weil sie so offen­sichtlich hilflos, ori­en­tie­rungslos und kopflos agierte und ihre kom­plette Überforderung die ras­sis­tische Gewalt nicht nur zuließ, sondern auch befeuerte. Trotz wie­der­holter Anforderungen wurden die Einsatzkräfte vom zustän­digen Innenministerium mit viel zu wenig Personal aus­ge­stattet, und es gibt ernst­zu­neh­mende Indizien, dass chao­tische Zustände durchaus ins poli­tische Kalkül passten, um den par­la­men­ta­ri­schen Restwiderstand gegen eine de facto Abschaffung des Asylgrundrechts in der Verfassung zu brechen. 

Gegenwärtig wird das Thema Polizeigewalt und Racial Profiling diskutiert. Was ist dein Wunsch an die Politik und die Polizei heute?

Wir brauchen wis­sen­schaft­liche Studien über das Ausmaß von Racial Profiling nicht nur in der Polizeiarbeit, sondern in allen staat­lichen Institutionen und Verwaltungen. Wie Polizist*innen treffen auch Mitarbeiter*innen in Behörden wie der Arbeitsagentur oder dem Bundesamt für Migration und Integration Entscheidungen, die das Leben von Menschen of Color und Geflüchteten massiv beein­flussen. Daher müssen wir sicher­stellen oder zumindest alle erdenk­lichen Mittel ein­setzen, um den Einfluss von ras­sis­ti­schen Diskriminierungen und Vorurteilen in der öffent­lichen Daseinsfürsorge mög­lichst aus­zu­schließen oder min­destens zu mini­mieren. Dass aber bereits die Zweckmäßigkeit und Legitimität solcher Studien vom Bundesinnenministerium irra­tio­naler Weise ver­neint wird, beweist nur erneut, dass insti­tu­tio­neller Rassismus real exis­tiert. Solche Studien wären auch sinnvoll, um bereits lau­fende Maßnahmen wie Antidiskriminierungstraining und Vermittlung von Diversitätskompetenz ziel­ge­rich­teter und effek­tiver zu machen. Auch muss unver­züglich eine wirklich unab­hängige wie unpar­tei­ische Instanz mit weit­rei­chenden Befugnissen ein­ge­richtet werden, um Beschwerden gegen Polizeiübergriffe und Racial Profiling effektiv auf­zu­klären und ggf. straf­recht­liche Konsequenzen ein­zu­leiten. So weiter zu machen wie bisher macht absolut keinen Sinn, da die Polizei solche Ermittlungen selbst kon­trol­liert. Daher müsste die Arbeit einer neu ein­zu­rich­tenden Ermittlungsinstanz nach dem Beispiel des Rundfunkrats der öffentlich-rechtlichen Medien von einem Gremium kon­trol­liert werden, in dem zivil­ge­sell­schaft­liche Akteure wie Gewerkschaften, Kirchen, Frauenverbände und natürlich auch Migrant*innenselbstorganisationen pari­tä­tisch ver­treten sind.

Wie hast du die damalige mediale Berichterstattung erlebt? Wie schätzt du die mediale Berichterstattung in Bezug auf rassistische Gewalt heute ein? Hat sich aus deiner Sicht etwas verändert? Was muss sich verbessern?

Wie wis­sen­schaft­liche Fallstudien belegen, war die mediale Berichterstattung in den 1990er Jahren in diesem Diskursfeld nicht nur defi­zitär und ein­seitig, sondern zum Teil auch vor­ur­teils­be­lastet und dis­kri­mi­nie­rungs­för­dernd, so dass diese Epoche auch bran­chen­intern nicht als Ruhmesblatt in Erinnerung geblieben ist. Verglichen mit diesem jour­na­lis­ti­schen Tiefstand sieht die mediale Berichterstattung heute zum Teil besser aus, aber um wirklich belastbare und dif­fe­ren­zierte Aussagen zu machen, müssten wir fall- und auch immer kon­text­ab­hängig ana­ly­sieren. Dass es par­tielle Lernprozesse in den deut­schen Redaktionen gegeben hat, liegt auch an der Kritik von post­mi­gran­ti­schen Initiativen wie den „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“. Auch die viel­fäl­tigen Gegennarrationen etwa von People of Color-Initiativen und anti­ras­sis­ti­schen Organisationen, aber auch von Einzelpersonen in den unter­schied­lichsten Formaten im Internet spielen eine Rolle, da sie das Informationsmonopol der eta­blierten Medienhäuser auf­brechen. Im Asiatisch[1]-dia­spo­ri­schen Kontext in Deutschland sind mit Organisationen wie „kori­en­tation – Netzwerk für asiatisch-deutsche Perspektiven“ auch neue Strukturen ent­standen, die eine Plattform für kultur- und medi­en­kri­tische Arbeit etwa zum aktuell viru­lenten Corona-Rassismus gegen Asiatisch mar­kierte Menschen bildet.

