BlogKultur

Bild: Laura Muenker

Dan Thy Nguyen, der sich bisher vor allem als Theatermacher, Festivalleiter und Schauspieler einen Namen gemacht hat, hat mit dem Band „Über Wasser und Tote“ ein sehr per­sön­liches und poe­ti­sches Buch vor­gelegt. Das Buch ist eine kleine, aber feine und ein­drück­liche Gedichtsammlung, die vier Abschnitte umfasst. Es hat ins­gesamt 67 Seiten und beginnt mit einem berühmten Zitat des bud­dhis­ti­schen Lehrmeisters Thích Nhất Hạnh: „Menschen fällt es schwer, ihr Leiden los­zu­lassen. Aus Angst vor dem Unbekannten bevor­zugen sie das ver­traute Leiden“. Weitere Kapitel werden durch Zitate von Novalis („Wir sind nichts, was wir suchen, ist alles“) und Martin Luther King („Der alte Grundsatz ‚Auge um Auge‘ macht schließlich alle blind“) ein­ge­leitet. Die Kapitel sind nach ihren Themen benannt: 1. „Boat Peoplezyklus“ (6–27), 2. „Über meine Mutter“ (28–37), 3. „Semra Ertan – Ein Gedichtzyklus in neun Bildern“ und 4. „Über die Reform des Theaters“ (54–67). Die ersten beiden Kapitel sind die per­sön­lichsten und behandeln Themen, die vielen Menschen in der viet­na­me­si­schen Diaspora sehr ver­traut sind, dar­unter eine breite Palette von Themen wie Krieg, Tod, Geschichte, Flucht, Erinnerung, Identität, fami­liäre Beziehungen, Exil und die Suche nach einer neuen Heimat, hier in Hamburg.

Die Kombination aus his­to­ri­schen, per­sön­lichen und kul­tu­rellen Bildern mit vietnamesisch-diasporischem Hintergrund wird mit einem Gefühl für die Lokalität und den poli­ti­schen Kämpfen anderer mar­gi­na­li­sierter Gemeinschaften ver­flochten. So erinnert der Autor an die türkisch-deutsche Arbeitsmigrantin und Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 in Hamburg selbst in Brand setzte, um gegen den zuneh­menden Rassismus in Deutschland zu pro­tes­tieren. Ihr Werk war lange ver­gessen. Eine Sammlung ihrer Gedichte „Mein Name ist Ausländer“ wurde erst 2020 von dem linken Verlag edition ass­sem­blage ver­öf­fent­licht und erhielt dadurch etwas öffent­liche Anerkennung. In diesem Kapitel ver­wendet Dan Thy häufig Parallelen und Analogien, die unter­schied­liche Geschichten mit­ein­ander ver­binden – etwa indem er auf die poli­tische Selbstverbrennung des bud­dhis­ti­schen Mönchs Thích Quảng Đức 1963 in Saigon gegen den neo­ko­lo­nialen US-Krieg in Vietnam verweist.

Eine andere, sehr nahe lie­gende, wenn auch etwas anders gela­gerte Parallele taucht dagegen im Buch erstaun­li­cher­weise gar nicht auf und ver­dient des­wegen hier eine aus­führ­li­chere Erwähnung. Am 22. August 1980 wurden in der Hamburger Halskestrasse Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân von Rechtsextremisten ver­brannt. Beide wurden kurz zuvor von der Hansestadt aus Lagern in Malaysia aus­ge­flogen und als Boat People auf­ge­nommen. Obwohl Đỗ Anh Lân sogar in einer vom Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ gespon­serten Hilfsaktion her­geholt wurde, inter­es­sierten sich die Medien nach einer kurzen Meldung nicht mehr für diese Geschichte. Dieser Fall geriet auf diese Weise schnell in Vergessenheit und wurde erst 2012 im Zuge der Recherchen zum Hamburger NSU-Opfer Süleyman Taşköprü vom freien Journalisten Frank Keil wieder aus­ge­graben. Zwei Jahre später for­mierte sich vor Ort eine anti-rassistische Gedenkinitiative und lud mich zur ersten öffent­lichen Diskussionsveranstaltung ein, die zur ersten öffent­lichen Gedenkveranstaltung nach der Beerdigung aufrief. Erst 42 Jahre nach den Morden, und nach acht Jahren uner­müd­licher wie müh­se­liger Lobby‑, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit lenkte die Stadtverwaltung endlich ein und ver­kündete 2022, dass der Abschnitt am Tatort in Châu-und-Lân-Straße umbe­nannt werden soll. Die Forderungen nach einer öffent­lichen Lern- und Gedenkstätte wurden dagegen bisher nicht erfüllt.

Dan Thy, dessen Eltern eben­falls als Boat People in der BRD ankamen, erinnert hier in anderer Weise an diese Hamburger Geschichte. Ein Gedicht, das in unter­schied­lichen Abwandlungen den Anfang und das Ende des Boat People-Zyklus umrahmt und in Handschrift auf dem Backcover auf­ge­druckt ist, fängt so an:

„An den Hamburger Landungsbrücken
hat jemand
ein bron­zenes Buch auf­ge­schlagen.
Ganz unscheinbar
steht es da
und sehnt sich danach
gesehen zu werden.“

Foto: privat

Eine Initiative ehe­ma­liger Boat People hat 2009 anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Aufnahme den „Gedenkstein der Dankbarkeit gegenüber dem deut­schen Volk und den deut­schen Regierungen“ errichtet und im Beisein des dama­ligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble das Denkmal an den Hamburger Landungsbrücken ent­hüllt. Damals spielte weder Rostock-Lichtenhagen noch das Schicksal der ertrin­kenden Boat People im Mittelmeer eine Rolle. Selbst das Schicksal von Châu und Lân wurde aus­ge­blendet. Gegen Verblendung hilft nur die Kraft sich zu erinnern. Wichtig ist nicht nur an was und wie wir uns erinnern. Mindestens genauso wichtig ist, woran wir uns nicht erinnern.

Ein Gedichtband kann natürlich kein Geschichtsbuch ersetzen, aber als sub­jektive kul­tu­relle Verarbeitung ist „Über Wasser und Tote“ ein span­nendes und kraft­volles Kleinod. Es bleibt zu wün­schen, dass die vom deutsch-arabischen Lyriker Hassan Hasune El-Choly neu gegründete edition neje tieden, was soviel wie „neue Zeiten“ auf Friesisch heißt, nach diesem dop­pelten Debüt vom Autor und Verlag bald weitere Werke mit fri­schen Stimmen auflegt, die uner­hörte Geschichten erzählen. 

Kiek mol wedder in!

PS: Bestellt bitte direkt beim Verlag oder unter­stützt Eure lokalen Buchdealer.

Kien Nghi Ha wurde 1979 als Kind mit seiner Familie als Boat People auf­ge­nommen und wuchs im Märkischen Viertel in West-Berlin auf. Später stu­dierte er Politikwissenschaften und pro­mo­vierte in der Kulturwissenschaft. Er leitet den Arbeitsbereich Asian German Studies am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen. Aktuell edi­tiert er den Sammelband Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin (Assoziation A, 2023) und schreibt am Essay Boat People – Vom schutz­wür­digen Flüchtling zur Zielscheibe des Anti-Asiatischen Rassismus für den Ausstellungskatalog „Alfredo Jaar – The Kindness of Strangers“ (2024) des Museums der Moderne Salzburg.

Im Erscheinen: Verwobene Geschichten in Hito Steyerls „Die leere Mitte“ (1998) aus Asiatisch-deutscher Perspektive. In: Ömer Alkin/Alena Strohmaier (Hg.): Rassismus und Film. Marburg: Schüren Verlag, 2023. Zur kolo­nialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: Gelbe Gefahr, Unsichtbarkeit und Exotisierung. In: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (Hg.): Rassismusforschung: Rassismen, Communities und anti­ras­sis­tische Bewegungen, Bd. 2, Bielefeld: tran­script 2023. Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als insti­tu­tio­na­li­sierter Rassismus. In: Gudrun Heinrich/David Jünger/Oliver Plessow/Cornelia Sylla (Hg.): Perspektiven aus der Wissenschaft auf 30 Jahre Lichtenhagen 1992. Berlin: Neofelis 2023.

BlogVeranstaltungenWorkshop

International Conference
Anti-Asian Racism: History, Theory, Cultural Representations and Antiracist Movements

Venue: Fürstenzimmer of Schloss Hohentübingen, Burgsteige 11, 72070 Tübingen, Germany
Date: Friday, 07.07.2023 − Saturday, 08.07.2023
Conveners: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee

Registration required because of limited space via email to: koreanistik@uni-tuebingen.de
Participation: free of charge

Website: https://uni-tuebingen.de/de/219396
Conference Program: Download as PDF (with abs­tracts and short bio­gra­phies of the par­ti­ci­pants)

Link to OPEN CALL

The inter­na­tional con­fe­rence, hosted by the Center for Korean Studies at the University of Tübingen, is divided into four sec­tions. It explores how anti-Asian racism is related to modern history, theory, cul­tural repre­sen­ta­tions and anti-racist move­ments. We cor­dially invite inte­rested scholars, cul­tural workers and com­munity acti­vists to join the dis­cus­sions of the first con­fe­rence on anti-Asian racism in German academia.

P r o g r a m

Friday, 07.07.2023

14:30 – 14:45 Arrival, regis­tration and coffee

14:45 – 15:00 Welcome and Introduction: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee

15:00 – 16:00 KEYNOTE: HISTORY
Making Asians Foreign: Methods of Exclusion and Contingent Belonging
Lok Siu, Professor of Asian American Studies, University of California (Berkeley)

Chair: Bernd-Stefan Grewe, Professor of History, University of Tübingen

16:00 – 17:00 PANEL: HISTORY

Discrimination, Resistance, and Meritocracy. Korean Guest workers in Germany
You Jae Lee, Professor of Korean Studies, University of Tübingen

The Pogrom in Rostock-Lichtenhagen as Institutional Racism
Kien Nghi Ha, Postdoc Cultural Scientist, University of Tübingen

Chair: Jee-Un Kim, Managing Director of kori­en­tation. Network for Asian German Perspectives e.V.

17:30 – 18:30 KEYNOTE: THEORY

The Intersections between European Racial Constructions and Modern Colonialism: Theoretical Issues and the Place of Asia
Rotem Kowner, Professor of Japanese Studies, University of Haifa

Chair: Anthony Pattahu, Habilitation Candidate at the Department of Social and Cultural Anthropology, University of Tübingen

18:30 – 19:30 PANEL: THEORY

Socialists and Anti-Asian Sentiment in the Era of Mass Migration (1880–1930)
Lucas Poy, Assistant Professor in Global Economic and Social History, Vrije Universiteit Amsterdam

Abolitionist Perspectives on Demands of Asian-German Formations
Cuso Ehrich, Graduate Student, Institute of Sociology, Justus Liebig University Gießen

Chair: Bani Gill, Junior Professor of Sociology, University of Tübingen

Saturday, 08.07.2023

09:00 – 10:00 KEYNOTE: CULTURAL REPRESENTATIONS

Racialized Screen in Early German Cinema: What Asian German Studies Can Address
Qinna Shen, Associate Professor of German Studies, Bryn Mawr College

Chair: Fei Huang, Professor of Chinese Studies, University of Tübingen

10:00 – 11:00 PANEL: CULTURAL REPRESENTATIONS

Anti-Asian Racism and the Politics of Asian Self-Representation in Germany: the Asian Film Festival Berlin
Feng-Mei Heberer, Assistant Professor for Cinema Studies, New York University

Opportunity and Threat: Ambivalent Reporting on China in Der Spiegel, 1947–2023
Anno Dederichs, Postdoc Sociologist at China Center, University of Tübingen

Chair: Zach Ramon Fitzpatrick, Assistant Professor of German Studies at the University of Wisconsin-Madison (from fall 2023)

11:30 – 12:30 PANEL: ANTIRACIST MOVEMENTS

“Take Off Your Masks“: The Invisibility and Visibility of Anti-Asian Racism in Germany
Sara Djahim, Independent Researcher, Asian and International Development Studies,
Tae Jun Kim, Sociologist at German Center for Integration and Migration Research (DeZIM), Berlin

Yellow is the new Black? Emergence and Development of Asian Antiracist Activism in France
Ya-han Chuang, Postdoc Sociologist at the Institut national d’études démo­gra­phiques (Ined), Sciences Po Paris

Chair: Yewon Lee, Junior Professor of Korean Studies, University of Tübingen

12:30 – 13:00 Round Table: Challenging Anti-Asian Racism in Society and Academia
Panelists: Qinna Shen, Lok Siu, Rotem Kowner, You Jae Lee

Chair: Kien Nghi Ha

Supported by the Platform Global Encounters of the University of Tübingen.
Funded by the Federal Ministry of Education and Research (BMBF) and the Ministry of Science Baden-Württemberg within the framework of the Excellence Strategy of the German Federal and State Governments.
Additional funding pro­vided by the Academy of Korean Studies.

