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Editorische Notiz: Das Interview erschien im April 2022 auf der Webseite der Initiative Kulturelle Integration des Dt. Kulturrat e.V. (Link zum Beitrag) und wird auf unserer Webseite zweitveröffentlicht. 

Du bist Gründungsmitglied von „kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V.“. Wie kam es zu der Gründung des Vereins und was ist seitdem pas­siert?
„kori­en­tation“ wurde Anfang 2008 von einer kleinen Gruppe von korea­ni­schen Deutschen vor­nehmlich der zweiten Generation gegründet, um ein mehr­jäh­riges Projekt zu Migrationsbewegungen zwi­schen Deutschland und Korea durch­zu­führen. Höhepunkt des Projektes war 2009 die Ausstellung „Shared.Divided.United. Deutschland-Korea: Migrationsbewegungen im Kalten Krieg“, die wir unter dem Dach der ngkb – neue gesell­schaft für bil­dende kunst e.V. kura­tiert und orga­ni­siert haben. Dieses Projekt war neben der Aufarbeitung unserer eigenen Geschichten auch ein Mittel, um uns in der damals schwe­lenden Integrationsdebatte inhaltlich und poli­tisch besser posi­tio­nieren zu können. Wir wollten den dort offen­sichtlich zutage tre­tenden ras­sis­ti­schen Narrativen und Stereotypen zu „asia­ti­schen“ Migrantinnen und Migranten und dem feh­lenden Wissen zu asia­ti­schen Menschen und ihren Lebensrealitäten in Deutschland etwas ent­ge­gen­setzen, indem wir selbst zu Wissensproduzentinnen und ‑pro­du­zenten sowie Akteurinnen und Akteuren werden.

Uns wurde nach Abschluss des Projektes bald klar, dass der Verein ein Eigenleben ent­wi­ckelt hatte und es Sinn machte, die Arbeit wei­ter­zu­führen. Es wurde zudem sehr schnell deutlich, dass der Fokus auf koreanisch-deutsche Themen viel zu eng war und aus­ge­weitet werden musste. Seit 2010 arbeiten wir immer wieder an unserer Selbstbezeichnung und ver­stehen uns als ein Asiatisch-Deutsches Netzwerk. Wir ver­wenden das Label „Asiatisch-Deutsch“ als stra­te­gische poli­tische Selbstpositionierung, die her­kunfts­über­greifend einen gemein­samen Ort schafft, von dem aus wir sprechen können, um unseren Themen und gesell­schaft­lichen Forderungen Gehör zu verschaffen.

Das erste Projekt hat für mich eine große Bedeutung, weil es nicht nur den Verein selbst ins Leben gerufen, sondern auch die Grundpfeiler für die Ausrichtung der Arbeitsfelder von „kori­en­tation“ gelegt hat. Wir arbeiten seitdem an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kultur/Medien, Politischer Bildung und Politik mit dem Ziel, die Repräsentation von Asiatisch-Deutschen Perspektiven zu stärken. Gleichzeitig ist diese Arbeit nicht denkbar ohne die soli­da­rische Zusammenarbeit und den Austausch mit anderen Communities.

Bis 2019 war der Verein rein ehren­amtlich orga­ni­siert. Wir freuen uns sehr, dass wir seit 2020 mit dem Projekt „MEGA“ zum ersten Mal auch haupt­amt­liche Stellen bei „kori­en­tation“ schaffen konnten und weiter in die Professionalisierung und Institutionalisierung des Vereins gehen können.

Darüber hinaus betreust du das eben bereits erwähnte Projekt „MEGA“, welches im
dritten Jahr in Folge im Rahmen des Programms „Demokratie leben!“
durch­ge­führt wird. Wofür steht das Projekt?
„MEGA“ steht für „Media and Empowerment for German Asians” und ist ein Empowerment-Projekt für junge Asiatische-Deutsche. In dem Projekt schaffen wir Räume, in denen die Teilnehmenden darin ermutigt werden, ihre eigenen Geschichten zu ent­decken, ihre Erfahrungen zu teilen, ein­zu­ordnen und befähigt werden, diese mit unter­schied­lichen medialen Mitteln zu erzählen und sichtbar zu machen. Es geht darum, den vor­herr­schenden ste­reo­typen Bildern und Narrativen von Asiatisch-Deutschen Menschen viel­fältige Bilder, Beiträge und Erzählungen aus Asiatisch-Deutschen Perspektiven ent­ge­gen­zu­setzen. Alle Teilnehmenden sollen darin bestärkt werden, selbst zu Wissens- und Medienproduzentinnen und ‑pro­du­zenten sowie zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren werden zu können.

