Von Juni bis Juli und Oktober bis November 2025 fand in Köln unser erster Community Kurs zu strukturellem Rassismus statt: Das erste regelmäßige Angebot partizipativer politischer Bildung von korientation. Mit dem Community-Kurs füllten wir das neue Kölner Projektbüro – das House of Asian Community Knowledge and Education, kurz HACKE – Woche für Woche mit Leben. Kritische Bildung, Wissen aus Erfahrungen und Diskussionen über rassistische Strukturen waren ebenso wichtig, wie die Diskussionen über Organisierung dagegen. Mit klassischen Textdiskussionen und kreativen Formaten wie Zines-basteln und Stadtteilspaziergängen lernten wir gemeinsam. In diesem Recap geben wir euch einen Einblick.
Erste Schritte
In der ersten Sitzung kamen wir zusammen, um allen Interessierten unser Konzept und das Programm vorzustellen, uns gegenseitig sowie die HACKE kennenzulernen und gemeinsam zu besprechen, wie wir den Kurs gestalten wollen. Jede Person konnte alleine oder mit anderen zusammen eine Sitzung anleiten/moderieren, sodass der Kurs einen selbstorganisierten Charakter erhielt. Der Community-Kurs lebte davon, dass sich die Teilnehmenden zusammenschlossen, ihre Ideen einbrachten und gemeinsam Verantwortung für den Kurs übernahmen. Wir einigten uns darauf, angelehnt an Mickey Scottbey Jones, einen Brave Space zu gestalten, der anerkennt, dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen, Wissenbestände und Positionalitäten mitbringen und alle Lernende sind. Wir vereinbarten aufeinander zu achten, uns bewusst zu machen, wieviel Raum wir im Austausch einnehmen wollen/können, Dinge offen anzusprechen und eine Fehlerkultur zu kräftigen.


Im ersten Themenblock behandelten wir das Thema Polizei. Wir lasen einen einführenden Text zu Polizei von Daniel Loick und Vanessa Thompson sowie einen Text von Nikil Pal Singh. Wir versuchten gemeinsam die Polizei sowie Polizieren als Praxis und Herrschaft zu begreifen: Seit wann gibt es die Polizei und wie ist sie entstanden? Was hat das mit Kolonialismus zu tun? Was meinen Menschen damit, wenn sie in dem Zusammenhang von institutionellem Rassismus sprechen?
In der darauffolgenden Sitzung bekamen wir einen Einblick in sogenannte Copwatching-Praktiken in den USA und Deutschland und diskutierten anhand von Erfahrungen, Doku- und Filmausschnitten. Wir wollten wissen inwieweit der „umgekehrte Blick“, quasi eine demokratische Überprüfung, sowie kollektiv organisierte Forderungen nach Verantwortungsübernahme für rassistische Praktiken der Polizei durch Aktivist*innen, Handlungsmacht für rassifizierte Gruppen bedeuten kann.
Eine weitere teilnehmende Person nahm uns an die Hand, um in der letzten Sitzung gemeinsam Zines zu basteln und erklärte uns dabei wie diese als niedrigschwelliges Tool der Selbstermächtigung zum Verbreiten der eigenen Gedanken, Geschichten und Stimme wirken können. Wir bastelten und zeichneten zu allem was uns bewegt hat, zum Thema Polizei und darüber hinaus, unseren Vorstellungen waren keine Grenzen gesetzt.
Apropos Grenzen. Im zweiten Themenblock setzten wir uns mit Grenzen und Grenzregimen auseinander. Wir lasen wieder zwei Texte, aus dem Buch Border and Rule von Harsha Walia sowie ein Kapitel aus Migrantischer Feminismus zur Koreanischen Frauengruppe der 1970er Jahre. In der Lesebesprechung verfolgten wir Walias Argument, dass Grenzen elastisch sind, sie jenseits und innerhalb von Staatsgrenzen, ökonomisch, rechtlich und politisch von Behörden und Institutionen durchgesetzt werden und die Illegalisierung von asylsuchenden bzw. Menschen auf der Flucht schaffen. Grenzen werden demnach auch diskursiv errichtet zwischen denjenigen, die Asylschutz „mehr verdient“ und „legitime“ Gründe zur Flucht nachweisen können und denjenigen, die es weniger bzw. gar nicht verdient hätten, statt auf das Recht auf Bewegungsfreiheit für alle gleichermaßen zu bestehen.