PHILOSOPHISCHE FAKULTÄT
Center for Korean Studies

BlogFilmKulturVeranstaltungen

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Eine Filmreihe des Projekts DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements)
in Kooperation mit Sinema Transtopia/bi’bak, sup­ported von korientation

Asiatische Präsenzen in der Kolonialmetropole Berlin
Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung loka­li­sieren
Filme – Vorträge – Diskussionen
Kurator und Projektleitung: Dr. Kien Nghi Ha

WO: SİNEMA TRANSTOPIA vom 11.04. – 20.06.2023
Lindower Str. 20–22, Haus C, 13347 Berlin, U+S‑Bahn Wedding

Flyer Download hier

Zur Filmreihe

Deutschlands kolonial-rassistischen Fantasien und Ambitionen wurde nach dem Abgang des Imperial
Germany ver­stärkt in eine ima­ginäre Kolonialität über­führt. Ihre fil­mi­schen Inszenierungen begeis­terten nicht nur ein Massenpublikum, sondern führten auch zu einer mehr­deu­tigen Überlagerung von Fiktion und Realität. Die Filmkulisse, aber auch ihre Produktion und Konsumption wurden selbst zum kul­tu­rellen Kolonialraum. Das Film‑, Vortrags- und Gesprächsprogramm leistet Pionierarbeit, indem wir die „wilde Weltmetropole Berlin der Goldenen Zwanziger“ als kolo­nialen Kulturraum mit (anti-)Asiatischen Bezügen erfor­schen. Gleichzeitig wird die deko­lo­niale Debatte um anti-Asiatischen Rassismus sowie Orientalismus erweitert und dadurch mul­ti­per­spek­ti­vi­scher. Ende 2023 wird ein Sammelband im Verlag Assoziation A erscheinen.

Filmprogramm mit Einführungsvorträgen und Gesprächen

11.04.2023 um 19 Uhr: Das indische Grabmal – Die Sendung des Yoghi (1921) von Joe May, OmU, 132 Min.

„Der Welt größter Film” – die so ange­kün­digte Großproduktion mit Kolonialambiente war ein Publikumsmagnet. Joe May beschwor darin das mys­tische Indien und ver­wan­delte die Filmstadt Berlin-Woltersdorf in einen „indi­schen“ Ort mit präch­tigen Tempeln und Palästen, der von Statist:innen in Fantasiekostümen und Elefanten bevölkert wird. Angereichert mit sexua­li­sierter weib­licher Exotik erzählt er eine ver­wi­ckelte Geschichte, in der der bös­artige Maharadscha Rache an seiner Frau und ihrem bri­ti­schen Geliebten nimmt. Dieses Setting war so fas­zi­nierend, dass nach einem Remake in den 1930ern Jahren Fritz Lang, der bereits an der ersten Produktion beteiligt war, 1959 den Stoff erneut verfilmte.

Einführung:
Dr. Subin Nijhawan, British Empire, German Illusion – Über Tiger und Grabmale in der Kolonialzeit

Moderation: Anujah Fernando / Kien Nghi Ha

25.04.2023 um 19 Uhr: Die Herrin der Welt – Die Freundin des gelben Mannes (1919) von Joe May,
OV, 90 Min.
Live-Musik: Stummfilmpianist Jürgen Kurz

Unmittelbar nach dem Verlust der außer­eu­ro­päi­schen Kolonien ent­stand 1919 unter der Regie von Joe May in der heute ver­ges­senen Filmstadt Berlin-Woltersdorf ein monu­men­taler Kolonialepos, der acht Teile umfasst. Unter großem Aufwand gedreht, wird die aben­teu­er­liche Geschichte der jungen, schönen wie Weißen Maud Gregaards erzählt. Im ersten Teil ihre welt­um­span­nenden Reise gerät die Erzieherin im süd­chi­ne­si­schen Kanton in die Fänge des bru­talen Bordellbesitzers Hai-Fung. Mit Hilfe von Dr. Kien
Lung wird sie befreit, der sich aber eben­falls als dubiose Gestalt herausstellt.

Einführung
Dr. Tobias Nagl (via Zoom), Entfreundet: Die Freundin des gelben Mannes (1919/20), asia­tische Präsenz und anti­ras­sis­tische Filmproteste in der Weimarer Republik

Moderation: Joshua Kwesi Aikins / Kien Nghi Ha

09.05.2023 um 19 Uhr: Sumurun (1920) von Ernst Lubitsch, OmeU, 103 Min.

Im Unterschied zu Joe May war Ernst Lubitsch nicht nur ein Meister des Weimarer Kinos, sondern avan­cierte auch zu einem Starregisseur in Hollywood. In seinem frühen Filmschaffen nutzte er mehrfach Orient- und Roma-Stereotypen um seine Karriere in der Unterhaltungsindustrie zu befördern. Bereits 1910 von Max Reinhardt für das Theater dra­ma­ti­siert und ver­filmt, wurde der Stoff 1920 mit Starbesetzung monu­mental in den Ufa-Studios in Berlin-Tempelhof erneut insze­niert. Sumurun ist Lubitschs Version von Tausendundeine Nacht – ein Eifersuchtsdrama im vor­mo­dernen Morgenland, dass mit euro­päi­schen Fantasien über das Harem, ver­sklavten Tänzerinnen und ori­en­ta­li­scher Despotie spielt.

Introduction
Prof. Dr. Qinna Shen: A Berliner’s One Arabian Night: Lubitsch’s Orientalist Parody

Moderation: Sun-ju Choi / Kien Nghi Ha

23.05.2023 um 19 Uhr: Piccadilly – Nachtwelt (1929) von Ewald André Dupont, OmeU, 109 Min.

„Piccadilly“ ist nicht wie die anderen Filme der Reihe in einem ima­gi­nären Asien ange­siedelt, sondern spielt sich im Herzen des modernen Londons mit exo­ti­schen Ausflügen nach Chinatown ab. Trotz dieses Settings bleiben die ste­reo­typen Rollen nahezu unver­ändert: Der US-Star Anna May Wong ver­körpert in diesem tra­gi­schen Liebes- und Eifersuchtsdrama eine Chinesin, die mit viel ethnic chic zum sexuell begeh­rens­werten Revuegirl im Nachtclub auf­steigt und dann tra­gisch endet. Sie ist eine asia­tische Arbeitsmigrantin, die als ver­füh­re­rische femme fatale den Weißen Mann bedroht, aber auch
befriedigt und gleich­zeitig Opfer ihrer eigenen kul­tu­rellen Herkunft wird.

Einführung
Yumin Li, Anna May Wong – ein chinesisch-amerikanischer Hollywoodstar in Berlin

Moderation: Kimiko Suda / Kien Nghi Ha

Dieses Screening findet als Teil des korientation-Festivals zu(sammen)künfte (20.–27.05.2023) statt.

06.06.2023 um 19 Uhr: Hito Steyerl Special – Babenhausen (1997), 4 Min. / Die leere Mitte (1998), 62 Min. / Normalität 1‑X (1999–2001), 37 Min. Alle Filme OmeU

Die Trilogie aus dem Frühwerk von Hito Steyerl lässt sich viel­schichtig lesen. Sie ist nicht nur zeit­his­to­ri­sches Dokument und künst­le­rische wie akti­vis­tische Positionierung, sondern stellt auch ein her­aus­ra­gendes Filmessay dar. Entstanden zwi­schen 1990–1998 unter­sucht die ein­drück­liche Langzeitstudie „Die leere Mitte“ die unsichtbar gemachten Zusammenhänge zwi­schen Antisemitismus, Kolonialismus und Rassismus im Berliner Kultur- und Stadtraum. Ein Beispiel ist die Geschichte des „Haus Vaterland“ am heu­tigen Potsdamer Platz. Gleichzeitig nehmen diese Filme auch migran­tische Protestbewegungen und asiatisch-diasporische Stimmen in den Fokus, die sich gegen kolo­niale Kontinuitäten und ras­sis­tische Gewalt zur Wehr setzen.

Mit anschlie­ßendem Gespräch: Hito Steyerl, Gülşah Stapel, Kien Nghi Ha

20.06.2023 um 19 Uhr: Halfmoon Files (2006) von Philip Scheffner, OmeU, 87 Min.

Unweit von Berlin wurde am 11. Dezember 1916 im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf die Stimme des bri­ti­schen Kolonialsoldaten Mall Singh auf­ge­nommen. Die Aufnahmen wurden im Auftrag von Militär, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie erstellt und waren Bestandteil des Tonarchivs „Sämtlicher Völker der Erde“. Heute befinden sie sich im Lautarchiv der Humboldt Universität Berlin und ver­weisen auf den kolo­nialen Charakter des Ersten Weltkrieges und des Lagers: Um sich als für­sorg­liche Kolonialmacht zu insze­nieren, wurde im Halbmondlager für afri­ka­nische, ara­bische und (süd-)asiatische Gefangene die erste Moschee Deutschlands für reli­giöse Praktiken gebaut. Gleichzeitig wurden Lager und Insassen als Filmkulisse für die deutsche Kolonial-propaganda genutzt. Der Film geht diesen ver­wischten kolo­nialen Verbindungen im Berliner Umland nach.

Mit anschlie­ßendem Gespräch: Philip Scheffner, Merle Kröger, Kien Nghi Ha

Sprecher:innen

Joshua Kwesi Aikins ist Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist. Er arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mitarbeiter im Fachgebiet „Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien“ der Universität Kassel und enga­giert sich u.a. im Beirat der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. kul­tu­relle und poli­tische Repräsentation der afri­ka­ni­schen Diaspora, Kolonialität und Erinnerungspolitik. sowie Empowerment und Gleichstellungsdaten. Er ist Co-Autor des „Afrozensus“, einer Befragung Schwarzer, afri­ka­ni­scher und afro­dia­spo­ri­scher Menschen in Deutschland.

Sun-ju Choi stu­dierte Literatur an der Universität zu Köln und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 2017 erschien ihre Dissertation “Vater Staat und Mutter Partei: Familienkonzepte und Repräsentation von Familie im nord­ko­rea­ni­schen Film”. Sie enga­giert sich ehren­amtlich im Vorstand von ndo e.V. und kori­en­tation e.V..

Anujah Fernando arbeitet als Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin. In recher­che­ba­sierten Ausstellungen und Texten sowie in doku­men­ta­ri­schen Filmprojekten, arbeitet sie zu erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Themen rund um Migration und Kolonialismus. Sie inter­es­siert sich besonders für die sprach­lichen und kul­tu­rellen Aushandlungsprozesse zwi­schen erster und zweiter Migrationsgeneration. Zuletzt co-kuratierte sie die Ausstellung „Trotz Allem: Migration in die Kolonialmetropole Berlin“ am Museum FHXB.

Dr. Kien Nghi Ha, Kultur- und Politikwissenschaftler, forscht zu Asian German Studies an der Universität Tübingen. Zahlreiche Publikationen zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus und Migration. Herausgeber von Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (2012/2021). Seine Monografie „Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen ‚Rassenbastarde‘“ (tran­script, 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien aus­ge­zeichnet. https://uni-tuebingen.de/de/208381

Merle Kröger arbeitet als Autorin, Dramaturgin und Kuratorin in Berlin und ist seit 2001 Teil von pong Film. Auch ist sie als Hochschuldozentin in Halle sowie Mainz tätig. Bisher hat sie fünf Romane ver­öf­fent­licht, dar­unter Grenzfall (2012), Havarie (2015) und Die Experten (2021). Als Kuratorin arbeitet sie seit 2007 mit dem Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V., u.a. an den Projekten Work in Progress, Living Archive und Die fünfte Wand. Navina Sundaram: Innenansichten einer Außenseiterin oder Außenansichten einer Innenseiterin, das eine Nominierung für den Grimme Online Award 2022 erhielt. www.merlekroeger.de

Jürgen Kurz ist Improvisationskünstler. Ob am prä­pa­rierten Flügel, Elektro-Piano oder am ver­staubten Klavier, er bringt die Saiten zum Klingen und Tasten zum Klirren. Nach dem Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin hat er sich als Komponist, Theatermusiker (u. a. Volksbühne) und Pianist einen Namen gemacht. Insbesondere als Stummfilmpianist – live im Kino, Open-Air und auf Festivals. So zum Beispiel im Freiluftkino Friedrichshain, bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, im Kino Babylon, im Kino Krokodil oder auf dem Fusion Festival. Dabei gleicht keine Vorstellung der anderen, denn die nun um die hun­dert­jäh­rigen Filme, erstrahlen stets in neuen impro­vi­sierten Tongewändern.

Yumin Li ist Kulturwissenschaftlerin und unter­sucht in ihrer Dissertation Anna May Wongs mehrere Jahrzehnte umspan­nende Karriere auf vier Kontinenten. Zusammen mit dem Kollektiv andcompany&Co. erar­beitet sie die Theaterperformance „Shanzhai Express“, das sich spie­le­risch mit Anna May Wong befasst (Première 10.6.2023 Volksbühne Berlin).

Dr. Tobias Nagl ist Film- und Musikkritiker, DJ und seit 2007 Associate Professor für Filmwissenschaft an der University of Western Ontario in Kanada. Forschungsschwerpunkte: Filmtheorie, Stummfilm, Avantgardefilm, (Post-)Kolonialismus, afro­deutsche Geschichte vor 1945, kri­tische Theorie. Buchveröffentlichungen: „Die unheim­liche Maschine: Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino“ (2009) und (zusammen mit Janelle Blankenship) „European Vision: Small Cinemas in Transition“ (2015).