Inhaltlich beschäf­tigen sich die Teilnehmenden in den Seminaren bei­spiels­weise mit Asiatisch-Deutschen Migrationsgeschichten oder his­to­ri­schen Entwicklungen von anti-asiatischem Rassismus, drehen in Workshops Kurzfilme, schreiben eigene Texte oder erstellen mul­ti­me­diale Arbeiten, die zum Teil ver­öf­fent­licht und gezeigt werden. In den unter­schied­lichen Formaten werden aber nicht nur Wissen, Theorien und Methoden sowie tech­nische und mediale Kompetenzen ver­mittelt. Ganz besonders wichtig sind uns und den Teilnehmenden die Räume, die hier­durch zum Aus-/Tauschen und zur Vernetzung sowie zur Zirkulation von Inhalten ent­stehen. Die ent­ste­henden Arbeiten und Projektinhalte werden auch auf unserer Projektwebseite für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit Beginn der Coronapandemie vor zwei Jahren sind ras­sis­tische Äußerungen oder Übergriffe gegenüber Menschen, denen eine asia­tische Herkunft zuge­schrieben wird, stark ange­stiegen. Gleichzeitig hat anti-asiatischer Rassismus nicht erst mit der Pandemie begonnen, sondern ist leider bereits seit Jahrhunderten in der deut­schen Geschichte vor­zu­finden. Welche Erwartungen hast du an Politik und Gesellschaft?
Trotz des mas­siven Anstiegs von ras­sis­ti­schen Übergriffen gegen asia­tisch gelesene Menschen als Sündenböcke der Pandemie ist anti-asiatischer Rassismus offen­sichtlich wieder aus dem Blickfeld der medialen Öffentlichkeit und der Politik gerutscht. Deutlich wurde dies im Koalitionsvertrag der nicht mehr ganz so neuen Bundesregierung, in der wir in der Auflistung unter­schied­licher Formen von Rassismus und Diskriminierung ver­geblich nach „anti-asiatischem Rassismus“ gesucht haben.

Wir erwarten von der Politik und Gesellschaft, dass anti-asiatischer Rassismus als spe­zi­fische Form von Rassismus aner­kannt, benannt und bekämpft wird. Die explizite Aufnahme von anti-asiatischem Rassismus neben anderen Rassismusformen in Koalitionsplänen, im „Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus“ und sons­tigen poli­ti­schen Maßnahmenplänen gegen Rassismus und Diskriminierung wäre ein Anfang.

Mehr Ressourcen für die Erforschung von anti-asiatischem Rassismus, asiatisch-deutschen Migrationsgeschichten und deut­scher Kolonialgeschichte und ihren Verwebungen wäre erfor­derlich, sowohl im Bereich der Wissenschaft als auch für die kul­tu­relle, künst­le­rische, mediale Projektarbeit. Darüber hinaus sollte auch der Transfer von Wissen hinein in Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten und Hochschulen, aber auch Museen oder in jour­na­lis­tische Institutionen gefördert werden.

Im Feld der post­mi­gran­ti­schen Erinnerungskultur wün­schen wir uns ein wür­diges Gedenken an die Opfer der deut­schen Kolonialpolitik, aber auch an die Menschen, die aus ras­sis­ti­scher Motivation ermordet wurden. Hierzu gehört auch eine ganze Reihe von asia­ti­schen Menschen. Am 24.04.2022 jährte sich dieses Jahr bei­spiels­weise der 30. Todestag von Nguyễn Văn Tú, am 30.04.2022 der 25. Todestag von Phan Văn Toàn, die beide in der Nachwendezeit Opfer rechter Gewalt wurden.

