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IN MEMORY, IN RESISTANCE

Gedenken an die Opfer des rassistischen & sexisistischen Anschlags in der Gegend um Atlanta vom 16.03.2021

Am 16. März jährt sich der ras­sis­tische & sexis­tische Anschlag auf Spa-Mitarbeiter*innen in der Gegend um Atlanta, Georgia/USA. Wir, als Teil der asia­ti­schen Diaspora in Deutschland, wollen den Anlass nehmen, um zusam­men­zu­kommen & eine Mahnwache in Gedenken an die acht Opfer, von denen sechs asia­tische Frauen waren, & im Kampf gegen die kapi­ta­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen & sexis­tisch patri­ar­chalen Strukturen, in den USA, Deutschland & global zu halten.

In Gedenken an Daoyou Feng, Hyun Jung Grant, Suncha Kim, Soon Chung Park, Xiaojie Tan, Yong Ae Yue, Delaina Ashley Yaun, Paul Andre Michels.

Mahnwache

In Solidarität mit den Opfern & deren Angehörigen ver­an­stalten wir eine Mahnwache mit Redebeiträgen & Performances:

WANN: Samstag, den 19. März 2022 von 13:00 bis 15:30 Uhr
WO: an der Friedensstatue in Berlin-Moabit (Ecke Birkenstraße/Bremer Straße) 

Zur Mahnwache sind alle Menschen herzlich eingeladen!

Außerdem wird es nach den Redebeiträgen & Performances einen Community Space geben. Zu diesem Community Space laden wir alle Menschen herzlich ein, die negativ von Rassismus gegen ost­asia­tisch und süd­ost­asia­tisch gelesene Menschen betroffen sind, um sich bei Tee, Snacks & Musik ken­nen­zu­lernen, aus­zu­tau­schen & zu vernetzen.

Wir freuen uns sehr, euch alle zahl­reich auf der Mahnwache & auch auf dem Community Space zu sehen!

Bitte teilt die Infos zur Mahnwache! Dieser Veranstaltungstext wird noch in wei­teren Sprachen übersetzt.

UNTERSTÜTZT DIE ORGA-GRUPPE

Zudem wird für die Organisation der Mahnwache noch dringend Unterstützung gebraucht! Insbesondere Allies / Verbündete sind hier ange­sprochen ange­messene Aufgaben zu über­nehmen. Auf Instagram (u.a. bei @storiesbythuy und @korientation) gibt es einen Aufruf mit Aufgabenliste & Awareness-Konzept. 

Bei Interesse & Kapazitäten für Unterstützung & bei Rückfragen, meldet euch gerne bei uns unter:
in-memory-in-resistance@riseup.net 

ORGANISATOR*INNEN

Die Mahnwache wird von Einzelpersonen der asia­ti­schen Diaspora orga­ni­siert. „Wir sind eine kleine Gruppe von asiatisch-diasporischen Menschen aus Berlin. Wir stellen uns gegen die kapi­ta­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen und sexistisch-patriarchalen Strukturen in den USA, Deutschland und global.“ 

(Dies ist keine Veranstaltung von kori­en­tation, wird aber von kori­en­tation unterstützt.)

kori­en­tation ver­weist auf den Offenen Brief gegen anti-asiatischen Rassismus, der einen Monat nach dem Anschlag am 16.04.2021 ver­öf­fent­licht wurde.


English Version

In Memory, In Resistance

Remembering the victims of the racist and sexist attack in the Atlanta area on March 16, 2021.

March 16 marks the one-year anni­versary of the racist and sexist attack on spa workers in the Atlanta area, Georgia/USA. We, as part of the Asian dia­spora in Germany, want to take the occasion to come tog­ether and hold a vigil in memory of the eight victims, six of whom were Asian women, and in resis­tance against the capi­talist, racist, and sexist patri­archal struc­tures in the USA, Germany, and globally.

In memory of Daoyou Feng, Hyun Jung Grant, Suncha Kim, Soon Chung Park, Xiaojie Tan, Yong Ae Yue, Delaina Ashley Yaun, Paul Andre Michels.

VIGIL

In soli­darity with the victims and their families, we will hold a vigil with speeches and per­formers (the speakers and per­formers will be announced soon).

DATE: Saturday, March 19, 2022 from 1:00 to 3:30 pm
WHERE: at the Statue of Peace / Friedensstatue in Berlin-Moabit (corner of Birkenstraße and Bremer Straße)

In addition, there will be a com­munity space after the speeches and per­for­mances. To this com­munity space we warmly invite all people who are nega­tively affected by racism against East Asian- and Southeast Asian-perceived people to meet, exchange and connect over tea, snacks, and music.

We are very much looking forward to seeing you all in large numbers at the vigil and also at the Community Space! Please spread the news and share the info about the vigil! 

This call text will also be trans­lated into other lan­guages. More infor­mation will follow.

SUPPORT NEEDED

Moreover, support is still urgently needed for the orga­nization of the vigil. Allies in par­ti­cular are addressed here to take on appro­priate tasks.In the pre­vious Instagram post (among others at @storiesbythuy and @korientation) there is a call with a task list and our awa­reness concept. 

If you are inte­rested and have capacity for support, as well as any ques­tions, feel free to contact us at:
in-memory-in-resistance@riseup.net

ORGANIZERS

This vigil is orga­nized by indi­vi­duals from the Asian dia­spora in Germany. „We are a small group of Asian-diasporic people from Berlin. We oppose the capi­talist, racist and sexist patri­archal struc­tures in the US, Germany and globally.“

(Note: This is not orga­nized by kori­en­tation. We support the vigil and the cause.)

We include a link to the Open Letter against anti-asian racism that was published one month after the attack on April 16, 2021.

KulturProjekt MEGAVeranstaltungenVerein

Community Event in Gedenken an das Attentat von Atlanta am 16. März 2021

Am 16. März jährte sich der Amoklauf im Großraum Atlanta, Georgia, bei dem ins­gesamt acht Menschen ums Leben kamen, dar­unter sechs ost- und süd­ost­asia­ti­schen Frauen*, die aus ras­sis­ti­schen und sexis­ti­schen Motiven ermordet wurden. Wir gedenken Daoyou Feng, Hyun Jung Grant, Suncha Kim, Soon Chung Park, Xiaojie Tan, Yong Ae Yue sowie Paul Andre Michels und Delaina Ashley Yaun Gonzalez. YEOJA Mag orga­ni­sierte gemeinsam mit MEGA in Kooperation mit dem Koreaverband und bi’bak eine Veranstaltung anlässlich des Jahrestages, um einen kri­ti­schen Blick auf anti-asiatischen Rassismus in seiner Verschränkung mit Klassismus und Sexismus zu werfen.

Die Veranstaltung zeigte die Arbeiten von fünf ost- und süd­ost­asia­ti­schen Künstler*innen aus ver­schie­denen Disziplinen, die sich in ihren Werken mit den weit­rei­chenden Auswirkungen von anti-asiatischem Rassismus vor und nach dem 16. März 2021 und seit der Covid-19-Pandemie auseinandersetzen. 

Im Anschluss an das Screening folgte eine Podiumsdiskussion mit den Künstler*innen, bei der wir unter anderem der Frage nach­gingen: Wie weit sind wir in einem Jahr gekommen und wie weit müssen wir noch gehen?

Artists

Das Projekt MEGA wurde von 2020 bis 2024 durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

Das Projekt MEGA wurde von 2020 bis 2024 durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und
durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales,
Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen
des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

VeranstaltungenVerein

Am 4. und 5. Februar 2022 wird das MEGA Team für kori­en­tation bei der Asian German Studies Tagung in Tübingen dabei sein, die von Prof. Dr. You Jae Lee und Dr. Kien Nghi Ha (Universität Tübingen) für die deutsche Forschungslandschaft orga­ni­siert wird. Weitere Infos zum Programm findet Ihr auf der Webseite!