Dr. Subin Nijhawan ist wis­sen­schaft­licher Mitarbeiter am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt. In seinem Postdoc-Projekt arbeitet er zu dem Thema Mehrsprachigkeit und Nachhaltigkeit, was auch lite­ra­rische und künst­le­rische Quellen ein­schließt, um inter­sek­tionale Zugänge zu ermög­lichen. Hierzu gehören auch neue Modelle zur glo­balen Gerechtigkeit und einer kos­mo­po­li­ti­schen Weltbürger:innenschaft, um einer euro­zen­tri­schen Dominanz des Diskurses vorzubeugen.

Philip Scheffner arbeitet seit 1985 als Visual Artist. Seine abend­fül­lenden künst­le­ri­schen Dokumentarfilme The Halfmoon Files (2007), Der Tag des Spatzen (2010), Revision (2012), And-Ek Ghes… (2016) und Havarie (2016) wurden weltweit gezeigt und mit zahl­reichen Preisen aus­ge­zeichnet. Seit 2021 ist er Professor für Dokumentarische Praxen an der KHM Köln. Sein neuer Film Europe feierte 2022 Première auf der Berlinale. Scheffner ist Teil der Berliner Produktionsplattform / Kollektivs pong (zusammen mit Merle Kröger, Alex Gerbaulet, Caroline Kirberg und Mareike Bernien).

Qinna Shen ist Associate Professor of German am Bryn Mawr College, Pennsylvania. Nach einem Germanistik-Studium in Beijing und Heidelberg pro­mo­vierte sie 2008 an der Yale Universität in den USA. Sie ist Autorin von „The Politics of Magic: DEFA Fairy-Tale Films“ und Mitherausgeberin von „Beyond Alterity: German Encounters with Modern East Asia.“ Sie hat viel über deutsch-asiatische Themen veröffentlicht.

Dr. Gülşah Stapel stu­dierte Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin mit einem Schwerpunkt auf Denkmalpflege. Ihre Forschungsexpertise liegt in der Untersuchung von Identitäts- und Erbekonstruktionen im öffent­lichen Raum und Berliner Stadtgeschichte. Seit 2020 arbeitet sie als Kuratorin für Outreach für die Stiftung Berliner Mauer. Soeben ist ihr Buch „Recht auf Erbe in der Migrationsgesellschaft. Eine Studie an Erinnerungsorten tür­kei­stäm­miger Berliner:innen“ (Urbanophil 2023) erschienen.

Hito Steyerl ist Professorin für Experimentalfilm und Video an der Universität der Künste Berlin. Sie ist Medienkünstlerin, Filmemacherin, Kulturkritikerin und ‑theo­re­ti­kerin. Ihre inter­na­tional bekannten medien‑, technologie- und kul­tur­kri­ti­schen Arbeiten wurden mit zahl­reichen Preisen aus­ge­zeichnet. Die Ausstellung „I Will Survive. Films and Installations“ (gleich­na­miger Katalog von Spector Books) bildet die bisher größte Retrospektive ihres Gesamtwerks und wurde 2020 zunächst im K21 des Düsseldorfer Ständehaus, dann 2021 im Pariser Centre Pompidou gezeigt.

Dr. Kimiko Suda arbeitet an der Technischen Universität Berlin zu insti­tu­tio­nellem Rassismus in Deutschland. Sie ist ehren­amtlich bei kori­en­tation e.V. zu dekolonialer/antirassistischer Erinnerungskultur aktiv. Von 2011–2017 hat sie mit Dr. Sun-ju Choi das Asian Film Festival Berlin geleitet.

Impressum

Kurator und Projektleitung: Dr. Kien Nghi Ha.

In Kooperation mit bi’bak e.V., kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. und der Abteilung Koreanistik des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen. 

Mit Filmen aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

Gefördert im Programm „Förderung zeit­ge­schicht­licher und erin­ne­rungs­kul­tu­reller Projekte“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.


ENGLISH VERSION

A Film Program of the Project
DARE (Decolonize Anti-Asian Racist Entanglements)

in co-operation with SİNEMA TRANSTOPIA, sup­ported by kori­en­tation

Asian Presences in the Colonial Metropolis of Berlin
Localizing Decolonialization – Dekolonialisierung loka­li­sieren
Movies – Lectures – Discussions
Curator and project leader: Dr. Kien Nghi Ha

At SİNEMA TRANSTOPIA from 11.04. to 20.06.2023
Lindower Str. 20–22, House C, 13347 Berlin, subway and train station: Wedding
Info: sinematranstopia.com

Flyer Download HERE

About the Film Program

After the end of Imperial Germany, colonial-racist fan­tasies and ambi­tions were incre­asingly trans­formed into an ima­ginary colo­niality. Their cine­matic sta­gings not only delighted a mass audience, but also led to an ambi­guous over­lapping of fiction and reality. Not only film sets but film pro­duction and con­sumption also became cul­tural colonial spaces. This film, lecture and dis­cussion program is a pio­neering explo­ration of the “wild cos­mo­po­litan metro­polis Berlin in the Golden Twenties” as a colonial cul­tural space with (anti-)Asian refe­rences. At the same time, the deco­lonial debate will be expanded to include anti-Asian racism and ori­en­talism, and thus becoming more multi-perspectival. A book is planned for the end of 2023 (Assoziation A).

Film Screenings

11.04.2023 at 19:00: Das indische Grabmal – Die Sendung des Yoghi (1921) by Joe May, OmU, 132 Min.

“The world’s greatest film” – this large-scale pro­duction with colonial ambience was a crowd puller. In it, Joe May con­jured up mys­tical India, trans­forming the film city of Berlin-Woltersdorf into an “Indian” space with magni­ficent temples and palaces, popu­lated by dummies in fantasy cos­tumes and ele­phants. Enriched with sexua­lized female exo­ticism, it tells an intricate story in which the evil maha­rajah seeks revenge on his native wife and her British lover. This setting was so fasci­nating that after a German remake in the 1930s, Fritz Lang, who was already involved in the first pro­duction, filmed this nar­rative again in 1959.

Introduction by Dr. Subin Nijhawan:
British Empire, German Illusion – Über Tiger und Grabmale in der Kolonialzeit

Moderation: Anujah Fernando / Kien Nghi Ha

25.04.2023 at 19:00: Die Herrin der Welt – Die Freundin des gelben Mannes (1919) by Joe May, OV, 90 Min. With live music by silent film pianist Jürgen Kurz

Immediately after the loss of the non-European colonies, a monu­mental colonial epic com­prising eight parts was made in the now for­gotten film city of Berlin-Woltersdorf. Shot at great expense, it tells the adven­turous story of Maud Gregaards, a young woman as beau­tiful as she is white. In the first part
of her world-spanning journey, the edu­cator falls into the clutches of the brutal brothel owner Hai-Fung in the sou­thern Chinese city of Canton. She is freed with the help of Dr. Kien Lung, who, however, also turns out to be a dubious character.

Introduction by Dr. Tobias Nagl (via Zoom)
Entfreundet: Die Freundin des gelben Mannes (1919/20), asia­tische Präsenz und anti­ras­sis­tische Filmproteste in der Weimarer Republik

Moderation: Joshua Kwesi Aikins / Kien Nghi Ha

09.05.2023 at 19:00: Sumurun (1920) by Ernst Lubitsch, OmeU, 103 Min.

Unlike Joe May, Ernst Lubitsch was not only a master of Weimar cinema, but also became a star director in Hollywood. In his early film work, he repea­tedly used Oriental and Roma ste­reo­types to advance his career in the enter­tainment industry. Already filmed and dra­ma­tized by Max Reinhardt for the theater in 1910, just ten years later Lubitsch staged the material again in a monu­mental manner with a star cast at the Ufa studios in Berlin-Tempelhof. Sumurun is Lubitsch’s version of One Thousand and One Nights – a jea­lousy drama set in the pre-modern Orient that plays with European fan­tasies about the harem, ens­laved dancers and ori­ental despotism.

Introduction by Prof. Dr. Qinna Shen
A Berliner’s One Arabian Night: Lubitsch Orientalist Parody

Moderation: Sun-ju Choi / Kien Nghi Ha

23.05.2023 at 19:00: Piccadilly – Nachtwelt (1929) by Ewald André Dupont, OmeU, 109 Min.

Unlike the other films in the series, “Piccadilly” is not set in an ima­ginary Asia, but takes place in the heart of modern London with exotic excur­sions to Chinatown. Despite this setting, the ste­reo­ty­pical roles remain vir­tually unch­anged: in this tragic drama of love and jea­lousy, the US star Anna May Wong embodies a Chinese woman who, with ethnic chic, rises to become a sexually desi­rable showgirl in a nightclub but meets a tragic end. She is an Asian migrant worker who, as a seductive femme fatale, threatens but also satisfies the White man whilst at the same time becoming a victim of her own cul­tural origins.

Introduction by Yumin Li
Anna May Wong – ein chinesisch-amerikanischer Hollywoodstar in Berlin

Moderation: Kimiko Suda / Kien Nghi Ha

This Screening is part of the korientation-Festival zu(sammen)künfte (20.–27.05.2023).

06.06.2023 at 19:00: Hito Steyerl SPECIAL – Babenhausen (1997), 4 Min., Die leere Mitte (1998), 62 Min. Normalität 1‑X, (1999–2001), 37 Min. With OmeU.

This trilogy of Hito Steyerl’s early work can be read in many dif­ferent ways. It is not only a document of con­tem­porary history and an artistic and activist posi­tioning, but also an out­standing film essay. Created between 1990–1998, the impressive long-term study “The Empty Center” examines the invi­sible con­nec­tions between anti-Semitism, colo­nialism and racism in Berlin’s cul­tural and urban spaces. One example is the history of the “Haus Vaterland” located at today’s Potsdamer Platz. At the same time, these films also focus on migrant protest move­ments and Asian-diasporic voices resisting colonial con­ti­nuity and racist violence.

Followed by a Talk with Hito Steyerl, Gülşah Stapel, Kien Nghi Ha

20.06.2023 at 19:00: Halfmoon Files (2006) by Philip Scheffner, OmeU, 87 Min.

Not far from Berlin, the voice of the British colonial soldier Mall Singh was recorded on December 11, 1916 in the pri­soner of war camp Wünsdorf. The recor­dings, com­mis­sioned by the military, science and enter­tainment industry, were part of the sound archive “All Peoples of the World”. Today they are housed in the sound archive of the Humboldt University Berlin and refer to the colonial cha­racter of the First World War and the camp: In order to present itself as a caring colonial power, Germany’s first mosque for reli­gious prac­tices was built in the halfmoon camp for African, Arab and (South) Asian pri­soners. At the
same time, the camp and its inmates were used as film sets for German colonial pro­pa­ganda. Halfmoon Files traces these blurred colonial con­nec­tions in the Berlin area.

Followed by a talk with Philip Scheffner, Merle Kröger, Kien Nghi Ha

Speakers

Joshua Kwesi Aikins is a poli­tical sci­entist and human rights activist. He works as a research assistant in the department of “Development Policy and Postcolonial Studies” at the University of Kassel and is active, among other things, on the advisory board of the Initiative Black People in Germany (ISD). His research inte­rests include cul­tural and poli­tical repre­sen­tation of the African dia­spora, colo­niality and the politics of memory. as well as empowerment and gender equality data. He is co-author of the “Afrozensus”, a survey of Black, African and Afrodiasporic people in Germany.

Sun-ju Choi studied lite­rature at the University of Cologne and screen­writing at the German Film and Television Academy in Berlin. Her dissertation,„Vater Staat und Mutter Partei: Familienkonzepte und Repräsentation von Familie im nord­ko­rea­ni­schen Film“ was published in 2017. She serves as an honorary member of the board of directors for ndo e.V. and kori­en­tation e.V.

Anujah Fernando works as a cul­tural scholar and curator based in Berlin. Her work focuses on the politics of coll­ective memory as they relate to migration and colo­nialism. She pro­duces research-based exhi­bi­tions, publi­ca­tions and docu­mentary film pro­jects. Her par­ti­cular interest is on the prac­tices first and second gene­ration of migrants use to nego­tiate lan­guage and culture. Most recently, she co-curated the exhi­bition „Despite All: Migration to the Colonial Metropolis of Berlin“ at the FHXB Museum.