Der anti-asiatische Rassismus ist im Vergleich zu anderen ras­sis­ti­schen Ausgrenzungsformen noch recht wenig erforscht. Welche Gründe gibt es hierfür?
Es gibt häufig in weiten Teilen der Gesellschaft kein Bewusstsein für die Existenz von anti-asiatischem Rassismus wegen des vor­herr­schenden „Model Minority Mythos“. Als „Model Minority Mythos“ wird das Narrativ bezeichnet, dass „asia­tische“ Menschen per se bestens inte­griert und leis­tungs­willig sind, aus diesem Grunde wenig Probleme machen und wenig Probleme haben. Sie gelten als unsichtbar, leise und passiv und diese Kategorisierung wird genutzt, um die „Mustermigrant*innen“ gegen andere migran­tische Gruppen aus­zu­spielen. Darüber hinaus gibt es im Grunde keine Auseinandersetzung mit diesen Bevölkerungsgruppen und ihren Lebensrealitäten, Betroffenen werden Rassismuserfahrungen häufig abge­sprochen. Wie wenig Wissen nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft zu anti-asiatischem Rassismus und über Asiatische Deutsche bekannt ist, wurde in der Pandemie deutlich, als Medien und Politik anti-asiatischen Rassismus zum Teil selbst repro­du­zierten und ihn später auf­grund der plötzlich für alle sichtbar wer­denden ras­sis­ti­schen Übergriffe auf asia­tisch gelesene Menschen neu „ent­deckten“.

Der Begriff des anti-asiatischen Rassismus ist zudem im deut­schen Kontext noch nicht eta­bliert. Dies hängt damit zusammen, dass spe­zi­fische Diskriminierungsformen erst dann sichtbar werden, wenn die Betroffenen selbst diese Ungleichheiten benennen, ihre Anerkennung durch­setzen und in den Machtdiskurs ein­schreiben können. Mittlerweile sind auch in Deutschland in unter­schied­lichen asia­ti­schen Communities die zweite und auch dritte Generation in der Position, ihre Stimmen zu erheben, um gleich­be­rech­tigte Teilhabe als Bürgerinnen und Bürger mit gleichen Rechten ein­zu­fordern. „kori­en­tation“ sieht sich als Teil dieser Entwicklung und hof­fentlich wach­senden Bewegung.

Die 15 Thesen der Initiative kul­tu­relle Integration tragen den Titel „Zusammenhalt in Vielfalt“. Was bedeutet für dich „Zusammenhalt in Vielfalt“ und welche der 15 Thesen ist deine „Lieblingsthese“?
Meine Assoziation mit „Zusammenhalt in Vielfalt“ ist das Bild einer plu­ralen, soli­da­ri­schen Gesellschaft. Zwei Thesen sprechen mich an:

These 1 „Das Grundgesetz als Grundlage für das Zusammenleben der Menschen muss gelebt werden“ ist als Forderung for­mu­liert, was mir an dieser Stelle gefällt, weil schließlich wei­terhin, auch im Jahr 2022, die Grundrechte in Deutschland nicht für alle Menschen gelten.

These 13 „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abge­schlossen“ – Es bleibt wei­terhin eine offene Aufgabe für die deutsche Gesellschaft, sich bei­spiels­weise auch der eigenen Kolonialgeschichte zu stellen, nationale Mythen zu dekon­stru­ieren und sich zu ver­ge­gen­wär­tigen, dass unsere Geschichten, das heißt auch die post/migrantischer Bevölkerungsgruppen, Teil der deut­schen Geschichte sind.

Vielen Dank!

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Youtube Live-Stream am 22.10.2021

Wir haben uns gefreut anlässlich des Erscheinens der Publikation „Glück Auf – Lebensgeschichten korea­ni­scher Bergarbeiter in Deutschland“ gemeinsam mit dem Center for Korean Studies der Universität Tübingen sowie dem Korea-Verband den Booklaunch zu feiern. Der Herausgeber des Buches You Jae Lee ist nicht nur Gründungsmitglied von kori­en­tation, sondern selbst Sohn eines ehe­ma­ligen Bergarbeiters und forscht als Lehrstuhlinhaber der Koreanistik Tübingen zu den Migrationsbewegungen zwi­schen der korea­ni­schen Halbinsel und Deutschland. Es war toll, dass wir mit diesem Interviewband die Gelegenheit haben und hatten, die Geschichten unserer Väter einer brei­teren Öffentlichkeit zugänglich machen zu können, die bislang in der deut­schen Gesellschaft kaum Beachtung finden.

