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“Nachdem mein Vater 1968 als soge­nannter „Gastarbeiter“ nach Deutschland geholt und ich 1977 hier geboren wurde, darf ich immer noch nicht hier wählen. Ich bin Deutscher, ich werde niemals in “die Heimat” zurück­kehren, denn ich bin schon längst da.” Miman Jasarovski, Aktivist und Protagonist von FROM HERE, Mit-Initiator der Kampagne “Passt(t) uns allen”

Das von der Bundesregierung kürzlich ver­ab­schiedete “Chancenaufenthaltsrecht” und die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes sind zwar Schritte in die richtige Richtung, doch noch weit ent­fernt von einem „modernen Einwanderungsland“ von dem Olaf Scholz spricht. Die Zeit ist mehr als reif, um endlich unsere Kampagne “Passt(t) uns allen” zu starten! Die Umsetzung unserer Forderungen ist über­fällig. Seit Jahrzehnten kämpfen Migrant*innen und soli­da­rische Menschen für die Gleichbehandlung aller, die in Deutschland leben. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird.

In Deutschland leben aktuell mehr als 11 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit1,5 Mio von ihnen haben keinen deut­schen Pass, obwohl sie hier geboren sind. Zugleich liegt die Einbürgerungsquote mit unter 2% im unteren Drittel der EU. Wenn Menschen, die seit Jahren hier leben oder hier geboren sind, nicht vor Abschiebung geschützt sind, nicht wählen dürfen und in ihrem Alltag zahl­reichen Beschränkungen unter­liegen, ist das nicht nur unge­recht, sondern auch ein mas­sives Demokratiedefizit! Auch ange­sichts von rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlägen und Alltagsrassismus ist es zentral, dass vor allem jene, die davon betroffen sind, wählen und selbst poli­tische Ämter wahr­nehmen können. Nur wer wählt, zählt.

Wir sind ein Bündnis von rund 30 migran­ti­schen und ras­sis­mus­kri­ti­schen Interessenvertretungen, Selbstorganisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Wir fordern: 

  1. Die deutsche Staatsangehörigkeit für alle Menschen, die in Deutschland geboren sind. 
  2. Das Recht auf eine unbü­ro­kra­tische und kos­tenlose Einbürgerung für alle Menschen, die seit min­destens drei Jahren ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben.
  3. Die Möglichkeit, mehr­fache Staatsangehörigkeiten zu besitzen.
  4. Das aktive und passive Wahlrecht auf Bundes‑, Landes- und kom­mu­naler Ebene für alle Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt seit min­destens drei Jahren in Deutschland haben. 

Unterzeichne unsere Petition, Teile die Petition in deinen Netzwerken, schicke eine E‑mail an Bundestagsabgeordnete und fordere sie auf unsere Forderungen zu unter­stützen oder mache ein Video von dir, warum du die Forderungen unter­stützt und schicke es uns!

Unterzeichne die Petition: https://innn.it/PasstUnsAllen
Kampagnen-Webseite: https://passtunsallen.de

HINTERGRUND

Deutschland hält an dem Abstammungsprinzip fest, wonach ein Kind die Staatsbürgerschaft seiner deut­schen Eltern (oder zumindest eines Elternteils) auto­ma­tisch erhält. Diese Regelung basiert auf dem ras­sis­ti­schen Prinzip der Blutsverwandtschaft (ius san­guinis). Für Kinder aus­län­di­scher Eltern ist die deutsche Staatsangehörigkeit an Voraussetzungen geknüpft. Mindestens ein Elternteil muss seit acht Jahren über ein Aufenthaltsrecht ver­fügen. Diese Praxis ver­hindert, dass tau­sende Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten – und das teil­weise über Generationen hinweg. So sind auch Menschen, die hier geboren wurden, staa­tenlosvon Abschiebung bedroht oder wurden bereits abge­schoben – in Länder, deren Sprache sie oft nicht sprechen, wo sie nie­manden kennen und häufig dis­kri­mi­niert werden. Dass es auch anders möglich ist, zeigen 33 Länder weltweit, in denen ein unein­ge­schränktes Geburtsortprinzip gilt. Das heißt, Kinder, die dort geboren werden, erhalten sofort die Staatsangehörigkeit. Unabhängig von der Staatsangehörigkeit und dem Aufenthaltsstatus der Eltern. 

Wir fordern: Ein uneingeschränktes Geburtsortprinzip – Pass(t) uns allen!

Aktuell sind die Voraussetzungen für eine Einbürgerung unnötig hoch. So können Armut, der Verlust der Wohnung, des Arbeitsplatzes oder das Fahren ohne Fahrschein schon Gründe dafür sein, die Einbürgerung ver­wehrt zu bekommen. Wie schnell die Einbürgerung erfolgt, unter­scheidet sich von Bundesland zu Bundesland – teil­weise von Kommune zu Kommune – und ist von der für den Antrag zustän­digen Person abhängig. Ein häufig lang­wie­riger, demü­ti­gender und intrans­pa­renter Prozess. Doch eine unbü­ro­kra­tische Einbürgerung ist möglich. Das zeigt das Beispiel von Millionen “(Spät) Aussiedler*innen”. Wir sollten von dieser posi­tiven Erfahrung lernen.

Wir fordern die Abschaffung aller Einbürgerungshürden – Pass(t) uns allen!

Die Aufgabe der bis­he­rigen Staatsangehörigkeit/en als Voraussetzung für die Einbürgerung hält derzeit viele Menschen davon ab, sich ein­bürgern zu lassen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es selbst­ver­ständlich ist, dass nicht alle Kinder deutsche Eltern haben, dass Menschen migrieren und bleiben, an meh­reren Orten zu Hause sind und gesell­schaft­liche Prozesse, wo sie sind, mit­ge­stalten. Genauso sollte es selbst­ver­ständlich sein, mehrere Staatsangehörigkeiten zu besitzen. Für viele ist eine dop­pelte Staatsangehörigkeit bereits Alltag und stellt kein grö­ßeres Problem dar. Dass diese Möglichkeit nicht für alle besteht, ist unge­recht und diskriminierend.

Wir fordern Mehrfachstaatsangehörigkeiten – Pass(t) uns allen!

Wer sich ein­bürgern lassen will, muss seit min­destens acht Jahren mit einem unbe­fris­teten Aufenthaltsrecht oder einer auf Dauer ange­legten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland leben. Die Ampel-Koalition hat ange­kündigt, den Erwerb der Staatsangehörigkeit zu ver­ein­fachen und “bei beson­deren Integrationsleistungen” schon nach drei Jahren zu ermög­lichen. Das reicht nicht aus! Der Erwerb der Staatsangehörigkeit darf weder von ver­meint­lichen “Integrationsleistungen” noch vom Aufenthaltsstatus abhängen. Statt einer Hierarchisierung von gesell­schaft­licher Teilhabe und Sondergesetzen, wie dem Asylverfahrens- oder Asylbewerberleistungsgesetz, müssen alle gleiche Rechte haben: Das Recht, ohne Angst vor Abschiebung zu leben, den Wohnort frei wählen zu können, Zugang zu gesund­heit­licher Versorgung zu haben, zu reisen und das Leben selbst­be­stimmt zu gestalten.

Wir fordern ein Recht auf Einbürgerung nach drei Jahren für alle, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben – Pass(t) uns allen!

Selbst wählen zu können oder sich zur Wahl auf­stellen zu lassen, ist der Grundpfeiler einer Demokratie. Alle, die von poli­ti­schen Entscheidungen betroffen sind, müssen diese beein­flussen können, auch wenn sie sich nicht für eine Einbürgerung ent­scheiden. Das Wahlrecht darf nicht von der deut­schen Staatsangehörigkeit, dem Pass abhängen, sondern davon, wo Menschen leben. Bereits seit den 70er Jahren kämpfen Migrant*innen für ein Wahlrecht für alle. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird. 

Wir fordern Wahlrecht für alle – Pass(t) uns allen!

WER WIR SIND 

Wir sind ein Bündnis aus migran­ti­schen und ras­sis­mus­kri­ti­schen Interessenvertretungen, Selbstorganisationen, Initiativen und Einzelpersonen. Zum Bündnis gehören: 

  1. Allerweltshaus Köln e.V. 
  2. Allmende e. V.
  3. BBZ- Beratungszentrum und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migrant*innen 
  4. Bundes Roma Verband 
  5. Bundesverband rus­sisch­spra­chiger Eltern e.V. (BVRE) 
  6. Coach e.V. 
  7. DaMOst 
  8. From Here
  9. In-Haus e.V. 
  10. Initiative – Nicht ohne uns-14 Prozent 
  11. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. (ISD)
  12. International Women Space (IWS)
  13. Jugendliche ohne Grenzen 
  14. kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V 
  15. Lateinamerikanische Fraueninitiative in Neukölln e.V.
  16. MigLoom e.V. 
  17. MigraNetz e.V. 
  18. Migrationsrat Berlin e.V. 
  19. Netzwerk WIR WÄHLEN 
  20. neue deutsche orga­ni­sa­tionen – das post­mi­gran­tische netzwerk e.V.. 
  21. Refugees with Attitudes 
  22. Roma Antidiscrimination Network (RAN) 
  23. Roma Center e.V. 
  24. Roma-Trial 
  25. RomaniPhen e.V. 
  26. Romano Sumnal e.V.
  27. Seebrücke
  28. Statefree e.V.
  29. TBB-Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg 
  30. Trixiewiz e.V. 
  31. Türkische Gemeinde in Deutschland e.V.
  32. With Wings and Roots e.V.

AKTIV WERDEN 

Teile die Petition in deinen Netzwerken, schicke eine E‑mail an Bundestagsabgeordnete und fordere sie auf unsere Forderungen zu unter­stützen oder mache ein kurzes Video von dir, warum du die Forderungen unter­stützt und schicke es uns!

WEITERE INFORMATIONEN

Mehr über uns und die Forderungen auf: https://passtunsallen.de

Zur Petition: https://innn.it/PasstUnsAllen

Kampagenvideo anschauen:

Teil des Bündnisses werden oder Presseanfragen: post@passtunsallen.de 

WEITERE STATEMENTS AUS DEM BÜNDNIS: 

“Das von der Bundesregierung kürzlich ver­ab­schiedete Chancenaufenthaltsrecht und die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes sind zwar Schritte in die richtige Richtung, doch noch weit ent­fernt von einem „modernen Einwanderungsland“ von dem Olaf Scholz spricht. Aus eigener Erfahrung als soge­nannte „Aussiedlerin“, die knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft in Deutschland ein­ge­bürgert wurde, weiß ich, dass eine andere Einbürgerungspraxis möglich ist! Die Umsetzung unserer Forderungen ist über­fällig. Seit Jahrzehnten kämpfen Migrant*innen und soli­da­rische Menschen für die Gleichbehandlung aller, die in Deutschland leben. Es wird Zeit, dass es endlich Realität wird”. Olga Gerstenberger, Politikwissenschaftlerin und Impact Producerin von FROM HERE, Mit-Initiatorin der Kampagne “Pass(t) uns allen”

“Wahlrecht für alle. Demokratie ist das Herz unserer Gesellschaft“. Sanaz Azimipour, Aktivistin, Autorin und Mitgründerin der Kampagne »Nicht ohne Uns 14 Prozent« 

„Seit 25 Jahren sind Bürger*innen mit aus­län­di­schem Pass (EU) kom­munal gleich­be­rech­tigte Wähler*innen und Stadträte. Die Zeit ist überreif für gleiche demo­kra­tische Rechte für Alle.“ Elisa Calzolari, MigraNetz Thüringen & Netzwerk WIR WÄHLEN

„Wir alle werden erst wirklich gesehen und ver­standen, wenn unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt auch akzep­tiert und aner­kannt wird. Dazu gehört selbst­ver­ständlich die Tatsache, dass ein Mensch mehrere Identitäten, mehrere Kulturen und mehrere Sprachen haben kann. Vielfalt zu leben und zu stärken bedeutet darum auch, Zugehörigkeiten Raum zu geben – und das bedeutet damit auch die Anerkennung von Mehrstaatlichkeit.“ Ayşe Demir, Vorstandssprecherin Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg (TBB)

„Menschen ohne staats­bür­ger­liche Rechte leben im per­ma­nenten Ausnahmezustand. Sie werden durch den Staat zu Menschen zweiter Klasse degra­diert. Ohne grund­le­gende Rechte müssen viele Betroffene sich ein Leben lang gegen struk­tu­rellen und insti­tu­tio­nellen Rassismus behaupten. Solange Deutschland ins­be­sondere Migrant*innen und geflüch­teten Menschen aus ehemals kolo­nia­li­sierten Gesellschaften dau­erhaft die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht ver­weigert, ist diese Gesellschaft weder deko­lo­nia­li­siert noch wirklich anti-rassistisch und demo­kra­tisch.” Dr. Kien Nghi Ha, Kulturwissenschaftler und Autor, Mitglied von kori­en­tation – Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V.

„Insbesondere in einer Zeit, in der islam­feind­liche, flücht­lings­feind­liche und ras­sis­tische Aktivitäten zuge­nommen haben und immer mehr Zuspruch und Zulauf aus der soge­nannten Mitte der Gesellschaft erhalten, sollten Menschen, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, die Möglichkeit haben, das Land, in dem sie leben, in dem sie Steuern zahlen, in dem ihre Kinder zur Schule gehen, poli­tisch mit­zu­ge­stalten.“ Ayşe Demir, Vorstandssprecherin Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) 

„Ich sage immer: Andere Leute haben eine Karriereleiter, und bei uns ist das wirklich ein bisschen so eine Aufenthaltsleiter. Man klettert da hoch, und dann gibt es die Duldung, dann gibt es Asyl, Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis. Und irgendwann schafft man es da hoch.“ Christiana Bukalo – Social Change Maker, Speakerin & Co-Gründerin, Statefree e.V.

“Uns ging und geht es nicht darum, „inte­grierte“, gut aus­ge­bildete, brauchbare Jugendliche zu werden, sondern darum, dass alle Menschen, die hier leben, ein Bleiberecht bekommen – egal, ob sie für diese kapi­ta­lis­tische Gesellschaft brauchbar oder ob sie alt oder krank sind oder kein Deutsch können, weil sie jah­relang in Lagern gelebt haben”. Mohammed Jouni, Mit-Gründer von Jugendliche ohne Grenzen

BlogPolitikVeranstaltungen

ENGLISH VERSION CLICK HERE

IN MEMORY, IN RESISTANCE

Gedenken an die Opfer des rassistischen & sexisistischen Anschlags in der Gegend um Atlanta vom 16.03.2021

Am 16. März jährt sich der ras­sis­tische & sexis­tische Anschlag auf Spa-Mitarbeiter*innen in der Gegend um Atlanta, Georgia/USA. Wir, als Teil der asia­ti­schen Diaspora in Deutschland, wollen den Anlass nehmen, um zusam­men­zu­kommen & eine Mahnwache in Gedenken an die acht Opfer, von denen sechs asia­tische Frauen waren, & im Kampf gegen die kapi­ta­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen & sexis­tisch patri­ar­chalen Strukturen, in den USA, Deutschland & global zu halten.

In Gedenken an Daoyou Feng, Hyun Jung Grant, Suncha Kim, Soon Chung Park, Xiaojie Tan, Yong Ae Yue, Delaina Ashley Yaun, Paul Andre Michels.

Mahnwache

In Solidarität mit den Opfern & deren Angehörigen ver­an­stalten wir eine Mahnwache mit Redebeiträgen & Performances:

WANN: Samstag, den 19. März 2022 von 13:00 bis 15:30 Uhr
WO: an der Friedensstatue in Berlin-Moabit (Ecke Birkenstraße/Bremer Straße) 

Zur Mahnwache sind alle Menschen herzlich eingeladen!