Dr. Kien Nghi Ha, cul­tural and poli­tical sci­entist, is a Postdoc rese­archer of Asian German Studies at the University of Tübingen. Numerous publi­ca­tions on post­co­lonial cri­ticism, racism and migration. Editor of „Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Assoziation A, 2012; 2021). His mono­graph „Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen ‚Rassenbastarde‘“ (tran­script, 2010) was awarded with the Augsburg Science Prize for Intercultural Studies. https://uni-tuebingen.de/en/208381

Merle Kröger works as an author, dra­ma­turge and curator in Berlin and has been part of pong Film since 2001. She also works as a uni­versity lec­turer in Halle and Mainz. She has published five novels, including Grenzfall (2012), Havarie (2015) and Die Experten (2021). As a curator, she has worked with Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V. since 2007 on pro­jects including Work in Progress, Living Archive, and Die fünfte Wand. Navina Sundaram: Innenansichten einer Außenseiterin oder Außenansichten einer Innenseiterin, which received a nomi­nation for the Grimme Online Award 2022. www.merlekroeger.de

Jürgen Kurz is an impro­vi­sation artist. Whether on the pre­pared grand piano, electric piano or dusty piano, he makes the strings sound and keys clink. After stu­dying at the Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, he made a name for himself as a com­poser, theater musician (including Volksbühne) and pianist, espe­cially as a silent film pianist – live in the cinema, open-air and at fes­tivals. For example at the Freiluftkino Friedrichshain, the Berlin International Film Festival, in the cinemas Babylon, Krokodil and at the Fusion Festival. No two per­for­mances are the same, because the films, which are now around a hundred years old, always shine dressed with new impro­vised sound.

Yumin Li is a cul­tural his­torian whose dis­ser­tation examines Anna May Wong’s career spanning several decades on four con­ti­nents. Together with
the coll­ective andcompany&Co. she is deve­loping the theater per­for­mance Shanzhai Express, which playfully deals with Anna May Wong (pre­mière 10.6.2023 at Volksbühne Berlin).

Dr. Tobias Nagl is a film and music critic, DJ, and has been Associate Professor of Film Studies at the University of Western Ontario in Canada since 2007. Research inte­rests: Film theory, silent film, avant-garde film, (post-)colonialism, Afro-German history before 1945, cri­tical theory. Book publi­ca­tions: “The Uncanny Machine: Race and Representation in Weimar Cinema” (2009) and (with Janelle Blankenship) “European Vision: Small Cinemas in Transition” (2015).

Dr. Subin Nijhawan is a research asso­ciate at the Institute of English and American Studies at Goethe University Frankfurt. His postdoc project gra­vi­tates around the nexus of mul­ti­l­in­gualism and sus­taina­bility, incor­po­rating lite­rature and media, in order to faci­litate an inter­sec­tional view. This also includes new models for global justice and a cos­mo­po­litan world citi­zenship, for pre­venting a Eurocentric domi­nance in discourses.

Philip Scheffner has been working as a visual artist since 1985. His feature-length artistic docu­men­taries The Halfmoon Files (2007), The Day of the Sparrow (2010), Revision (2012), And-Ek Ghes… (2016), and Havarie (2016) have been screened worldwide and won num­erous awards. Since 2021 he is Professor of Documentary Practices at the KHM Cologne. His new film Europe pre­miered at the Berlinale in 2022. Scheffner is part of the Berlin pro­duction platform / coll­ective pong (tog­ether with Merle Kröger, Alex Gerbaulet, Caroline Kirberg and Mareike Bernien).

Qinna Shen ist Associate Professor of German am Bryn Mawr College, Pennsylvania. Nach einem Germanistik-Studium in Beijing und Heidelberg pro­mo­vierte sie 2008 an der Yale Universität in den USA. Sie ist Autorin von „The Politics of Magic: DEFA Fairy-Tale Films“ und Mitherausgeberin von „Beyond Alterity: German Encounters with Modern East Asia.“ Sie hat viel über deutsch-asiatische Themen veröffentlicht.

Dr. Gülşah Stapel studied urban and regional planning at the TU Berlin with a focus on his­toric pre­ser­vation. Her research expertise lies in the study of identity and heritage con­s­truction in public space and Berlin urban history. Since 2020, she has worked as an out­reach curator for the Berlin Wall Foundation. She has just published her book „Recht auf Erbe in der Migrationsgesellschaft“ (Urbanophil 2023), a study on places of remem­berance of Berliners with a family back­ground from Turkey.

Hito Steyerl is pro­fessor of expe­ri­mental film and video at the Berlin University of the Arts. She is a media artist, film­maker, cul­tural critic and theorist. Her inter­na­tio­nally renowned media‑, technology- and culture-critical works have been awarded num­erous prizes. The exhi­bition „I Will Survive. Films and Installations“ (catalog published by Spector Books) is the largest retro­s­pective of her entire oeuvre to date and was first shown at the K21 of the Düsseldorf Ständehaus in 2020, then at the Centre Pompidou in Paris in 2021.

Dr. Kimiko Suda works at the Technical University of Berlin on insti­tu­tional racism in Germany. She is an active member of kori­en­tation e.V. and inte­rested in decolonial/antiracist memory culture. From 2011-
2017, she co-directed the Asian Film Festival Berlin with Dr. Sun-ju Choi.

Imprint

Curator and project leader: Dr. Kien Nghi Ha.

In coope­ration with bi’bak e.V., kori­en­tation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. and the
Department of Korean Studies, Institute of Asian and Oriental Studies at the University of Tübingen.

With films from the hol­dings of the Friedrich Wilhelm Murnau Foundation (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden.

Funded by the program Promotion of Contemporary History and Remembrance Culture of the Berlin Senate Department for Culture and Europe.

AllgemeinProjekt RADARVeranstaltungen

Ein Angebot für Asians in der politischen Bildungsarbeit

Sa. 03. & So. 04. Juni 2023 in der Alten Feuerwache Köln

Wie sieht poli­tische Bildungsarbeit aus kolo­nia­lis­mus­kri­ti­scher Perspektive aus? Was haben Identität und Selbstzuschreibungen mit Kolonialismus zu tun? Wie können wir Praxen in der poli­ti­schen Bildungsarbeit schaffen und aus­bauen, die auf Solidarität mit anderen ras­si­fi­zierten und mar­gi­na­li­sierten Communities basieren? Welche Werkzeuge und Strategien brauchen wir, um den Mythos der Vorzeigeminderheit auf­zu­decken und aktiv gegen das Teile-und-Herrsche-Prinzip vor­zu­gehen? Auf welche Art und Weise ver­mitteln wir Wissen in den Lernräumen, die wir kre­ieren? Und wie kann ein gemein­samer Austausch aus­sehen, in dem wir uns in Selbstkritik und Verantwortungsübername in unserer Praxis üben?

Das Projekt RADAR von kori­en­tation lädt Anfang Juni Aktive aus der poli­ti­schen Bildungsarbeit zu einer zwei-tägigen Zukunftswerkstatt nach Köln ein. Wir werden gemeinsam diesen Fragen nach­gehen und dabei immer wieder die Verbindung zur Reflektion über Kolonialität bei­be­halten. Wir freuen uns auf euch!

Ihr könnt euch bis zum 02.04.2023 anmelden.
Zum Anmeldeformular kommt ihr weiter unten.

Ziele

  • Reflexion über Identitätskonstruktionen und eigene Verbindung zu ihnen
  • Selbstkritischer Blick auf die eigene Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit
  • Methodenentwicklung zur Thematisierung vom Mythos Vorzeigeminderheit
  • Erkundung von Notwendigkeiten und Möglichkeiten zur Solidarisierung mit ver­schie­denen Positionierungen
  • Materialsammlung für eine kri­tische, deko­lo­niale poli­tische Bildungsarbeit mit Schwerpunkten auf ver­schiedene asia­tische Diasporen entwickeln


Programm

Samstag 03.06.Sonntag 04.06.
10.00- 11.30
Uhr
Ankommen, Kennenlernen,
Thematische Einführung

Thematischer Input zur Verbindung von kri­ti­schen Perspektiven auf poli­tische Bildung und wieso kolo­ni­al­kri­tische Perspektiven aus­schlag­gebend für das Netzwerktreffen sind.
Ankommen und Open Space

Möglichkeit Bedürfnisorientierte Spaces zu gestalten.


11.45- 13.45Block 1
Selbstzuschreibung und Identität

„Ich fühl mich so zwi­schen zwei Stühlen hin- und her­ge­rissen.“
Wir wollen wissen, wie diese Stühle gebaut werden und wieso Menschen sich so fühlen, als müssten sie einen guten Stuhl für sich finden.
Block 3
Interkommunale Solidarität

Bildungsräume schaffen, die posi­tio­niert arbeiten und sich gleich­zeitig in Solidarität mit anderen Positionierungen treffen.


Pause
14.45- 16.45Block 2
Mythos Vorzeigeminderheit


Gemeinsam Strategien finden, den Mythos zu the­ma­ti­sieren & auf­zu­decken, wie er die realen Gewalterfahrungen unsichtbar macht, aber auch ver­sucht Asians als Schachfiguren weißer Vorherrschaft ein­zu­setzen. Nicht mit Uns.
Block 4
Intervisions- und Reflexionsräume auf­bauen


Praxisübung zu kol­le­gialer Fallberatung und Aufbau eines regel­mä­ßigen Intervisionstreffens. Austausch zu Räumen der (Selbst-)Kritik und Verantwortungsübernahme.
Pause
17.00- 17.30Abschluss und Ausblick Tag 2Abschluss
Optionales gemein­sames Abendessen


Ressourcen nach Themenblöcken

Im Laufe der Zukunftswerkstatt werden wir die Themenblöcke behandeln und die Ressourcen darauf unter­suchen, inwiefern sie mit Theorien, Praktiken und Verständnissen zusam­men­hängen, die gewaltsam durch Kolonialismus eta­bliert wurden.

Diese Liste wird sich immer weiter mit Ressourcen füllen.

Allgemein

Block 1: Selbstzuschreibung und Identität

Block 2: Mythos Vorzeigeminderheit

Block 3: Interkommunale Solidarität

Block 4 Feedback, (Selbst-)Kritik und Reflexion


Für wen ist die Zukunftswerkstatt

Sie richtet sich an in der poli­ti­schen Bildungsarbeit aktive BIPoC, die Bezüge zu Nord-/Süd-/Ost-/Südost-/Vorder- oder Zentralasien stra­te­gisch für sich wählen (können), um ihre viel­fäl­tigen Lebensrealitäten sichtbar zu machen und Fragen von Rassismus und anderen Ausschlüssen aus einer spe­zi­fi­schen Perspektive soli­da­risch anzu­sprechen.
Wenn Du Zweifel hast und nicht weißt, ob diese Selbstbezeichnung für Dich funk­tio­niert oder Du dich dar­unter wie­der­findest, melde Dich gerne bei uns und wir sprechen darüber!

Anmeldungen

Ihr könnt Euch bis zum 02.04.2023 für die Zukunftswerkstatt in Köln anmelden.

Falls mehr Anmeldungen ein­gehen, als wir Plätze ver­geben können, wählen wir nach the­ma­ti­schen Überschneidungen mit der Praxis der poli­ti­schen Bildungsarbeit und Wohngebiet aus, da wir eine selbst­or­ga­ni­sierte Schlafplatzbörse anstoßen werden.

Die Anmeldungen sind geschlossen.

Unterkunft und Anfahrt

Die Anfahrtskosten können über­nommen werden. Schlafplätze können wir leider nicht stellen, und werden daher eine selbst­or­ga­ni­sierte Schlafplatzbörse anhand eurer Anmeldungen ein­leiten. Alle Personen, die ange­nommen werden und keine Unterkunft in Köln haben, werden einen Schlafplatz bekommen.
Für die Leute, die näher an Berlin dran sind: wir werden eine ähn­liche Zukunftswerkstatt im Herbst in Berlin anbieten, stay tuned!

Barrieren

  • Hinkommen: Die Zukunftswerkstatt wird in der Alten Feuerwache in Köln statt­finden. Die nächsten Bus- & Bahnhaltestellen sind ca. 5 Minuten zu Fuß ent­fernt. Falls du Parkplätze direkt an der Feuerwache benö­tigst, schreib uns gerne eine Mail.
  • Reinkommen: Wir werden in Räumen sein, die nur durch Treppen zugänglich sind. Die Zukunftswerkstatt ist umsonst.
  • Klarkommen: Wir werden am Anfang eine Accessibility Need Runde (Bedürfnisrunde zu Zugänglichkeit & Barrieren) machen, in der alle ihre Bedürfnisse äußern können, um gut an der Zukunftswerkstatt teil­nehmen zu können.
  • Corona: Wir werden uns alle an beiden Morgen auf Covid selbst­testen. Weitere Hygieneabstimmungen können wir gemeinsam treffen.

Schreib uns auch gerne im Vorhinein und teil uns mit, was du brauchst, um gut am Treffen teil­nehmen zu können.


Kontakt
Falls ihr Fragen oder Unsicherheiten bzgl. der Zukunftswerkstatt habt, kon­tak­tiert uns sehr gerne!
Team: radar(at)korientation.de 
Cuso Ehrich: cuso.ehrich(at)korientation.de
akiko rive: akiko.rive(at)korientation.de



Credits
Illustration RADAR Logo: Sophia Brown 


RADAR ist ein Projekt des kori­en­tation e.V.

Gefördert von der Bundeszentrale für poli­tische Bildung

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der BpB dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.