AllgemeinBlog

von Kimiko Suda

Sich kol­lektiv und öffentlich an ein gesell­schaft­liches Ereignis wie einen ras­sis­ti­schen Angriff oder Anschlag zu erinnern, bedeutet immer, auch als eine soziale Gruppe poli­tisch Stellung zu beziehen und einen Platz in der Gesellschaft für die Repräsentation eigener Perspektiven auf die sozialen Verhältnisse der Gegenwart ein­zu­fordern. In den letzten Jahren for­miert sich in Deutschland ein zunehmend brei­terer öffentlich-medialer Diskurs über post­mi­gran­tische[1] Erinnerungskultur. Dieser Diskurs umfasst eine Aufarbeitung der deut­schen Kolonialpolitik und ihrer Nachwirkungen[2], der his­to­ri­schen und aktu­ellen Auswirkungen des Nazi-Regimes auf BPoC[3], der staat­lichen Anwerbe- und Migrationspolitik in Westdeutschland ab Ende der 1950er (Lee 2021; Kataoka et al 2012; Choi/Berner 2006; Goel 2013) und in Ostdeutschland ab den 1980ern (Dennis 2017), aber auch spe­zi­fisch der soge­nannten „Baseballschlägerjahre“[4] der Nachwendezeit (Weiss 2017). Die Aufarbeitung erfolgt dabei oftmals explizit aus einer rassismus- und macht­kri­ti­schen Perspektive, d.h. es wird struk­tu­reller Rassismus ana­ly­siert und kon­tex­tua­li­siert sowie bewusst die Handlungsmacht und Subjektivität der Betroffenen von ras­sis­ti­scher Gewalt berück­sichtigt. Am Vorantreiben dieses Diskurses sind Aktivist*innen aus (post)migrantischen, post­ko­lo­nialen, anti­ras­sis­ti­schen und anti­fa­schis­ti­schen Initiativen und Beratungsstellen, ein­zelne Mitarbeiter*innen und Projekte von Bildungsinstitutionen wie Stiftungen, Museen[5] und Universitäten[6], sowie weitere enga­gierte Einzelpersonen wie Rechtsanwält*innen und Künstler*innen[7] beteiligt.

Wichtiger Teil dieses Diskurses ist eine öffent­liche Auseinandersetzung mit der poli­ti­schen Verantwortung, weitere Gewalt gegen ras­si­fi­zierte und mar­gi­na­li­sierte soziale Gruppen in Deutschland zu ver­hindern – im deut­schen Kontext spe­zi­fisch auch vor dem his­to­ri­schen Hintergrund des Nazi-Regimes. Weiter geht es um die detail­lierte Aufarbeitung und Dokumentation der Ereignisse, sowie das Einfordern und Etablieren eines wür­de­vollen Gedenkens für die Ermordeten, um ein Vergessen dieser Menschen und ihrer Schicksale in Deutschland zu ver­hindern. Alle drei Aspekte wurden in vielen Fällen ras­sis­ti­scher Morde auf der insti­tu­tio­nellen Ebene grob ver­nach­lässigt oder voll­ständig negiert, daher ist die Arbeit dieser zivil­ge­sell­schaft­lichen Akteur*innen uner­setzlich. Sie ist uner­setzlich, um poli­ti­schen Druck zu erzeugen, den Ermordeten und ihren Hinterbliebenen zu sozialer Gerechtigkeit zu ver­helfen und eben um jene kol­lektive soziale Verantwortung zu gene­rieren, keine wei­teren ras­sis­ti­schen Taten geschehen zu lassen.

Noch bevor die rechte und ras­sis­tische Gewalt der „Baseballschlägerjahre“ auch in den öffentlich-rechtlichen Medien stärker und kri­ti­scher the­ma­ti­siert wurde, haben seit den 1990er Jahren unter­schied­liche Initiativen bei­spiels­weise in Mölln[8], Rostock-Lichtenhagen[9], Hoyerswerda[10] und Lübeck[11] jah­relang mühevoll für die öffent­liche Anerkennung ras­sis­ti­scher Morde, eine Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen und ein wür­de­volles Gedenken für die Ermordeten gekämpft. Neben den Aktionen weißer deut­scher Antifas, deren Arbeit als Teil sozialer Bewegungen in Deutschland relativ gut doku­men­tiert wurde (Jänicke/Paul-Siewert 2017; Langer 2016), bestand auch weit weniger doku­men­tierter prak­ti­scher (post)migrantischer Widerstand gegen rechte Gewalt. 1989 gründete sich bei­spiels­weise die mehr­heitlich Türkisch-Kurdisch Deutsche Antifa Gençlik in Berlin, um sich gegen Übergriffe von Neonazis im öffent­lichen Raum orga­ni­siert zu wehren. Sie ver­öf­fent­lichten eine Zeitschrift und Flugblätter, in denen sie Rassismuskritik auch mit Kapitalismuskritik ver­banden, und dabei auf die Teile-und-Herrsche-Strategie der deut­schen Regierung in Hinsicht auf „deutsche“ und „aus­län­dische“ Arbeitende ver­wiesen (ak wantok 2014). Sie sind Vorbild für die aktu­ellen Cross-Community-Migrantifa-Formationen in Deutschland.[12] Beeindruckend ist auch der Mut von Nguyen Dinh Khoi, einem ehe­ma­ligen Vertragsarbeiter, der sich gegen rechte Übergriffe gewehrt hat, wie er in „Die Wendegeneration und rechte Gewalt. Baseballschlägerjahre“ (RBB Dokureihe von 2020) erzählt.[13] Wichtige Zeitzeugnisse zur Wendezeit aus BPOC-Perspektive sind darüber hinaus die Filme„Durvalar – Mauern – Walls“[14] von Can Candan und „die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen“[15] von Diane Izabiliza.

Weitere Cross-Community-Initiativen zum Gedenken an ras­sis­tische Morde auch vor und nach der Wendezeit sind die Initiative DU 26. August 1984[16], die Gedenkinitiativen für Burak Bektaş [17] und Oury Jalloh[18], die Initiative 12. August[19] und die Initiative Halskestrasse[20]. Die Initiativen, die nach den Anschlägen jün­geren Datums, den NSU-Morden[21] an unter­schied­lichen Orten der Bundesrepublik, Halle[22] und Hanau[23], ihre Arbeit auf­nahmen, hatten demnach bereits „Vorbilder“ für ihre Arbeit im trau­rigen Sinne. Trotz der Arbeit, die bereits seit drei Jahrzehnten im Bereich der Aufarbeitung und wider­stän­digen Gedenkkultur gemacht wird[24], muss jeder Kampf und jede Auseinandersetzung lokal fast wieder von Neuem begonnen werden. Es fehlt die Bereitschaft in der Politik und all­gemein in der deut­schen Gesellschaft, Verantwortung für ver­gangene ras­sis­tische Gewalttaten, aber auch die Gegenwart zu über­nehmen. Die Gründe dafür liegen unter anderem an der Kontinuität von „Othering“, d.h. die Ermordeten werden wei­terhin als „die Anderen“ begriffen, als „Fremde“, als „Nicht-weiße“ und nicht zur gesell­schaft­lichen „Mitte“ zuge­hörig, und somit auch einer tie­fer­ge­henden Aufarbeitung und eines Gedenkens nicht wert. Ein ver­ant­wor­tungs­volles Gedenken umfasst auch die Frage nach dem „Wegschauen“ und der Mitschuldigkeit hin­sichtlich ras­sis­ti­scher Gewalt im öffent­lichen Raum, die extrem unbequem ist. Die Mitglieder der Gedenkinitiativen, die eine solche Auseinandersetzung ein­fordern, werden dann auch oftmals von ein­zelnen lokalen Politiker*innen und Anwohner*innen als „Nestbeschmutzer*innen“ und als „Unruhestifter*innen“ beschimpft, um sie mundtot zu machen und eine Mitschuld an den Geschehen der Vergangenheit und eine Verantwortung für die Gegenwart von sich zu weisen.

Das aktuelle Beispiel der Gedenkinitiative Phan Văn Toàn

Nach der Erschießung von acht Menschen, dar­unter sechs asia­ti­schen Frauen, im US-amerikanischen Atlanta durch einen weißen christ­lichen Fundamentalisten am 16. März 2021[25] demons­trierten circa 300 vor allem junge Asiatische Deutsche, Mitglieder von kori­en­tation, des Berlin Asian Film Network (BAFNET), von Deutsche Asiat*innen Make Noise (DAMN*) und soli­da­rische Einzelpersonen, im Zentrum Berlins[26]. Sie gedachten der Ermordeten und for­derten öffentlich, dass anti-asiatischer Rassismus geächtet werden müsse. Damit einher ging ein öffent­licher Brief gegen anti-asiatischen Rassismus, der im März und April 2021 von 1216 Personen und Organisationen unter­schrieben wurde.[27] Es wurde also eine relativ große Öffentlichkeit zu diesem Thema erzeugt. Vor dem Hintergrund der deut­lichen Zunahme an Übergriffen auf asiatisch-gelesene Personen in Deutschland im Jahr 2020 im Kontext der medialen Kulturalisierung und Rassifizierung des Corona-Virus[28] war diese Form der kol­lek­tiven Repräsentation ein wich­tiges Signal des Zusammenhalts nach innen in die Asiatisch-Deutschen Communities, aber auch nach außen hin­sichtlich einer kol­lek­tiven Mobilisierbarkeit von Asiatischen Deutschen für poli­ti­schen Protest im öffent­lichen Raum.