In der zweiten Sitzung des Blocks zeigte uns ein Filmregisseur seinen eindrucksvollen und anregenden Film über A., einen trans* Mann und politischen Geflüchteten, der in einer Erstaufnahmeeinrichtung mit Hürden kämpfen muss. Der Film inszenierte Sprachbarrieren und deutschen Behördensprech, Testoronverabreichung im Geheimen und verweigerte Studien- und Arbeitserlaubnisse eines Ortes, wo Grenzen die Leben, Beziehungen und Körper der asylsuchenden Menschen täglich durchkreuzen. Wir diskutierten im Anschluss Motive und politische Implikationen des Films.
In der letzten Sitzung des Blocks erzählte uns Heike Berner vom antirassistischen Widerstand der Koreanische Frauengruppe in Deutschland. Koreanerinnen wurden in den 1960ern von Deutschland aufgrund von Arbeitskraftmangel an Krankenschwestern angeworben, sollten im Kontext der deutschen Wirtschaftskrise der 1970ern jedoch wieder abgeschoben werden. Gegen die Behandlung als bloße „Ware“ setzten sich diese Frauen zur Wehr und schlossen sich als Gruppe zusammen, um für ihr Bleibe- und Arbeitsrecht zu kämpfen. Und sie gewannen. Im Buch zuhause schrieben Mitglieder der Koreanischen Frauengruppe ihre Geschichten nieder, welches von Heike zusammen mit Sun-Ju Choi (Mitbegründerin von korientation) erstmals 2006 herausgegeben wurde und 2025 in dritter Neuauflage erschien. Ein Vermächtnis für das kollektive Gedächtnis deutscher antirassistischer Geschichte.



Im dritten Block ging es um urbanen Raum. In der Lesebesprechung widmeten wir uns „Planet of Slums“ von Mike Davis und „Golden Gulag in Italy?“ von Francesco Marchi. Wir sprachen darüber, wie weltweit über 1,6 Milliarden Menschen in sogenannten Slums und informellen Siedlungen leben und die Menschen, die im urbanen Raum als „überflüssig“ gelten die am stärksten wachsende Gruppe auf der Welt sind. Es ging dabei auch um die Diskussion, wie sich das in Europa und in Deutschland zeigt, und was das für die Städte bedeutet, in denen wir selbst leben. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war: Rassismus ist Teil davon Städte – sowohl global, als auch innerhalb Deutschlands- in dieser Art zu produzieren.
Für die zweite Sitzung setzten wir uns im Rahmen einer Community Mental Map auf einem Spaziergang im Viertel Mülheim rund um die HACKE herum mit urbanen Praktiken und politischen Misständen und Fehlplanungen auseinander. Eine Teilnehmende, die an den Schnittstellen von Architektur, Urbanismus und Macht arbeitet, bereitete dafür tolle Arbeitsblätter und eine Karte vor. In Kleingruppen erkundeten wir das Veedel, bemerkten, welche Häuser veraltet, neu oder sanierungsbedürftig sind, in denen verschiedene Menschen wohnten oder wie viel Grünflächen es gibt, wo sich Menschen aufhalten können. Wir pausten Texturen der Gebäude ab, schrieben unsere Gedanken auf, zeichneten Auffalendes im öffentlichen Raum nach oder fotografierten Graffiti. Nachdem wir ein bisschen Regen abbekamen, kamen wir wieder in der HACKE zusammen und tauschten uns darüber aus, was uns im Spaziergang alles begegnet war und welche Gedanken und Gefühle dabei bei uns ausgelöst wurden.