RAA Berlin Region Nord-Nordwest

BlogMedienkritikVerein

Am 16.02.2023 erschien im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Die fal­schen Chinesen zu Dietfurt“ von Lisa Schnell. Für diesen Artikel wurde sehr kurz­fristig der kori­en­tation e.V. um ein Interview ange­fragt und die wei­ter­ge­leitete Anfrage durch Dr. Kien Nghi Ha beant­wortet. Diese Berichterstattung zeigt lehr­buch­artig auf, wie weite Teile der deut­schen Medien wei­terhin mit ras­sis­ti­schen Phänomenen sowie ras­sis­mus­kri­ti­schen Ansätzen umgehen, womit sich auch der fol­gende Kommentar unseres Vorstandstandmitglied Su-Ran Sichling beschäftigt, der auch als Offener Brief an die Redaktion der SZ geschickt wird.
Der SZ-Artikel ver­schwand kurz nach seiner Veröffentlichung hinter einer Paywall.

Beobachtungen zu wiederkehrenden Argumentationsmustern in deutschen Medien

Äußern sich weiße Journalist*innen deut­scher Medien über ras­sis­tische Phänomene – seien es Debatten um ras­sis­tische Sprache in Kinderbüchern oder umstrittene Karnevalspraktiken wie im Artikel „Die fal­schen Chinesen von Dietfurt“ von Lisa Schnell – zeigen sich die immer gleichen Argumentationsmuster. Dass dabei jour­na­lis­tische Genauigkeit auf der Strecke bleiben, ist leider ebenso oft zu beobachten.

Dieser Kommentar möchte nicht erneut beur­teilen, ob in Dietfurt ras­sis­tische Stereotype repro­du­ziert werden. Vielmehr möchte er die medialen Argumentationsmuster in den Blick nehmen, die bemer­kenswert oft zu beob­achten sind, wenn deutsche (weiße) Medien sich zu Rassismuskritik äußern.

Zuerst – so der popu­lis­tische Fahrplan der Journalist*innen – müssen gesell­schaft­liche Fronten gezogen werden: Zwischen denen, die lachen und das alles nicht so ernst nehmen (müssen) und all den anderen – die Schreiberin Lisa Schnell weiß anscheinend selbst nicht so genau, wer über­haupt etwas gegen den „Riesenspaß eines Chinesenfaschings“ haben könne: Vielleicht, so ver­mutet die Schreiberin, ließen sie sich unter den größten gemein­samen Nenner des Gendersternchens sub­su­mieren. Gerne werden in Artikeln zu Rassismusvorwürfen alle poli­ti­schen Kämpfe um Feminismus, Gendergerechtigkeit, Antisemitismus und Antirassismus[1] in einen Topf geworfen. Dabei geht es mit­nichten darum, den Kritiker*innen mehr Gewicht oder Stimme zu geben – vielmehr sollen die spe­zi­fi­schen Forderungen der ein­zelnen Kämpfe ent­kräftet werden. So genau will es eine weiße Dominanzgesellschaft aber auch nicht wissen, worum im Einzelnen gekämpft wird. Des Öfteren werden hier auch Begrifflichkeiten ver­wechselt, um dann in Folge, Praktiken der weißen Mehrheitsgesellschaft doch positiv inter­pre­tieren zu können, wie es bei­spiels­weise Ewald Hetrodt in seinem Artikel „Die Angst vor dem schwarzen Mann“[2] vor­nimmt. Hier wird „Blackfacing“ ersetzt durch den Begriff der kul­tu­rellen Aneignung, der – laut Hetrodt – eine stärkere Differenzierung erlaubt, um dann in Folge auch ver­meintlich positive Beispiele von kul­tu­reller Aneignung zu nennen. Was „Blackfacing“ mit kul­tu­reller Aneignung zu tun hat, erschließt sich der Schreiberin dieses Artikels aller­dings nicht.

Leider kann sich die Schreiberin Schnell nicht einer gewissen Parteilichkeit ver­wehren. Interviewpartner*innen wie der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha werden als größt­mög­liche Krach[-macher] ange­kündigt, denen man aber zu Beginn des Artikels dann lieber doch nicht das Wort geben möchte. „Angemessen“ – so der Artikel – ist es dann eher, zuerst einen Befürworter des Karnevals sprechen zu lassen. Neben der par­tei­ischen Wortwahl hat Schnell aber auch eine grund­le­gende Sache miss­ver­standen: Geht es der weißen Mehrheit bei Rassismusfragen meist darum, die eigene Meinung gelten zu lassen und dass man sich laut Autorin einfach „an einen Tisch setzen sollte“, so stellt sich bei Angehörigen einer dis­kri­mi­nierten Minderheit oft die Frage nach Rassismus als struk­tu­relles Problem. Oft würden sich von Rassismus betroffene Menschen lieber über das Phänomen Rassismus äußern als über per­sön­liche Erfahrungen. Einer weißen Mehrheit ist es anscheinend aber auch nach gedul­digem Erklären (Kien Nghi Ha hat es bewun­derns­werter Weise wieder einmal ver­sucht) nicht möglich nach­zu­voll­ziehen, dass die Benachteiligung in Deutschlands Institutionen, Gesetzen, Schulen und Behördenroutinen pas­siert. Und dass dahinter oft keine indi­vi­duelle, böse Absicht stecken muss, sich also Jede*r immer wieder ver­si­chern kann, dass man ja selbst niemals ras­sis­tisch handeln würde.

Noah Sow schreibt in diesem Zusammenhang, dass weiße Deutsche von Geburt an u.a. das Privileg haben, jede andere Kultur nach­äffen oder sich in Teilen aneignen zu können. Dass sie auch bestimmen dürfen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen aller Menschen, die nicht weiß sind, zählen.

Der Artikel von Lisa Schnell offenbart einmal wieder die abwer­tenden medialen Praktiken, die die bestehenden Hierarchien und sozio­kul­tu­rellen Ausschlüsse ver­fes­tigen. Kien Nghi Ha kommt an einer anderen Stelle zu dem Schluss, dass auf­grund dieser weißen medialen Deutungshoheit vielen Menschen mit einer Migrationsbiographie öffent­liche Sichtbarkeit ver­wehrt bleibt. Zwar werden sie mitt­ler­weile gerne von Journalist*innen inter­viewt, aber nur um den humor­losen „Krachmacher*innen“ mit einer Gegenstimme – dem „einzig echten Chinesen von Dietfurt“ – im Nachgang zu beweisen, dass das, was man tut, in keinem Fall ras­sis­tisch ist. Dass sich aller­dings zu allem und jedem immer eine Stimme (die, even­tuell auch sozial, öko­no­misch etc. abhängig ist von der Mehrheitsmeinung) finden lässt, um die Kritik an der Sache zu ent­kräften, dürfte eigentlich klar sein.

Dass Artikel dieser Art durch die Gegenüberstellung gesell­schaft­licher Fronten oft sehr bewusst einen Aufschrei („…und sie wird wieder los­gehen, die Debatte um den Dietfurter „Chinesenfasching“) pro­vo­zieren wollen, um somit Aufmerksamkeit zu gene­rieren, scheint anscheinend in Krisenzeiten von Printmedien immer wieder das heils­ver­spre­chende Mittel gegen eine schwin­dende Leser*innenschaft. Journalist*innen dieser Medien gehen hier von tra­genden Teilen der Gesellschaft aus, die mehr­heitlich weiß ist. Die, so Hetrodt in oben genanntem Artikel, „regis­trieren, dass das Normale plötzlich skan­da­li­siert und das Vertraute aus dem öffent­lichen Leben gedrängt wird“. Weiter sagt er: „Und sie [die tra­genden Teile der Gesellschaft, Anm.] schauen auf das Bild, das im öffent­lichen Diskurs von dem Staat gezeichnet wird, den sie mit­tragen und mitfinanzieren.“ 

Hier zeigt sich, dass Medien ein bestimmtes Weltbild kon­stru­ieren und damit auch ver­bundene Normen- und Wertesysteme. Doch: In einer Gesellschaft in der mitt­ler­weile beinahe 30 % der Menschen einen soge­nannten Migrationshintergrund[3] haben (Tendenz steigend) stellt sich die Frage: Welche medial dar­ge­stellte Welt bleibt also heute noch für den Großteil der Menschen nach­voll­ziehbar? Und: Wer sind die tra­genden Teile der Gesellschaft?

Die Autorin Su-Ran Sichling ist Vorstandsmitglied des kori­en­tation e.V.


[1] Siehe auch der Artikel „Die kleine Hexenjagd“ von Ulrich Greiner, in: Die ZEIT, 17.01.2013, https://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt?

[2] Siehe auch der Artikel „Die Angst vor dem schwarzen Mann.“ von Ewald Hetrodt, in: Die FAS, 19.02.2023, https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/blackfacing-an-karneval-mohr-bei-fastnacht-in-hessen-18686690.html

[3] 2021 lebten in Deutschland rund 22,6 Millionen Menschen mit einem soge­nannten Migrationshintergrund – das ent­spricht 27,5 Prozent der Bevölkerung (2020 lag der Anteil bei 26,7 Prozent), Quelle: Statistisches Bundesamt.

BlogVeranstaltungen

Asian New Yorkers protest in August 2021

Call for Paper – PDF download

Conference “Anti-Asian Racism: History, Theory and Case Studies”

Venue: Schloss Hohentübingen at the University of Tübingen, Germany
Date: 07.07. – 08.07.2023, hybrid con­fe­rence
Conveners: Dr. Kien Nghi Ha and Prof. Dr. You Jae Lee
Host Institution: Department of Korean Studies, Institute of Asian and Oriental Studies at the University of Tübingen

Thematic Focus and Issues

In the trans­na­tional Corona pan­demic, Asian-related racism became common head­lines in the media of many Western immi­gration societies. In the course of this deve­lo­pment, the term as well as the topic of “anti-Asian racism” became more pro­minent – in Germany for the very first time. Although anti-Asian pro­jec­tions and its accom­panying colonial-racist con­s­truc­tions have been a con­sti­tutive com­ponent of Western modernity, they have hardly been per­ceived as a relevant topic in many European nations. This is also the case in German-speaking countries and its poli­tical, cul­tural and edu­ca­tional insti­tu­tions. Thus, the aca­demic research on the history and com­ple­xities of Asian German Diaspora, the sub­jec­ti­vities and needs of Asian immi­grant com­mu­nities is still largely mar­gi­na­lized and mostly deemed as unim­portant. This is espe­cially true for aca­demic rese­arches that centers the rich history of anti-Asian dis­courses and ste­reo­types as well as related con­tem­porary prac­tices, immi­gration policies and move­ments in Germany and other European countries.

To tackles this, the workshop aims at streng­thening local coope­ration as well as trans­na­tional net­working. We like invite scholars from all aca­demic disci­plines to con­tribute. Inquiries from the Humanities including but not limited to Asian German Studies, Asian Diasporic Studies, Asian American Studies, Asian Studies, European Studies, German Studies, Anthropology, Media Studies, History and Social Sciences in general as well as other fields of expertise are welcome. Through the inclusion of multi-disciplinary exch­anges and insights we seek to broaden our per­spec­tives and under­standing. We encourage espe­cially scholars of Color and young aca­demics to apply, who aims to explore this field of research in the German context.

The conference is divided into three sections:

1) The section “History” dis­cusses his­to­rical back­grounds of the origin of Asian dia­sporas in Western societies. In addition to legal frame­works and poli­tical prac­tices, the atti­tudes and reac­tions of the White main­stream are also relevant. Travel routes, work, housing, lan­guage, and gender dif­fe­rences and other social and spatial dimen­sions are also of great importance for the structure of Asian dia­sporic com­mu­nities. Likewise, the modes of response to racism, self-organization, and com­munity building are also important for the arrival and sett­lement pro­cesses. In this context, a com­pa­rative per­spective allows for infe­rences not only about local, regional, and national, but also about trans­na­tional ana­logies and differences.

2) The section “Theory” deals with approaches that his­to­ri­cally recon­s­truct, define, and ana­ly­ti­cally classify anti-Asian racism and its various mani­fes­ta­tions. In addition to the func­tioning of struc­tural exclu­sions and insti­tu­tio­na­lized dis­cri­mi­na­tions, the con­s­truction and mea­nings of cul­tural ste­reo­types in popular culture or media can also be examined. Intersectional rela­tions to other forms of racism and social cate­gories such as class, gender and sexuality are also of great interest.

3) The section “Case Studies” narrows down the object of study and, with its inductive approach, allows for a change of per­spective that high­lights inte­resting aspects that are easily over­looked in the macro view. Possible formats include his­to­rical, poli­tical, cultura eventsl, but also indi­vidual cases, smaller-scale the­matic aspects, bio­gra­phical ana­lyses, exem­plary reception his­tories of cul­tural arti­facts, and so on, which are also signi­ficant through their detailed view.

Practical informations

Due to budget limits, we can only provide a limited travel reim­bur­sement (up to 200,- €), hotel acco­mo­dation for one night in Tübingen and meals, snacks and soft drinks for the sel­ected sub­mis­sions. Online pre­sen­tation is pos­sible in order to give overseas scholars the chance to participate. 

Please send pro­posals (approx. 300 words) and a short CV (up to 150 words) to the orga­nizers. Please pass this CfP along to anyone else who might be inte­rested. Thank you for your interest!