Gleichzeitig ist die Geschichte der Asiatisch-Deutschen Communities jedoch in staat­lichen Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten und Museen – von der Unsichtbarkeit ras­sis­ti­scher Morde abge­sehen – ins­gesamt ver­gleichs­weise wei­terhin unter­re­prä­sen­tiert, auch wenn Formierungsprozesse, wie zu Anfang dieses Textes beschrieben, fest­zu­stellen sind. Weiterhin ist von einer großen Dunkelziffer hin­sichtlich ras­sis­ti­scher Übergriffe, die in der Nachwendezeit außerhalb der urbanen Zentren verübt wurden und die nur durch zähe Recherchearbeit in Medien- und Gerichtsarchiven ans Tageslicht kommen werden, aus­zu­gehen. Im Januar 2020 orga­ni­sierten Engagierte aus der Strausberger Gruppe „Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt“(BorG)[29] und der VVN-BdA Märkisch-Oderland[30] zum ersten Mal eine Kundgebung zum Gedenken an den ehe­ma­ligen Vertragsarbeiter Phan Văn Toản, der im Januar 1997 in Fredersdorf bei einem ras­sis­ti­schen Übergriff zunächst schwer ver­letzt wurde und im April des­selben Jahres an seinen Verletzungen ver­starb. Noch am selben Tag wurde der an der S‑Bahn-Station pro­vi­so­risch errichtete Gedenkort ver­wüstet, Plakate wurden abge­rissen und der Blumenschmuck zer­stört. Aus dem Wunsch heraus, zu einem wür­digen Gedenken an Phan Văn Toản und zu einer poli­ti­schen Einordnung der Tat bei­zu­tragen, gründete sich die „Gedenkinitiative Phan Văn Toản“. Wäre die Initiative nicht aktiv an kori­en­tation e.V. her­an­ge­treten, hätten wir ver­mutlich niemals von Phan Văn Toảns Tod erfahren. Sein Fall wurde in einem Bericht des Politikwissenschaftlers und Historikers Christof Kopke (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) mit dem Titel „Überprüfung umstrit­tener Altfälle Todesopfer rechts­extremer und ras­sis­ti­scher Gewalt im Land Brandenburg seit 1990“[31] und von der Opferperspektive e.V. in Brandenburg auf­ge­griffen und auf deren Website in deren Gedenkkalender „Kein schöner Land. Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ mit­be­rück­sichtigt.[32] Bisher sind leider nur wenige bio­gra­fische Informationen über Phan Văn Toản bekannt. Er hatte eine Partnerin in Deutschland und ver­mutlich noch Familie in Vietnam. Der Mord an ihm muss in den Kontext des gesell­schaft­lichen und poli­ti­schen Klimas der soge­nannten „Baseballschlägerjahre“ ein­ge­ordnet werden. Eine größere Anzahl der ehe­ma­ligen viet­na­me­si­schen Vertragsarbeiter*innen, die sich ent­schieden hatte, nach der Wiedervereinigung in Deutschland zu bleiben, durch­lebte zwi­schen 1989 und 1997 eine Zeit der Prekarität und beruf­lichen Unsicherheit, da sie aus den Betrieben, für die sie staatlich ange­worben worden waren, ent­lassen wurden. Viele von ihnen erhielten erst 1997 mit der zweiten Bleiberechtsregelung im deut­schen Ausländergesetz eine recht­liche Grundlage für einen lang­fris­tigen Aufenthaltsstatus und somit eine Arbeitserlaubnis für den regu­lären Arbeitsmarkt. Diese Prekarität, die bei­spiels­weise auch Phan Văn Toản dazu zwang, seinen Lebensunterhalt mit infor­mellen Gelegenheitsjobs wie Zigarettenverkauf an S‑Bahnhöfen zu bestreiten, stellte damals unfrei­willig die Lebensrealität einer Vielzahl von Menschen dar. Die Markiertheit als „asia­tisch“ und BPoC ver­stärkte die Vulnerabilität dieser Menschen im öffent­lichen Raum. Der Zwang, sich täglich stun­denlang an öffent­lichen Orten auf­zu­halten, mit dem Gefühl, sich ange­sichts der großen Häufigkeit von Überfällen durch Neonazis seiner phy­si­schen und emo­tio­nalen Unversehrtheit nicht sicher sein zu können, muss eine große Belastung in der dama­ligen Zeit dar­ge­stellt haben. Zeitzeug*innen betonen jedoch, dass sie sich nicht aus­schließlich als Opfer der dama­ligen Verhältnisse sehen, sie hätten ihr Leben durch­ge­zogen und auch gefeiert, Freundschaften auf­gebaut und Familien gegründet. Die Angst, ins­be­sondere nach Anbruch der Dunkelheit ange­griffen zu werden, hätte sie jedoch jah­relang begleitet. Dieses Lebensgefühl wird bei­spiels­weise auch in Angelika Bach Ngoc Nguyens Film „Bruderland ist abge­brannt“ (1992)[33] beschrieben. Auch Mai Phuong Kollath, eine Aktivistin und Zeitzeugin des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen, berichtete Ähnliches auf der Diskussionsveranstaltung „Remember, Resist, Unite“[34].

Bemühungen der Gedenkinitiative Phan Văn Toản, Unterstützung von lokalen Politiker*innen für die Errichtung bei­spiels­weise einer Gedenktafel zu erhalten, sind bisher mehr­heitlich im Leeren ver­laufen. Auch Pfarrer*innen und andere gesell­schaftlich ein­fluss­reiche Personen sind einer Einladung zu einer Vernetzungsveranstaltung nicht gefolgt. Große und aus­dau­ernde Hilfsbereitschaft wurde nur von einer ein­zigen Politikerin gezeigt, die sich aus der Motivation, der lokalen AfD Stimmen abzu­ziehen, zur Wahl gestellt hat, und einem BPoC-Politiker aus einem kleinen Nachbarort. Ein Vertreter der Hamburger Initiative Halskestraße schätzte in einem digi­talen Vernetzungstreffen, dass es die Gedenkinitiative für Phan Văn Toản vor­aus­sichtlich min­destens sechs bis acht Jahre kosten wird, um eine Gedenktafel durch­setzen zu können. Der Prozess, sich Wissen über den Fall anzu­eignen, in den Austausch mit den Hinterbliebenen und der viet­na­me­si­schen Community zu treten, Unterstützung auf der lokalen poli­ti­schen Ebene zu finden und eine größere Öffentlichkeit zu dem Fall zu erzeugen, das alles brauche eben Zeit. Am 27. September 2021 orga­ni­sierte die Gedenkinitiative Phan Văn Toản eine öffent­liche Diskussionsveranstaltung in einer umge­bauten Scheune, nicht weit vom Tatort, an der rund 40 Personen teil­nahmen. Es dis­ku­tierten der ehe­malige Bürgermeister von Altlandsberg Ravindra Gujjula, die Geschäftsführerin der Opferperspektive e.V. Judith Porath, Christop Kopke von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, die Journalistin und Filmemacherin Angelika Bach Ngoc Nguyen und für die Gedenkinitiative Samuel Signer und Kimiko Suda. Unter den Teilnehmenden der Veranstaltung fielen vor allem eine ältere Frau auf, die gemeinsam etwas gegen die vor Ort aktiven Reichsbürger unter­nehmen wollte, und ein Fredersdorfer, der sagte, er sei dort zur Zeit des Mordes ein Teenager gewesen, er würde sich an den Fall erinnern und würde ein Denkmal unter­stützen. Ein ehe­ma­liger Gemeinderat betonte, dass er nichts gegen die Arbeit der Gedenkinitiative ein­zu­wenden hätte, er wolle sie aber auch nicht aktiv unter­stützen, er wolle lieber neutral bleiben.

Die Gedenkinitiative Phan Văn Toản als Cross-Community-Vorhaben ermög­licht einen Lernprozess zwi­schen unter­schied­lichen Menschen – die Mitglieder der VNN-BDA Märkisch-Oderland lernen etwas über Asiatisch-Deutsche Perspektiven auf die „Baseballschlägerjahre“, deren Berliner Mitglieder von kori­en­tation lernen etwas über die Alltagsrealität und poli­ti­schen Verhältnisse in Märkisch-Oderland. Ohne die Unterstützung anti­fa­schis­ti­scher Netzwerke könnte kori­en­tation bei­spiels­weise keine Gedenkkundgebung für Phan Văn Toản an der S‑Bahn Fredersdorf durch­führen. Der Risikofaktor, als weit sichtbare größere Gruppe von Asiatischen Deutschen und Asiat*innen ange­griffen zu werden, wäre aktuell immer noch zu groß, während das Vertrauen in die Polizei, die Sicherheit zu gewähr­leisten, zu gering ist. Und ohne die Vorarbeit von Christof Kopke und Judith Porath, beides Zeitzeug*innen der „Baseballschlägerjahre“ und anti­fa­schis­tisch poli­tisch aktiv in der Region seit den 1990er Jahren, wäre der Mord an Phan Văn Toản für nach­fol­gende Generationen unsichtbar geblieben.