Dabei beschäf­tigten uns unter anderem die fol­genden Fragen: Welche Erinnerungen an die Arbeit im Bergwerk sind noch am stärksten? Welche Ereignisse trugen dazu bei, sich lang­fristig für ein Leben in Deutschland zu ent­scheiden? Welche Strategien ent­wi­ckelten sie, um mit den Herausforderungen im Alltag umzu­gehen, den Ausschlüssen, Barrieren und Diskriminierungserfahrungen in der deut­schen Gesellschaft? Wie prägen die Erfahrungen und Erzählungen der ersten Generation auch die Lebensentwürfe der zweiten Generation? Was pas­siert, wenn erste und zweite Generation bewusst gemeinsam auf persönliche/kollektive Migrationsgeschichten (zurück)schauen?

Der Booklaunch fand in Form einer Lesung und einem Gespräch mit zwei Protagonisten aus dem Band statt. Die Lebensgeschichten der Bergarbeiter werden inhaltlich durch einen ein­füh­renden Vortrag des Herausgebers You Jae Lee in den his­to­ri­schen und poli­ti­schen Kontext ein­ge­bettet. Zudem gab es im Anschluss die Möglichkeit, im Rahmen eines Publikumsgespräches Fragen an die ehe­ma­ligen Bergarbeiter und den Herausgeber zu stellen.

Ausführlichere Informationen zum Buch siehe unten unter HINTERGRUND.

Slide Graphik: Dong-Ha Choe; Foto: Bergbau-Archiv 1965

Programm

Lesung und Gespräch am 22.10.2021 um 18:30 – 20:30 h

  • Begrüßung durch kori­en­tation und Korea-Verband
  • Einführender Vortrag „Der Eigensinn der korea­ni­schen Bergarbeiter“, Prof. You Jae Lee (Center for Korean Studies Tübingen)
  • Lesung aus dem Interviewband mit Portraitfotos von Dong-Ha Choe
  • Gesprächsrunde mit Dong-Chul Lee (Berlin) und Jai-Seung Kim (Eschborn)
    mode­riert von Jee-Un Kim (kori­en­tation), über­setzt von Nataly Han (Korea Verband)
  • Publikumsgespräch mit Dong-Chul Lee, Jai-Seung Kim und You Jae Lee

Limitierte Plätze für die Teilnahme in Präsenz.

Ort: Korea-Verband, Quitzowstr. 103, 10551 Berlin

📹 Die Veranstaltung wurde über Youtube live gestreamed: https://youtu.be/NFK-6seBI1M

Hintergrund

Die Geschichte der ca. 8.000 korea­ni­schen Bergmänner ist ebenso wie die der ca. 11.000 korea­ni­schen Krankenschwestern in Deutschland ein wich­tiger Teil der deut­schen und korea­ni­schen Migrationsgeschichte sowie Teil der kol­lek­tiven Geschichte der korea­ni­schen Diaspora und Asiatisch-Deutschen Communities. Sie ist unmit­telbar mit der Entstehungsgeschichte von kori­en­tation e.V. ver­bunden, da der Verein 2008 mehr­heitlich von Töchtern und Söhnen dieser Bergarbeiter und Krankenschwestern gegründet und weiterentwickelt/weitergeführt wurde.