Außerdem wird es nach den Redebeiträgen & Performances einen Community Space geben. Zu diesem Community Space laden wir alle Menschen herzlich ein, die negativ von Rassismus gegen ost­asia­tisch und süd­ost­asia­tisch gelesene Menschen betroffen sind, um sich bei Tee, Snacks & Musik ken­nen­zu­lernen, aus­zu­tau­schen & zu vernetzen.

Wir freuen uns sehr, euch alle zahl­reich auf der Mahnwache & auch auf dem Community Space zu sehen!

Bitte teilt die Infos zur Mahnwache! Dieser Veranstaltungstext wird noch in wei­teren Sprachen übersetzt.

UNTERSTÜTZT DIE ORGA-GRUPPE

Zudem wird für die Organisation der Mahnwache noch dringend Unterstützung gebraucht! Insbesondere Allies / Verbündete sind hier ange­sprochen ange­messene Aufgaben zu über­nehmen. Auf Instagram (u.a. bei @storiesbythuy und @korientation) gibt es einen Aufruf mit Aufgabenliste & Awareness-Konzept. 

Bei Interesse & Kapazitäten für Unterstützung & bei Rückfragen, meldet euch gerne bei uns unter:
in-memory-in-resistance@riseup.net 

ORGANISATOR*INNEN

Die Mahnwache wird von Einzelpersonen der asia­ti­schen Diaspora orga­ni­siert. „Wir sind eine kleine Gruppe von asiatisch-diasporischen Menschen aus Berlin. Wir stellen uns gegen die kapi­ta­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen und sexistisch-patriarchalen Strukturen in den USA, Deutschland und global.“ 

(Dies ist keine Veranstaltung von kori­en­tation, wird aber von kori­en­tation unterstützt.)

kori­en­tation ver­weist auf den Offenen Brief gegen anti-asiatischen Rassismus, der einen Monat nach dem Anschlag am 16.04.2021 ver­öf­fent­licht wurde.


English Version

In Memory, In Resistance

Remembering the victims of the racist and sexist attack in the Atlanta area on March 16, 2021.

March 16 marks the one-year anni­versary of the racist and sexist attack on spa workers in the Atlanta area, Georgia/USA. We, as part of the Asian dia­spora in Germany, want to take the occasion to come tog­ether and hold a vigil in memory of the eight victims, six of whom were Asian women, and in resis­tance against the capi­talist, racist, and sexist patri­archal struc­tures in the USA, Germany, and globally.

In memory of Daoyou Feng, Hyun Jung Grant, Suncha Kim, Soon Chung Park, Xiaojie Tan, Yong Ae Yue, Delaina Ashley Yaun, Paul Andre Michels.

VIGIL

In soli­darity with the victims and their families, we will hold a vigil with speeches and per­formers (the speakers and per­formers will be announced soon).

DATE: Saturday, March 19, 2022 from 1:00 to 3:30 pm
WHERE: at the Statue of Peace / Friedensstatue in Berlin-Moabit (corner of Birkenstraße and Bremer Straße)

In addition, there will be a com­munity space after the speeches and per­for­mances. To this com­munity space we warmly invite all people who are nega­tively affected by racism against East Asian- and Southeast Asian-perceived people to meet, exchange and connect over tea, snacks, and music.

We are very much looking forward to seeing you all in large numbers at the vigil and also at the Community Space! Please spread the news and share the info about the vigil! 

This call text will also be trans­lated into other lan­guages. More infor­mation will follow.

SUPPORT NEEDED

Moreover, support is still urgently needed for the orga­nization of the vigil. Allies in par­ti­cular are addressed here to take on appro­priate tasks.In the pre­vious Instagram post (among others at @storiesbythuy and @korientation) there is a call with a task list and our awa­reness concept. 

If you are inte­rested and have capacity for support, as well as any ques­tions, feel free to contact us at:
in-memory-in-resistance@riseup.net

ORGANIZERS

This vigil is orga­nized by indi­vi­duals from the Asian dia­spora in Germany. „We are a small group of Asian-diasporic people from Berlin. We oppose the capi­talist, racist and sexist patri­archal struc­tures in the US, Germany and globally.“

(Note: This is not orga­nized by kori­en­tation. We support the vigil and the cause.)

We include a link to the Open Letter against anti-asian racism that was published one month after the attack on April 16, 2021.

Blog

von Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer, Christopher Nguyen 


Antiasiatischer Rassismus exis­tiert nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Basierend auf tat­säch­lichen und ima­gi­nierten Besuchen Asiens,[1] haben seit dem 13. Jahrhundert Europäer*innen Narrative kon­struiert und ver­breitet, die bis heute wirk­mächtig sind. In ihnen erscheinen Asiat*innen als „anders“, „exo­tisch“ und „gefährlich“.[2] Auch in Deutschland lässt sich anhand von his­to­ri­schen Beispielen eine klare Kontinuität und Systemimmanenz von anti­asia­ti­schem Rassismus auf­zeigen.[3]

So wurde bei­spiels­weise die Errichtung der deut­schen Kolonie Kiautschou 1897 zeit­ge­nös­sisch mit der angeb­lichen Überlegenheit der Deutschen gegenüber den Chines*innen innerhalb eines ras­sis­ti­schen Systems und dem Ziel der christ­lichen Missionierung und soge­nannten Zivilisierung „im Namen einer höheren Gesittung“ legi­ti­miert.[4] Wenige Jahre später, am 27. Juli 1900, argu­men­tierte Kaiser Wilhelm II. in seiner „Hunnenrede“ zum Abschied deut­scher Marinesoldaten, die zur Bekämpfung des „Boxeraufstands“ (1899–1901) nach China geschickt wurden, dass die Chines*innen mit ihrem Akt des Widerstands gegen die Kolonialmächte ihr Recht auf Leben ver­wirkt hätten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialist*innen waren auch die damals in Deutschland lebenden Chines*innen unmit­telbar von der NS-Rassenpolitik betroffen: Sie wurden aus­ge­wiesen oder in Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager ver­schleppt und dort ermordet.[5]

Als schwer­wie­gendste Fälle anti­asia­ti­scher Gewalt nach 1945 sind die Pogrome in Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 in das kol­lektive Gedächtnis asia­ti­scher Deutscher ein­ge­gangen. Wohngebäude, in denen eine größere Anzahl von Vietnames*innen lebte, wurden unter den Augen applau­die­render Zuschauer*innen von gewalt­tä­tigen Rechtsradikalen ange­griffen. Die Polizei wartete in beiden Fällen tagelang, bis sie gering­fügig ein­griff. Die ver­ant­wort­lichen Politiker*innen kapi­tu­lierten vor der rechten Gewalt und ließen in beiden Fällen die Angegriffenen eva­ku­ieren, statt für die Verhaftung der Angreifer*innen zu sorgen. Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sind dabei nicht nur als eine Folge der Vereinigungspolitik ein­zu­ordnen, sondern als Ausdruck einer kon­ti­nu­ier­lichen Existenz von Rassismus in der deut­schen Bevölkerung.[6]

Eine Anerkennung dieser spe­zi­fi­schen Form struk­tu­reller Diskriminierung erfolgte jedoch erst in jüngster Zeit. Beispielsweise sind die ras­sis­tisch moti­vierten Morde an Nguyen Ngọc Chau und Do Anh Lan, die am 20. August 1980 in Hamburg bei einem von Rechtsterroristen ver­übten Brandanschlag starben, bis heute kaum bekannt.[7] Während die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen noch als situa­ti­ons­be­zogene „Fremdenfeindlichkeit“ gegenüber „Ausländer*innen“ galten, wird im Kontext der Corona-Pandemie, die weltweit mit stei­gender ras­sis­ti­scher Diskriminierung und Übergriffen auf asia­tisch gelesene Menschen ein­herging, nun ver­mehrt über anti­asia­ti­schen Rassismus in Deutschland gesprochen.

Asiatisch gelesene Menschen in Deutschland sind in wider­sprüch­licher Weise sowohl von posi­tivem als auch nega­tivem Rassismus betroffen. Einerseits werden sie vielfach als „Vorzeigemigrant*innen“ beschrieben und gegen andere (post)migrantische Gruppen aus­ge­spielt; ande­rer­seits werden sie als homogene Masse dar­ge­stellt, von der eine Gefahr für die Weiße[8] Mehrheitsgesellschaft ausgehe. Antiasiatischer Rassismus in Deutschland umfasst unter­schied­liche Formen von Gewalt. Diese reichen von ver­balen Mikroaggressionen über struk­tu­relle Diskriminierung bis hin zu kör­per­lichen Angriffen und Morden. In Kitas und Schulen werden Kinder in Lehrbüchern und bei Festen mit ras­si­fi­zierten Missrepräsentationen von „asia­ti­schen Körpern“ und „asia­ti­scher Kultur“ kon­fron­tiert.[9] Dabei unter­scheiden sich die in Populärkultur und medialer Berichterstattung weit ver­brei­teten ras­si­fi­zierten Zuschreibungen auch nach Geschlecht: So werden asia­tisch gelesene Frauen sexua­li­siert, exo­ti­siert und infan­ti­li­siert, Männer dagegen desexua­li­siert und femi­ni­siert.[10]

Diese bereits bestehenden Muster ver­stärkten sich im Kontext der Corona-Pandemie. So berichten asia­tisch gelesene Menschen ver­mehrt von kör­per­lichen Übergriffen im öffent­lichen Raum und fühlen sich phy­sisch und sozial gemieden.[11] Um diese und ähn­liche Entwicklungen wis­sen­schaftlich zu erfassen, sammelt das Kooperationsprojekt „Soziale Kohäsion in Krisenzeiten. Die Corona-Pandemie und anti-asiatischer Rassismus in Deutschland“ seit August 2020 Daten über die gesell­schaft­liche Wahrnehmung von asia­tisch gele­senen Menschen und die Auswirkungen der Pandemie auf diese Wahrnehmungen. Unser Beitrag nutzt die Ergebnisse einer dabei Ende August 2020 umge­setzten Umfrage, um anti­asia­ti­schen Rassismus in Deutschland anhand von aktu­ellen Beispielen zu skiz­zieren, diese mit his­to­ri­schen Entwicklungen zu ver­knüpfen sowie Leerstellen hin­sichtlich der Prävention, Dokumentation und Bekämpfung von anti­asia­ti­schem Rassismus in Deutschland auf­zu­zeigen.[12]

Geschichten asiatischer Migration

Asien ist der größte und ein­woh­ner­stärkste Erdteil, der durch eine Vielzahl von Migrationsströmen geprägt ist. Daher stellt sich die Frage, von wem die Rede ist, wenn wir über „Asiat*innen“ sprechen. Menschen aus Westasien, etwa aus Iran, werden in Deutschland eher als mus­li­misch denn als asia­tisch wahr­ge­nommen, Menschen aus Zentralasien eher mit der ehe­ma­ligen Sowjetunion ver­knüpft. Hinsichtlich des anti­asia­ti­schen Rassismus unter­scheiden sich die Stereotypen und Vorurteile wie­derum zwi­schen Südasien (zum Beispiel Indien), Südostasien (zum Beispiel Indonesien) und Ostasien (zum Beispiel China). Antiasiatischer Rassismus ist dabei kon­text­ab­hängig – er unter­scheidet sich etwa in Großbritannien und Deutschland – und his­to­risch gewachsen. Vielfach wird er über ein­zelne, medial prä­sente Herkunftsländer ver­mittelt. Auf die Frage, welche Gruppen man mit Personen aus Asien ver­binde, ant­wor­teten in unserer Befragung 75 Prozent der Befragten mit Personen aus China, 46 Prozent mit Personen aus Japan und 13 bis 15 Prozent jeweils mit Personen aus Thailand, Südkorea, Indien und Vietnam. Westasiatische Länder wie Iran und Afghanistan wurden von weniger als zwei Prozent genannt und nur gering­fügig mit Asien assoziiert.

Die poten­ziell von anti­asia­ti­schem Rassismus betroffene soziale Gruppe in Deutschland besteht aus unter­schied­lichen Generationen und ist hete­rogen in Hinsicht auf sozio­öko­no­mische Hintergründe und Migrationsgeschichten. Die beiden Gruppen, die am ehesten mit Ländern aus Asien ver­bunden wurden, sind dabei nicht die zah­len­mäßig stärksten Gruppen – Personen aus Japan sind zah­len­mäßig deutlich weniger ver­treten als Personen aus Vietnam (Tabelle).

Tabelle: Anzahl von Personen asia­ti­scher Herkunft und ihrer Nachkommen in Deutschland. Die Tabelle umfasst alle Gruppen aus Süd‑, Südost- und Ostasien, die Separat aus­ge­wiesen sind und mehr als 30.000 Personen umfassen. Die Zahlen wurden auf 1.000 gerundet. (© Mikrozensus 2016)

Ein wich­tiger Teil asia­ti­scher Migrationsgeschichten ist die staatlich orga­ni­sierte Arbeitsmigration in die Bundesrepublik seit Ende der 1950er Jahre. Neben einigen Hundert japa­ni­schen und 8.000 korea­ni­schen Bergarbeitern immi­grierten ab 1966 auch mehr als 10.000 korea­nische Krankenschwestern. Weitere Krankenschwestern aus Indien, Indonesien und den Philippinen folgten.[13] Als sich nach dem Anwerbestopp 1973 die Rücksendeabsicht der Bundesregierung abzeichnete, erkämpfte die Koreanische Frauengruppe in Deutschland mit einer Unterschriftenaktion 1978 erfolg­reich ihr Bleiberecht.[14] Seit dem 1. März 2020 werden im Rahmen des neuen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes medi­zi­nische Pflegekräfte aus den Philippinen und Vietnam ange­worben, erneut ohne die recht­liche Perspektive auf dau­er­hafte Niederlassung. Die Geschichte der Diskriminierung asia­ti­scher Arbeitsmigrant*innen droht, sich zu wiederholen.

Zusätzlich migrierten vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der viet­na­me­si­schen Wiedervereinigung ab 1975 über 40.000 Geflüchtete aus Vietnam in die Bundesrepublik. Tausende waren mit Booten über das Südchinesische Meer geflüchtet und wurden daher als „Boat People“ bezeichnet. Als Kontingentflüchtlinge erhielten sie und nach­ge­zogene Familienmitglieder einen unbe­fris­teten Aufenthaltstitel.[15]

Ein wei­terer Teil kol­lek­tiver viet­na­me­si­scher Migrationsgeschichte ist die von der DDR staatlich orga­ni­sierte Arbeitsmigration ab 1980. Die Vertragsarbeiter*innen, dar­unter ein Drittel Frauen, waren im Maschinenbau sowie in der Leicht- und Schwerindustrie beschäftigt. Sie sollten, ähnlich wie die Arbeitsmigrant*innen in der Bundesrepublik, für eine fest­ge­legte Zeit dort arbeiten und sich nicht dau­erhaft nie­der­lassen. 1989 lebten und arbei­teten fast 60.000 viet­na­me­sische Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Bilaterale Abkommen wurden in gerin­gerem Umfang auch 1982 mit der Mongolei sowie 1986 mit China und Nordkorea abge­schlossen.[16] Nach der Wende blieben knapp ein Drittel der viet­na­me­si­schen Vertragsarbeiter*innen in Deutschland, viele von ihnen kämpften jah­relang um Aufenthaltsgenehmigungen und ihre Existenzsicherung, bis 1997 mit der zweiten Bleiberechtsregelung im deut­schen Ausländergesetz eine recht­liche Grundlage dafür geschaffen wurde.[17]

Die Geschichte der chi­ne­si­schen Communities in Deutschland ist ins­be­sondere für die Metropolen Hamburg und Berlin seit dem Ende des 19. Jahrhunderts doku­men­tiert. Um 1900 arbei­teten mehrere Tausend chi­ne­sische Heizer und Seeleute auf deut­schen Dampfschiffen und ließen sich ab 1919 in Hamburg nieder, eröff­neten Geschäfte, Restaurants und grün­deten Familien. In den 1920er und 1930er Jahren stu­dierten pro­mi­nente chi­ne­sische Intellektuelle wie zum Beispiel der spätere Premierminister Zhou Enlai in Berlin.[18] Nach dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in der Volksrepublik China unter Deng Xiaoping kamen ab 1980 immer mehr chi­ne­sische Studierende nach Berlin, gegen­wärtig stellen Chines*innen an vielen deut­schen Universitäten die größte Gruppe an aus­län­di­schen Studierenden.[19] Zudem leben Kulturschaffende, Wissenschaftler*innen und Geschäftsleute aus der Volksrepublik, Taiwan und Hongkong ins­be­sondere in Berlin und haben dort Strukturen zur kul­tu­rellen Selbstrepräsentation wie das „Times Art Center“ eta­bliert, die für die Etablierung von Gegenperspektiven zu ras­sis­ti­schen Narrativen not­wendig sind.