Submission CfP

Deadline: 15.03.2023 for abs­tract (approx. 300 words) and short CV (up to 150 words)
Result Notification: 31.03.2023
Contact: Dr. Kien Nghi Ha, Email: nghi.ha@uni-tuebingen.de
More Information: Asian German Studies Tübingen https://uni-tuebingen.de/en/219396

Publication

Conference pro­cee­dings planned for 2024 by an inter­na­tional aca­demic publisher


Supported by the Platform Global Encounters of the University of Tübingen.
Funded by the Federal Ministry of Education and Research (BMBF) and the Ministry of Science Baden-Württemberg within the framework of the Excellence Strategy of the German Federal and State Governments.

Projekt MEGAVeranstaltungenVerein

Youtube-Link: https://www.youtube.com/watch?v=OsKbIHv6jOI

2022 jährte sich das ras­sis­tische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen zum 30. Mal. Zwischen dem 22. und 26. August 1992 griffen hun­derte Rechtsextremist*innen unter dem Applaus tau­sender Schaulustiger zunächst die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende an, in der vor­rangig geflüchtete Rom*nja unter­ge­bracht waren. Nachdem diese in Sicherheit gebracht worden waren, rich­teten sich die gewalt­samen Ausschreitungen des Mobs gegen das Wohnheim ehe­ma­liger viet­na­me­si­scher Vertragsarbeiter*innen im „Sonnenblumenhaus“. 

Für ein mediales Erinnern und kol­lek­tives Gedenken an die Ereignisse und ins­be­sondere an die Opfer ras­sis­ti­scher und rechter Gewalt, das nicht aus domi­nanz­ge­sell­schaftlich geprägter Perspektive auf die mar­gi­na­li­sierten und von Rassismus betrof­fenen Communities blickt, stellten wir fol­gende Fragen: Welche Perspektiven und Formen von Gedenken an das Pogrom exis­tieren in der viet­na­me­si­schen und in der Rom*nja Community? Welche gesell­schafts­po­li­ti­schen und künst­le­ri­schen Zugriffe gibt es auf das Pogrom und welche Räume werden den Betroffenenperspektiven gegeben? Welche gesell­schafts­po­li­tische Dimension nehmen diese Ereignisse in der Geschichte Deutschlands ein?

In zwei Kurzvorträgen sowie einem Diskussionspanel sprachen wir über wichtige Strategien post­mi­gran­ti­scher Erinnerungsarbeit sowohl aus wis­sen­schaft­licher Perspektive als auch aus der Perspektive von unter­schied­lichen Communities. Zusammen mit Personen aus viet­na­me­si­schen und Rom*nja-Communities haben wir die Möglichkeiten einer community-übergreifenden Erinnerungskultur als wider­ständige Praxis dis­ku­tiert und sind dabei auch auf mög­liche Differenzen und Unterschiede, aber auch Kontinuitäten in den Zugängen der ersten und zweiten Generation aus den betrof­fenen Communities auf Pogrom, Gedenken und Erinnerungspolitik eingegangen.

Programm

Kurzvorträge

  • „Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen als insti­tu­tio­na­li­sierter Rassismus“,
    Dr. Kien Nghi Ha, Kultur- und Politikwissenschaftler, Uni Tübingen
  • „Das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen – Lokale Perspektive auf Akteur:innen und Gedenken“,
    Johann Henningsen, Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“, Soziale Bildung e.V.

Podiumsdiskussion

Moderation: Dr. Kimiko Suda, kori­en­tation e.V.

Zu den Referent*innen und Panelist*innen

Kenan Emini, Vorsitzender von Roma Center e.V., Gründung und Leitung des Roma Antidiscrimination Networks seit 2015 bun­desweit. Mitbegründer und stellv. Vorsitzender des Bundes Roma Verbandes, Dachorganisation der migran­ti­schen Roma in Deutschland. Recherchereisen zur Situation abge­scho­bener Roma, unter anderem in Serbien, Kosovo, Mazedonien, und geflüch­teter Roma aus der Ukraine in ver­schie­denen Ländern. Dokufilm „The Awakening“ über die Situation abge­scho­bener junger Roma in ver­schie­denen Ländern, von Abschiebung bedrohter junger Roma in Deutschland und Rechtsruck in Europa all­ge­meine Arbeit zu diesen Themen.

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, lehrt und forscht zu Asian German Studies an der Universität Tübingen. Zahlreiche Publikationen zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus und Migration. Zuletzt ist der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2012, 2021) erschienen. Seine Monografie Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“ (tran­script 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet.

Johann Henningsen ist freier Mitarbeiter im Rostocker Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“. Er koor­di­niert dort ein Forschungsprojekt zu den betrof­fenen Geflüchteten des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen 1992. Das Dokumentationszentrum ist Teil von Soziale Bildung e.V. und arbeitet seit 2015 mit einem Archiv sowie Informations- und Vermittlungsangeboten zum ras­sis­ti­schen Pogrom in Lichtenhagen: lichtenhagen-1992.de

Mai-Phuong Kollath *1963 in Hanoi, Vietnam. 1981 kam sie als Vertragsarbeiterin in die DDR. In der Anfangszeit lebte sie im Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, das 1992 von einem ras­sis­ti­schen Mob ange­zündet wurde. Zu dieser Zeit lebte sie wei­terhin in Rostock und wurde Zeitzeugin des Pogroms und der ras­sis­ti­schen Stimmung nach der Wiedervereinigung. Die Diplom-Pädagogin leitete 16 Jahre haupt­amtlich die Migrationsberatungsstelle in Rostock und leistete aktive Vorstandsarbeit bei dem deutsch-vietnamesischen Verein Diên Hồng. Heute arbeitet sie als Coach, inter­kul­tu­relle Beraterin sowie Familientherapeutin in Berlin.

Magdalena Lovrić, Dipl. Pädagogin der Jugend-und Erwachsenenbildung. Seit den 1990ern in Rom*nja-Selbstorganisationen tätig. Gründete 2013 die Jugendtheatergruppe „So keres?“ in Berlin zur Reflexion der Verfolgungsgeschichte von Sintizze* und Romnja* aus der Perspektive des Überlebens und Widerstands sowie zum Empowerment junger Rom*nja. Referentin der his­to­risch poli­ti­schen Bildung zu Rassismus gegen Rom*nja im Kontext von Schule, Erinnerungskultur und sozialer Arbeit für Pädagog*innen der for­malen, non-formalen Bildung und Sozialer Dienste. Seit 2020 Projektkoordination im Förderprogramm Migration und Erinnerungskultur der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Dan Thy Nguyen ist freier Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Sänger in Hamburg. Er arbeitete an diversen Produktionen u.a. im Ballhaus Naunynstraße, auf Kampnagel, dem Mousonturm Frankfurt, dem MDR und an der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. 2014 ent­wi­ckelte und pro­du­zierte er das Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ über das Pogrom von Rostock ‑Lichtenhagen, welches 2015 in seiner Hörspielversion die „Hörnixe“ gewonnen hat und bis heute noch an diversen Institutionen gespielt wird. Seit 2020 leitet er mit seiner Produktionsfirma Studio Marshmallow das Hamburger Festival „fluc­to­plasma – 96h Kunst Diskurs Diversität“ und er ist stell­ver­tre­tender Vorstand der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg. 2021 erhielt er zusammen mit dem Gesamtensemble den Deutschen Hörspielpreis für seine schau­spie­le­rische Leistung.

Kimiko Suda arbeitet als Soziologin/Sinologin in den Bereichen Wissenschaft und politische/kulturelle Bildung in Berlin. Sie beschäftigt sich mit inter­sek­tio­nalen Aushandlungsprozessen und Widerstand im Kontext von Rassifizierung, Identität, sozialer Positionierung, Repräsentation und Macht. Kollektives Erinnern begreift sie als poli­tische Praxis und Intervention. Sie ist seit 2009 in unter­schied­lichen Funktionen (Vorstand, Ko-Leitung Filmfestival, Referentin, Ehrenamt) für den Verein kori­en­tation e.V. tätig.

Kooperationspartner

Die Berliner Landeszentrale für poli­tische Bildung ist eine staat­liche über­par­tei­liche Bildungseinrichtung. Unsere Angebote zu Demokratieförderung, poli­ti­scher Teilhabe und poli­ti­scher Bildung richten sich an alle Berlinerinnen und Berliner. Wir ermuntern dazu, die eigenen Interessen aktiv in demo­kra­tische Entscheidungsprozesse ein­zu­bringen. „ver­stehen | betei­ligen | ver­ändern

Das Projekt MEGA wurde von 2020 bis 2024 durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

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kori­en­tation unter­stützt das Bündnis Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992., das das Gedenken anlässlich des 30. Jahrestages orga­ni­siert hat. Die zen­trale Veranstaltung war die bun­des­weite Demo am 27.08.2022 in Rostock-Lichtenhagen, siehe Aufruf zur Demo.
Wir ver­öf­fent­lichen mehrere Redebeiträge auf unserer Webseite zur Dokumentation. Es folgt hier der Redebeitrag, der auf der Abschlusskundgebung von Kien Nghi Ha gehalten wurde.

Entschädigung und Rückkehrrecht für die Betroffenen des Pogroms

Bereits vor zehn Jahren war ich an diesem Ort, um meine Rede „Ich bin hier, weil ihr hier seid“ zu halten. 2012 war ich einer der wenigen Menschen of Color und meines Wissens nach der einzige Vietdeutsche, der damals ange­fragt wurde, inhaltlich bei­zu­tragen. Die Situation heute hat sich stark ver­bessert. Ich bin sehr froh, dass so viele ver­schiedene Perspektiven aus unter­schied­lichen Communities of Color hier ver­treten sind. Dieses inter­kom­munale und soli­da­rische Gedenken stärkt mich und ich weiß, dass wir zusammen erinnern, gedenken und kämpfen können. 

Die viet­na­me­si­schen Bewohner:innen des Sonnenblumenhauses kamen als Vertragsarbeiter:innen in die DDR, wo sie in iso­lierten Heimen wohnten, als Asiat:innen im Alltag exo­ti­siert wurden, aber auch mit ras­sis­ti­schen Zumutungen wie ungleichem Lohn und Diskriminierung am Arbeitsplatz zu kämpfen hatten. Die Ethnisierung der Arbeitslosigkeit im Zuge der Abwicklung der DDR-Betriebe ver­schärfte ihre auf­ent­halts­rechtlich wie sozial prekäre Situation nochmals. Wenn wir uns an den jah­re­langen Kampf für das Bleiberecht der ehe­ma­ligen Vertragsarbeiter:innen in Erinnerung rufen, dann wird schnell klar, wie müh­selig, kos­ten­in­tensiv und ner­ven­auf­reibend die Auseinandersetzung mit dem Ausländeramt für die Betroffenen für jede auf wenige Monate befristete Duldung war. Es fiel der Politik sehr schwer das rigide Régime des Ausländerrechts zu lockern und als 1997 dann eine Bleibeperspektive zustande kam, wurden mög­lichst hohe Auflagen ein­gebaut. Viele mussten in die Zwangsselbstständigkeit gehen, um nicht durch Sozialhilfebezug ihr Aufenthaltsrecht zu gefährden und über­lebten diese Situation nur durch selbst­aus­beu­te­rische Arbeitsbedingungen. Auch die Polizei spielte nicht nur in dieser Zeit eine sehr unrühm­liche Rolle, wobei die auf­se­hen­er­re­genden Missbrauchsfälle auf dem Polizeirevier Bernau im Jahr 1994 nur eine von vielen Fällen des insti­tu­tio­na­li­sierten Rassismus in dieser Behörde dar­stellt. Insoweit wider­spricht das Pogrom nicht den bis dato gemachten Deutschlanderfahrungen, sondern reiht sich als nega­tiver Höhepunkt in die Serie von ras­sis­ti­schen Diskriminierungs, Marginalisierungs- und Gewalterfahrungen ein.

Angesichts der Tatumstände und der Verstricktheit von Politik, Medien und Sicherheitsorganen erwar­teten die ange­grif­fenen Communities keine Hilfe von der Weißen Mehrheitsgesellschaft. Ihre Erfahrungen waren dies­be­züglich ein­deutig: Statt Entschädigung und eine ange­messene juris­tische Aufarbeitung der ras­sis­ti­schen Gewalt, waren sie von der Abschiebung bedroht. Gerade die stän­digen Konflikte mit deut­schen Verwaltungen auf­grund des unge­si­cherten Aufenthaltsrechts, löste grund­sätz­liche Ängste aus. Wer mit solchen fort­dau­ernden exis­tenz­be­dro­henden Problemen kon­fron­tiert ist, hat natürlich nicht den Kopf frei sich mit den viel­fäl­tigen Auswirkungen des Pogroms aus­ein­an­der­zu­setzen. Die viet­deutsche Community in Rostock war und ist aktiv. Der Glaube, dass sie passiv und unsichtbar seien, ist ein Klischee. Sie hat sich sehr wohl vor Ort für ein bes­seres und inter­kul­tu­relles Zusammenleben ein­ge­setzt. So wie sie sich während des Pogroms selbst­or­ga­ni­siert, ver­teidigt und sich selbst über das Dach aus dem bren­nenden Haus gerettet hat, so hat sie später das Bleiberecht gegen Widerstände aus Politik und Verwaltung erstritten und sich aktiv für den Aufbau ihrer lokalen Gemeinschaft ein­ge­setzt. Für diese Verdienste gebührt ihr viel Respekt und Anerkennung.