Wie sollte die Gesellschaft mit den rassistischen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen umgehen? Was wurde versäumt? Was vermisst oder forderst du? Gibt es irgendetwas Positives, dass du hervorheben möchtest?

In Zeiten, wo kul­tu­relle Dekolonialisierung und die breitere Auseinandersetzung mit insti­tu­tio­nellem Rassismus auf der Tagesagenda steht, wäre es für alle an der Zeit zur Kenntnis zu nehmen, wie unver­ant­wortlich und sträflich ver­nach­läs­sigend die offi­zielle Erinnerungskultur mit dem Gedenken an Rostock-Lichtenhagen immer noch umgeht. Es ist ein böser Witz, wenn Medien und staat­liche Repräsentant*innen 2012 zum 20. Jahrestag erst­malig ein wahr­nehm­bares offi­zi­elles Gedenken insze­nieren, wo Vertreter*innen der lokalen viet­na­me­si­schen Community erst im letzten Moment herbei gekarrt werden, um dann gänzlich stumm als schmü­ckendes Beiwerk zu fun­gieren. So ver­kommt das leere und dis­kri­mi­na­to­rische Gedenken, wo die Betroffenen nicht mal in der Vorbereitungsarbeit ein­be­zogen werden, zu einem bloß sym­bo­li­schen Ritual der poli­ti­schen Entlastung. Damit wird poli­tische Verantwortung nicht über­nommen, sondern abge­führt mit dem Verweis „Wir haben was gemacht“. Statt auf den 30. Jahrestag zu warten, müsste das Gedenken in Form einer kon­ti­nu­ier­lichen Bildungs- und Erinnerungsarbeit erfolgen, die über die historisch-kulturellen Voraussetzungen, den kon­kreten Tatablauf sowie die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Kurz- und Langzeitfolgen des größten Pogroms seit 1945 in Deutschland auf­klärt. Das kann nur eine museale Institution mit Dauerausstellung, beglei­tenden Seminaren und Diskussionen zu ver­wandten Themen wie etwa struk­tu­reller Rassismus in der offi­zi­ellen Erinnerungskultur: Warum gibt es auch nach 40 Jahren immer noch keinen ein­zigen offi­zi­ellen Gedenkort oder Straßennamen für Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu, die am 22. August 1980 in Hamburg von orga­ni­sierten Rechtsextremist*innen ermordet wurden? Sie gelten als die ersten gerichtlich doku­men­tierten ras­sis­ti­schen Mordopfer in der BRD seit 1945. Aber um mit einer posi­tiven Nachricht zu schließen: Erstmalig wird Ende August 2020 die aus Privatpersonen bestehende „Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân“ auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf einen Gedenkstein ein­weihen, da ihre Gräber dort bereits auf­gelöst wurden.

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, arbeitet als Publizist und Dozent in Berlin. Seine Monografie Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“ (tran­script 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 aus­ge­zeichnet. Im Herbst 2020 gibt er die erwei­terte Neuauflage von Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A) heraus. Er ist auch Mitherausgeber von re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007).


[1] Wie bei Schwarz deutet die Großschreibung von Asiatisch an, dass es in diesem Fall nicht als Adjektiv zur regio­nalen Herkunftsbezeichnung benutzt wird, sondern kul­tu­relle Identitätskonstruktionen bezeichnet. Diese sind wie alle Identitäten umkämpft und wider­sprüchlich, da sowohl Praktiken der Selbstbezeichnung als auch Prozesse des Fremdwahrnehmung und des Otherings einfließen.