Antiasiatischer Rassismus und Covid-19

Die Verstärkung von anti­asia­ti­schem Rassismus im Kontext der Corona-Pandemie lässt sich vor dem Hintergrund (post)kolonialer Narrative zu „Asien“ his­to­risch ein­ordnen. Seit dem 19. Jahrhundert wird die „Gelbe Gefahr“ mit der Entstehung und Verbreitung von Epidemien wie der Pest, in der jün­geren Vergangenheit mit Infektionskrankheiten wie Sars (severe acute respi­ratory syn­drome) ver­knüpft.[20] Das biologisch-medizinische Phänomen einer Pandemie wird ras­si­fi­ziert und kul­tu­ra­li­siert; Ess‑, Wohn- und Hygienegewohnheiten werden als Teil einer ima­gi­nierten „asia­ti­schen Kultur“ für die Entstehung und Verbreitung von Pandemien ver­ant­wortlich gemacht. Der his­to­rische und der aktuelle Diskurs unter­scheiden sich jedoch in einem Aspekt: Während China früher als „tra­di­tionell“, „unzi­vi­li­siert“ und „unter­ent­wi­ckelt“ ein­ge­ordnet wurde, wird das Land inzwi­schen als eine für Europa öko­no­misch, geo­po­li­tisch und tech­nisch gefähr­liche Konkurrenz bewertet.[21]

Wenn also der „Spiegel“ seine Ausgabe zur Corona-Pandemie am 1. Februar 2020 mit dem Schriftzug „Made in China. Wenn die Globalisierung zur töd­lichen Gefahr wird“ in gelber Farbe betitelt, drängen sich Vergleiche zu kolo­nialen Narrativen unmit­telbar auf. Ähnliche Zuschreibungen erfolgten auch in anderen deutsch­spra­chigen Medienbeiträgen zu Covid-19 implizit oder explizit.[22] Auf der Straße und im Internet wird asia­tisch gele­senen Menschen zudem will­kürlich ein „Chinesischsein“ zuge­schrieben, um sie auf eine ver­meintlich nied­rigere soziale Position zu ver­weisen bezie­hungs­weise ihnen eine Existenz in Deutschland abzu­sprechen. Auch die Erinnerungstafel für chi­ne­sische NS-Opfer in der Hamburger Schmuckstraße, in deren Nachbarschaft sich in den 1920er und 1930er Jahren das „Chinesenviertel“ Hamburgs befand, wurde nach dem Beginn der Corona-Pandemie von Unbekannten stark beschädigt.[23] Als Reaktion auf diese anti­asia­ti­schen Narrative und Übergriffe bildete sich aber auch medialer Widerstand. So ging bei­spiels­weise im Mai 2020 die von asia­tisch gele­senen Menschen initi­ierte inter­aktive, digitale Plattform „Ich bin kein Virus“ online.[24]

Die seit dem Beginn der Pandemie von asia­tisch gele­senen Menschen erlebten Ausgrenzungen sind keine Einzelfälle. So ist es in Anbetracht der stark auf China fokus­sierten medialen Diskussion nicht über­ra­schend, dass etwa 29 Prozent der Befragten die Verantwortlichkeit für die Corona-Pandemie zumindest teil­weise in Asien – und dort ins­be­sondere in China – sehen. Diese Einschätzung kann nicht ohne weitere Informationen als anti­asia­ti­scher Rassismus ein­ge­stuft werden, weist jedoch auf eine deut­liche Verknüpfung der Pandemie mit Asien hin. Eine expli­zitere Verbindung zwi­schen nega­tiven Stereotypen und zuge­schrie­bener Verantwortlichkeit zeigt sich in der Annahme, dass asia­tische Essgewohnheiten, etwa der ver­mutete Konsum von Fledermäusen, und man­gelnde Hygienebedingungen, zum Beispiel durch soge­nannte wet markets, auf denen Obst und Gemüse, frisch her­ge­stellte Lebensmittel wie Nudeln, Sojaprodukte und Brotfladen, Fisch und Fleisch, zum Teil auch lebendes Geflügel und Seetiere ver­kauft werden, zum Ausbruch der Pandemie geführt hätten. Diese Wahrnehmung haben immerhin zehn Prozent aller Befragten.

In unserer Umfrage zeigte sich zudem, dass asia­tisch gelesene Menschen (wei­terhin) oft als „Vorzeigemigrant*innen“ wahr­ge­nommen werden. Während wir sub­stan­zielle Differenzen in der Wahrnehmung von mus­li­mi­schen Menschen und Deutschen ohne Migrationshintergrund finden, gibt es grund­sätzlich keinen sta­tis­tisch sicheren Unterschied zwi­schen der Beurteilung von asia­tisch gele­senen Menschen und Deutschen ohne Migrationshintergrund. Durch die Pandemie scheint sich dieses Verhältnis zu ändern. So zeigen unsere Ergebnisse, dass Menschen, die die Verantwortung für die Pandemie in Asien ver­orten, asia­tisch gelesene Menschen auch innerhalb Deutschlands grund­sätzlich nega­tiver wahr­nehmen. Obwohl dabei keine klare kausale Abfolge zwi­schen der Zuschreibung der Verantwortlichkeit und nega­tiven Wahrnehmungen getestet werden konnte, legen die Ergebnisse nahe, dass der Kontext der Pandemie anti­asia­ti­schen Rassismus akti­viert oder zumindest sichtbar(er) gemacht hat.

Neben Veränderungen der all­ge­meinen Wahrnehmung von asia­tisch gele­senen Menschen inter­es­sierte uns auch, inwiefern die Corona-Pandemie den all­täg­lichen Umgang mit­ein­ander ver­ändert hat. Deshalb wurden auch Alltagssituationen ana­ly­siert, etwa die Platzwahl in öffent­lichen Verkehrsmitteln. Dabei wurden die Befragten mit der Situation kon­fron­tiert, zwi­schen einem Platz neben einem asia­tisch und einem als der „Normalbevölkerung“ ange­hörig gele­senen Menschen aus­wählen zu können.

Auch hier zeigte sich, dass die Corona-Pandemie das Verhalten der Menschen beein­flusst. Konfrontiert mit der Alltagssituation vor der Pandemie, wählten 51 Prozent aller Befragten den „asia­ti­schen“ Sitznachbarn. Diese Auswahl lässt sich von einer zufäl­ligen Entscheidung sta­tis­tisch nicht unter­scheiden, sodass – im Gegensatz zur Wahl anderer Sitznachbarn mit Migrationshintergrund[25] – keine klaren Ausgrenzungsmuster iden­ti­fi­ziert werden können. Anders verhält es sich unter Corona-Bedingungen. Waren Menschen mit Masken abge­bildet, wählten nur noch 46 Prozent aller Befragten den Sitzplatz neben den asia­tisch gele­senen Menschen, sodass ein Vermeidungsverhalten iden­ti­fi­ziert werden kann. Dieses Verhalten war besonders unter Menschen, die der AfD nahe­stehen, präsent. Sie bevor­zugten unter Corona-Bedingungen zu fast 70 Prozent einen Weißen Sitznachbarn, während im Szenario ohne Maske dieser Anteil bei 53 Prozent liegt.

Die Ergebnisse dieser Umfrage zeigen, wie wider­sprüchlich, hete­rogen, aber auch fragil und kon­text­ab­hängig die Wahrnehmung asia­tisch gele­sener Menschen in der deut­schen Gesellschaft ist. Im Vergleich zu anderen (post)migrantischen Gruppen erleben sie weniger häufig direkte Ablehnung und Ausgrenzung und werden von der „Normalbevölkerung“ posi­tiver wahr­ge­nommen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, wie unsicher dieser Zustand ist. Bestehende Vorurteile und Ablehnungen können in realen oder ima­gi­nären Krisensituationen schnell akti­viert werden und zu kleinen und großen Ausprägungen von anti­asia­ti­schem Rassismus führen.

Ausblick

Die struk­tu­relle Basis von Rassismus in der deut­schen Gesellschaft lässt ver­muten, dass auch zukünftig mit Ausbrüchen kol­lek­tiver anti­asia­ti­scher ras­sis­ti­scher Gewalt gerechnet werden muss.

Das Fortwähren von ras­si­fi­zierten Zuschreibungen und deren Wirkungsweisen lässt sich unter anderem auf den Mangel an inhalt­licher und per­so­neller Diversität in Institutionen zurück­führen. Dieser besteht ins­be­sondere in Hinsicht auf die Repräsentation von asia­ti­scher Migration in der Wissenschaft, in Bildungsinstitutionen und ‑for­maten, in den Medien und in der Kultur. Ohne die Schließung dieser Leerstellen lässt sich auch keine Sensibilisierung der Öffentlichkeit gegenüber anti­asia­ti­schem Rassismus nach­haltig gestalten, da sich kein Grundwissen eta­blieren kann. Zudem wurde die deutsche Kolonialpolitik in China zwar zum Teil wis­sen­schaftlich unter­sucht,[26] jedoch poli­tisch nicht aufgearbeitet.

Knapp zwei Wochen nach den ras­sis­tisch moti­vierten Morden in Hanau am 19. Februar 2020 wurde beim elften Integrationsgipfel im Bundeskanzleramt die Einrichtung eines Kabinettsausschusses gegen Rechtsextremismus und Rassismus beschlossen. Die Interessen der asiatisch-deutschen Communities sind durch den Verein „Korientation“ in der Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen in diesem Ausschuss ver­treten. Diese Vertretung ist ein erster Schritt einer Repräsentation auf der bun­des­po­li­ti­schen Ebene.

Knapp eine Million asia­tische Deutsche und Asiat*innen leben in Deutschland und sind poten­ziell von anti­asia­ti­schem Rassismus betroffen. Antiasiatischer Rassismus ist dabei nicht nur für asiatisch-gelesene Menschen relevant, sondern Teil und Symptom eines gesell­schaft­lichen, wirt­schaft­lichen, poli­ti­schen und kul­tu­rellen Systems. Dieses wird von hier lebenden Menschen vor dem Hintergrund eines spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Kontextes repro­du­ziert. Die Verstärkung der Diskriminierung von asia­tisch gele­senen Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie macht eine öffent­liche Positionierung von poli­ti­schen Handlungsträger*innen und letztlich jeder Person, die Zeug*in einer Diskriminierung wird, not­wendig. Weitere Studien und eine sys­te­ma­tische Dokumentation von anti­asia­ti­schem Rassismus sind zudem unab­dingbar, um diesen wir­kungs­voller bekämpfen zu können.

Wir danken Noa K. Ha und Jonas Köhler für die hilf­reichen Anregungen und Kommentare zu diesem Beitrag.

Fußnoten

1 Die Begriffe „Asien“ und „asia­tisch“ werden sowohl als Kenntlichmachung einer Imagination Europas bzw. als Fremdzuschreibung durch Europäer*innen und andere Personen als auch für Menschen genutzt, die sich selbst als „asia­tisch“, „asia­tische Deutsche“ oder „asiatisch-diasporisch“ bezeichnen.

2 Vgl. Michael Keevak, Becoming Yellow. A Short History of Racial Thinking, Princeton–Oxfordshire 2011.

3 Rassismus wird in diesem Beitrag nicht als per­sön­liche oder poli­tische Einstellung, sondern als „insti­tu­tio­na­li­siertes System, in dem soziale, wirt­schaft­liche, poli­tische und kul­tu­relle Beziehungen für weißen Alleinherrschaftserhalt wirken“, ver­standen. Noah Sow, Rassismus, in: Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.), (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kri­ti­sches Nachschlagewerk, Münster 2019, S. 37.

4 Zit. nach Mechthild Leutner/Harald Bräuner, „Im Namen einer höheren Gesittung“. Die Kolonialperiode, 1897–1914, in: Mechthild Leutner/Dagmar Yü-Dembski (Hrsg.), Exotik und Wirklichkeit. China in Reisebeschreibungen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1990, S. 41–52.

5 Vgl. Kien Nghi Ha, Chinesische Präsenzen in Berlin und Hamburg bis 1945, in: ders. (Hrsg.), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond, Berlin–Hamburg 2012, S. 280–287; Dagmar Yü-Dembski, Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus. Ein wei­teres Kapitel ver­drängter Geschichte, in: Bürgerrechte & Polizei 3/1997, S. 70–76.

6 Vgl. Noa K. Ha, Vietdeutschland und die Realität der Migration im ver­einten Deutschland, in: APuZ 28–29/2020, S. 30–34; Dan Thy Nguyen, Rechte Gewalt, die DDR und die Wiedervereinigung, in: Bengü Kocatürk-Schuster et al. (Hrsg.), Unsichtbar. Vietnamesisch-Deutsche Wirklichkeiten, Köln 2017, S. 6–23.

7 Vgl. Gedenken an ersten offi­zi­ellen ras­sis­ti­schen Mord nach 1945, 24.8.2020, http://www.migazin.de/2020/08/24/vor-40-jahren-gedenken-an-ersten-offiziellen-rassistischen-mord-nach-1945«. Siehe auch die Initiative für ein Gedenken an Nguyen Ngọc Chau und Do Anh Lan, https://inihalskestrasse.blackblogs.org/author/inihalskestrasse«.

8 „Weiß“ wird hier groß­ge­schrieben, um auf die Konstruiertheit von Ethnizität zu verweisen.

9 Vgl. „Kostüme sind nicht unschuldig“. Interview mit Noa K. Ha, 8.2.2018, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018–02/noa-k-ha-karneval-kolonialismus-interview«.

10 Zum aktu­ellen Kontext vgl. Sumi K. Cho, Converging Stereotypes in Racialized Sexual Harassment. Where the Model Minority Meets Suzie Wong, in: The Journal of Gender, Race and Justice 1/1997, S. 178–211. Zu his­to­ri­schen Entwicklungen vgl. Mechthild Leutner, „Schlitzäugige Schöne“ und „gehorsame Dienerin des Mannes“. Deutsche Bilder von chi­ne­si­schen Frauen in der Kolonialperiode, in: dies./Marianne Bechhaus-Gerst (Hrsg.), Frauen in den deut­schen Kolonien, Berlin 2009, S. 194–204.

11 Vgl. Daniel Leber, „Er sagte, man müsse mich mit Sagrotan ein­sprühen“, 18.4.2020, http://www.tagesspiegel.de/25750740.html«.

12 Wir bedanken uns bei Jonas Köhler für die tat­kräftige Hilfe bei der Kodierung.

13 Vgl. Urmila Goel, Wer sorgt für wen auf welche Weise? Migration von Krankenschwestern aus Indien in die Bundesrepublik Deutschland, in: Beate Binder et al. (Hrsg.), Care: Praktiken und Politiken der Fürsorge. Ethnographische und geschlech­ter­theo­re­tische Perspektiven, Opladen 2019, S. 97–109; Florian Pölking, Schlaglichter auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ehe­ma­liger korea­ni­scher Bergarbeiter und Krankenschwestern in Deutschland, in: Yong-Seoun Chang-Gusko/Nataly Jung-Hwa Han/Arnd Kolb (Hrsg.), Unbekannte Vielfalt. Einblicke in die korea­nische Migrationsgeschichte in Deutschland, Köln 2014, S. 42–69; You Jae Lee/Sun-ju Choi, Umgekehrte Entwicklungshilfe. Die korea­nische Arbeitsmigration in Deutschland, in: Kölnischer Kunstverein et al. (Hrsg.), Projekt Migration, Köln 2005, S. 735–742.