Vor 30 Jahren lebte ich als junger Student der Politikwissenschaft in Berlin. Ich kam als Kind einer Boat-People Familie nach West-Berlin wuchs eigentlich mit dem Wunsch auf, aner­kannter Teil der deut­schen Gesellschaft zu sein und wollte wie viele Menschen of Color wie selbst­ver­ständlich dazu gehören. Ich wollte in Deutschland einfach ent­spannt leben.

Aber das Pogrom gegen die viet­na­me­sische Community in Rostock-Lichtenhagen räumte grund­legend mit meinen Illusionen über Deutschland auf. Je natio­na­lis­ti­scher der deutsche Wiedervereinigungsprozess eska­lierte und je stärker die ras­sis­ti­schen Exzesse in den Parlamentsdebatten und die auf­het­zende Medienberichterstattung über die angeb­liche „Asylantenflut“ wurden, desto wach­samer und poli­ti­scher wurde ich. Ich habe in dieser Zeit so viel über die Weiße deutsche Gesellschaft gelernt und hatte das Gefühl, erstmals hinter die Fassade der liberal-bürgerlichen Idylle zu blicken. Was ich dann in Rostock-Lichtenhagen unge­schminkt sah, war ein ras­sis­ti­scher Abgrund, der blanke Horror. So viel mas­sen­hafter dumpfer Hass gepaart mit dem selbst­ver­liebten Selbstbild als auf­ge­klärte Nation der Dichter, Denker und Dauersäufer. Die live im Fernsehen über­tra­genen Bilder von dem bren­nenden Sonnenblumenhaus, das tagelang wie bei einer mit­tel­al­ter­lichen Belagerung sturmreif ange­griffen wurde, waren einfach unfassbar: Es sprengte alles, was ich mir bis dahin vor­stellen konnte im modernen, angeblich so zivi­li­sierten und demokratisch-rechtsstaatlichen Deutschland. Rostock-Lichtenhagen war für mich ein erneuter Zivilisationsbruch! Meine Gefühle waren eine bizarre und wider­sprüch­liche Mischung aus abso­lutem Unglauben, Entsetzen, Abscheu, Wut, Trauer, Hilfslosigkeit und Trotz. In der unmit­tel­baren Situation wusste ich mir nicht besser zu helfen als einen Leserbrief an die taz zu schreiben.

Was ich in diesen Jahren eben­falls erlebte und was mich bis heute prägt, war aber auch die Erfahrung in migran­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen Zirkeln von People of Color, dass selbst­or­ga­ni­sierter Widerstand möglich ist, dass wir soli­da­rische Strukturen auf­bauen können und trotz unserer beschränkten Mittel nicht wehrlos sind.

Vor dem Pogrom in Lichtenhagen dachten alle, dass sowas nach der Nazizeit in Deutschland nicht mehr möglich sei. Das dachte ich auch. Bis zum Pogrom lebte ich in einer rea­li­täts­fernen Blase und dachte ich sei inte­griert, weil ich den deut­schen Pass habe. Rostock-Lichtenhagen und die explo­si­ons­artige ras­sis­tische Gewaltwelle in den 1990er Jahren zeigten mir, dass es ein anderes, sehr dumpfes und immer noch ziemlich schwarz­braunes Deutschland gibt. Das Pogrom dauerte vier Tage. Es war ein Volksfest mit Deutschlandweit ange­reisten Teilnehmenden. Es gab Bratwurstbuden, viel Bier und ein jubelndes Publikum. Und obwohl dieses ras­sis­tische Spektakel in aller Öffentlichkeit zele­briert und im Fernsehen live über­tragen wurde, war das absolut Unmögliche trotzdem möglich bzw. wurde durch das Versagen der Weißen Institutionen möglich gemacht. Solange es einen struk­tu­rellen Rassismus in der Gesellschaft gibt und die Institutionen dieses Machtungleichgewicht abbilden und ras­sis­tische Hierarchien mit Leben füllen, ist Rassismus in jeder Form denkbar und möglich. Wir müssen daher wachsam und soli­da­risch bleiben.

Forderungen

1) Auch nach 30 Jahren ist es nicht zu spät, die Rom*nja und viet­deut­schen Betroffenen des Pogroms mate­riell zu ent­schä­digen und ihnen ein Rückkehrrecht anzu­bieten. Wenn die offi­zielle Entschuldigung der Stadt Rostock von 2002 nicht nur eine leere Floskel ohne Konsequenzen ist, wäre es jetzt dringend geboten, ein groß­zügig aus­ge­stat­teten Fond zur Wiedergutmachung des his­to­ri­schen Unrechts ein­zu­richten. Nach dem skan­da­lösen Versagen von Politik, Stadtverwaltung und Justiz fordern wir die staat­lichen Institutionen auf, zumindest jetzt ein Mindestmaß an rechts­staat­lichen und ethi­schen Anstand zu zeigen.

2) Wir fordern die Kultur- und Wissenschaftsbetriebe auf, sich stärker mit den Pogromen und der ras­sis­ti­schen Gewalt in den 1990er Jahren aus­ein­an­der­setzen. Diese Zeit ist so grund­legend wichtig und gerade der Komplex Rostock-Lichtenhagen wurde bisher nur unzu­rei­chend erforscht und ist kul­turell kaum verarbeitet.

3) Wir fordern die Stadt Rostock auf, dass dezen­trale Gedenkkonzept zu über­ar­beiten und die bisher unver­ständ­lichen Denkmäler so zu ergänzen, dass sie dazu ein­laden sich inhaltlich mit dem Pogrom auseinanderszusetzen.

4) Wir fordern alle Menschen und spe­ziell die Medien dazu auf, das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen nicht weiter als „aus­län­der­feind­liche Gewaltexzesse“ oder als „frem­den­feind­liche Ausschreitungen“ klein­zu­reden und zu ver­harm­losen sowie die Verantwortung staat­licher Institutionen und poli­ti­scher Eliten unsichtbar zu machen. Das Pogrom ist ein Pogrom, weil staat­liche Institutionen und Verantwortungsträger unpro­fes­sionell han­delten. Sie haben versagt, die Gewalt zuge­lassen und tole­riert. Und in nicht wenigen Fälle wurde der Rassismus – inten­diert oder nicht – poli­tisch und medial gefördert. Wer die his­to­rische Tatsachen – so bitter und unbequem sie auch sind – leugnet, setzt ras­sis­tische Praktiken fort, die die Betroffenen des Pogroms erneut dis­kri­mi­niert. Das wollen und werden wir nicht zulassen. Dagegen werden wir uns heute und in Zukunft mit aller Macht gemeinsam wehren.

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kori­en­tation unter­stützt das Bündnis Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992., das das Gedenken anlässlich des 30. Jahrestages orga­ni­siert hat. Die zen­trale Veranstaltung war die bun­des­weite Demo am 27.08.2022 in Rostock-Lichtenhagen, siehe Aufruf zur Demo. Im Folgenden unser Redebeitrag.

Wir sprechen für kori­en­tation, einer post/migrantischen Selbstorganisation und einem Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven aus Berlin.  

Wir soli­da­ri­sieren uns mit den Betroffenen des Pogroms, mit den viet­na­me­si­schen / viet-deutschen Communities, mit den Rom*nja-Communities, mit allen Betroffenen ras­sis­ti­scher und rechter Gewalt.

In unserem Verein sind Menschen mit unter­schied­lichen Geschichten aus Asiatisch-Deutschen Communities. Uns eint, dass wir als asia­tisch mar­kierte Menschen in Deutschland leben und spe­zi­fische Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen teilen. Viele unserer Eltern sind als „Gast-“ oder Vertragsarbeiter*innen nach Deutschland gekommen, viele als Geflüchtete. Einige von uns lebten als Kinder in Wohnheimen, Geflüchtetenunterkünften. Wenn wir die Bilder des grö­lenden, hass­erfüllten Mobs das bren­nende Sonnenblumenhaus stürmen sehen und die Tausenden Beifall klat­schenden Bürger*innen vor dem Haus, berührt uns das direkt. 

Das hätten auch wir sein können.

Die Menschen im Sonnenblumenhaus vor 30 Jahren, die um ihr Leben bangten, hätten auch unsere Eltern sein können, unsere Onkels und Tanten, Cousinen, Brüder, Schwestern.

Wir erinnern an die tage­lange extreme Gewalt, an die Todesängste der Betroffenen ange­sichts des ras­sis­ti­schen Mobs, denen sie nach dem Rückzug der Polizei aus­ge­liefert waren. Bis heute gab es keine offi­zielle Entschuldigung oder Wiedergutmachung.

Wir erinnern auch an den Widerstand und Mut der viet­na­me­si­schen Vertragsarbeiter*innen, die sich mit Holzstangen gegen die ein­ge­drun­genen rechten Gewalttäter ver­tei­digten und einen Weg fanden, um sich gemeinsam übers Dach ins Nachbargebäude zu retten.

Ein post­mi­gran­ti­sches, nicht-hegemoniales Erinnern muss die Überlebenden und Betroffenen von Rassismus und rechter Gewalt wür­digen und erinnern. Die Betroffenen und ihre Perspektiven tauchen in den domi­nanten, täter­zen­trierten Erinnerungsdiskursen nicht auf. Die Betroffenen werden nicht gehört und beteiligt, schlicht und einfach ver­gessen. Beispiel hierfür ist die Gestaltung des Mahnmals an das Pogrom der Stadt Rostock im Jahr 2017.

Ein Erinnern, das auf Veränderung zielt, muss die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit Rassismus in der deut­schen Gesellschaft ein­fordern, der struk­turell und insti­tu­tionell his­to­risch ver­ankert ist und bis in die Gegenwart fortwirkt.

Anti-asiatischer Rassismus, his­to­rische Kontinuitäten 

Anti-asiatischer Rassismus ist in Deutschland schließlich kein neues Phänomen, sondern eta­blierte sich spä­testens mit der deut­schen Kolonialisierung chi­ne­si­scher und pazi­fi­scher Gebiete im 19. Jh. auf der struk­tu­rellen und insti­tu­tio­nellen Ebene.

Daher stellt Rostock-Lichtenhagen keinen Einzelfall dar, sondern einen tra­gi­schen Höhepunkt von anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. Der wurde nicht benannt, nicht auf­ge­ar­beitet, insti­tu­tionell negiert und unsichtbar gemacht. Dies gilt auch für den mas­siven Rassismus gegen die geflüch­teten Rom*nja. 

Auch die Ermordung etwa von Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân 1980 in Hamburg, Phan Văn Toản 1997 in Fredersdorf, Pham Duy-Doan 2011 in Neuss und die Vergewaltigung sowie der Mord von Li Yangjie 2016 in Dessau ver­weisen auf his­to­rische Zusammenhänge, die bis in die Gegenwart reichen. Erst vor kurzem hat der mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 auf­flam­mende anti-asiatische Rassismus gezeigt, wie schnell kolo­ni­al­ras­sis­tische Stereotypen und Feindbilder in Medien, Politik und breiten Gesellschaftsschichten akti­viert werden und in ras­sis­tische Übergriffe in der Öffentlichkeit münden.

Cross-Community Solidaritäten und Gedenken

Unser Engagement gegen anti-asiatischen Rassismus ist grund­legend mit anti-rassistischen Kämpfen und his­to­ri­schen Erfahrungen von anderen Communities of Color verbunden.

Dazu gehört bei­spiels­weise die Auseinandersetzung mit dem NSU-Terror, dem Anschlag von Hanau oder der Support für die Black Lives Matter-Bewegung. 

Dazu gehört auch die gegen­seitige Solidarisierung und die Notwendigkeit von Cross-Community-Allianzen im Gedenken und in der Aufarbeitung der Vielzahl von unauf­ge­ar­bei­teten, ver­ges­senen Fällen.

Wir ver­weisen auf die wichtige Arbeit von Gedenkinitiativen. Das Handeln von zivil­ge­sell­schaft­lichen Akteur*innen, das Handeln von post/migrantischen Selbstorganisationen ist uner­setzlich, um poli­ti­schen Druck auf staat­liche Institutionen zu erzeugen.

Es geht darum, den Ermordeten und Hinterbliebenen zu sozialer Gerechtigkeit zu verhelfen.

Es geht darum, weitere Gewalt gegen People of Color und mar­gi­na­li­sierte soziale Gruppen in Deutschland zu verhindern.

Es geht darum, für unsere eigene Zukunft, unsere eigene Sicherheit und Gleichberechtigung in diesem Land zu kämpfen.