Fazit und Ausblick

Es bedarf einer spe­zi­fi­schen Aufarbeitung Asiatisch-Deutscher indi­vi­du­eller Schicksale und kol­lek­tiver Geschichte(n) und eines Ausbaus der Asiatisch-Deutschen Erinnerungskultur aus den Communities heraus für die Communities und in die weißen Institutionen und die all­ge­meine Gesellschaft hinein. Daneben sind Cross-Community-Allianzen erfor­derlich, ins­be­sondere auch außerhalb der urbanen Zentren, um eine nach­haltige öffent­liche Gedenkpraxis durch­setzen zu können. Um in einem Ort wie Fredersdorf eine umstrittene Gedenktafel auf­stellen zu können, bedarf es zunächst erst einmal per­sön­licher lokaler Beziehungen, Vertrauen und Einflussnahme, die Außenstehende nicht so leicht in kurzer Zeit oder grund­sätzlich nicht auf­bauen können. Gleichzeitig brauchen die lokalen Aktivist*innen Verstärkung von außen, um spe­zi­fi­sches Wissen über die Asiatisch-Deutsche Geschichte und Perspektiven zu bekommen, und auch generell, um den Mut ange­sichts der man­gelnden Unterstützung vor Ort nicht zu ver­lieren. Auf der insti­tu­tio­nellen Ebene bedarf es der Entwicklung einer erwei­terten juris­ti­schen Definition davon, was ein ras­sis­tisch moti­vierter Mord ist, die eine gezielte staat­liche Verfolgung von „Hate Crimes“ ermög­licht. In den Fällen, in denen es gelungen ist, einen Gedenkort zu errichten, besteht oftmals das Problem der Zerstörung und Vandalisierung der Gedenkorte[35], d.h. mit der Errichtung ist der Prozess kei­neswegs abge­schlossen, sondern es muss darüber hinaus ver­stärkt Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden und Schutzvorkehrungen müssen erar­beitet werden. Der Prozess des Einschreibens einer historisch-informierten und ras­sis­mus­kri­ti­schen Perspektive auf Morde, Pogrome und Übergriffe im deut­schen Alltag in den öffentlichen-medialen Diskurs ist lange noch nicht voll­endet – bezie­hungs­weise der Prozess ist ohne Abschluss zu ver­stehen, solange wir nicht sicher sein können, dass im öffent­lichen Raum keine ras­sis­ti­schen Übergriffe mehr pas­sieren werden.

Wir hoffen, dass ihr bei der nächsten Gedenkkundgebung in Fredersdorf für Phan Văn Toản dabei sein werdet – 2022 jähren sich im Januar und im April der Übergriff und sein Todestag zum 25. Mal! Aktuelle Informationen zur Arbeit der Gedenkinitiative findet ihr auf der Website[36] der Initiative.

Referenzen

ak wantok (Hg.) (2014): Antifa Gençlik. Eine Dokumentation (1988–1994), Münster: Unrast Verlag.

Choi, Sun-ju / Berner, Heike (Hg.) (2006): Zuhause. Erzählungen von deut­schen Koreanerinnen, Assoziation A.

Dennis, Mike (2017): Vietnamesische Migration in den 1980er Jahren: Arbeiten in einem kom­mu­nis­ti­schen Paradies, in: Kocatürk-Schuster et al. (2017): unsichtbar. Vietnamesisch-Deutsche Wirklichkeiten, DoMiD, S. 78–97.

Foroutan, Naika (2019): Die post­mi­gran­tische Gesellschaft. Ein Versprechen der plu­ralen Demokratie, Bielefeld/Berlin: transcript.

Goel, Urmila (2013): „ ‚von unseren Familien finan­ziell unab­hängig und weit weg von der Heimat‘ Eine eth­no­gra­phische Annäherung an Migration, Geschlecht und Familie“ in: Thomas Geisen, Tobias Studer und Erol Yildiz (Hrsg.) (2013), Migration, Familie und soziale Lage – Beiträge zu Bildung, Gender und Care, Wiesbaden: Springer VS, 251–270.

Jänicke, Christin / Paul-Siewert Benjamin (Hg.)(2017): 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigen­ständige Bewegung, Verlag Westfälisches Dampfboot

Atsushi Kataoka / Regine Mathias / Meid u. a. (Hg.)(2012), „Glückauf“ auf Japanisch. Bergleute aus Japan im Ruhrgebiet. Essen, Klartext.

Langer, Bernd (2016): Antifaschistische Aktion: Geschichte einer links­ra­di­kalen Bewegung, Unrast Verlag.

Lee, You-Jae (Hg.)(2021): Glück Auf! Lebensgeschichten korea­ni­scher Bergarbeiter in Deutschland, iudicium.

Lierke, Lydia / Perinelli, Massimo (Hg.)(2020):Erinnern stören. Der Mauerfall aus migran­ti­scher und jüdi­scher Perspektive, Verbrecher Verlag.

Piesche, Peggy (Hg.)(2020): Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost, Verlag Yilmaz Günay.

Weiss, Karin (2017): Vietnamesische „Vertragsarbeiter*innen“ der DDR seit der deut­schen Wiedervereinigung, in: Kocatürk-Schuster et al. (2017): unsichtbar. Vietnamesisch-Deutsche Wirklichkeiten, DoMiD„ S. 111–125.


[1] Zum Begriff „post­mi­gran­tisch“ siehe Foroutan 2019.

[2] Siehe bei­spiels­weise die Auftaktveranstaltung der Dekoloniale: https://www.youtube.com/watch?v=s683I-d2s6w, abge­rufen am 20.11.2021.

[3] Siehe bei­spiels­weise Informationen über „Stolpersteine“ für Schwarze Deutsche https://taz.de/Stolpersteine-fuer-Schwarze-Deutsche/!5791607/, und Chines*innen in Hamburg https://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?&MAIN_ID=7&p=78&BIO_ID=3087

[4] Der Begriff „Baseballschlägerjahre“ wurde vom Autor und Journalisten Christian Bangel als Hashtag in den sozialen Medien eta­bliert und über den medialen Kontext hinaus auf­ge­griffen. Bangel wuchs in der Nachwendezeit als Jugendlicher in Frankfurt an der Oder auf, und wählte den Begriff, um auf die Alltäglichkeit der bru­talen Gewalt von Neonazis auf­merksam zu machen. Dieser Hashtag wird in den sozialen Medien über die mehr­teilige ARD-Reportage unter diesem Namen hinaus, von Leuten mit Erinnerungen an die 1990er Jahre verwendet.

[5] Beispielsweise das FHXB Museum, das MARKK, die Stiftung Berliner Mauer und der Fachbereich Kultur Steglitz-Zehlendorf (Schwartzsche Villa).

[6] Beispielsweise Dr. Manuela Bauche (FU Berlin) mit dem Projekt »Geschichte der Ihnestr. 22« und Prof. Dr. Iman Attia (ASH Berlin) mit dem Projekt „Verwobene Geschichten“ (https://www.verwobenegeschichten.de/ ).

[7] Beispielsweise die Künstlerin Lizza May David: http://www.lizzamaydavid.com/

[8] https://gedenkenmoelln1992.wordpress.com/2019/12/16/kein-schweigen-kein-vergessen/

[9] https://vimeo.com/ondemand/diewahrheitliegtrostock, https://lichtenhagen-1992.de/pogrom/

[10] https://www.hoyerswerda-1991.de/nach-1991/gedenkkultur.html

[11] https://hafenstrasse96.org/

[12] https://www.korientation.de/interviewreihe-migrantifa-hessen/

[13] Siehe die Dokumentation „Baseballschlägerjahre: Ich bleibe – Folge 6“ unter fol­gendem Link: https://www.youtube.com/watch?v=t5ixVow-SvY

[14] https://www.bpb.de/mediathek/305232/duvarlar-mauern-walls

[15] https://www.verwobenegeschichten.de/themen/film-die-mauer-ist-uns-auf-den-kopf-gefallen

[16] http://www.inidu84.de/

[17] http://burak.blogsport.de/

[18] https://initiativeouryjalloh.wordpress.com/

[19] https://initiative12august.de/

[20] https://inihalskestrasse.blackblogs.org/

[21] https://www.nsu-watch.info/

[22] https://dubisthalle.de/tag/terroranschlag

[23] https://www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de/

[24] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/213-todesopfer-seit-1990-ein-trauriger-rueckblick-auf-30-jahre-rechte-gewalt-64777/.