14 Vgl. Kook-Nam Cho-Ruwwe, 30 Jahre der korea­ni­schen Frauengruppe in Deutschland, o.D., https://koreanische-frauengruppe.tistory.com/266?category=615060«.

15 Vgl. Phi Hong Su/Christina Sanko, Vietnamesische Migration nach Westdeutschland. Ein his­to­ri­scher Zugang, in: Kocatürk-Schuster et al. (Anm. 6), S. 6–23.

16 Vgl. Mike Dennis, Vietnamesische Migration in den 1980er Jahren: Arbeiten in einem kom­mu­nis­ti­schen Paradies, in: Kocatürk-Schuster et al. (Anm. 6), S. 78–97; Ann-Judith Rabenschlag, Arbeiten im Bruderland. Arbeitsmigranten in der DDR und ihr Zusammenleben mit der deut­schen Bevölkerung, 15.9.2016, http://www.bpb.de/233678«.

17 Vgl. Karin Weiss, Vietnamesische „Vertragsarbeiter*innen“ der DDR seit der deut­schen Wiedervereinigung, in: Kocatürk-Schuster et al. (Anm. 6), S. 111–125.

18 Vgl. Kien Nghi Ha, Chinesische Präsenzen in Berlin und Hamburg bis 1945, in: ders. (Hrsg.), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond, Berlin–Hamburg 2012, S. 280–287.

19 Im Wintersemester 2018/2019 gab es an Hochschulen in Deutschland 42676 Studierende aus China. Vgl. Statista, Anzahl der aus­län­di­schen Studierenden an Hochschulen in Deutschland im Wintersemester 201819 nach Herkunftsländern, Oktober 2019, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/301225«.

20 Vgl. Keevak (Anm. 2).

21 Vgl. Christos Lynteris, Yellow Peril Epidemics: The Political Ontology of Degeneration and Emergence, in: Franck Billé/Sören Urbansky (Hrsg.), Yellow Perils. China Narratives in the Contemporary World, Honolulu 2018, S. 35–59

22 Für einen Überblick über anti­asia­tische Medienberichte siehe http://www.korientation.de/corona-rassismus-medien«.

23 Vgl. Rosa Fava, Gedenktafel für chi­ne­sische NS-Opfer in Hamburg ange­griffen und beschmutzt, 20.4.2020, http://www.belltower.news/anti-asiatischer-rassismus-gedenktafel-fuer-chinesische-ns-opfer-in-hamburg-angegriffen-und-beschmutzt-98467«.

24 Siehe http://www.ichbinkeinvirus.org«.

25 So würden z.B. nur 44 Prozent aller Befragten einen Schwarzen statt einen Weißen Sitznachbarn aus­wählen. „Schwarz“ wird hier groß­ge­schrieben, um auf die Selbstbezeichnung der Schwarzen Menschen in Deutschland und, ebenso wie beim Wort „Weiß“, auf die Konstruiertheit von Ethnizität zu verweisen.

26 Für einen Überblick vgl. Mechthild Leutner, Kiautschou: Deutsche „Musterkolonie“ in China?, in: Ulrich van der Heyden/Joachim Zeller (Hrsg.), „… Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 203–212.


Autoren/-innen: Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer, Christoph Nguyen für: Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de, APuZ Heft 42–44, 2020 vom 08.10.2020. Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE ver­öf­fent­licht. Zweitveröffentlichung auf korientation.de.

Blog

„The Bubbly T’s“ teilen heute den Radiobeitrag der Ini Postmigrantisches Radio zum ersten Jahrestag von Hanau. 

„Wir, das ist die Initiative Postmigrantisches Radio, möchten einen Teil dazu bei­tragen, das Gedenken und Erinnern an die Menschen, die beim Terroranschlag in Hanau am 19. Februar ums Leben kamen, für alle Menschen möglich sein kann und nicht ver­gessen wird. Wir möchten auch dazu bei­tragen, dass die Wünsche und die poli­ti­schen Forderungen der Angehörigen und Betroffenen erfüllt werden. Dafür haben wir einen Radio Beitrag zusam­men­ge­stellt, mit dem wir erinnern wollen, dass der 19. Februar kein nor­maler Tag für die meisten Menschen in Deutschland mehr sein wird. Wir bitten euch, wenn möglich diesen 5 minü­tigen Radiobeitrag in euren Radios zu spielen/auf euren Plattformen hochzuladen. 

Ein paar Worte zu unserer Initiative: Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich über das Medium des Radios kri­tisch mit Herrschafts- und Machtstrukturen der weißen Mehrheitsgesellschaft aus­ein­ander setzt. Wir bezeichnen uns als post­mi­gran­tisch, migran­tisch, queer, kana­ckisch, BPOC und reprä­sen­tieren all das, wovor die AFD und Horst Seehofer Angst haben. Wir sind die Gesellschaft der Vielen, die die Differenz zum Ausganspunkt unseres Schaffens macht und diese Unterschiede im Radio über Diskurs, Politik, Musik und Pop-Kultur zum Thema machen will. Der Jingle soll im Rahmen unsere der­zei­tigen Möglichkeiten ein Beitrag dazu leisten das Erinnern an Hanau Bundesweit zum Thema zu machen und daran zu erinnern das wir alle dafür ver­ant­wortlich sind, dass es kein wei­teres Hanau geben wird.“ 

Instagram: @postmigradio
Credit Cover Art: Instagram @parva_zahed

BlogInterviewsPolitik

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 griffen bis zu Tausend Rechtsextremist*innen zunächst die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) für Asylsuchende an, in der sich vor allem geflüchtete Rom*nja-Familien auf­hielten. Nach der Räumung der ZAST ver­la­gerte sich das Pogrom auf ein Wohnheim für ehe­malige viet­na­me­sische Vertragsarbeiter*innen, das am Abend des 24. August in Brand gesetzt wurde. Die etwa 115 Vietnames*innen, dar­unter Kleinkinder und Hochschwangere, konnten sich zusammen mit einem ZDF-Fernsehteam und dem Rostocker Ausländerbeauftragten mit knapper Not vor dem Tod durch Rauchvergiftung in ein Nachbargebäude retten. Zum Höhepunkt des Pogroms herrschte eine volks­fest­artige Stimmung mit rasch auf­ge­bauten Bier- und Imbissbuden. Bis zu 3.000 Schaulustige beju­belten die ras­sis­tische Gewalt und feu­erten die bun­desweit ange­reisten Täter*innen an. Während die Angegriffenen in der Folgezeit fast alle abge­schoben wurden und die ZAST dau­erhaft geschlossen blieb, verlief die poli­tische Aufarbeitung und straf­recht­liche Verfolgung sehr schleppend. Da während des Pogroms nur wenige beweis­si­chernde Festnahmen erfolgten, wurden am Ende nur 40 Täter*innen meist zu geringen Geld- und Bewährungsstrafen ver­ur­teilt. Am 6. Dezember 1992 beschloss der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU, FDP und SPD das Grundrecht auf Asyl stark einzuschränken.

Anlässlich der Jährung des ras­sis­ti­schen Pogroms von Rostock-Lichtenhagen ver­öf­fent­lichen wir ein Interview mit unserem Mitglied Kien Nghi Ha, das Katharina Dehn von den neuen deut­schen orga­ni­sa­tionen geführt hat. Siehe Originalbeitrag unter: https://neuedeutsche.org/de/artikel/rostock-lichtenhagen-war-fuer-mich-ein-erneuter-zivilisationsbruch

Kien Nghi Ha im Interview am 24.08.2020 mit Katharina Dehn (ndo)

Was sind deine Erinnerungen an Rostock-Lichtenhagen und die Zeit davor und danach?

Ich lebte damals als junger Student der Politikwissenschaft in Berlin und mit der Zeit machte ich mir immer weniger Illusionen über die deutsche Gesellschaft. Ich wuchs eigentlich mit dem Wunsch auf, aner­kannter Teil der deut­schen Gesellschaft zu sein und wollte wie viele Menschen of Color einfach wie selbst­ver­ständlich dazu gehören. Ich wollte Deutschland gerne haben und hier ent­spannt leben.

Aber das Pogrom gegen die viet­na­me­sische Community in Rostock-Lichtenhagen geschah ja nicht im gesell­schaft­lichem und poli­ti­schem Vakuum. Je natio­na­lis­ti­scher der deutsche Wiedervereinigungsprozess eska­lierte und je stärker die ras­sis­ti­schen Exzesse in den Parlamentsdebatten und die auf­het­zende Medienberichterstattung über die angeb­liche „Asylantenflut“ wurden, desto wach­samer und poli­ti­scher wurde ich. Ich habe in dieser Zeit so viel über die Weiße deutsche Gesellschaft gelernt und hatte das Gefühl, erstmals hinter die Maske der liberal-bürgerlichen Idylle zu blicken. Was ich dann in Rostock-Lichtenhagen unge­schminkt sah, war ein ras­sis­ti­scher Abgrund, der blanke Horror. So viel mas­sen­hafter dumpfer Hass gepaart mit dem selbst­ver­liebten Selbstbild als auf­ge­klärte Nation der Dichter, Denker und Biertrinker. Die live im Fernsehen über­tra­genen Bilder von dem bren­nenden Sonnenblumenhaus, das tagelang wie bei einer mit­tel­al­ter­lichen Belagerung sturmreif ange­griffen wurde, waren einfach unfassbar: Es sprengte alles, was ich mir bis dahin vor­stellen konnte im modernen, angeblich so zivi­li­sierten und demokratisch-rechtsstaatlichen Deutschland. Rostock-Lichtenhagen war für mich ein erneuter Zivilisationsbruch! Meine Gefühle waren eine bizarre und wider­sprüch­liche Mischung aus abso­luten Unglauben, Entsetzen, Abscheu, Wut, Trauer, Hilfslosigkeit und Trotz. In der unmit­tel­baren Situation wusste ich mir nicht besser zu helfen als einen Leserbrief an die taz zu schreiben.

Was ich in diesen Jahren eben­falls erlebte und was mich bis heute prägt, war aber auch die Erfahrung in migran­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen Zirkeln von People of Color, dass selbst­or­ga­ni­sierter Widerstand möglich ist, dass wir soli­da­rische Strukturen auf­bauen können und trotz unserer beschränkten Mittel nicht wehrlos sind.

Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee 19 ©KNH 2012
Haben die rassistischen Angriffe von Rostock-Lichtenhagen dich geprägt? Wenn ja, wie?

Die Bilder des Pogroms, das Wissen, wie der Staat und seine Institutionen darauf reagierten bzw. eher nicht reagierten, haben mein Deutschlandbild grund­sätzlich in Frage gestellt. Bereits zu wissen, dass Rostock-Lichtenhagen möglich war und ein neues ras­sis­ti­sches Pogrom jederzeit und überall in Deutschland möglich ist, ver­än­derte die Art und Weise, wie ich mich in Deutschland bewege, fühle und lebe. Ich stellte mir Fragen und schlug mich mit Unsicherheiten und Zweifeln herum, die ich früher nicht hatte. Wo war es noch sicher, wohin konnte ich gehen und wenn ja, wann? Ich machte mir natürlich auch Sorgen um meine Familie und Freund*innen, weil es ja offen­sichtlich war, dass die ras­sis­tische Gewalt all­ge­gen­wärtig ist und wir jederzeit damit rechnen müssen.

Welches Bild von der Polizei hat sich damals für dich ergeben?

Rostock-Lichtenhagen war möglich, weil die regie­rende poli­tische Elite und eine Vielzahl der demo­kra­tisch gewählten Volksvertreter*innen nicht nur kom­plett ver­sagten, sondern ihre dis­kri­mi­nie­renden und unbarm­her­zigen Attacken gegen das Grundrecht auf Asyl einen ras­sis­ti­schen Flächenbrand ent­zün­deten. Die Polizei – wie viele andere staat­liche Institutionen – gaben während des Pogroms ein jäm­mer­liches Bild ab, weil sie so offen­sichtlich hilflos, ori­en­tie­rungslos und kopflos agierte und ihre kom­plette Überforderung die ras­sis­tische Gewalt nicht nur zuließ, sondern auch befeuerte. Trotz wie­der­holter Anforderungen wurden die Einsatzkräfte vom zustän­digen Innenministerium mit viel zu wenig Personal aus­ge­stattet, und es gibt ernst­zu­neh­mende Indizien, dass chao­tische Zustände durchaus ins poli­tische Kalkül passten, um den par­la­men­ta­ri­schen Restwiderstand gegen eine de facto Abschaffung des Asylgrundrechts in der Verfassung zu brechen. 

Gegenwärtig wird das Thema Polizeigewalt und Racial Profiling diskutiert. Was ist dein Wunsch an die Politik und die Polizei heute?

Wir brauchen wis­sen­schaft­liche Studien über das Ausmaß von Racial Profiling nicht nur in der Polizeiarbeit, sondern in allen staat­lichen Institutionen und Verwaltungen. Wie Polizist*innen treffen auch Mitarbeiter*innen in Behörden wie der Arbeitsagentur oder dem Bundesamt für Migration und Integration Entscheidungen, die das Leben von Menschen of Color und Geflüchteten massiv beein­flussen. Daher müssen wir sicher­stellen oder zumindest alle erdenk­lichen Mittel ein­setzen, um den Einfluss von ras­sis­ti­schen Diskriminierungen und Vorurteilen in der öffent­lichen Daseinsfürsorge mög­lichst aus­zu­schließen oder min­destens zu mini­mieren. Dass aber bereits die Zweckmäßigkeit und Legitimität solcher Studien vom Bundesinnenministerium irra­tio­naler Weise ver­neint wird, beweist nur erneut, dass insti­tu­tio­neller Rassismus real exis­tiert. Solche Studien wären auch sinnvoll, um bereits lau­fende Maßnahmen wie Antidiskriminierungstraining und Vermittlung von Diversitätskompetenz ziel­ge­rich­teter und effek­tiver zu machen. Auch muss unver­züglich eine wirklich unab­hängige wie unpar­tei­ische Instanz mit weit­rei­chenden Befugnissen ein­ge­richtet werden, um Beschwerden gegen Polizeiübergriffe und Racial Profiling effektiv auf­zu­klären und ggf. straf­recht­liche Konsequenzen ein­zu­leiten. So weiter zu machen wie bisher macht absolut keinen Sinn, da die Polizei solche Ermittlungen selbst kon­trol­liert. Daher müsste die Arbeit einer neu ein­zu­rich­tenden Ermittlungsinstanz nach dem Beispiel des Rundfunkrats der öffentlich-rechtlichen Medien von einem Gremium kon­trol­liert werden, in dem zivil­ge­sell­schaft­liche Akteure wie Gewerkschaften, Kirchen, Frauenverbände und natürlich auch Migrant*innenselbstorganisationen pari­tä­tisch ver­treten sind.

Wie hast du die damalige mediale Berichterstattung erlebt? Wie schätzt du die mediale Berichterstattung in Bezug auf rassistische Gewalt heute ein? Hat sich aus deiner Sicht etwas verändert? Was muss sich verbessern?