Der von You Jae Lee her­aus­ge­gebene Band „Glück auf! Lebensgeschichten korea­ni­scher Bergarbeiter in Deutschland“ enthält zehn foto­gra­phische Portraits und lebens­ge­schicht­liche Interviews dieser spe­zi­fi­schen Migrantengeneration. Die Interviews ermög­lichen Einblicke, die in dieser Form und Tiefe bisher noch nicht exis­tieren. Persönliche rück­bli­ckende Reflektionen über Geld, Glauben, Arbeitsalltag und Arbeitsorganisation, soziale Mobilität, gesell­schaft­liche Marginalisierung, Selbstorganisierung, Familien- und Geschlechterverhältnisse sowie sozialen Status, lesen sich sowohl als indi­vi­duelle Erfahrungen als auch eine kol­lektive Erzählung einer bestimmten Generation von korea­ni­schen Männern einer bestimmten Berufsgruppe. Es werden auch intimere Aspekte preis­ge­geben, emo­tional schmerz­hafte Auseinandersetzungen mit Familienmitgliedern in Korea, kör­per­liche Grenzen und Resilienz hin­sichtlich der harten phy­si­schen Arbeit unter Tage, Prekarität und damit ver­bundene Sorgen in Hinsicht auf Aufenthaltsstatus und Bestreitung der Lebenshaltungskosten in beruf­lichen Übergangssituationen, Hoffnungen und Projektionen hin­sichtlich der Kinder und zweiten Generation, Erfahrungen diverser Art mit der deut­schen Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterschiedlichkeit der zehn in dem Band reprä­sen­tierten Lebenswege und Erzählungen ver­weist auf die indi­vi­du­ellen Handlungsräume während des Bergarbeiterseins und darüber hinaus. Der Band ist ein wich­tiger Baustein für ein wis­sen­schaft­liches Archiv korea­ni­scher Migrationsgeschichte und zur Repräsentation Asiatisch-Deutscher Communities.

Kooperation

Das Center for Korean Studies wurde 2018 gegründet, um neben der Abteilung für Koreanistik die Koreaforschung an der Universität Tübingen zu stärken. Forschungsschwerpunkte sind Kolonialismus, Kalter Krieg und Asian German Studies. Seit August 2021 hat ein 10-jähriges Projekt begonnen, das mit Alltags- und glo­bal­ge­schicht­lichen Ansätzen die deutsch-koreanische und europäisch-koreanische Beziehungsgeschichte his­to­risch erforscht. Das von Korean Studies Promotion Service geför­derte Projekt umfasst auch die Forschung der korea­ni­schen Diaspora in Europa.

www.korea.uni-tuebingen.de

Der Korea Verband ist ein gemein­nüt­ziger Verein, der 1990 aus der Demokratie- und Solidaritätsbewegung für Korea her­vorging. Der Verein setzt sich mit viel­fäl­tigen Aktionsformen für Menschen- und Bürger*innenrechte ein, sowohl im geteilten Korea, in Europa, als auch auf lokaler Ebene im Kiez und hin­ter­fragt Machtstrukturen aus einer post­ko­lo­nialen, femi­nis­ti­schen und inter­sek­tio­nalen Perspektive.

www.koreaverband.de

Projekt MEGA

Die Veranstaltung ist Teil des Modellprojekts MEGA – Media and Empowerment for German Asians des kori­en­tation e.V. MEGA hat zum Ziel, das (mediale) Bild von Asiatischen Deutschen und asia­ti­schen Menschen in Deutschland durch selbst­be­stimmte Erzählungen und Beiträge zu besetzen und zu diver­si­fi­zieren. Asiatische Deutsche werden darin bestärkt, ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen auf­zu­ar­beiten, ein­zu­ordnen und zu erzählen, und diese als noch unbe­ach­teten Teil der deut­schen Geschichte sicht­barer zu machen.

MEGA Media and Empowerment for German Asians wird vom BMFSFJ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales im Partizipations- und Integrationsprogramm gefördert.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

BlogInterviewsKultur

Bild: From the serial „Who is Mai Ling?” (Performance, public inter­vention | 2019 ) © Mai Ling

In dieser Interviewreihe stellen wir euch kurz (post)migrantische Selbstorganisationen vor, mit denen uns poli­tische Arbeitsansätze, Inhalte und Ziele ver­binden. Wir haben fest­ge­stellt, dass die ver­schie­denen lokalen Netzwerke und Initiativen oftmals nichts von­ein­ander wissen. Diese Reihe ist ein kleiner Beitrag zur Sichtbarmachung der (post)migrantischen Vielfalt. Je nach Sprachpräferenzen der Interviewpartner*innen werden die Interviews auf Deutsch oder Englisch durch­ge­führt. Wir freuen uns, euch dieses Mal das Kollektiv Mai Ling aus Wien vorzustellen.