[25] https://www.nytimes.com/2021/03/19/us/atlanta-shooting-victims-spa.html

[26] https://www.korientation.de/demo-28–03-2021-berlin-atlanta-asian-diaspora-germany/

[27] https://www.korientation.de/atlanta-offener-brief/

[28] https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Factsheet_Anti_Asiatischer_Rassismus_Final.pdf

[29] https://horte-srb.de/borg/

[30] https://mol.vvn-bda.de/

[31] Es gibt eine präzise Beschreibung des Tatvorgangs hier. Diese hat jedoch der Autorin dieses Beitrags die Tränen in die Augen getrieben, daher hier eine Triggerwarnung (ab S.100): https://www.mmz-potsdam.de/files/MMZPotsdam/Bilder_Meldungen/2015/Forschungsbericht%2006_2015_Botsch.pdf

[32] https://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-van-toau-phan.php

[33] Siehe den Film unter: https://www.youtube.com/watch?v=2B3WDt6MkZk

[34] Mehr Informationen über die Veranstaltung unter: https://www.korientation.de/remember-resist-unite-diskussion-23092021/

[35] Siehe bei­spiels­weise diese Fälle der Zerstörung von Gedenkorten für Opfer ras­sis­ti­scher Gewalt: https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/mit-hakenkreuz-und-afd-schriftzug-gedenkstaette-fuer-burak-bektas-in-berlin-neukoelln-erneut-beschaedigt/27375692.html, https://www.belltower.news/anti-asiatischer-rassismus-gedenktafel-fuer-chinesische-ns-opfer-in-hamburg-angegriffen-und-beschmutzt-98467/, https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/gedenkort-fuer-opfer-von-hanau-in-koeln-zerstoert_aid-56387783, https://www.welt.de/politik/deutschland/article201795384/NSU-Die-meisten-Mahnmale-fuer-Opfer-werden-geschaendet.html, abge­rufen am 23.11.2021.

[36] Siehe Website der Initiative (noch im Aufbau): https://phanvantoan.de/,

VeranstaltungenVerein

Link: https://youtu.be/Ml-LTDoULAI

Zwei Jahre Pandemie heißt für „asia­tisch“ gelesene Menschen in Deutschland und weltweit: Zwei Jahre, in denen ras­sis­tisch moti­vierte Attacken in öffent­lichen Räumen – verbal und kör­perlich – massiv zuge­nommen haben. Begleitende Stichwortgeber sind deutsche Mainstream-Medien, die mit der Kulturalisierung der Viruskrankheit anti-asiatische ras­sis­tische Vorurteile (re-)aktivieren. Ihre Berichterstattung wurde und wird von Stimmen aus den betrof­fenen Communities kri­ti­siert, dar­unter auch die Vereine kori­en­tation und die Neuen deut­schen Medienmacher*innen.

In zwei Jahren Pandemie hat sich gleich­zeitig viel Widerstand orga­ni­siert: Dazu gehören Hashtags wie #sto­pan­ti­a­si­an­racism, Netzwerke wie „ichbinkeinvirus.org“, Mobilisierungen für Demonstrationen, offene Briefe, Impulse für kri­tische wis­sen­schaft­liche Forschung, Cross-Community-Support und Vernetzung von soli­da­ri­schen Peer-Groups. Zusammengefasst: Asiatisch-Deutsche haben sich selbst-bewusst positioniert.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen ziehen die Panelteilnehmer*innen Bilanz und dis­ku­tieren Potenziale sowie Visionen: Welche Diskurse und Dynamiken sind Ursachen für den Anstieg des anti-asiatischen Rassismus in der Pandemie? Wie haben „asia­tisch“ bzw. ost-/südostasiatisch gelesene Menschen diese Entwicklungen wahr­ge­nommen? Welche Formen von selbst­or­ga­ni­siertem Widerstand, Solidarität und Empowerment sind in und um Asiatisch-Deutsche und asiatisch-diasporische Communities ent­standen? What‘s next?

Es werden Asiatisch-Deutsche bzw. asiatisch-diasporische Panelist*innen sprechen: Sie arbeiten akti­vis­tisch, medi­en­kri­tisch und wis­sen­schaftlich an der Schnittstelle von Community Organizing und der Herstellung von kri­ti­scher Öffentlichkeit für anti­ras­sis­tische Themen. 

Datum: Do, 25.11.2021, 19.00 – 21.00 Uhr (Livestream)
Die Videodokumentation des Gesprächs findet Ihr hier:
Youtube-Link: https://youtu.be/Ml-LTDoULAI

Moderation: Quang Nguyễn-Xuân (Neue Deutsche Medienmacher*innen, No Hate Speech Movement)

Panelist*innen:

  • Cuso Ehrich (keine Pronomen) ist in sozialen Bewegungen aktiv und aktuell Bildungsreferent:in für Rassismus- und Machtkritik bei IDA-NRW. Seit 2018 gestaltet Cuso mit Xinan die Plattform und den Podcast DIASPOR.ASIA, in der sie an den Intersektionen von geschlecht­licher Identität, Klassenzugehörigkeit und Rassifizierung aus Asiatischen Perspektiven in Deutschland arbeiten.
  • Thủy-Tiên Nguyễn (keine Pronomen) ist eine queere Viet-Deutsche Person und arbeitet u.a. als politische*r Bildner*in und Tanztheaterpädagog*in. Arbeitsschwerpunkte sind haupt­sächlich anti-asiatischer Rassismus, Empowerment, Queerness, Queerfeindlichkeit und Gender. Für kori­en­tation e.V. unter­sucht Thủy-Tiên Rassismus in der COVID-19-Berichterstattung und co-hostet den Podcast „The Asian Diasporic Talk“.

Das Panel wird ver­an­staltet durch No Hate Speech Movement, ein Projekt der Neuen deut­schen Medienmacher*innen in Kooperation mit kori­en­tation e.V.

Credits:

Foto Thủy-Tiên: Thiên Ditze (@thien_ditze_photography)
Foto Cuso: Fadi Elias
Foto Kimiko: privat/Kimiko Suda

FilmKulturProjekt MEGAVeranstaltungen

Im Rahmen des Kurzfilm-Workshops „Minor Feelings (siehe das gleich­namige Buch von Cathy Park Hong) haben zehn Teilnehmende aus der Asiatisch-Deutschen Community vier Kurzfilme erstellt. Der Workshop wurde geleitet von Monica Tedja (Soy Division Berlin) und Dieu Hao Do (BAFNET).

Als eine fil­mische Übung zur Wahrnehmung und Repräsentation der eigenen Subjektivität konnten die Teilnehmenden in der Workshopwoche ihre Identitäten erfor­schen, um ihre Geschichten mit ein­fachen fil­mi­schen Mitteln sichtbar zu machen.

Der Workshop hatte das Ziel, sowohl tech­ni­sches als auch metho­di­sches Wissen zur Erstellung eines Kurzfilms zu ver­mitteln und gleich­zeitig die prak­tische Umsetzung einer eigenen Kurzfilmidee zu ermög­lichen. Dabei waren der Austausch und die Vernetzung der Teilnehmenden mit der Workshop-Leitung sowie unter­ein­ander ein wesent­licher Bestandteil des Programms.

Die Ergebnisse des Workshops wurden am 24.11.24 im Community-Screening „Major Feelings“ mit anschlie­ßender Q & A in Anwesenheit der Filmteams sowie der Workshopleitung zum ersten Mal vorgestellt.

Ihr könnt nun alle 4 Filme in unserer Youtube-Playlist ansehen!

Zu den Filmen

KEBEBASAN

TEAM: Edrina Budiharsono, Yuanrong Deng, Sophia Oanh Le, Dieu Linh Truong

Cast & Crew:

  • Edrina Budiharsono (Regie, Kamera, Montage, Schauspiel, Voice Over)
  • Yuanrong Deng (Schauspiel, Drehbuch, Voice Over, Runner)
  • Sophia Oanh Le (Co-Regie)
  • Dieu Linh Truong (Schauspiel, Kamera, Runner, Location, Voice Over)

Der expe­ri­men­telle Kurzfilm Kebebasan (indo­ne­sisch: Freiheit) setzt sich mit den Identitäten als Asiatisch gele­sener Personen aus­ein­ander. Die vier Filmschaffenden Edrina, Yuanrong, Linh und Sophia stellen ihre per­sön­lichen Dimensionen zum Thema Freiheit und Familie gegenüber. Mithilfe von Nähe und Distanz, sowohl emo­tio­naler als auch räum­licher Natur, soll Kebebasan Einblicke in deren per­sön­liche Erfahrungs- und sozio­kul­tu­relle Lebenswelt ver­mitteln. Die Zusammensetzung diverser Sequenzen bildet eine audio­vi­suelle Komposition, die durch ihre ver­schie­denen Möglichkeiten der Deutung und Wahrnehmung unter­schied­liche Bezüge zu dem the­ma­ti­schen Inhalt erlaubt. Vieles bleibt jedoch ange­deutet und Zusammenhänge werden nicht explizit erklärt. 