Wie wis­sen­schaft­liche Fallstudien belegen, war die mediale Berichterstattung in den 1990er Jahren in diesem Diskursfeld nicht nur defi­zitär und ein­seitig, sondern zum Teil auch vor­ur­teils­be­lastet und dis­kri­mi­nie­rungs­för­dernd, so dass diese Epoche auch bran­chen­intern nicht als Ruhmesblatt in Erinnerung geblieben ist. Verglichen mit diesem jour­na­lis­ti­schen Tiefstand sieht die mediale Berichterstattung heute zum Teil besser aus, aber um wirklich belastbare und dif­fe­ren­zierte Aussagen zu machen, müssten wir fall- und auch immer kon­text­ab­hängig ana­ly­sieren. Dass es par­tielle Lernprozesse in den deut­schen Redaktionen gegeben hat, liegt auch an der Kritik von post­mi­gran­ti­schen Initiativen wie den „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“. Auch die viel­fäl­tigen Gegennarrationen etwa von People of Color-Initiativen und anti­ras­sis­ti­schen Organisationen, aber auch von Einzelpersonen in den unter­schied­lichsten Formaten im Internet spielen eine Rolle, da sie das Informationsmonopol der eta­blierten Medienhäuser auf­brechen. Im Asiatisch[1]-dia­spo­ri­schen Kontext in Deutschland sind mit Organisationen wie „kori­en­tation – Netzwerk für asiatisch-deutsche Perspektiven“ auch neue Strukturen ent­standen, die eine Plattform für kultur- und medi­en­kri­tische Arbeit etwa zum aktuell viru­lenten Corona-Rassismus gegen Asiatisch mar­kierte Menschen bildet.

Wie sollte die Gesellschaft mit den rassistischen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen umgehen? Was wurde versäumt? Was vermisst oder forderst du? Gibt es irgendetwas Positives, dass du hervorheben möchtest?

In Zeiten, wo kul­tu­relle Dekolonialisierung und die breitere Auseinandersetzung mit insti­tu­tio­nellem Rassismus auf der Tagesagenda steht, wäre es für alle an der Zeit zur Kenntnis zu nehmen, wie unver­ant­wortlich und sträflich ver­nach­läs­sigend die offi­zielle Erinnerungskultur mit dem Gedenken an Rostock-Lichtenhagen immer noch umgeht. Es ist ein böser Witz, wenn Medien und staat­liche Repräsentant*innen 2012 zum 20. Jahrestag erst­malig ein wahr­nehm­bares offi­zi­elles Gedenken insze­nieren, wo Vertreter*innen der lokalen viet­na­me­si­schen Community erst im letzten Moment herbei gekarrt werden, um dann gänzlich stumm als schmü­ckendes Beiwerk zu fun­gieren. So ver­kommt das leere und dis­kri­mi­na­to­rische Gedenken, wo die Betroffenen nicht mal in der Vorbereitungsarbeit ein­be­zogen werden, zu einem bloß sym­bo­li­schen Ritual der poli­ti­schen Entlastung. Damit wird poli­tische Verantwortung nicht über­nommen, sondern abge­führt mit dem Verweis „Wir haben was gemacht“. Statt auf den 30. Jahrestag zu warten, müsste das Gedenken in Form einer kon­ti­nu­ier­lichen Bildungs- und Erinnerungsarbeit erfolgen, die über die historisch-kulturellen Voraussetzungen, den kon­kreten Tatablauf sowie die poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Kurz- und Langzeitfolgen des größten Pogroms seit 1945 in Deutschland auf­klärt. Das kann nur eine museale Institution mit Dauerausstellung, beglei­tenden Seminaren und Diskussionen zu ver­wandten Themen wie etwa struk­tu­reller Rassismus in der offi­zi­ellen Erinnerungskultur: Warum gibt es auch nach 40 Jahren immer noch keinen ein­zigen offi­zi­ellen Gedenkort oder Straßennamen für Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu, die am 22. August 1980 in Hamburg von orga­ni­sierten Rechtsextremist*innen ermordet wurden? Sie gelten als die ersten gerichtlich doku­men­tierten ras­sis­ti­schen Mordopfer in der BRD seit 1945. Aber um mit einer posi­tiven Nachricht zu schließen: Erstmalig wird Ende August 2020 die aus Privatpersonen bestehende „Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân“ auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf einen Gedenkstein ein­weihen, da ihre Gräber dort bereits auf­gelöst wurden.

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, arbeitet als Publizist und Dozent in Berlin. Seine Monografie Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“ (tran­script 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 aus­ge­zeichnet. Im Herbst 2020 gibt er die erwei­terte Neuauflage von Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A) heraus. Er ist auch Mitherausgeber von re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007).


[1] Wie bei Schwarz deutet die Großschreibung von Asiatisch an, dass es in diesem Fall nicht als Adjektiv zur regio­nalen Herkunftsbezeichnung benutzt wird, sondern kul­tu­relle Identitätskonstruktionen bezeichnet. Diese sind wie alle Identitäten umkämpft und wider­sprüchlich, da sowohl Praktiken der Selbstbezeichnung als auch Prozesse des Fremdwahrnehmung und des Otherings einfließen.

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Gedenkrede zum 40. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân, Hamburg-Moorfleet, Halskestr. 72, am 22. August 2020 von Kien Nghi Ha

Sehr geehrte Damen und Herren, hallo liebe Freund*innen und Mitstreiter*innen,
Kính thưa các Quý ông và Quý bà, xin chào những người bạn và đồng nghiệp thân mến,

ich bin heute hierher gekommen, um Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu zu gedenken. Sie wurden an diesem Ort vor 40 Jahren durch orga­ni­sierte deutsche Rechtsextremist*innen ermordet. Es ist mir ein wich­tiges per­sön­liches wie poli­ti­sches Anliegen, meinen Respekt wie meine Trauer nicht zuletzt gegenüber den über­le­benden Angehörigen der Getöteten aus­zu­drücken. Obwohl der Anlass bedrü­ckend ist, ermutigt es mich sehr, dass die Mutter von Đỗ Anh Lân die 2014 ins Leben gerufene Gedenkinitiative* aus­drücklich unter­stützt. Ich möchte ihr sagen: Bà ơi, bà không chiến đấu một mình đâu. Oma, ihr steht mit Eurem Kampf nicht alleine da. Genauso wie sie wollen auch viele andere Menschen aus der vietnamesisch-deutschen Community in und außerhalb Hamburgs einen wür­digen öffent­lichen Gedenkort für die hier Ermordeten schaffen. 

Aber weder das Gedenken noch der Kampf für die Errichtung eines anti­ras­sis­ti­schen Lern- und Erinnerungsortes ist aus­schließlich Sache der betrof­fenen Familie oder der soge­nannten eth­ni­schen Gemeinschaft, sondern eine gesamt­ge­sell­schaft­liche Verantwortung. Außerdem haben viele von uns am eigenen Leib erfahren, dass die ras­sis­tische Gewalt nicht wahllos, sondern ziel­ge­richtet und community-übergreifend mus­li­misch, Schwarz, jüdisch, Rom*nja und Sinte*zza, Latinx oder Asiatisch[1] mar­kierte Menschen trifft. Daher ist es nicht nur wün­schenswert, sondern absolut not­wendig, unsere uns eigene mensch­liche, emotional-kulturelle Solidarität groß­zügig zu leben und poli­ti­schen Widerstand grenz­über­schreitend zu organisieren.

Tödliche Spuren in der langen Geschichte des deutschen Rassismus

Ich kannte Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân nicht per­sönlich, aber ihre Geschichte ist mir nicht fremd. Wären wir uns begegnet, hätte ich sie mit Chu Châu und Anh Lân, also Onkel Châu und Bruder Lân ange­sprochen, denn ich war damals erst acht Jahre alt. Onkel Châu war Lehrer in Vietnam und wurde 1958 in Saigon geboren. Bruder Lân kam 1962 eben­falls in Saigon zur Welt und war zum Zeitpunkt seiner Flucht noch Schüler. Obwohl sie aus Südvietnam stammten und ich zufällig in der nord­viet­na­me­si­schen Stadt Hanoi geboren wurde, kann ich mich mit ihnen iden­ti­fi­zieren, da uns auf unter­schied­lichen Ebenen eine per­sön­liche Geschichte ver­bindet. Wir über­lebten zufällig den Geschwisterkrieg, der im Kern ein impe­ria­lis­ti­scher US-Krieg in Vietnam war, und kamen 1979 bzw. 1980 als erste soge­nannte Boat People in West-Deutschland an. Es war ebenso reiner Zufall, dass sie in Hamburg und ich mit meiner Familie in West-Berlin unter­ge­bracht wurden. 

Der heim­tü­ckische Brandanschlag, der genau an diesem Ort in der Nacht zum 22. August 1980 stattfand, war dagegen sehr ziel­ge­richtet und nicht zufällig, als er die beiden im Schlaf über­raschte. Dieses Ereignis hatte zual­lererst für die Betroffenen die bru­talst mög­liche Folge; es ver­nichtete das Leben von zwei jungen Männern: Bruder Lân starb bereits mit 18 Jahren und Onkel Châu wurde auch nur 22 Jahre alt. Leider ist in der Öffentlichkeit kaum mehr als das eben Gesagte über sie bekannt. Wir wissen nicht, welche Wünsche und Träume sie für sich hatten oder wie sie sich selbst und ihre Familien wahr­nahmen. Wir wissen aber, dass ihre Ermordung nicht zu begreifen ist, wenn wir sie nur als tra­gische indi­vi­duelle Schicksalsschläge deuten. Vergessen wir nicht, dass seit dem Ende der 1960er Jahre mit dem Attentat auf Rudi Dutschke eine anstei­gende rechts­extreme Gewaltwelle durch die BRD rollte. Dabei kamen nicht nur nackte kör­per­liche Gewalt und ein­fache Waffen zum Einsatz. Vielmehr ver­übten orga­ni­sierte Neonazis in diversen soge­nannten Werwolf‑, Kampf- und Wehrsportgruppen zunehmend Brand- und Sprengstoffanschläge. Die Tötung von Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu durch die Deutschen Aktionsgruppen leitete 1980 eine dichte Serie rechts­extremer und ras­sis­ti­scher Terrortaten ein. So ver­übten Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann noch im selben Jahr den Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest, der 13 Menschenleben kostete, und erschossen den jüdi­schen Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke in Erlangen. Wie etwa in Mölln, Solingen und Lübeck in den 1990ern Jahren, wie die unzäh­ligen NSU-Morde eine Dekade später, aber auch der dies­jährige Massenmord in Hanau wie­der­kehrend bestä­tigen, gehört der rechts­extre­mis­tische Terror gegen People of Color und Migrierte seit vielen Jahrzehnten zum ras­sis­ti­schen Normalzustand der deut­schen Gesellschaft. Und heute vor genau 28 Jahren begann auch das größte ras­sis­tische Pogrom seit 1945 in Rostock-Lichtenhagen, das vier Tage andauerte und stun­denlang live im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm über­tragen wurde.

In diesem his­to­ri­schen Zusammenhang nimmt die Ermordung von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân einen beson­deren Platz ein: Sie sind in West-Deutschland die ersten poli­zeilich doku­men­tierten und gerichtlich nach­ge­wie­senen ras­sis­ti­schen Mordopfer seit 1945. Realistischerweise ist leider davon aus­zu­gehen, dass vor­an­ge­gangene ras­sis­tische Morde und Gewalttaten auf­grund der Weißen Ignoranz und der ras­sis­ti­schen Struktur der mehr­heits­deut­schen Institutionen nicht auf­ge­deckt und ent­spre­chende Verdachtsmomente nicht erkannt oder nach­ge­gangen wurden. So sind erst in den letzten Jahren Hinweise auf­ge­taucht, dass die kuba­ni­schen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Andrés Paret am 12. August 1979 von einem ras­sis­ti­schen Mob durch das sächsisch-anhaltinische Merseburg getrieben wurden und bei ihrem Fluchtversuch in der Saale ertranken.

Die Morde in der Halskestrasse stellen aber auch eine poli­tische Zäsur für die viet­na­me­sische Diaspora in Deutschland dar. Wer bis dahin glaubte, von der Weißen Mehrheitsgesellschaft als hart arbei­tende Asiat*innen mit ver­meintlich preu­ßi­schen Tugenden aner­kannt zu sein oder im Kalten Krieg dachte, als sym­pa­thische Opfer des Kommunismus respek­tiert zu werden, wurde in seiner trü­ge­ri­schen Komfortzone mit einer anderen Realität kon­fron­tiert. So werden Nguyễn Văn Tú 1992 in Berlin-Marzahn, Phan Văn Toàn 1997 im bran­den­bur­gi­schen Fredersdorf, Nguyễn Tấn Dũng 2008 in Berlin-Marzhan und Duy Doan Pham 2011 im nie­der­rhei­ni­schen Neuss von Rechtsextremisten erstochen oder grausam erschlagen. Diese Tötungen stellen Stationen in der langen Reihe ras­sis­tisch moti­vierter Morde in Deutschland dar. Für den Zeitraum von 1990 bis 2020 hat die Amadeu Antonio Stiftung 208 Todesopfer rechts­extremer Gewalt auf­ge­listet und zählt min­destens zwölf weitere Verdachtsfälle. Die Zeit und andere Medien haben über weitere 51 Verdachtsfälle berichtet. Nach meiner Zählung wurden seit 1979 in Ost- und Westdeutschland min­destens 134 People of Color und ost­eu­ro­päische Migrant*innen auf­grund nach­ge­wie­sener oder ver­mut­licher ras­sis­ti­scher Mordmotive getötet.

Das Versagen von Politik und Medien: Entinnerung als institutioneller Rassismus

Wie vielen von uns fällt es mir auch nicht leicht, hier zu sein, um an die Terrorgeschichte dieses ras­sis­ti­schen Brandanschlags zu erinnern. Das hängt nicht zuletzt mit der Tatsache zusammen, dass die Geschichte von Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu nach wie vor kaum bekannt ist. Zwar wurde der Brandanschlag in den dama­ligen Medien kurz­zeitig wahr­ge­nommen. Aber bereits bei der Beerdigung, bei der der damalige Erste Bürgermeister Hamburgs Hans-Ulrich Klose eine Trauerrede hielt, wurden nicht nur die Opfer begraben, sondern auch das öffent­liche Gedenken an diese Tat. Die städ­ti­schen Honoratior*innen und die Medien, aber auch die hiesige Zivilgesellschaft gingen danach schnell zur mehr­heits­deut­schen Schein-Normalität über. Sie taten so, als ob diese Tat nichts weiter als ein pein­licher Fauxpas, ein allzu bedau­er­licher Betriebsunfall war, der kei­nes­falls als dau­er­hafter Schandfleck auf der weißen Weste in Erinnerung bleiben sollte. Unausgesprochen und viel­leicht auch unbe­wusst wurde damit ein domi­nanz­deut­scher Konsens her­ge­stellt, in der die unleugbare Existenz eines töd­lichen Rassismus weder lang­fristige noch tief­grei­fende Auswirkungen auf das eigene Weiße Selbstverständnis oder auf gesell­schaft­liche Strukturen haben sollte. Entsprechend sollte das Gedenken an diesen ras­sis­ti­schen Doppelmord keinen Platz in der offi­zi­ellen Stadtgeschichte, im Stadtraum und der öffent­lichen Erinnerungskultur bean­spruchen dürfen.

Wie gründlich diese Amnesie und wie radikal die Realitätsverdrängung des insti­tu­tio­nellen Rassismus ist, lässt sich auch noch heut­zutage erahnen: So berichtete die in Hamburg sit­zende Wochenzeitung „Die Zeit“ erst im Zusammenhang mit der skan­dal­um­wit­terten Aufdeckung des NSU-Terrors 2012 erst­malig seit 1980 wieder über diesen Brandanschlag. Das Medienhaus, das sich selbst als sys­tem­re­le­vanten Watchdog sieht, hat sich in diesem Fall merk­würdig unzu­fällig als Totalausfall erwiesen. Auch hat „Die Zeit“ ihre offen­sichtlich besondere Verantwortung für Đỗ Anh Lân gänzlich ver­gessen, der im August 1979 in einer von Wochenzeitung und dem Hamburger Senat initi­ierten Hilfs- und social Sponsoring-Aktion mit 250 anderen viet­na­me­si­schen Boat People von der malai­ischen Insel Pulau Bidong in die Hansestadt trans­por­tiert wurde.