Forderungen

  • Wir unter­stützen die Forderungen des Bündnisses „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992.
  • Wir fordern die deutsche Regierung auf, anti-asiatischen Rassismus in natio­nalen Aktions- und Maßnahmenplänen gegen Rassismus neben anderen Rassismen und Diskriminierungsformen anzuerkennen. 
  • Wir fordern eine multi-perspektivische Erinnerungspolitik.
  • Wir fordern eine Wiedergutmachung in Form einer ange­mes­senen Entschädigung der Betroffenen des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen.
  • Aus aktu­ellem Anlass machen wir auf die dro­hende Abschiebung des ehe­ma­ligen viet­na­me­si­schen Vertragsarbeiters Pham Phi Son auf­merksam, der mit seiner Familie in Chemnitz wohnt. Er kam 1987 nach Deutschland und lebt seit 35 Jahren in Sachsen! Die Stadt plant seine Abschiebung. Unterschreibt die Petition an den Sächsischen Landtag. Wir fordern die unbe­fristete Niederlassungserlaubnis für Pham Phi Son!
    (https://www.openpetition.de/petition/online/nach-35-jahren-in-sachsen-familie-pham-nguyen-muss-bleiben)

„Antirassistisches / (post)migrantisches Erinnern heißt
politisch/kollektiv inter­ve­nieren
und Gesellschaft verändern!“

BlogPolitikVerein

kori­en­tation unter­stützt das Bündnis Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992., das das Gedenken anlässlich des 30. Jahrestages orga­ni­siert. Die zen­trale Veranstaltung wird die bun­des­weite Demo am 27.08.2022 in Rostock-Lichtenhagen sein. Wir betei­ligen uns an der Demo mit einem Redebeitrag vor Ort und rufen auch alle Asiatisch-Deutschen Communities, Gruppen, Inis dazu auf, daran teilzunehmen.

Dokumentation der Demo

Redebeiträge

Alle Redebeiträge sind auf der Webseite des Bündnisses doku­men­tiert: https://gedenken-lichtenhagen.de/demo/redebeitrage/

Video

Videodokumentation der Demo am 27.08.2022 von Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992.

DEMO AUFRUF

Wir ver­öf­fent­lichen an dieser Stelle die Demo-Aufrufe des Bündnisses auf Deutsch, Englisch, Vietnamesisch. Mehr Sprachen siehe Bündnis-Webseite: https://gedenken-lichtenhagen.de

Damals wie heute: Erinnern heißt verändern!

Großdemo am 27. August 2022 – 14 Uhr – Rostock-Lichtenhagen

30 Jahre nach dem ras­sis­ti­schen Pogrom werden wir am 27. August 2022 gemeinsam in Rostock-Lichtenhagen auf die Straße gehen. Denn ras­sis­tische Gewalt und insti­tu­tio­neller Rassismus gehen bis heute Hand in Hand. Dem Erinnern muss ein Handeln folgen.

Wir fordern:
Den Angriff in Lichtenhagen 1992 als rassistisches Pogrom benennen!

Rostock im August 1992. Im Stadtteil Lichtenhagen werden über drei Tage hinweg Geflüchtete und ehe­malige Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam ange­griffen. Die Polizei schreitet gegen den zeit­weise aus meh­reren tausend Menschen bestehenden Mob kaum ein und zieht sich schließlich ganz zurück. Die Angreifer:innen werfen dar­aufhin Brandsätze in das Haus. Mehr als 120 Menschen retten sich über das Dach des Gebäudes. Bis heute scheut sich die Hansestadt Rostock dieses Pogrom klar als solches zu benennen.

Wir fordern:
Rassistische Gewalt benennen und bekämpfen!

Das bren­nende Sonnenblumenhaus ist bis heute ein Symbol rechter Gewalt. Aber nicht nur hier und nicht nur 1992 werden unzählige Menschen durch rechte und ras­sis­tische Gewalt ver­letzt, getötet und trau­ma­ti­siert – Lichtenhagen war und ist kein Einzelfall.

Wir fordern:
Abschiebestopp und Bleiberecht für Rom:nja und alle Betroffenen rassistischer Gewalt!

Dem Pogrom in Lichtenhagen vor­aus­ge­gangen ist eine jah­re­lange Kampagne zur Verschärfung des Asylrechts durch kon­ser­vative Parteien. Im Nachgang des Ereignisses gab es für Asylsuchende keinen bes­seren Schutz, sondern Abschiebungen und Lagerunterbringung. Die Asylgesetzverschärfungen trafen wie die ras­sis­tische Debatte im Vorfeld besonders Rom:nja. Die betrof­fenen ehe­ma­ligen „Vertragsarbeiter:innen“ führten wie viele ihrer ehe­ma­ligen Kolleg:innen jah­re­lange Kämpfe um ihr Bleiberecht.

Wir fordern:
Dezentrale Unterbringung jetzt! Auflösung der Aufnahmeeinrichtung in Nostorf-Horst und aller Sammellager!

Wenige Monate nach dem Pogrom, im April 1993, wird das Aufnahmelager Nostorf-Horst errichtet. Statt Geflüchtete vor rechter Gewalt zu schützen, werden sie fortan im Wald iso­liert. Weitab von Einkaufsmöglichkeiten und anderer Infrastruktur leben hier seitdem Menschen für Monate oder Jahre. Das Lager in Nostorf-Horst kann als Prototyp der Erstaufnahmeeinrichtungen ver­standen werden, aus denen Geflüchtete direkt abge­schoben werden können.

Wir fordern:
Perspektiven und Forderungen Betroffener in den Mittelpunkt stellen!

Gegen rechte Gewalt und staat­lichen Rassismus kämpfen seit Jahrzehnten viele Menschen, zum Beispiel in migran­ti­schen Selbstorganisationen, als Antifas oder in lokalen Gedenkinitiativen. Dabei ist ein selbst­be­stimmtes Gedenken Betroffener wichtige Voraussetzung für Aufarbeitung und Erinnerung.

Wir fordern:
Umbenennung des Neudierkower Wegs in Mehmet-Turgut-Weg!

Der Kampf gegen Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus darf sich nicht auf ein­zelne Jahrestage beschränken. Rostock wurde etwa zehn Jahre nach dem Pogrom auch Schauplatz eines NSU-Mordes. Die Verstrickungen des NSU in MV sind bis heute unzu­rei­chend auf­ge­ar­beitet. Das Gedenken muss mehr sein als ein kurzes Innehalten. Erinnerung braucht Räume, Orte und Widerstand. Wir müssen uns der Namen der Opfer erinnern.

Wir werden in Lichtenhagen gemeinsam für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung auf die Straße gehen. Wie es die Aktivist:innen in Hanau for­mu­lieren:
Erinnern heißt verändern!

Bündnis „Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992

Then as now: Remembering means changing

Demonstration on August 27, 2022, 2 p.m. in Rostock-Lichtenhagen

On August 27th we will take the streets tog­ether to take a stand against racism in Rostock and against oppression ever­y­where. We remember the racist pogrom that took place in Rostock-Lichtenhagen in 1992. We want to overcome racism that still exists today. We are con­vinced that tog­ether we can change our society for the better.

Our alliance was founded to com­me­morate the pogrom in Rostock-Lichtenhagen in 1992. Among other things, we organize events on various aspects of this nati­onwide demonstration.

With the demons­tration we demand from politics:

Name and fight racist violence!

The burning „sun­flower house“ is still a symbol of right-wing vio­lence in Germany. But it is not only here and not only in 1992 that countless people are injured, killed and trau­ma­tized by right-wing and racist vio­lence – Lichtenhagen was and is not an iso­lated case.

Clearly name the attack in Lichtenhagen in 1992 as a racist pogrom!

Rostock in August 1992. In the Lichtenhagen dis­trict, refugees and former con­tract workers from Vietnam were attacked for three days. The state government and the police did not intervene. It is important to clearly name this state racism with the term „pogrom“.

Stop deportation and right to stay for Romany People and all those affected by racist violence!

From 1992 to the present, con­ser­vative parties use racial pre­judice to tighten laws against asylum seekers. Many of those, who were affected by Lichtenhagen, were either deported or had to fight for years for a right to stay.

Decentralized housing now! Abolish the reception facility in Nostorf-Horst and all collective Refugee camps!

Horst existes since Lichtenhagen. Far away from shops and other infra­structure, people live here for months or years. The Refugee camp in Nostorf-Horst is one of many coll­ective camps. Collection camps are not good places to live, the­r­efore: Apartments for everyone!

Focus on the perspectives and demands of those affected by racism!

Many people have been fighting against right-wing vio­lence and state racism for decades. It is important that those who expe­rience racism every day help shape the com­me­mo­ration in a self-determined manner. This is an important pre­re­quisite for pro­cessing and remembering.

Rename Neudierkower Weg in Toitenwinkel into Mehmet-Turgut-Weg!

About ten years after the pogrom, Rostock was also the scene of a murder by the ter­rorist group NSU. To remember that Mehmet Turgut was part of the Rostock city society, the path at the memorial should be named after him.

The alliance „Remembrance of the Pogrom. Lichtenhagen 1992.

Ngày ấy cũng như ngày nay: Tưởng nhớ có nghĩa là thay đổi

Biểu tình ngày 27 tháng 8 năm 2022, lúc 14 giờ tại Lichtenhagen, Rostock.

Ngày 27 tháng 8 năm 2022, chúng ta sẽ cùng xuống đường biểu tình chống lại nạn phân biệt chủng tộc tại Rostock và chống lại sự đàn áp ở khắp nơi. Chúng ta tưởng nhớ về bạo động phân biệt chủng tộc đã xảy ra vào năm 1992 tại Lichtenhagen. Phân biệt chủng tộc vẫn đang tồn tại. Hãy cùng nhau chấm dứt phân biệt chủng tộc. Chúng tôi tin rằng, chúng ta có thể cùng nhau thay đổi cho một xã hội tốt đẹp hơn.

Liên hiệp chúng tôi đã được lập ra để tưởng niệm vụ bạo động phân biệt chủng tộc tại Lichtenhagen năm 1992. Chúng tôi tổ chức nhiều sự kiện với nhiều khía cạnh khác nhau và cuộc biểu tình toàn liên bang này là một trong các chương trình đó.

Với cuộc biểu tình này chúng tôi yêu cầu các chính trị gia:

Nêu tên và đấu tranh chống Bạo lực phân biệt chủng tộc!

Hình ảnh khu nhà Ba hoa bị cháy vẫn là một biểu tượng của bạo lực cánh hữu cho đến nay. Tuy nhiên không chỉ ở nơi đây và không chỉ năm 1992, vẫn còn rất nhiều người bị thương, bị giết chết và bị ám ảnh bởi bạo lực cánh hữu và phân biệt chủng tộc – Lichtenhagen đã và hiện nay cũng không phải là trường hợp duy nhất.

Gọi tên vụ tấn công tại Lichterhagen năm 1992 rõ ràng là bạo lực phân biệt chủng tộc!

Rostock vào tháng 8 năm 1992. Tại Lichtenhagen, những người tị nạn và những người hợp tác lao động Việt Nam bị tấn công 3 ngày dài. Chính quyền bang và cảnh sát đã không can thiệp. Việc nêu tên phân biệt chủng tộc mang tính nhà nước này bằng khái niệm rõ ràng “bạo lực phận phân biệt chủng tộc” (Pogrom) là rất quan trọng.

Dừng việc trục xuất và quyền được ở lại cho người Romn:ja và tất cả những người bị ảnh hưởng bởi bạo lực phân biệt chủng tộc!

Từ năm 1992 cho đến nay các đảng bảo thủ sử dụng những định kiến mang tính phân biệt chủng tộc, để tăng cường các điều luật chống lại người xin tị nạn. Những người bị ảnh hưởng đến bởi Lichtenhagen một số đã bị trục xuất hoặc đã phải đấu tranh nhiều năm trời cho quyền được ở lại.

Cư trú phi tập trung cho những người xin tị nạn ngay lập tức! Giải thể cơ sở tiếp nhận người tị nạn tại Nostorf-Horst và tất cả những nơi cư trú tập trung!

Từ vụ Lichtenhagen bây giờ có Horst. Những người tị nạn sống ở đây cách xa những nơi có thể mua sắm và cơ sở hạ tầng khác trong vài tháng hay vài năm. Nostorf-Horst là một trong số nhiều những nơi ở tập trung. Nơi ở tập trung không là chỗ ở tốt, vì vậy yêu cầu: Căn hộ chung cư cho tất cả mọi người!

Đặt trọng tâm vào những quan điểm và yêu cầu của những người bị ảnh hưởng của phân biệt chủng tộc!

Từ vài thập kỉ nay đã có nhiều người đấu tranh chống lại bạo lực cánh hữu và phân biệt chủng tộc mang tính nhà nước. Quan trọng là những người cảm nhận phân biệt chủng tộc hàng ngày tự quyết định cùng kiến tạo và thực hiện việc tưởng nhớ. Đó là một tiền đề quan trọng để nhìn lại, phân tích, xử lý những trải nghiệm và tưởng nhớ

Đổi tên đường Neudierkower Weg thành Mehmet-Turgut-Weg tại Toitenwinkel để nhắc nhở chúng ta về Mehmet Turgut!

Khoảng 10 năm sau vụ bạo động phân biệt chủng tộc, Rostock cũng đã trở thành hiện trường của một vụ giết người bởi nhóm khủng bố NSU. Để tưởng nhớ việc Mehmet Turgut là một phần của dân thành phố Rostock, đường đi qua tượng tưởng niệm của anh nên được đặt theo Mehmet Turgut.

Liên hiệp „Tưởng nhớ về bạo động phân biệt chủng tộc. Lichtenhagen năm 1992.