THE WOUND

TEAM: Hyung-Guhn „Hugo“ Yi, Kim Ly Lam, Don Hoang, Edrina Budiharsono

Cast & Crew:

  • Hyung-Guhn „Hugo“ Yi (Drehbuch, Regie, Kamera, Montage)
  • Tae-Eun Hyun (Schauspiel)
  • Kim Ly Lam (Schauspiel, VFX Make-Up)
  • Lukas Materzok (Voice-Over)
  • Don Hoang (VFX Make-Up)
  • Edrina Budiharsono (Body-Double)

Du bist ver­letzt. Du brauchst dringend Hilfe. Doch was pas­siert, wenn der Täter dir ein­redet, dass deine Verletzung gar nicht exis­tiert? „The Wound“ nimmt dich mit in diese sehr schmerz­hafte, unan­ge­nehme, aber sehr reale Erfahrungswelt. (TW: Blut, Gaslighting)

GIFTMAKING

TEAM: Kim Ly Lam, Don Hoang, Hyung-Guhn „Hugo“ Yi, Linh Truong, Sophie Oanh Le

Cast & Crew:

  • Kim Ly Lam (Drehbuch, Regie, Schauspiel, Montage, Ton)
  • Don Hoang (Drehbuch, Regie, Kamera, Schauspiel, Montage)
  • Hyung-Guhn „Hugo“ Yi (Kamera)
  • Jana Zhang (Schauspiel)
  • Ngoc Anh Nguyen (Schauspiel)
  • Linh Truong (Runner)
  • Sophie Oanh Le (Runner)

Das kul­tu­relle Erbe wurde Mai in die Wiege gelegt. Trotzdem bleibt es zunächst unbe­merkt. Erst als sie wie­der­ge­boren wird, lernt sie, die Gaben anzu­nehmen – und zu tragen.

Der Experimentalfilm „gift­making“ ver­körpert ein Gefühl, das vielen aus der asiatisch-diasporischen Community bekannt ist: eine schmerz­liche Auseinandersetzung mit den Päckchen, die wir tragen und später als Geschenke erkennen.

REMEMBER THE SMOKE

TEAM: Tara Tenzin Herberer, akiko soyja, Anisa Milena Ingratubun, Edrina Budiharsono, Linh Truong

Cast & Crew:

  • Tara Tenzin Herberer (Drehbuch, Regie, Montage, Schauspiel)
  • akiko soyja (Regie, Kamera, Montage, Ton)
  • Anisa Milena Ingratubun (Regie, Tanz, Schauspiel)
  • Edrina Budiharsono (Schauspiel)
  • Linh Truong (Schauspiel)

Zwei Schwestern teilen eine Erinnerung, jedoch auf nicht gewohnte Weise. Während Edrina ihre Geschichte erzählt, wird Anisa durch einen rät­sel­haften Rauch in einen geteilten Erinnerungsraum ver­setzt. Sie beginnt phy­sisch zu erfahren, was Edrina Ihr erzählt. 

Wandelnd zwi­schen Traum und Realität greift „Remember the Smoke“ auf spie­le­rische Weise das Thema Intergenerationales Trauma auf. Der Kurzfilm möchte die lie­be­volle Nähe zwi­schen den beiden Schwestern erzählen und die Individualität von Erinnerungen dekonstruieren.

Anisa durchlebt, fühlt und per­formt Edrinas Erzählungen und wird dadurch hand­lungs­fähig. Sie inter­na­li­siert so einen Teil von Edrinas erlebten Erfahrungen und nimmt diese in ihr eigenes Bewusstsein auf.

Zu bi’bak / SİNEMA TRANSTOPIA

Wie lässt sich ein neues Kino in der trans­na­tio­nalen Gesellschaft gemeinsam gestalten? SİNEMA TRANSTOPIA unter­sucht Kino als sozialen Diskursraum, als Ort des Austauschs und der Solidarität. Die kura­tierten Filmreihen bringen diverse soziale Communities zusammen, ver­knüpfen geo­gra­phisch ent­fernte und nahe Orte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dezen­trieren einen euro­zen­tris­ti­schen Blick durch trans­na­tionale, (post-)migrantische und post­ko­lo­niale Perspektiven. SİNEMA TRANSTOPIA steht für ein anderes Kino, das sich zugleich einer lokalen und einer inter­na­tio­nalen Community ver­pflichtet sieht, das Kino als wich­tigen Ort gesell­schaft­licher Öffentlichkeit ver­steht, das film­his­to­rische als erin­ne­rungs­kul­tu­relle Arbeit betrachtet und sich für die Vielfalt der Filmkultur und Filmkunst ein­setzt. Im Rahmen der Pioniernutzung der stadt­po­li­ti­schen Initiative Haus der Statistik schlägt das Kino-Experiment eine Brücke zwi­schen urbaner Praxis und Film und kreiert ein Ort, der Zugänge öffnet, Diskussionen anregt, wei­ter­bildet, bewegt, pro­vo­ziert und ermutigt.

https://bi-bak.de/bi-bakino

Das Projekt MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

Eine Veranstaltung von kori­en­tation e.V. im Rahmen des Projektes MEGA – Media Empowerment for German Asians. MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales von Berlin im Rahmen des Partizipations- und Integrations gefördert.

FilmProjekt MEGAVeranstaltungenVerein

Der Dokumentarfilm „Mein Vietnam“ der Filmemacher*innen Thi Hien Mai und Tim Ellrich por­trai­tiert Hiens Eltern Bay und Tam, die vor 30 Jahren als Boat People aus Vietnam nach Deutschland geflüchtet sind.

Zwischen Wohnzimmer und Arbeitsplatz, Sehnsucht nach Vietnam und (Enkel)Kindern in Deutschland, Pflanzen und Computerbildschirmen und zwi­schen Deutschkurs und Karaōke erzählt der Film „über die Schwierigkeit, an zwei Orten gleich­zeitig zu leben, und die Frage, welche Auswirkungen diese Dualität auf eine Ehe, Familie und das Gefühl von Zugehörigkeit hat.“

Wir haben uns gefreut, in Kooperation mit dem Berlin Asian Filmnet Network die Regisseurin Thi Hien Mai nach Berlin ein­zu­laden, „Mein Vietnam“ mit der Community zusammen anzu­sehen und im Anschluss gemeinsam in einem Q&A über den Film zu sprechen. Das Gespräch wurde mode­riert von Trang Vo.

Das Screening war ein Community-Event für Personen, die sich selbst als BPoC bzw. Personen mit Rassismus-/Antisemitismuserfahrung und deren Freund*innen identifizieren.


Mehr Infos zum Film

Titel: Mein Vietnam (Doku)
VÖ: Deutschland 2020
Sprache: Vietnamesisch, Untertitel Deutsch, Englisch
Länge: 70 min
Regie: Thi Hien Mai, Tim Ellrich
Produktion: Coronado Film, Filmakademie BW Ludwigsburg
https://coronado-film.com/mein-vietnam.html

Preisträger First Steps Award für Bester Dokumentarfilm




Das Projekt MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

InterviewsLesungProjekt MEGAVeranstaltungen

Youtube Live-Stream am 22.10.2021

Wir haben uns gefreut anlässlich des Erscheinens der Publikation „Glück Auf – Lebensgeschichten korea­ni­scher Bergarbeiter in Deutschland“ gemeinsam mit dem Center for Korean Studies der Universität Tübingen sowie dem Korea-Verband den Booklaunch zu feiern. Der Herausgeber des Buches You Jae Lee ist nicht nur Gründungsmitglied von kori­en­tation, sondern selbst Sohn eines ehe­ma­ligen Bergarbeiters und forscht als Lehrstuhlinhaber der Koreanistik Tübingen zu den Migrationsbewegungen zwi­schen der korea­ni­schen Halbinsel und Deutschland. Es war toll, dass wir mit diesem Interviewband die Gelegenheit haben und hatten, die Geschichten unserer Väter einer brei­teren Öffentlichkeit zugänglich machen zu können, die bislang in der deut­schen Gesellschaft kaum Beachtung finden.

Dabei beschäf­tigten uns unter anderem die fol­genden Fragen: Welche Erinnerungen an die Arbeit im Bergwerk sind noch am stärksten? Welche Ereignisse trugen dazu bei, sich lang­fristig für ein Leben in Deutschland zu ent­scheiden? Welche Strategien ent­wi­ckelten sie, um mit den Herausforderungen im Alltag umzu­gehen, den Ausschlüssen, Barrieren und Diskriminierungserfahrungen in der deut­schen Gesellschaft? Wie prägen die Erfahrungen und Erzählungen der ersten Generation auch die Lebensentwürfe der zweiten Generation? Was pas­siert, wenn erste und zweite Generation bewusst gemeinsam auf persönliche/kollektive Migrationsgeschichten (zurück)schauen?