Daher ist es für uns umso wich­tiger, wenigstens die Erinnerung lebendig zu halten und diese Geschichte und alle anderen Geschichten nicht zu ver­gessen ist, wo Menschen Leidtragende von Rassismus, Sexismus, kapi­ta­lis­ti­schen Neo-Kolonialismus und anderen men­schen­ver­ach­tenden Machtverhältnissen wurden und immer noch werden. Es ist wichtig, dass wir uns heute hier und anderswo ver­sammeln, um durch unsere kör­per­liche Präsenz und durch unser gemein­sames Gedenken zumindest ein tem­po­räres, aber dafür leben­diges Denkmal zu impro­vi­sieren und durch unsere Stimmen einen wahr­nehm­baren Gedenkraum für alle Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt zu inszenieren.

Das offi­zielle Nicht-Erinnern ist jedoch kein Zufall, sondern die logische Konsequenz der hege­mo­nialen Entinnerung. Damit bezeichne ich insti­tu­tio­nelle Strukturen und politisch-kulturelle Praktiken des Vergessenmachens, der Nicht-Würdigung und Aberkennung. Dass heute kein Mahnmal, keine dau­er­hafte Gedenktafel, keine Straße, kein Park, keine Schule, keine Halle, kein Sportplatz, kein Bahnhof, kein Haus, kein Zug, kein Schiff, kein Stolperstein, nicht mal ihre inzwi­schen auf­ge­lösten Gräber an ihre Existenz und an das ras­sis­tische Verbrechen ihrer Auslöschung erinnert, sagt extrem viel über deutsche Gründlichkeit, ras­sis­ti­schen Sauberkeitswahn und Weiße Stadtplanung aus. An dieser Stelle sei kurz daran erinnert, dass ihre unaus­sprech­lichen viet­na­me­si­schen Namen dem zustän­digen Bezirksamt bei der Prüfung des Straßenumbenennungs­Begehrens als unpas­sende Fremd- und unzu­mutbare Klangkörper erschienen. Mir scheint dagegen, dass in der angeblich so welt­of­fenen Hansestadt für die Opfer des Rassismus enge büro­kra­tische Toleranzgrenzen und sprach­liche Reinheitsgebote des Eurozentrismus gelten. Umso mehr, wenn es darum geht, ihnen einen offi­zi­ellen Erinnerungsort in der heu­tigen Stadtlandschaft einzuräumen.

Um fair zu sein, wir kennen auch aus anderen Städten viele gleich­ge­la­gerte Beispiele, so dass die euro­zen­tris­tische Aufladung bei der Benennungspolitik öffent­licher Orte kein spe­zi­fi­sches Problem Hamburgs ist. In der gesamt­deut­schen Normalitätsvorstellung herrscht anscheinend immer noch eine urdeutsche Norm ohne Migrationserfahrungen und gegen­kul­tu­reller Globalisierung. In dieser Konstruktion der deut­schen Normalität erscheint es immer noch ratio­naler und poli­tisch kor­rekter, Akteure und Orte mit kolonial-rassistischen Bezügen zu ehren als Menschen, die sich dagegen gewandt und/oder dar­unter gelitten haben. Umso schein­hei­liger, hohler und absurder ist dieses Polit-Theater im 21. Jahrhundert, wenn im gleichen Atemzug auch noch der Anspruch auf welt­po­li­tische und mora­lische Überlegenheit damit ver­bunden wird. In den ach so auf­ge­klärten, offenen und inter­kul­tu­rellen Demokratien des Westens ist weder die euro­päische Geschichte des Kolonialrassismus auf­ge­ar­beitet noch seine Gegenwart tat­sächlich überwunden.

Die Umbenennung der Halskestrasse in Châu-und-Lân-Strasse, viel­leicht auch Đỗ-Nguyễn-Strasse oder eine andere Namensvariation wäre aus meiner Sicht ein sinn­stif­tender Beitrag zur anti­ras­sis­ti­schen Umgestaltung und Dekolonialisierung deut­scher Stadt- und Alltagskultur. Auf jeden Fall sollte der Senat in die Pflicht genommen werden um even­tuell über­le­bende Familienangehörige von Nguyễn Ngọc Châu aus­findig zu machen und zu kon­tak­tieren, um ihre Einbeziehung in den Umbenennungsprozess auf gleicher Augenhöhe sicher­zu­stellen. Eine Umbenennung würde darüber hinaus auch dazu bei­tragen, unsere Ausgrenzungsmöglichkeiten zu redu­zieren und unsere Vorstellungskraft davon zu ver­ändern, wer dazu und was alles hierher gehört. Sie wäre ein kul­tu­reller und bil­dungs­po­li­ti­scher Mehrwert, den wir in Zeiten des struk­tu­rellen Racial Profiling, des unheim­lichen Phänomens NSU 2.0 in der deut­schen Polizei und des assi­mi­la­to­ri­schen Integrationsparadigmas unbe­dingt brauchen.

Rechtsextreme Kontinuitäten in den staatlichen Sicherheitsorganen

Was die staat­lichen Sicherheitsorgane angeht, so zeigen nicht nur die jüngsten Ereignisse, dass rechts­extreme und ras­sis­tische Polizeigewalt ein mas­sives sys­te­mi­sches Problem dar­stellen. Der Grad der Unterscheidbarkeit zwi­schen staat­lichen Sicherheits- und Terrortruppen ist in Deutschland zuweilen erschre­ckend klein. Nicht nur die Polizei in unter­schied­lichen Bundesländern, auch diverse Verfassungsschutzämter und Bundeswehreinheiten sind in den ver­gan­genen Jahrzehnten immer wieder durch haar­sträu­bende Verwicklungen zu rechts­extremen Organisationen auf­ge­fallen. Dokumentiert sind aller­dings nur die auf­ge­deckten Fälle, aber es ist davon aus­zu­gehen, dass es in diesem Bereich eine hohe Dunkelquote an geheim ope­rie­renden Netzwerken und Tarn­organisationen gibt. Diese Verbindungen wurden vor allem durch anti­fa­schis­tische Aktivist*innen und inves­ti­gative Journalist*innen ent­deckt, während staat­liche Stellen bislang eher durch Beschwichtigungen und Dementis auf­fielen. Der Stellenwert ras­sis­ti­scher Gewalt in den Staats­organen muss in Relation zur gesamt­ge­sell­schaft­lichen Verfasstheit gesehen werden, die in ihrem Kern struk­turell, administrativ-institutionell und zwei­fellos auch kul­turell ras­sis­tische Muster auf­weist. Diese Konfiguration bringt im Alltag exis­ten­zielle Probleme hervor, da nicht selten Weiße Entscheider*innen mit dis­kri­mi­na­to­ri­schen Vorurteilen oder Motivationen im staat­lichen Auftrag handeln: Ob jemand sicher in Deutschland leben darf und kann, hängt viel zu oft von der Perspektive und der staatlich anver­trauten Entscheidungsmacht ras­sis­ti­scher Subjekte ab.

Wer sich die Geschichte des Rechtsextremismus in Deutschland seit dem Deutschen Kolonial­kaiserreich anschaut, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass sich gerade in den soge­nannten Sicherheitsorganen starke rechts­extreme Tendenzen kon­zen­trieren. Das galt nicht nur in der Weimarer Republik, sondern bei­spiels­weise auch in den 1980er Jahren, als auf­fällig viele Polizist*innen sich als Mitglieder und Sympathisant*innen der völkisch-nationalistischen „Republikaner“ von Franz Schönhuber zu erkennen gaben, der früher SS-Unterscharführer war, damals als stell­ver­tre­tender Chefredakteur des regio­nalen Fernsehprogramms des Bayerischen Rundfunks fun­gierte und später zur NPD abwan­derte. Und es gilt auch heute: Wer jetzt durch die Mitgliedslisten der AFD geht, wird wie­der­kehrend auf deutsch klin­gende Namen mit ehren­werten bür­ger­lichen Berufen stoßen. Darunter sind viele Richter*innen, Staats- und Rechtsanwälte, Staatsbeamte und andere Verwaltungsangestellte, Professor*innen, Lehrer*innen, Journalist*innen, aber natürlich auch Berufe von Architekt*innen bis Unternehmer*innen und nicht zuletzt immer wieder Polizist*innen. Wie uns leider die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mehr als einmal gelehrt hat, werden rechts­extreme Bewegungen viel zu häufig von einem struk­tur­kon­ser­va­tiven Rechtssystem ent­schuldigt und von der Mehrheit der Weißen Volksvertreter*innen ver­harmlost, sehr oft mit dem Standardsatz: „Wie müssen die Sorgen und Ängste der deut­schen Bevölkerung ernst nehmen.“ Befremdlich ist mir an solchen Sätzen die Selbstverständlichkeit, mit der Bürger*innen of Color, migran­tische und post­mi­gran­tische Communities aus der deut­schen Gesellschaft und Wähler*innen­schaft aus­ge­schlossen werden. Menschen wie wir werden so in Gedanken quasi ent­bürgert, d.h. ent­rechtet und unsichtbar gemacht. Aber sie irren sich: Unsere Stimmen zählen und das min­destens sogar im dop­pelten Sinne.

Der Präzedenzfall Walter Lübcke setzt neue erinnerungspolitische Standards

Wie die Gedenk- und Erinnerungskultur zugunsten der Opfer rechts­extremer Gewalt im besten Falle aus­sehen kann, wenn der poli­tische Willen vor­handen ist und eine genuine iden­ti­täts­po­li­tische Betroffenheit vor­liegt, zeigt die Geschichte von Walter Lübcke. Wie wahr­scheinlich alle hier wissen, war Walter Lübcke zunächst Hessischer Landtagsabgeordneter der CDU und zuletzt als Regierungspräsident in Kassel tätig bevor er im Juni 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde. Sein Mord löste eine über­wäl­ti­gende Medienresonanz und eine sehr große Betroffenheit in der Bevölkerung aus: Es fanden mehrere Trauergottesdienste und zahl­reiche Gedenk­veranstaltungen in meh­reren Landtagen sowie im Bundesrat statt. Ihm wurde posthum neben der Wilhelm-Leuschner-Medaille, die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, auch der nord­hes­sische Herkules-Ehrenpreis ver­liehen. Hessen hat zudem den neuen Walter-Lübcke-Demokratie-Preis aus­gelobt; eine Schule in Wolfhagen, wo er wohnte, wird nach Walter Lübcke umbe­nannt und in Fulda wird es bald eine Dr.-Walter-Lübcke-Straße geben. Diese Aufzählung ist nicht end­gültig, da in Zukunft sicherlich mit wei­teren Ehrungen zu rechnen ist. Mir steht es fern, an dieser Stelle das poli­tische Wirken von Walter Lübcke oder die ihm zuge­dachten Ehrungen in Zweifel zu ziehen. Vielmehr finde ich es sehr beein­dru­ckend, in welcher Geschwindigkeit und Dichte hier Denkmäler und öffent­liche Erinnerungsorte geschaffen werden und büro­kra­tische Anforderungen scheinbar mühelos erfüllt werden können. Das ist umso erstaun­licher, da in anderen Fällen diese von städ­ti­schen Verwaltungen als schier unüber­windbare formale Hindernisse dar­ge­stellt werden. Trotz lang­jäh­riger Bemühungen ver­laufen viele Initiativen daher im Sande, während Ämter und zuständige poli­tische Gremien mit Unschuldsmiene auf fel­sen­feste Vorschriften und gesetz­liche Vorgaben verweisen.

Der Präzedenzfall Walter Lübcke setzt m.E. nach neue Standards im kultur- und erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Umgang mit den Opfern rechts­extremer Gewalt. Weder sachlich noch poli­tisch oder mora­lisch ist es begründbar und zu recht­fer­tigen, dass sich eine Zweiklassengesellschaft in der öffent­lichen Gedenkkultur eta­bliert. Da wir alle über unsere Steuern diese Gedenkkultur mit­fi­nan­zieren, ver­langt nicht nur die Betroffenheit von Rassismus, sondern auch die demo­kra­tische Repräsentation eine nicht-diskriminatorische Erinnerungspolitik. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht ver­kehrt, die poli­tische Elite an ihrem eigenen neo­li­be­ralen Grundsatz zu erinnern: no taxation without repre­sen­tation. Bisher hat der insti­tu­tio­nelle Rassismus in den gesell­schaft­lichen Strukturen eine Entsprechung in der selek­tiven Erinnerungspolitik und öffent­lichen Gedenkkultur, die sys­te­ma­tisch Menschen of Color mar­gi­na­li­sieren und ausschließen.

Es gibt also einen Rassismus zweiter Ordnung, etwa in Form der kul­tur­po­li­ti­schen Institutionalisierung von Diskriminierung und Benachteiligung, die auf dem initialen kör­per­lichen Angriff oder dem ursprüng­lichen struk­tu­rellen Rassismus in der Schule oder auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt folgt und ihr als sich selbst ver­stär­kender Kreislauf gleich­zeitig vor­ausgeht. Solange wir diese kul­tu­relle Dimension nicht erkennen, also die zweite und weitere Ebenen des Rassismus wahr­nehmen, stoßen wir an Grenzen, die die Unmöglichkeit der Erinnerbarkeit und des Erkennens von Rassismus betreffen. Diese mit­ein­ander ver­schränkte Komplexität zu erkennen und ihre ver­krus­teten Dominanzstrukturen auf­zu­brechen, ist eine dringend zu lösende Aufgabe in der Gegenwart. Ich denke, dass die trans­kon­ti­nentale Solidarität mit der US-Amerikanischen Black Lives Matter-Bewegung und ihre hie­sigen Rückkoppelungen etwa in Form des erst­ma­ligen Interesses für die Dekolonialisierung euro­zen­tris­ti­scher Kulturstandards oder die Auseinander­setzung mit insti­tu­tio­nellem Rassismus in brei­teren Bevölkerungskreisen ein wich­tiges poli­ti­sches Momentum für anti­ras­sis­tische Initiativen bereit­stellt. Jetzt geht es darum, den Mut und die orga­ni­sa­to­rische Schlagkraft auf­zu­bringen, um in lokalen Gruppen, bun­des­weiten Netzwerken und glo­balen Bewegungen die Verhältnisse vor Ort wie in den sys­tem­re­le­vanten Strukturen weltweit in Frage zu stellen und lebens­werte Alternativen zu entwickeln. 

Meine Rede möchte ich hier mit einer Erkenntnis der Schwarzen ame­ri­ka­ni­schen Psychologin Beverly Daniel Tatum schließen. Die von ihr beschriebene schlei­chende Vergiftung macht uns dau­erhaft krank und führt uns als Individuen wie als Gesellschaft alter­na­tivlos zum Tode.

Sie schreibt: „Cultural racism … is like smog in the air. Some days it is so thick it is visible, other times it is less apparent, but always, day in and day out, we are breathing it in.“

Meine Übersetzung: Kultureller Rassismus … ist wie Smog in der Luft. An manchen Tagen ist er so dick, dass er sichtbar ist, an anderen ist er weniger offen­sichtlich, aber immer, Tag für Tag, atmen wir ihn ein.

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, arbeitet als Publizist und Dozent in Berlin. Seine Monografie Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“ (tran­script 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 aus­ge­zeichnet. Im Herbst 2020 gibt er die erwei­terte Neuauflage von Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A) heraus. Er ist auch Mitherausgeber von re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007).


*Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân, https://inihalskestrasse.blackblogs.org

[1] Wie bei Schwarz deutet die Großschreibung von Asiatisch an, dass es in diesem Fall nicht als Adjektiv zur regio­nalen Herkunftsbezeichnung benutzt wird, sondern kul­tu­relle Identitätskonstruktionen bezeichnet. Diese sind wie alle Identitäten umkämpft und wider­sprüchlich, da sowohl Praktiken der Selbstbezeichnung als auch Prozesse des Fremdwahrnehmung und des Otherings einfließen.

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Photo: Maryline Waldy – Unsplash

„Where are you really from?“
„What does dog meat taste like?“
„Would you bring me some tea?“

In Germany, I am con­stantly reminded of how people see me as an Asian ste­reotype. I’m fre­quently asked where I’m „really from“ after telling a German person that I’m American. When I met my German mother-in-law for the first time, she did not ask me about my inte­rests, my upbringing, or whether I wanted a glass of water. The first question she asked me was how I liked the taste of dog meat. At spas and restau­rants, people often assume that I am an employee. On one of my first nights out in Berlin, a group of guys repea­tedly shouted „koni­chiwa“ at me and mockingly made kung-fu poses as I walked past.

When I tell German friends about these encounters, the reaction I get is usually one of dis­missive sur­prise. „Oh, those guys were just drunk,“ I’m told. Or, „she’s from a small village.“ „Germans wouldn’t say that to you, I bet they were Arab.“ These responses imply that racism isn’t a struc­tural issue in Germany, but rather just the problem of “a few bad apples.” They also make clear the real problem: there is little interest among certain Germans in under­standing how someone who looks Asian may expe­rience Germany dif­fer­ently than someone who looks white.

„Germans simply have many rules,“ is another common response I hear when I bring up my expe­ri­ences of racial micro-aggressions in Germany. But there is a dif­fe­rence between enforcing rules and racial pro­filing. At a grocery store during my first week living in Berlin, a fellow cus­tomer helped me bag my gro­ceries. He said I was too slow and was holding up the line. I respect this kind of cul­tural enforcement — it’s based on out­comes, and it applies to everyone.

Racial pro­filing, on the other hand, looks and feels very dif­ferent. When I am alone at a German grocery store, I no longer bother trying to buy fresh fish because I’ve had so many expe­ri­ences of being ignored or skipped in line. „But, I doubt that’s because you look Asian. Did you stand in the right place? Did you say some­thing to upset the employee?“ I walk home from the grocery replaying the scene over and over again, won­dering what I did wrong. I leave without fresh fish, full of self-doubt. These kinds of expe­ri­ences don’t happen to me when I am with a white friend, even if that friend doesn’t speak German.

After one relaxing afternoon at Vabali Spa, I was sitting in the lounge at the ent­rance quietly waiting for my friend. There were 3 white cus­tomers waiting as well. A security guard came over to me – just me – and told me to go wait outside. Later that evening, I wrote an e‑mail to Vabali sharing my dis­comfort with this expe­rience. They e‑mailed me back asking, „Could it be that you came by with a bigger group of people and not just only you personally?“

There is an eagerness to find alter­native expl­ana­tions, to dodge the pos­si­bility that racism con­tinues to affect how people treat one another in Germany. There is an eagerness to believe that Germans have con­quered the plight of racism. After all, German police do not commit daily, violent murders against black people and other racia­lized mino­rities in the way we see in the US. After all, Germans have taken respon­si­bility for the atro­cities of National Socialism and begun dis­cus­sions with Namibia regarding colonial crimes.

„OK fine, you’ve been racially pro­filed in Germany, but this isn’t as bad as American police officers vio­lently killing black people.“ This response deflects respon­si­bility, demons­t­rating an unwil­lingness to ack­now­ledge how white Germans are still com­plicit in other forms of racial oppression. „Others are worse,“ is a dif­ferent response from „I see where we could be better.“

This is why I felt so uncom­for­table with the ways in which my German friends responded to recent pro­tests in the US fol­lowing the murder of George Floyd. „Time to come back to Germany, don’t you think?“, one friend texted. „Maybe you shouldn’t have left Germany.“ These responses reveal how little some of my German friends under­stand the ongoing racism expe­ri­enced by people of color in Germany.

Though pre­valent in the daily expe­ri­ences of people who look Asian in Germany, anti-Asian racism con­tinues to hide behind a myriad of alter­native excuses.

Allister Chang was a Robert Bosch Stiftung Fellow 2019–2020. He was born and raised in the US, and curr­ently lives in Washington, D.C.

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Quelle: Wer weiß denn sowas“. ARD. Ausstrahlung vom 09.03.2020, Screenshot.

„Ching Chang Chong“, rief Franziska van Almsick mit albern ver­stellter Stimme in der Fernsehshow „Wer weiß denn sowas“ vom 09.03.2020, als die Rubrik „Asien“ aus­ge­wählt wurde. Niemand reagierte auf den ras­sis­ti­schen Spruch, dem wir Asiat*innen und Asiatisch* wahr­ge­nom­menen Menschen im Alltag aus­ge­setzt sind. Genauso schlimm ist es aller­dings, dass der öffentlich-rechtliche Fernsehsender „ARD“ Franziska van Almsicks Bemerkung über­haupt aus­ge­strahlt hat. Ihr Zwischenruf erhöhte meinen Puls schlag­artig und ich spürte, wie ich vor Wut zit­terte. In dem Moment kamen mir wieder alte Erinnerungen an all die Situationen hoch, in denen Nicht-Asiat*innen mir diese drei Silben wie aus dem Nichts ent­ge­gen­schleu­derten und nicht selten ihre Augen nach hinten zogen. In solchen Situationen fühlte ich mich stets hilflos und machtlos, denn selbst Unbeteiligte, die Zeug*innen eines solchen Vorfalls wurden, wiesen die Täter*innen nicht zurecht. So war ich in der Regel auf mich alleine gestellt.

Das Machtgefälle hinter dem „Ching Chang Chong“

Es gibt immer noch viele weiße* Menschen, die nicht ver­stehen, was an dem Spruch „Ching Chang Chong“ ras­sis­tisch sein soll. Hier eine Erklärung: Der CCC-Spruch wird aus­schließlich „asia­tisch“ aus­se­henden Menschen an den Kopf geworfen, unab­hängig davon, ob sie der Landessprache mächtig oder gar in dem Land geboren und auf­ge­wachsen sind, in dem sie sich befinden. Hier findet ein Othering-Mechanismus statt, d. h. Menschen werden auf­grund ihres Aussehens als Fremde mar­kiert und ihre Zugehörigkeit abge­sprochen. Hinzu kommt, dass dieser Spruch dazu dient, sich über Asiat*innen und ihre asia­ti­schen Sprachen lustig zu machen. Dabei wird die Heterogenität der asia­ti­schen Sprachen aberkannt und auf die ein­fachsten Silben her­un­ter­ge­brochen. Alle Asiat*innen werden also wieder in einen Topf geworfen und dabei wird die Unterlegenheit der asia­ti­schen Sprachen demons­triert, die aus ver­meint­lichen ein­sil­bigen Sch-Lauten bestehen. Der CCC-Spruch dis­kri­mi­niert und ver­letzt also in mehr­facher Hinsicht: Asiat*innen, so wie ich, werden mit diesem Spruch in her­ab­wür­di­gender Weise ver­spottet, gede­mütigt und aus­ge­grenzt. Es ist anzu­merken, dass das kein rein deut­sches Phänomen ist, denn z. B. in eng­lisch­spra­chigen Ländern berichten dortige Asiatische Communities das­selbe. Daran ist zu erkennen, dass Rassismus struk­turell und kein Einzelfall ist.

Rassistische Kontinuität in den Medien

Als wäre der ras­sis­tische Spruch nicht genug, setzte Kai Pflaume, der Moderator der Fernsehshow „Wer weiß denn sowas“, noch einen oben drauf. Die indo­ne­sische Stadt Bandung hatte Küken an Kinder ver­teilt, um sie von ihren Smartphones abzu­lenken. Kai Pflaumes kom­men­tierte die Meldung damit, dass die indo­ne­si­schen Kinder bestimmt auch noch ein Kochbuch dazu bekommen würden. Damit wie­der­holte er ein ras­sis­ti­sches Stereotyp gegenüber Asiat*innen, nämlich, dass Asiat*innen alles essen würden, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist und nicht imstande wären, ein Tier am Leben zu erhalten.

Quelle: „Gute Nacht Österreich“. ORF 1. Ausstrahlung vom 19.03.2020, Screenshot.

Ein ähn­licher Vorfall ereignete sich bei der „Gute Nacht Österreich“-Show am 19.03.2020 mit Peter Klien und Miriam Hie. Miriam Hie spielte in dieser Satiresendung eine chi­ne­sische Reporterin mit starkem chi­ne­si­schem Akzent und R‑L-Schwäche. Der Sketch sollte vor­der­gründig den Umgang der Volksrepublik China mit der Corona-Pandemie auf die Schippe nehmen, jedoch triefte er vor lauter Klischees über Chines*innen. Anstatt tat­sächlich die chi­ne­sische Regierung als Gegenstand des sati­ri­schen Humors zu the­ma­ti­sieren, sug­ge­rierte die „Gute Nacht Österreich“-Show den Zuschauer*innen, dass Chines*innen z. B. Fledermäuse, Hunde und Katzen äßen.

Es ist ermüdend, ständig mit ras­sis­ti­schen Stereotypen kon­fron­tiert zu werden, egal ob als Witz getarnt oder als Hate-Speech. Als wäre es nicht genug, dass Asiat*innen ras­sis­tische Bemerkungen oder Vorurteile über ihre ver­meint­lichen Essgewohnheiten ohnehin im Umfeld und im Internet zu hören oder lesen bekommen.

Quelle: „heute-show“. ZDF. Ausstrahlung vom 06.03.2020, Screenshot.
Quelle: „heute-show“. ZDF. Ausstrahlung vom 06.03.2020, Screenshot.

Die deutsche Satiresendung „heute-show“ bediente sich in ihrer Ausstrahlung vom 06.03.2020 eben­falls des anti-Asiatischen Rassismus. Sie blendete zuerst ein Foto vom Kungfu Panda mit dem Wortspiel „Kung Flu“ und später eins mit der Inschrift „Ching Chang Chong – Leer ist der Karton“ ein. In Zeiten der Corona-Pandemie, in denen Asiat*innen und Asiatisch gelesene Menschen wieder ver­mehrt ras­sis­tisch ange­feindet, gemieden, beleidigt werden oder sich die Frage stellen lassen müssen, ob sie das Coronavirus in sich tragen, sind Wortspiele wie „Kung Flu“ wie ein Stigma, das die Erkrankung am Coronavirus als etwas spe­ziell Chinesisches darstellt.

Kabarettistin Lisa Eckhart wie­derum machte sich am 19.03.2020 in der „Nuhr im Ersten“-Sendung über die Genitalien Asiatischer dyacis* Männer lustig.

Diese „Witze“ sind weder unschuldig noch harmlos. Sie nor­ma­li­sieren den Rassismus gegenüber Asiat*innen, weil sie dem weißen Publikum ver­mitteln, dass es in Ordnung sei, über Asiat*innen zu lachen. Wenn Satire nach unten tritt, dann ist es schlichtweg keine Satire, sondern Schikane. Der Rassismus gegenüber Asiat*innen ist kei­neswegs neu, d. h. es gibt ihn nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Auch nicht im Fernsehen.

Rassistische Darstellungen und Stereotype sind keine Einzelfälle, sondern eine Kontinuität.

Für mehr Sensibilität gegenüber Rassismen

Weil durch die Medien Stereotype an die breite Bevölkerung trans­por­tiert werden können, haben die Medien, ins­be­sondere öffentlich-rechtliche Sender, eine besondere Verantwortung, keinen Rassismus wie­der­zu­geben. Sie müssen ange­messen auf jeg­liche Rassismuskritik reagieren und diese umsetzen. Hierfür ist län­ger­fristig ein Bewusstsein für Rassismen etwa durch Fort- und Weiterbildungen uner­lässlich. Als nächsten Schritt sollten Medienbetriebe eine interne Antidiskriminierungsstelle ein­richten, die einer­seits den Redaktionen beratend zur Seite stehen und ande­rer­seits Beschwerden ent­ge­gen­nehmen sollte.

Ein nicht unwe­sent­licher Faktor ist die feh­lende Diversität in der deut­schen Medienlandschaft. Aus einer Befragung der „Neuen deut­schen Medienmacher*innen“, die im Mai 2020 ver­öf­fent­licht wurde, geht hervor, dass 118 von 126 befragten Chefredakteur*innen der reich­wei­ten­stärksten Medien Deutsche ohne Migrationshintergrund seien. Unter den sechs Chefs und zwei Chefinnen, die min­destens ein nicht-deutsches Elternteil haben, gehört niemand zu den BIPoC*.

Je plu­raler, desto mehr Perspektiven können mit­ein­ge­bracht werden und die Wahrscheinlichkeit steigt somit, dass Vorurteile als solche erkannt werden. Es ist längst über­fällig, dass Medienbetriebe gezielt Medienmacher*innen of Color rekru­tieren sollten, um unsere viel­fältige Gesellschaft abzu­bilden. Allerdings ist anzu­merken, dass die Einstellung von BIPoC als Personal alleine nicht aus­rei­chend ist, um tat­sächlich weitere Diskriminierungen ver­hindern. Nur die Mischung aus Sensibilisierung für Rassismen und Rekrutierung von BIPoC kann einen Effekt haben, um Rassismus zu reduzieren.

Ein Beitrag von Victoria, Mitglied der AG Medienaktivismus

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Anmerkungen:

*“Asiatisch“ (groß­ge­schrieben) als poli­tische Kategorie

*BIPoC steht für die Selbstbezeichnung „Black, Indigenous and People of Color“, die eben­falls nicht auf bio­lo­gische Eigenschaften basiert. Sie posi­tio­niert sich gegen Spaltungsversuche durch Rassismus sowie gegen ras­sis­tische Fremdbezeichnungen durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. Angehörige dieser Gruppe werden als Nicht-weiße mar­kiert, ver­fügen somit über einen gemein­samen Erfahrungshorizont mit Rassismus und sind des­wegen in einer nied­ri­geren Machtposition als weiße.

*dyacis: Menschen, die weder trans noch inter sind

*weiß bezeichnet keine bio­lo­gische Eigenschaft, sondern eine soziale und poli­tische Konstruktion in einer ras­sis­tisch struk­tu­rierten Gesellschaft. Mit dem Weißsein gehen weiße Privilegien einher und Angehörige dieser Gruppe gelten als unmar­kierte „Norm“.

Blog

Eine Nacht im April, knapp drei Monate nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie in Deutschland: Eine Gruppe Mitfahrender belästigt ein süd­ko­rea­ni­sches Paar mit sexis­ti­schen und ras­sis­ti­schen Beleidigungen in der Berliner U‑Bahn. Zwei weitere Mitfahrende beob­achten den Vorfall unter Gelächter. Als eine der betrof­fenen Personen beginnt den Vorfall per Handykamera zu doku­men­tieren, greift ein Teil der Gruppe das Paar kör­perlich an und bespuckt die beiden. Die Polizei wird noch während der U‑Bahnfahrt ein­ge­schaltet. Sie kann die aus der U‑Bahnstation Fehrbelliner Platz flüch­tenden Angreifer nicht stellen, macht aber die beiden Beobachter*innen ausfindig. 

Das Paar will Anzeige stellen, was die Polizei jedoch mit der Begründung ablehnt, dass es sich seitens der Angreifenden nicht um ras­sis­ti­sches Verhalten handele. Erst nachdem eine der beiden Betroffenen tele­fo­nisch den süd­ko­rea­ni­schen Vizekonsul kon­tak­tiert, lenken die Polizist*innen ein. Sie nehmen nun zwei Anzeigen auf, unter anderem auch eine gegen die beiden Betroffenen: Die beiden Beobachter*innen fühlen sich ras­sis­tisch beleidigt. Das Paar hat sie als Rassist*innen bezeichnet.