1. How and why did you start the Mai Ling Collective? Which inspi­ration keeps you going?

Mai Ling 1: The founding of the asso­ciation MAI LING began with the idea and eagerness to exchange with Asian migrants living in Vienna. Many female Asians were expressing their dif­fi­culties living in Austria — that was often a matter of sur­vival. Although all migrants face racism in their day-to-day lives, Asian women also expe­rience sexism. The com­bi­nation of racism and sexism made it harder for us to live here. 

Last year, I wanted to interview Asian migrants about their lives so I asked Mika, a friend and member of Mai Ling, if she was inte­rested in orga­nising a meeting with all Asian artists that she knew of and were living here. Before the meeting, we didn’t have in mind that we would find an asso­ciation and artist coll­ective, however, after our first meeting, we rea­lised the necessity of for­ma­lising our com­mitment to regu­larly gather and exchange. From then onwards, we founded Mai Ling, an artist coll­ective and asso­ciation with the focus on Asian women living in Austria. 

The artist coll­ective aimed to make our exis­tence visible by fos­tering the reco­gnition of our voices. As I men­tioned before, Asian, female and LGBTQ com­mu­nities face an inter­sec­tional layer of racism, sexism, homo­phobia and other forms of pre­ju­dices in their daily lives. Unfortunately the know­ledge about us is insuf­fi­cient and is often repre­sented through white lenses. For this reason, the con­di­tions, nar­ra­tives, chal­lenges and embodied expe­ri­ences are not taken into con­side­ration. This is because struc­tu­rally, we are excluded from the main­stream dis­course and we lack plat­forms for repre­sen­tation. My biggest moti­vation for working as a member of Mai Ling is to find an outlet for my anger and frus­tra­tions when it comes to day-to-day racism and sexism.

Mai Ling 2: When we first founded Mai Ling, we had our first public event <Who is Mai Ling?>, during which we dealt with the cha­racter Mai Ling as no one knew who she was — she is me, she is us, but also not. My name isn’t Mai Ling. The crossing of iden­tities and the self-denial of Mai Ling inspired us and the way we worked as diverse artists and rese­ar­chers in the cul­tural scene. 

Many of us were seriously aware of the chal­lenges living as an Asian woman in Europe. We knew from our expe­ri­ences that the voice of one person is often for­gotten and that is why we chose to use the complex figure Mai Ling. She is a figure whose identity is con­stantly in flux and being redefined.

2. How would you translate/transfer the „speaking“ or „talking back“ of Mai Ling into your everyday life?

Mai Ling 1: After I started to work as Mai Ling, I stopped per­so­na­lising the racist/sexist expe­ri­ences I had as I knew it hap­pened to Asian females in one form or another. We had created a space where we felt safe and understood. At the same time, I felt a sense of kinship with Asians and we wanted to show our soli­darity with each other.

Mai Ling 2: Mai Ling is the name of our artist collective/association and natu­rally, all our art­works are signed under this name. We decided to do this because Mai Ling in Gerhard Polt’s sketch sym­bo­lised a figure that crossed over various Asian countries and thus cul­tural ste­reo­types. As a group with members from dif­ferent East Asian countries, we wanted to reclaim the figure of Mai Ling and give her our own voice. 

The anonymity of Mai Ling also lends us certain power to be radical and, at the same time, we can hide behind a figure whose identity is con­stantly being rede­fined. With many members of Mai Ling being first gene­ration migrants, anonymity also acts as a form of pro­tection so that our acti­vistic work does not clash with existing bureau­cratic challenges.

3. How did your life change since the corona-virus media debates started?

Mai Ling 1: My first lan­guage is neither German nor English and, for this reason, I received rela­tively scarce infor­mation about the Covid-19 deve­lo­p­ments. But I am already expe­ri­encing the effects of the Covid-19 media debates. Although there is racism and sexism in my daily life in Vienna, I never had to be afraid to go outside. Since Covid-19, I pre­ferred to not go outside, not because of the fear of infection, but rather, the reac­tions from strangers whenever they saw me. 

Mai Ling 2: My daily life didn’t dra­ma­ti­cally change since Covid-19. There was already racism and pre­judice towards Asian people before this crisis. However, Covid-19 media debates made racism more visible and we wit­nessed more hate speeches towards Asian people. It felt like a social threat.

Mai Ling 3: I became hyper-sensitised to my sur­roun­dings and espe­cially towards the “white gaze”. Although the gaze is some­thing I expe­ri­enced already before Covid-19, this time it was more severe and it also escalated into looks of disgust. Different forms of micro­ag­gres­sions escalated and it is exhausting to have to go about our daily lives with the alertness in mind that we might be racially attacked for looking “Asian”.

It is also exhausting to see our­selves through the eyes of others. My identity is con­stantly being ques­tioned and defined by the people around me. Living in Europe stripped me from my ability to just be me, because I was con­stantly being defined by those around me and the way those chose to see me.

4. Do you have any new upcoming pro­jects you would like to tell kori­en­tation & friends about?

Mai Ling 1: A cooking project with Migrant Kitchen in Vienna and we will show our audio and video works in the Fluctoplasma fes­tival in October. Next year, we plan to have an exhi­bition in VBKÖ.

Mai Ling 2: I am looking forward to the exhi­bition that we are going to organize next year. The exhi­bition was planned for February 2021, but that will pro­bably be post­poned. We will work both as an artist and as a curator. I am very excited and curious about how this exhi­bition will turn out and show our per­spec­tives as Mai Ling.

More about MAI LING: https://www.mai-ling.org/


Verein

kori­en­tation hat durch Geschäftsführerin Jee-Un Kim ein Interview zu anti-asiatischem Rassismus bei Radio rbb in der Sendung Kulturtermin am 03.04.2020 zum Thema Anti-Asiatischer Rassismus bzw. „Corona-Rassismus“ (ab Minute 13:20) gegeben.

Der Einbezug Asiatisch Deutscher Perspektiven zum Themenkomplex Corona ist wichtig! Wir möchten aller­dings auf zwei Punkte hin­weisen. Rassismus ist nicht nur „unschön“ (Tweet von rbb24 zum Anteasern der Sendung), sondern endete erst vor Kurzem in Hanau in einem Massaker. Zudem ist es schade, dass der Fokus ver­schoben wurde – denn es ging vor allem darum, dass Rassismus nichts Neues ist, sondern in Corona-Zeiten viru­lenter ist. Zudem lautet der Name unserer Geschäftsführerin Jee-Un und nicht Jee-Nun. Auch hatten wir darauf ver­wiesen, dass neben kori­en­tation derzeit viele viele Asiatisch Deutsche und Asiatisch Diasporische Einzelpersonen und Gruppen an vir­tu­ellen Räumen arbeiten, um sich über das Thema Rassismus und Corona aus­zu­tau­schen. Dazu gehören z.B. bei DAMN (Asian Germans, Make Noise) Group, Rice and Shine Podcast oder „#IchBinKeinVirus – Dein Netzwerk gegen Rassismus“.

Es ist groß­artig und wichtig, dass sich so viele Menschen orga­ni­sieren, aber das zeigt vor allem auch, wie stark Rassismus in Deutschland ist. Ein Grund für Selbstorganisation und anti-rasstische Arbeit besteht auch darin, sich als negativ Betroffene gegen­seitig zu stärken und zu schützen, also aus einer soli­da­ri­schen Notwendigkeit! Die Beschäftigung mit dem derzeit überall und ständig auf­flam­menden Rassismus ist dabei schmerzhaft, anstrengend, frus­trierend, bringt Menschen an ihre see­li­schen, kör­per­lichen und emo­tio­nalen Grenzen UND klaut uns von korientation e.V. z.B. wichtige Zeit für unsere Projektarbeit.

Um es mit Toni Morrison zu sagen: „The very serious function of racism … is dis­traction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being.“