Der Booklaunch fand in Form einer Lesung und einem Gespräch mit zwei Protagonisten aus dem Band statt. Die Lebensgeschichten der Bergarbeiter werden inhaltlich durch einen ein­füh­renden Vortrag des Herausgebers You Jae Lee in den his­to­ri­schen und poli­ti­schen Kontext ein­ge­bettet. Zudem gab es im Anschluss die Möglichkeit, im Rahmen eines Publikumsgespräches Fragen an die ehe­ma­ligen Bergarbeiter und den Herausgeber zu stellen.

Ausführlichere Informationen zum Buch siehe unten unter HINTERGRUND.

Slide Graphik: Dong-Ha Choe; Foto: Bergbau-Archiv 1965

Programm

Lesung und Gespräch am 22.10.2021 um 18:30 – 20:30 h

  • Begrüßung durch kori­en­tation und Korea-Verband
  • Einführender Vortrag „Der Eigensinn der korea­ni­schen Bergarbeiter“, Prof. You Jae Lee (Center for Korean Studies Tübingen)
  • Lesung aus dem Interviewband mit Portraitfotos von Dong-Ha Choe
  • Gesprächsrunde mit Dong-Chul Lee (Berlin) und Jai-Seung Kim (Eschborn)
    mode­riert von Jee-Un Kim (kori­en­tation), über­setzt von Nataly Han (Korea Verband)
  • Publikumsgespräch mit Dong-Chul Lee, Jai-Seung Kim und You Jae Lee

📹 Die Veranstaltung wurde über Youtube live gestreamed: https://youtu.be/NFK-6seBI1M

Hintergrund

Die Geschichte der ca. 8.000 korea­ni­schen Bergmänner ist ebenso wie die der ca. 11.000 korea­ni­schen Krankenschwestern in Deutschland ein wich­tiger Teil der deut­schen und korea­ni­schen Migrationsgeschichte sowie Teil der kol­lek­tiven Geschichte der korea­ni­schen Diaspora und Asiatisch-Deutschen Communities. Sie ist unmit­telbar mit der Entstehungsgeschichte von kori­en­tation e.V. ver­bunden, da der Verein 2008 mehr­heitlich von Töchtern und Söhnen dieser Bergarbeiter und Krankenschwestern gegründet und weiterentwickelt/weitergeführt wurde.

Der von You Jae Lee her­aus­ge­gebene Band „Glück auf! Lebensgeschichten korea­ni­scher Bergarbeiter in Deutschland“ enthält zehn foto­gra­phische Portraits und lebens­ge­schicht­liche Interviews dieser spe­zi­fi­schen Migrantengeneration. Die Interviews ermög­lichen Einblicke, die in dieser Form und Tiefe bisher noch nicht exis­tieren. Persönliche rück­bli­ckende Reflektionen über Geld, Glauben, Arbeitsalltag und Arbeitsorganisation, soziale Mobilität, gesell­schaft­liche Marginalisierung, Selbstorganisierung, Familien- und Geschlechterverhältnisse sowie sozialen Status, lesen sich sowohl als indi­vi­duelle Erfahrungen als auch eine kol­lektive Erzählung einer bestimmten Generation von korea­ni­schen Männern einer bestimmten Berufsgruppe. Es werden auch intimere Aspekte preis­ge­geben, emo­tional schmerz­hafte Auseinandersetzungen mit Familienmitgliedern in Korea, kör­per­liche Grenzen und Resilienz hin­sichtlich der harten phy­si­schen Arbeit unter Tage, Prekarität und damit ver­bundene Sorgen in Hinsicht auf Aufenthaltsstatus und Bestreitung der Lebenshaltungskosten in beruf­lichen Übergangssituationen, Hoffnungen und Projektionen hin­sichtlich der Kinder und zweiten Generation, Erfahrungen diverser Art mit der deut­schen Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterschiedlichkeit der zehn in dem Band reprä­sen­tierten Lebenswege und Erzählungen ver­weist auf die indi­vi­du­ellen Handlungsräume während des Bergarbeiterseins und darüber hinaus. Der Band ist ein wich­tiger Baustein für ein wis­sen­schaft­liches Archiv korea­ni­scher Migrationsgeschichte und zur Repräsentation Asiatisch-Deutscher Communities.

Kooperation

Das Center for Korean Studies wurde 2018 gegründet, um neben der Abteilung für Koreanistik die Koreaforschung an der Universität Tübingen zu stärken. Forschungsschwerpunkte sind Kolonialismus, Kalter Krieg und Asian German Studies. Seit August 2021 hat ein 10-jähriges Projekt begonnen, das mit Alltags- und glo­bal­ge­schicht­lichen Ansätzen die deutsch-koreanische und europäisch-koreanische Beziehungsgeschichte his­to­risch erforscht. Das von Korean Studies Promotion Service geför­derte Projekt umfasst auch die Forschung der korea­ni­schen Diaspora in Europa.

www.korea.uni-tuebingen.de

Der Korea Verband ist ein gemein­nüt­ziger Verein, der 1990 aus der Demokratie- und Solidaritätsbewegung für Korea her­vorging. Der Verein setzt sich mit viel­fäl­tigen Aktionsformen für Menschen- und Bürger*innenrechte ein, sowohl im geteilten Korea, in Europa, als auch auf lokaler Ebene im Kiez und hin­ter­fragt Machtstrukturen aus einer post­ko­lo­nialen, femi­nis­ti­schen und inter­sek­tio­nalen Perspektive.

www.koreaverband.de

Das Projekt MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

BlogInterviewsKultur

Bildausschnitt: Hansol Seung in Musikvideo zu neuer Single KONICHIWA (SHORELINE)

Am 27.August 2021 ist die neue Single KONICHIWA der Emo/Punkband SHORELINE bei END HITS RECORDS raus­ge­kommen. Die Band wurde Ende 2015 gegründet und hatte ihren Durchbruch in der euro­päi­schen Musikszene mit ihrer Debut-LP “Eat My Soul” (Uncle M Music, 2019), es folgte eine Konzerttour mit 200 Gigs in Deutschland und Großbritannien.

Die Single KONICHIWA the­ma­ti­siert die Erfahrungen von Hansol, einem Koreanischen Deutschen, seine Auseinandersetzungen mit Mikroagressionen, Yellow Fever und anderen Formen von anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. SHORELINE hat für diese Single eng mit KOJI, Asian-American Singer-Songwriter, kol­la­bo­riert. Hansol und Koji haben sich 2019 bei einer Konzert-Tour ken­nen­ge­lernt und sich seitdem intensiv über ihre Erfahrungen als Mitglieder der asia­ti­schen Diaspora ausgetauscht. 

Wir freuen uns, euch hier das Musikvideo zu KONICHIWA und ein Kurzinterview mit Hansol Seung von SHORELINE prä­sen­tieren zu können:

Könntest du dich kurz selbst vor­stellen? Wer bist du und was machst du?

Hallo, mein Name ist Hansol Seung, ich bin 25 Jahre alt und komme aus Münster. Ich singe und spiele in der Emo/Punkband Shoreline, uns gibt es seit Ende 2015 und seitdem ver­öf­fent­lichen wir regel­mäßig neue Musik und sind (eigentlich) viel auf Tour. Ich bin in Südbayern am Bodensee auf­ge­wachsen, meine Eltern kommen beide aus Korea und meine Schwester und ich sind aber kom­plett in Deutschland aufgewachsen.

Wie hast du über kori­en­tation erfahren?

Ich hatte vor ein paar Monaten den akuten Wunsch, dass mein Social Media feed nicht nur weiße Personen abbildet und habe ganz aktiv ange­fangen zu recher­chieren, was es für Seiten für Asian/BIPOC Empowerment gibt. Da ist kori­en­tation relativ schnell auf­ge­poppt, zumal einige Freund*innen von mir euch folgen.

Wie würdest du für dich Widerstand gegen gesell­schaft­liche Ungerechtigkeit definieren?

Oh, das ist eine große Frage. Ich denke es hat sehr viele unter­schied­liche Aspekte, die total abhängig von der Ausgangssituation sind. Vieles davon hängt untrennbar damit zusammen, dass man sich fort­laufend mit ver­läss­lichen Quellen infor­miert, sich neues Wissen aneignet und sich stetig bewusst ist, dass die Lebensrealität von anderen Menschen ganz anders aus­sieht, als die eigene. Wenn das auf Empathie trifft, resul­tieren daraus zwangs­läufig immer wieder Situationen, bei denen man auf gesell­schaft­liche Ungerechtigkeit stößt. Widerstand ist für mich meistens eng gekoppelt an Solidarität mit den Betroffenen, die sich auf ganz ver­schiedene Arten aus­drücken kann. Entweder man wird laut und hilft sichtbar zu machen, oder man macht Platz und ver­sucht Raum zu schaffen.

Woraus beziehst du deine Kraft/Inspiration dich gegen Rassismus zu wehren?