In der letzten Sitzung des dritten Blocks bevor es in die Sommerpause ging, gingen wir in den Austausch mit zwei teilnehmenden Personen, die aktiv in der Solidarischen Medizin in Köln sind. Wir diskutierten Verständnisse von Gesundheit und Krankheit und wie sich strukturell rassistische und kapitalistische Verhältnisse auf die Leben von rassifizierten Menschengruppen auswirken. Heißt gesund sein bloß gesund genug zum Arbeiten zu sein? Und welchen Einfluss haben soziale, ökonomische, politische und Umweltfaktoren, wie Wohnraum, Arbeit, Grünflächen auf die Menschenleben in Köln? Viele dieser Fragen werden im Gesundheitsatlas von SoliMed Köln aufgegriffen, den wir in der Sitzung auch thematisierten und uns z.B. mit der ungleichen Verteilung der medizinischen Versorgung je nach Kölner Stadtviertel auseinandersetzten.



Dann gingen wir in die Sommerpause. Eine Teilnehmerin hatte die wunderbare Idee ein lockeres Picknick am Rhein in der Zwischenzeit zu organisieren. Wir alle brachten Snacks, selbstgemachte Leckereien sowie Spiele mit und lernten uns besser kennen. Bis zum Abend hin plauderten und improvisierten wir unsere eigene Unterhaltung, da uns die Spiele ausgingen – bis der rheinische Wind zu stark wurde und wir uns verabschiedeten.
Zurück aus der Sommerpause starteten wir den vierten Block zu Staatsangehörigkeit und Staatenlosigkeit. Wir besprachen Andersons Text zur Entstehung von nationalstaatlichem Bewusstsein, die Bedeutung von Kapitalismus dafür, sowie Santos Text über Staatenlosigkeit und Kolonialität im karibischen Kontext. Wir stellten uns die Frage wie das Verhältnis zwischen Staatsbürgerschaften und Rassismus ist. Inwiefern weisen Staatsbürgeschaften auf eine theoretische Gleichstellung von Menschen hin, die sie unabhängig von ethnischen Zugehörigkeiten innehaben? Inwiefern wirken sie zum Aufrechterhalten von rassistsichen Strukturen?
In der zweiten Sitzung tauschten wir uns über Solidarisches Asyl mit einer Aktivistin aus der Seenotrettung aus. Hier wurde sehr plastisch sichtbar, welchen Stellenwert das Leben von Menschen ohne europäische Staatsangehörigkeiten hat.
In der dritten Sitzung zeichneten wir anhand einer Karte Kölns Orte der Sicherheit und Unsicherheit auf und visualisierten auch, wie wir uns in unserer Stadt bewegen und an welchen Orten wir uns aufhalten. Es kam schnell heraus, dass Orte der Sicherheit und Unsicherheit eine starke Frage des politischen und medialen Framings sind und kaum etwas mit unserem realen Sicherheitsgefühl zu tun haben. Bereiche in denen mit Sicherheit argumentiert wird waren für uns eher Zonen der Unsicherheit, weil sie Hotspots für Racial Profiling, Massenkontrollen und furchteinflößenden Razzien werden. Die Menschen, die dem ausgesetzt sind, sind einfach unsere Nachbar*innen, vor denen wir uns nicht fürchten.
Und das war es dann auch mit dem Kurs. Es war spannend, bereichernd, und ein Experiment, das besser lief, als wir gedacht haben. Wir als korientation waren begeistert davon wie eigenverantwortlich alle den Kurs und die Inhalte gestalteten. Wir haben mindestens so viel von den Teilnehmenden und Gäst*innen aus der aktivistischen Praxis gelernt, wie aus den Büchern. Mindestens so viel beim Spazieren, basteln und diskutieren, wie beim Lesen.
Dieser Kurs war wie wir uns die Zukunft unser aller politischer Bildung wünschen: Partizipativ, wohlwollend, kritisch, herausfordernd, selbstorganisiert, frei zugänglich und mit ganz viel Zuneigung.
Danke Community Kurs 2025!
To be continued.