Rassismus in Zeiten von Corona

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Zahl und das Ausmaß an ver­baler und kör­per­licher Gewalt gegenüber asia­tisch gele­senen Personen in Deutschland und auch weltweit stark zuge­nommen. Erfahrungen, die Betroffene über Social Media öffentlich machen, decken sich mit den Daten aus dem Infopapier zu Diskriminierungserfahrungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Dieses hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Anfang Mai bereitgestellt.

Von den 100 Beratungsanfragen, die bis Mitte April im Zusammenhang mit dem Coronavirus ein­ge­gangen sind, handelt es sich in 58 Fällen um Diskriminierungserfahrungen aus ras­sis­ti­schen Gründen, besonders von Personen, denen eine asia­tische Herkunft zuge­schrieben wird. Die Erfahrungen reichen von ver­balen und kör­per­lichen Attacken zur Verweigerung von medi­zi­ni­schen Behandlungen oder Dienstleistungen und Bedrohungen durch Hassbotschaften am Arbeitsplatz und am Wohnort. Auch Fälle von insti­tu­tio­nellem Rassismus wurden gemeldet, z.B. durch Racial Profiling, also Polizeikontrollen auf Basis von ste­reo­ty­pi­sie­renden Annahmen und äußer­lichen Merkmalen.

Die Dunkelziffer ras­sis­ti­scher Übergriffe auf asia­tisch gelesene Personen ist auf ein Vielfaches höher ein­zu­schätzen. Darauf lassen die zahl­reichen Erfahrungen und Zeug*innenberichte schließen, die Betroffene bisher in pri­vaten Accounts in den sozialen Netzwerken, der Presse und unter dem Hashtag #IchBinKeinVirus geteilt haben. Dazu kommen die Erlebnisse all der­je­nigen, die sich dazu ent­schieden haben, mit diesen indi­vi­du­ellen und oft scham­vollen Erfahrungen nicht nach außen zu treten oder die keinen Zugang zu Hilfs- und Dokumentationsstrukturen haben.

Rassistische Berichterstattung zu Corona

Ebenfalls mit Beginn der Corona-Pandemie haben kori­en­tation und viele andere Asiatisch-Deutsche Akteur*innen einen Anstieg pro­ble­ma­ti­scher Medienberichterstattung zu COVID-19 fest­ge­stellt und öffentlich darauf hin­ge­wiesen. Bereits am 5. Februar hat das Team von kori­en­tation gemeinsam mit den Neuen deut­schen Medienmacher*innen in der Pressemitteilung „Rassismus ‚Made in Media‘ – Diskriminierende Berichterstattung zum Coronavirus“ darauf auf­merksam gemacht. Die Pressemitteilung weist auf den Zusammenhang von dis­kri­mi­nie­rendem und kul­tu­ra­li­sie­rendem Framing und/oder mehr­deu­tigen, ste­reo­ty­pi­sie­renden, kli­schee­be­la­denen und unsach­lichen Text-Bild-Verknüpfungen in Beiträgen vom Spiegel, der Bild und des FOCUS Magazins und dem wach­senden anti-asiatischem Rassismus hin. Trotz Hinweisen und Handlungsvorschlägen zum dis­kri­mi­nie­rungs­sen­siblen Berichten wird die Liste der Artikel, Cover und Bebilderungen, die anti-asiatischen Rassismus befeuern bis heute stetig länger.

Wir alle wissen, dass ste­reo­ty­pi­sie­rende und sug­gestive Sprache und Bilder beein­flussen, wie Menschen wahr­ge­nommen werden. Dabei geht es nicht allein um Worte einiger weniger aus dem kon­ser­va­tiven und rechten Spektrum. Auch mediale Berichterstattung hat darin eine Verantwortung. Sie ist nicht unschuldig, denn: Bilder wecken Assoziationen, Sprache schafft Wirklichkeit und Worte führen zu Taten. Bebilderungen von Integrationsdebatten mit kopf­tuch­tra­genden Frauen (meist von hinten) oder Generalverdächtigung eines gesamten Berliner Stadtteils als „Clan-Kriminelle“ gehören dazu. Wir wissen his­to­risch durch den Nationalsozialismus und erleben gegen­wärtig mit den NSU Morden und den Morden in Hanau, wie dis­kri­mi­nie­rende Repräsentation von Minderheiten zu töd­lichen Konsequenzen führt.

Wenn der Spiegel schreibt: „CORONA VIRUS – Made in China [in gelber Schrift] – Wenn Globalisierung zur töd­lichen Gefahr wird“, der Schwarzwälder Bote über einen lokalen Karneval mit dem Titel „Chinese mit Atemschutzmaske baumelt über der Stadt“ berichtet und der Cicero seine Mai-Ausgabe mit „Gruß aus Wuhan – China, Corona und der Schaden für die Welt“ betitelt, wissen asia­tische gelesene Menschen und BIPoC, was als nächstes pas­siert – nämlich ange­spuckt, beleidigt, mit Desinfektionsmittel ein­ge­sprüht, vom Fahrrad geschubst werden und mehr.

Vielen ist dies nicht bewusst, andere blenden es aus. Wir bezweifeln jedoch, dass es saubere jour­na­lis­tische Arbeit ist, Bilder wie „die Gelbe Gefahr“, die ihren ras­sis­ti­schen Ursprung in der Kolonialzeit haben, ohne Kontextualisierung auf die Corona-Pandemie zu über­tragen und wieder salon­fähig zu machen. Gleiches gilt für Redaktionen, die mit dem Schüren von Panik und der Emotionalisierung ihrer Leser*innen darauf abzielen, ihre Auflage- und Absatzzahlen zu steigern. Ob unbe­wusst oder ignorant, sie handeln fahr­lässig und nehmen für kapi­ta­lis­ti­schen Gewinn in Kauf, ras­sis­tische Gewalt zu verstärken.

Fremddarstellung von asiatisch gelesenen Menschen und ihre Folgen

Was vielen nicht-asiatischen Menschen ver­mutlich auch nicht bewusst ist: Die Fremddarstellung asia­tisch gele­sener Menschen hat eine lange Kontinuität, deren Auswirkungen asia­tische Menschen heute noch spüren.

Nehmen wir das Beispiel „Yellow Fever“ – oder in anderen Worten: die Fetischisierung asia­ti­scher Frauen*. Yellow Fever gründet auf dem Bild der (sexuell) unter­wür­figen asia­ti­schen Frau*, das – wer hätte es geahnt – ein weißer Schriftsteller namens Pierre Loti im Jahr 1887 als Motiv für seine Novelle „Madame Chrysanthème“ gewählt hat und das seitdem in Opern, Musicals und zahl­reichen Filmen bis heute repro­du­ziert wird. Verstärkt wurde dieses Bild durch sys­te­ma­tische Förderung von Prostitution in süd‑, süd-ost- und ost-asiatischen Ländern zum Zweck der „Rest and Relaxation“ US-amerikanischer Soldaten während der Kriege in Japan, Korea und Vietnam. 85% der US-Soldaten gaben an, bei dieser Gelegenheit sexu­ellen Kontakt zu einer Prostituierten gehabt zu haben. Diese Fetischisierung wie­derum spiegelt sich in den hohen Klickzahlen der ras­si­fi­zierten Pornokategorie „asia­tisch“ und hat nega­tiven Einfluss auf die Lebensrealitäten asia­tisch gele­sener Frauen*. kori­en­tation wurde Anfang April von einer betrof­fenen Person über gehäufte Fälle infor­miert, in denen ein weißer Mann in Berlin-Kreuzberg gezielt asia­tische Frauen* digital ges­talked, sexuell belästigt und emo­tional mani­pu­liert hat.

Im Coronakontext erleben asia­tisch gelesene Frauen* in einer wei­teren Dimension, wie sich ras­sis­tische und sexua­li­sierter Gewalt in obs­zönen und ent­wür­di­genden Übergriffen ver­quickt: Eine asia­tisch gelesene Frau berichtet, dass ihr ein fremder Mann seinen Finger in den Mund gesteckt und dann lachend behauptet hat, er sei schon mit dem Virus infi­ziert, aber er liebe asia­tische Frauen.

Model Minority Myth und anti-asiatischer Rassismus

Mit der Zuschreibung, eine „Model Minority“, also die „gut Integrierten“ zu sein, erfahren manche asia­tisch gelesene Personen (v.a. die sicht­baren) im Vergleich zu anderen negativ stig­ma­ti­sierten People of Color (u.a. auch weniger sichtbare asia­tische* Gruppen) eine gesell­schaft­liche Besserbehandlung. Der Preis für diese Privilegien ist die Erfüllung und Verinnerlichung der ste­reo­typen Rolle der „stillen Asiat*innen“ und ent­spre­chend dank­bares Verhalten. Doch diese Rechnung geht nicht auf, denn über diese ver­meintlich „positive“ (vor allem aber auch pater­na­lis­tische) Zuschreibung werden die ver­schie­denen von Rassismus negativ betrof­fenen Gruppen hier­ar­chi­siert und gegen­ein­ander aus­ge­spielt. Und der Rassismus gegen asia­tisch gelesene Personen exis­tiert trotzdem, auch wenn Betroffenen ihre Rassismuserfahrungen oft abge­sprochen oder nicht ernst genommen werden.

Besonders pro­ble­ma­tisch wird es, wenn dies durch die­je­nigen Strukturen geschieht, deren Aufgabe es ist, Personen zu schützen, Straftaten zu ver­folgen und Täter*innen zur Verantwortung zu ziehen. Das Verhalten der Polizei, die im Angriff auf das ein­gangs genannte korea­nische Paar weder sexuelle noch ras­sis­tische Belästigung erkennen wollte, findet dabei auf der ver­gleichs­weise noch „harm­lo­seren“ Seite des Spektrums insti­tu­tio­nellen Rassismus statt.

Wir möchten an dieser Stelle aber auch daran erinnern:

Dass beim mehrmals in der Presse ange­kün­digten Pogrom in Rostock-Lichtenhagen von 1992 sowohl die Polizei als auch die Landesregierung von Mecklenburg Vorpommern ras­sis­tische Motive igno­riert, und Hilfeleistung und Strafverfolgung unter­lassen haben.

Dass die Polizei bei einer Festnahme viet­na­me­si­scher Männer 1993 in Bernau und 1994 in Leipzig Racial Profiling, ras­sis­tische und sexua­li­sierte Gewalt ange­wendet hat.

Und dass im Mai 2016 die chi­ne­sische Architekturstudentin Yangjie Li von einem Mann ver­ge­waltigt und ermordet wurde, dessen Mutter zum Zeitpunkt der Tat Polizistin und dessen Stiefvater Polizeichef von Dessau waren. Letzterer half dem Täter und dessen Freundin kurze Zeit nach dem Mord beim Umzug aus der Wohnung in unmit­tel­barer Nähe des Tatorts. In Dessau ist 2005 auch Oury Jalloh, eine Schwarze Person, unter unge­klärten Umständen in Polizeigewahrsam verbrannt.

Was müssen wir also tun?

Rassismus gegen asia­tisch gelesene Personen ist eine von vielen ver­schie­denen Formen des „Othering“, also der Konstruktion eines ras­si­fi­zierten „Anderen“. Er findet auf unter­schied­lichen struk­tu­rellen Ebenen, in unter­schied­lichen Bereichen, mit unter­schied­lichen geschicht­lichen Kontexten und in unter­schied­lichen Funktionen statt. Er ist oftmals geschlechts­spe­zi­fisch und variiert auch entlang anderer Diskriminierungskategorien. Er ist ebenso viel­fältig wie die Positionierungen asia­tisch gele­sener Menschen in Deutschland. Der spe­zi­fisch mit der Corona-Pandemie auf­flam­mende Rassismus richtet sich in unter­schied­lichen Ausprägungen auch gegen Jüdische Menschen, Sint*ezza und Rom*nja, Schwarze Menschen und andere People of Color. Eine feh­lende Positionierung bzw. Schweigen und Abwertung ihrer Rassismuserfahrungen (nicht nur im Corona-Kontext) sind Bestandteile einer Dynamik, mit der Betroffenen gezeigt wird, dass sie in der Gesellschaft keine gleich­wertige Position einnehmen.

Als Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven schließen wir fol­gendes Fazit:

Politiker*innen, Behörden, Schulen, Polizei und Verwaltungen müssen das Thema anti-asiatischer Rassismus auf­greifen und eine klare Stellung dazu beziehen. Außenminister Heiko Maas hatte sich Anfang April zwar kri­tisch zu den im Coronakontext auf­ge­tre­tenen Beleidigungen gegenüber Französ*innen geäußert, anti-asiatischer Rassismus scheint aber bisher kein Thema zu sein. Wenn staat­liche Institutionen dazu schweigen, ver­mittelt dies die Botschaft, dass ras­sis­ti­sches Verhalten akzep­tiert wird und erlaubt ist. Institutionen müssen einen Plan und Regeln ent­wi­ckeln, wie mit ras­sis­ti­schem und dis­kri­mi­nie­rendem Verhalten umge­gangen werden soll.

Alle Polizist*innen müssen verbale und kör­per­liche Angriffe auf asia­tisch gelesene Menschen ernst­nehmen und ihrer Verpflichtung nach­kommen, dagegen Anzeige auf­zu­nehmen. Die Polizei muss sich sowohl intern als auch im Kontakt nach außen ernsthaft mit diesem Thema beschäf­tigen und sich sen­si­bi­li­sieren. Für die Betroffenen ras­sis­ti­scher Übergriffe ist es doppelt trau­ma­ti­sierend, wenn ihnen ver­mittelt wird, dass ihre Erfahrungen eine Strafverfolgung nicht wert sind.

Personen, die nicht negativ von Rassismus betroffen sind, sollen Erfahrungen asia­tisch gele­sener Menschen nicht in Frage stellen oder ver­harm­losen und jede Form von anti-asiatischem Rassismus unter­lassen. Daher der Appell: Wenn Ihr ras­sis­tische Übergriffe beob­achtet, zeigt Euch soli­da­risch und leistet Beistand. Lasst ras­sis­ti­sches Verhalten nicht einfach stehen oder igno­riert es. Jede Person, die sich in so einem Fall kri­tisch äußert, kann Vorbild für andere sein.

Medienschaffende müssen sich und ihre Redaktionen grund­sätzlich und spe­ziell im Kontext der Corona-Pandemie auf kul­tu­ra­li­sie­rendes, ste­reo­ty­pi­sie­rendes, unsach­liches oder ras­sis­ti­sches Framing bzw. Bild-Text-Verknüpfungen über­prüfen und nach­bessern. Als Hilfestellung, wie es besser gemacht werden kann, emp­fehlen wir Glossare und Leitfäden zum dis­kri­mi­nie­rungs­sen­siblen Sprachgebrauch. Auf der Webseite von No Hate Speech https://no-hate-speech.de/de/wissen/ ist eine Sammlung zu finden.

Und zu guter Letzt: Liebe Asiatisch-Deutsche Menschen, scheisst auf den Model Minority Mythos, er bringt Euch nichts außer ein fal­sches Gefühl von Anerkennung. Auch für uns und gerade in Anbetracht der nicht endenden ras­sis­ti­schen (Polizei-)Gewalt in den USA und hier in Deutschland vor allem gegen Schwarze Menschen ist es unum­gänglich, uns selbst zu reflek­tieren. Im Vergleich zu anderen von Rassismus negativ Betroffenen, aber auch innerhalb und zwi­schen unseren Communities sind Privilegien ungleich ver­teilt. Lasst uns darüber sprechen, von­ein­ander lernen, unsere eigenen ver­in­ner­lichten Rassismen ver­lernen, gemeinsam auf­stehen und uns und andere BIPoC in ihren Kämpfen unter­stützen!

Sina Schindler, kori­en­tation e.V.