Ich emp­finde es als sehr bestärkend, wenn ich Menschen treffe die das gleiche erleben/erlebt haben. Ich hörte vor kurzem den Podcast Halbe Katoffl und einfach zu hören, dass dort Gäste sind, die Situationen beschreiben, von denen ich immer ausging, dass sie nur mir pas­sieren, war eine Offenbarung für mich. Etwas pathe­ti­scher aus­ge­drückt: Zu wissen, dass man nicht alleine ist, hilft sehr.

Was ist dein Traum/deine Vision für dich und für unsere Gesellschaft?

Ganz akut: Dass wir es schaffen kon­se­quente, radikale Entscheidungen treffen, die der Klimakatastrophe und ihrer Dringlichkeit ent­sprechen. Damit ange­fangen, dass Wissenschaft und deren Erkenntnisse Basis des poli­ti­schen Handelns wird, ich denke der aktuelle Kontext um die Flutkatastrophe in Westdeutschland und die Position von Armin Laschet zur Klimakatastrophe sind ein rie­siges Negativ-Exempel.

Ich über­legte nun schon locker seit 20 Minuten, wie ich diese Frage noch passend beant­worten kann, aber es scheint mir schwierig alles zu kon­den­sieren. Insgesamt klingt es dann sehr platt aber: die Überwindung des Systems, das Profitmaximierung vor die Mehrheit der Menschen und ihre Grundbedürfnisse stellt.

Kurzbiografie:

Hansol Seung ist 25 Jahre alt und lebt aktuell in Münster. Da seine Eltern Anfang der 80er aus Korea nach Deutschland ein­wan­derten, wurde er in Deutschland geboren und wuchs einen Großteil seiner Kindheit und Jugend bis zum Schulabschluss im Allgäu auf und zog anschließend für das Medizinstudium nach Münster. Seit Ende 2015 spielt er in der Emopunkband SHORELINE, die nach über 200 Konzerten in ganz Europa/UK, einer EP und einem Album am 27.08.2021 ihre neue Single „KONICHIWA“ ver­öf­fent­licht haben. Seit kurzem arbeitet Hansol als Arzt am Uniklinikum in Münster und nutzt die Zeit während keine/nur sehr ein­ge­schränkt Konzerte pas­sieren können, um sich beruflich weiterzubilden.

BAND HOMEPAGE: https://shorelineband.com

Projekt MEGAVeranstaltungenWorkshop

Postmigrantische Perspektiven werden in der deut­schen Erinnerungskultur zunehmend sicht­barer. Dennoch müssen Communities of Color ihre Inklusion in weiße Institutionen wie Universitäten, Museen und Gedenkstätten sowie im öffent­lichen Raum wei­terhin erkämpfen. In welcher Form kann aus selbst initi­ierten Erinnerungspraktiken Widerstand gegen Unsichtbarmachung, Misrepräsentationen und ras­sis­tische Narrative erwachsen? Welche Themen, Ereignisse und Orte sind dabei wichtig für das kol­lektive Gedächtnis der Asiatisch-Deutschen Communities? Welche trans­na­tio­nalen poli­ti­schen Verflechtungen und Diskurse können in unserem Erinnern zu unter­schied­lichen Wahrnehmungen von Ereignissen führen? Welche Rolle spielt kol­lek­tives Erinnern für aktuelle gesell­schaft­liche Machtverhältnisse, sozialen Wandel und Empowerment von mar­gi­na­li­sierten Communities?

Wir haben drei Expert*innen ein­ge­laden, die diese Fragen aus unter­schied­lichen Perspektiven mit uns dis­ku­tiert haben. Die Künstlerin Lizza May David gab einen Input zum Thema „Bahala Ka – Annäherungen an eine phil­ip­pi­nische Erinnerungskultur aus der künst­le­ri­schen Praxis“, die Historikerin Iris Rajanayagam sprach zu „Verwobene[n] Geschichte*n: Erinnerungen und kol­lek­tives Gedächtnis aus trans­na­tio­naler und glo­bal­his­to­ri­scher Perspektive“ und der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha ging mit „Zwischen ras­sis­ti­schen Pogromen und Kampf um das Bleiberecht – wie aus DDR-Vertragsarbeiter*innen Vietdeutsche wurden“ auf Asiatisch-Deutsche Perspektiven (fast) 30 Jahre nach den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen ein.
Im Anschluss an die Inputs gab es jeweils Zeit für Fragen und gemeinsame Diskussionen und einen freien Abschlussblock, in dem weitere Beispiele für Erinnerungskultur bzw. der Mangel an Erinnerung gemeinsam besprochen werden konnte.

Das Seminar richtete sich vor­nehmlich an Asiatische Deutsche zwi­schen 18 – 30 Jahren und hatte das Ziel, die Teilnehmenden mit aktu­ellen ras­sis­mus­kri­ti­schen Ansätzen in der historisch-politischen Bildung ver­traut zu machen, Wissen zum kol­lek­tiven Gedächtnis der Asiatisch Deutschen Communities zu ver­mitteln bzw. auf Leerstellen in der Repräsentation Asiatisch-Deutscher Geschichte(n) in Deutschland auf­merksam zu machen.

Referent*innen

Lizza May David – Künstlerin (Berlin/Manila) mit den Schwerpunkten Malerei/visuelle Medien. Sie arbeitet zu Themen im Kontext der phil­ip­pi­ni­schen Diaspora. In ihren Werken bezieht sie sich auf persönliche/kollektive Archive und Politiken der Bild- und Wissensproduktion. Ihre Arbeiten wurden in den letzten Jahren u.a. in Berlin, London, Seoul, Nanjing, New York und Manila gezeigt und umfassen Ausstellungen, Installationen, Screenings und Performances. Seit 2021 ist sie Vorstandsmitglied bei kori­en­tation e.V. und Mitglied der Philippine Studies Series Berlin.

www.lizzamaydavid.com

Kien Nghi Ha, pro­mo­vierter Kultur- und Politikwissenschaftler, forscht zu Asian German Studies an der Universität Tübingen. Als Publizist und Kurator arbeitet er auch zu post­ko­lo­nialer Kritik, Rassismus und Migration. Der Sammelband Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond ist gerade als erwei­terte Neuauflage erschienen ebenso wie das für die Heinrich Böll Stiftung her­aus­ge­gebene Dossier Geschlossene Gesellschaft? Exklusion und ras­sis­tische Diskriminierung an deut­schen Universitäten. Andere Bücher u.a. Ethnizität und Migration Reloaded. Identität, Differenz und Hybridität im post­ko­lo­nialen Diskurs (1999/2004), re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Co-Hg., 2007). Seine Monografie Unrein und ver­mischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolo­nialen „Rassenbastarde“ (2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet.

https://uni-tuebingen.de/de/208381

Iris Rajanayagam ist Historikerin und arbeitet zu post- und deko­lo­nialen Theorien, Intersektionalität, Erinnerungspolitik(en) und Social Change; ihr Fokus liegt hierbei ins­be­sondere auf der Verbindung von Theorie und Praxis. Aktuell ist sie Fachreferentin für Diversität, Intersektionalität und Dekolonialität bei der Bundeszentrale für poli­tische Bildung. Sie ist die ehe­malige Leiterin der Organisation xart splitta und lehrte an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) im Modul „Rassismus und Migration“ sowie im inter­na­tio­nalen Masterstudiengang “Social Work as a Human Rights Profession”. Von 2017 bis 2019 war sie wis­sen­schaft­liche Mitarbeiterin im Praxisforschungsprojekt “Passkontrolle – Leben ohne Papiere in Geschichte und Gegenwart” an der ASH (Leitung: Prof. Dr. Iman Attia) und war an der Gestaltung der Seite “Verwobene Geschichte*n [*]” mit­be­teiligt. Iris Rajanayagam ist Vorstandssprecherin des Migrationsrats Berlin und war viele Jahre in der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migrantinnen aktiv. Sie ist Mitbegründerin der Radiosendung „Talking Feminisms“ auf reboot.fm.

[*] Die Seite “Verwobene Geschichte*n” erinnert durch unter­schied­liche Zugänge an mar­gi­na­li­sierte und mit­ein­ander ver­flochtene Geschichte(n), die auf die Präsenz von Schwarzen Menschen und People of Colour in Berlin (und Deutschland) ver­weisen. Es werden ihr Alltag und ihre Widerstände the­ma­ti­siert, die immer auch Kämpfe um Handlungs- und Definitionsmacht sind und waren.

Ressourcen

1. Transformatives Archivieren und Wissensproduktion

2. Turning the white/dominant/colonial gaze

3. Erinnerungspolitische BPoC-Intitiatven zu Rassistischer Gewalt in der DDR/BRD

4. Weitere Ressourcen


Das Projekt MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar.
Für inhalt­liche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.

Dieses Seminar wird von kori­en­tation e.V. ver­an­staltet und findet im Rahmen des Projektes MEGA – Media Empowerment for German Asians statt. MEGA wird durch das BMFSFJ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales von Berlin im Rahmen des Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert.